Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Ihr Kinderlein kommet

| 0 Lesermeinungen

Weil China sich wirtschaftlich öffnet, kommen in Dänemark mehr Babys auf die Welt. Wie kann das sein? Und was folgt daraus für die Politik?

Im Dezember 2001 trat China der Welthandelsorganisation bei. In den Jahren 2002 bis 2008 kamen in Dänemark weit mehr Kinder zur Welt als zuvor. Die Geburtenrate, die zuvor weitgehend stabil war, stieg in diesen Jahren um fast 10 Prozent. Was haben diese beiden Ereignisse miteinander zu tun? Eine ganze Menge, meinen die Ökonomen Wolfgang Keller und Hâle Utar. In umfangreicher Datenarbeit haben sie einen Zusammenhang herausgearbeitet, an den man auch in der heutigen globalisierten Welt nicht sofort denken würde. Nach ihren Erkenntnissen führte die größere Konkurrenz durch China dazu, dass in Dänemark mehr Frauen ein Kind in die Welt setzten.

Ist das plausibel oder im wahrsten Sinne des Wortes zu weit hergeholt? Über einige Ecken ist der Zusammenhang in der Theorie gut zu erklären. Mit dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation öffnete die Europäische Union und damit auch Dänemark ihre Märkte für chinesische Waren. In der Textilwirtschaft, die Keller und Utar besonders betrachten, fielen die Einfuhrquoten und der Import von Kleidung aus China stieg rasant. Den Europäern und Dänen bescherte das generell deutlich billigere Bekleidung, ein Vorteil, der schnell vergessen oder als selbstverständlich wahrgenommen wird. Arbeiter in der Textilwirtschaft aber konkurrierten plötzlich mit chinesischen Arbeitern. Sie erlitten Einkommensverluste oder verloren ihre Beschäftigung und mussten in andere Berufe ausweichen.

Die Babypause als Antwort auf Chinas Konkurrenz

Für junge Frauen in gebärfähigem Alter war diese Anpassung eine besondere Herausforderung. Der Wechsel in einen anderen Beruf erfordert neue Anstrengungen, neues Lernen und oft viele Jahre, bis die Mühen sich in neuem Erfolg auszahlen. Wenn anders als bei Männern die biologische Uhr tickt, kann ein Arbeitsmarktschock wie die Öffnung für chinesische Einfuhren deshalb schnell dazu führen, dass Frauen, die ihren Job verlieren, erst einmal eine Babypause nehmen.

Die beiden Ökonomen verlassen sich jedoch nicht auf die Theorie, sondern wühlen sich durch die dänischen Statistiken. Im Großen und Ganzen scheinen die Daten die theoretischen Vermutungen zu bestätigen. Die Fruchtbarkeit unverheirateter junger Frauen, die in der dänischen Textilwirtschaft arbeiteten und von dem Chinaschock betroffen waren, stieg um 23 Prozent. In ähnlichem Umfang nahmen sie mehr Erziehungsauszeit. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Frauen sich verheirateten, stieg um 25 Prozent. Zugleich kam es unter den betroffenen Arbeiterinnen zu deutlich weniger Scheidungen. Die vermuteten Zusammenhänge sind in der ökonometrischen Analyse in vielem deutlich genug. Man muss sie ernst nehmen.

Rein ökonomisch betrachtet zahlten die jungen Däninnen für die Babypause jedoch einen Preis. In den fünf Jahren nach dem außenwirtschaftlichen Schock sank ihr Arbeitseinkommen und sie verloren fast 85 Prozent eines Jahreseinkommens, ähnlich wie ältere Frauen und ältere Männer. Junge Männer erlitten diesen Einkommensverlust nicht. Die Diskrepanz lässt sich theoretisch begründen. Jüngere Arbeitnehmer können in der Regel flexibel reagieren, sich anpassen und in diesem Fall von der Textilwirtschaft in eine andere Branche wechseln. Für ältere Arbeitnehmer lohnt sich diese mit Zeit und Kosten verbundene Anpassung oft nicht mehr. Sie erlitten die volle Härte der chinesischen Konkurrenz in der Textilwirtschaft. Junge Frauen, die erst einmal in Familie machen und ein Kind bekommen, passen sich an die neuen Arbeitsmarktbedingungen aber nicht an. Sie zahlten mit langfristig bis dauerhaft geringeren Einkommen.

Ein selbstbestimmter Einkommensnachteil

Wichtig ist dabei: Der Einkommensnachteil der jungen Frauen ist nicht das Ergebnis einer generellen Benachteiligung von Frauen. Auch das zeigen die statistischen Vergleiche der beiden Ökonomen. Der Arbeitsmarktschock durch die Textileinfuhr aus China traf in Dänemark Männer und Frauen in der Textilwirtschaft gleichermaßen. Die Einkommensverluste junger Textilarbeiterinnen gründeten allein darin, dass sie sich zur Babypause entschlossen.

So weit, so gut. Was aber ist aus dieser Analyse zu lernen? China diente in den vergangenen Jahrzehnten als Projektionsfläche für zwei sehr unterschiedliche Einsichten. Was stört es mich, wenn in China ein Sack Reis umfällt, ist die Begründung Pubertierender, nicht über den Tellerrand hinaus in die verbundene Welt, die „globalisierte“ Welt, zu schauen. Demgegenüber steht das geflügelte Wort aus der Chaosforschung, wonach der Flügelschlag eines Schmetterlings in China hierzulande einen Orkan auslösen könne. Kellers und Utars Arbeit zeigt keinen Orkan, aber doch einen überraschenden Einfluss des Handels mit China auf die Gesellschaft in Dänemark.

Die Ungleichheit der Einkommen zwischen den Geschlechtern stiege als Folge der Globalisierung an, schreiben die beiden Autoren. Die „Familienmarge“ sei trotz der substantiellen Unterstützung von Familien durch generösen Erziehungsurlaub und Angebote zur Kinderbetreuung in entwickelten Volkswirtschaften signifikant. Das muss man wohl als dezenten Hinweis lesen, dass Keller und Utar mehr Aktivität wünschen, um Familien zu unterstützen und die Einkommensungleichheit zwischen Geschlechtern zu planieren.

Außenhandelsverträge über Geburtsquoten?

Was aber soll die Politik machen? Sollte die Europäische Union in Außenhandelsverträgen festschreiben, dass nur noch Güter eingeführt werden dürfen, die keine Frauen in die Schwangerschaft treiben? Sollten die Regierungen Frauen verbieten, als Reaktion auf chinesische Arbeitsmarktkonkurrenz Kinder zu bekommen, damit sich keine Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern mehr auftun? Sollten Familienleistungen künftig in Abhängigkeit davon gewährt werden, ob die Mütter als Folge ausländischer Konkurrenz weniger Einkommen erlangen?

Diese Fragen klingen absurd. Sie so zu stellen verdeutlicht aber, wie anmaßend es wäre, aus der Analyse politische Schlüsse ziehen zu wollen. Das Leben in einer offenen Marktwirtschaft eröffnet jedem Einzelnen Chancen, gibt aber nie eine Garantie, dass ein bestimmtes Einkommen erreicht werde. Analog eröffnet die Entscheidung für ein Kind die Chance auf Lebensglück, mit dem Risiko eines geringeren Einkommens. Die damit verbundene Ungleichheit einebnen zu wollen führt in letzter Konsequenz dazu, dass Freiheit verloren geht, unter anderem die Freiheit, selbst über sein Familienglück zu entscheiden. Eine solche Annäherung an das chinesische Politikverständnis wäre tatsächlich eine absurde Antwort auf chinesische Importkonkurrenz.

 

Wolfgang Keller, Hâle Utar: Globalization, Gender, and the Family. National Bureau of Economic Research, Working Paper Nr.247.

Der Text erschien als „Sonntagsökonom” am 2. Dezember in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Der Autor auf Twitter und  Facebook.


Hinterlasse eine Lesermeinung