Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Geld ist nicht so übel

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Wer an Geld denkt, wird egoistisch? Stimmt nicht.

© Stefan FingerHerzallerliebst.

Es war eine schöne Geschichte, sofort einleuchtend, und sie eignete sich jedes Mal, wenn wieder jemand über böse Kapitalisten schimpfen wollte: Geld macht egoistisch, so hieß es. Menschen würden sogar schon egoistischer, wenn sie nur Wörter sortieren sollen, die sich ums Geld drehen, oder wenn ein Stapel Monopoly-Spielgeld auf dem Tisch liegt. Sie seien weniger zur Zusammenarbeit mit anderen bereit und unterstützen mehr Ungleichheit. So hatten es Psychologen in einem Experiment beobachtet, so schrieb es auch Nobelpreisträger Daniel Kahneman 2011 in seinem Buch „Schnelles Denken, Langsames Denken“ auf, das bis heute in vielen Bücherregalen steht.

Doch während Kahneman das noch schrieb, wurden schon erste Zweifel an derartigen Experimenten laut. Mehr und mehr Forscher stellten fest, dass sie spektakuläre Experimente ihrer Kollegen nicht wiederholen konnten – zumindest nicht mit den gleichen Ergebnissen. Kahneman selbst meldete damals Zweifel an den Verfahren der Verhaltensforscher an und forderte, möglichst viele Experimente zu wiederholen und so die Folgerungen zu überprüfen.

Die Psychologen machten sich an die Arbeit. Das Ergebnis war dramatisch. In einer großangelegten Untersuchung von 100 bekannten Experimenten aus der Psychologie zeigte nur rund ein Drittel bei der Wiederholung das gleiche Ergebnis. Die Psychologie war weiter Teile ihrer Fundamente beraubt, vor allem derjenige Teil der Psychologie, der sich mit sozialen Fragen beschäftigte. „Replikationskrise“ nannten Forscher das bald – und sie blieb nicht in der Psychologie stehen.

Ein Zwischenfazit zur Replikationskrise: Viele Experimente der Psychologie fallen durch

Inzwischen haben viele weitere Wissenschaften ihre Experimente überprüft. Zeit für ein Zwischenfazit: Die Annahme, dass der Anblick von Geld Menschen egoistischer machen würde, darf mittlerweile als höchst fraglich gelten. Zwar kennt die Psychologie Dutzende Experimente, die zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Doch das gilt vielen Wissenschaftlern inzwischen als Zufall. Zwei Forscherteams haben in Zusammenarbeit mit Dutzenden Universitäten die Ergebnisse systematisch überprüft – dann war der Effekt nicht mehr zu wiederholen.

Ähnlich ging es mit einem anderen Experiment aus der Psychologie, über das vielfach berichtet wurde: Wenn in der Nähe einer Kaffeekasse ein Bild von Augen hänge, dann seien die Menschen ehrlicher, hieß es – einfach nur, weil sie sich beobachtet fühlten oder an ihre Mitmenschen erinnert würden. Auch diese Behauptung ließ sich nicht bestätigen.

So geht es weiter. Einst hieß es, Selbstdisziplin sei wie ein Muskel. Man könne sie trainieren, aber wenn man sie eine Weile gebraucht habe, werde sie auch müde, und die Disziplin lasse dann nach. Ins praktische Leben übertragen: Wer sich den ganzen Tag über Süßigkeiten verbietet, greift abends eher mal zum Bier. 23 Institute überprüften diese Idee mit mehr als 2000 Versuchsteilnehmern – sie ließ sich nicht bestätigen. Nächstes Beispiel: Wer eine Körperhaltung einnimmt, die Macht ausstrahlt, fühlt sich mächtiger? Stimmt nicht. Wer die Mundwinkel nach oben zieht, ist bald tatsächlich besser gelaunt? Auch das ist leider Unsinn. Wer das sogenannte „Kuschelhormon“ Oxytocin in die Nase bekommt, vertraut seinen Mitmenschen eher? Umstritten.

Woher kommt die Replikationskrise?

Doch wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass die Psychologie so oft in die falsche Richtung lief? Das hatte mehrere Gründe, klarer Betrug gehörte wohl nicht dazu. Lange galten Experimente als signifikant, wenn die statistischen Modelle eine 95-prozentige Wahrscheinlichkeit dafür auswiesen, dass ihr Ergebnis kein reiner Zufall war. Das heißt aber auch: Jedes zwanzigste vermeintlich signifikante Ergebnis beruht gar nicht auf einem tatsächlichen Effekt, sondern eben doch auf Zufall. Wenn nun viele Jahre lang Experimente gemacht werden, von denen vorzugsweise die unerwarteten und spektakulären veröffentlicht werden – dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich die Fehler häufen.

Dazu kommt: Wer ein Experiment auswertet, trifft viele Entscheidungen über statistische Verfahren. Wenn ein Forscher ein Experiment macht und dabei kein signifikantes, also nach den Regeln der Kunst nicht auf Zufall beruhendes Ergebnis ermittelt, dann liegt es nahe, ein etwas anderes statistisches Verfahren zu testen und mal zu schauen, ob das einen signifikanten Wert liefert. Auch das erhöht die Gefahr, dass fehlerhafte Ergebnisse veröffentlicht werden.

Ökonomische Experimente schneiden besser ab

All diese Probleme betreffen auch andere Wissenschaftsdisziplinen als die Psychologie. Deshalb haben auch andere Fächer ihre Experimente überprüft. Die Biomedizin schnitt dabei noch schlechter ab als die Psychologie. Aus den Wirtschaftswissenschaften wurden in einem ersten Schwung 18 verhaltensökonomische Experimente überprüft, die in zwei der wichtigsten Fachzeitschriften veröffentlicht worden waren. Es ließen sich immerhin rund zwei Drittel der Experimente mit einem vergleichbaren Ergebnis wiederholen – auch wenn die Effekte oft nicht so stark waren wie in den ersten Studien zum Thema. Diejenigen Studien, die sich nicht wiederholen ließen, hatten meist sowieso keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Und in Kahnemans Buch betreffen die Probleme vor allem das Kapitel, das sich auf die psychologischen Studien zum Geld bezieht.

Warum waren die verhaltensökonomischen Experimente besser als die psychologischen? Darüber lässt sich nur spekulieren. Sicher ist, dass Ökonomen sich von vornherein ein strengeres Korsett für Experimente gaben: Die Teilnehmer müssen Geld für ihre Entscheidungen erhalten, damit ihre Anreize ganz klar sind. Zudem dürfen die Versuchsteilnehmer nicht belogen werden. Solche Regeln können dazu beitragen, dass die Ergebnisse zuverlässiger werden – und dass die Überprüfungsexperimente auf die gleiche Weise ablaufen wie die Ursprungsexperimente und deshalb auch eher zum gleichen Ergebnis kommen. Weniger zuverlässig als die verhaltensökonomischen Experimente waren übrigens volkswirtschaftliche Studien, die mit herkömmlichen Wirtschaftsdaten arbeiteten.

Wie aber soll man in Zukunft wissen, welche Ergebnisse richtig sind? Die Psychologie hat in den vergangenen Jahren einige ihrer wissenschaftlichen Verfahren umgestellt, damit ihre Experimente zuverlässiger werden. Ansonsten bleibt nur, Wissen als vorläufig zu betrachten. Je unterschiedlicher die Studien sind, in denen ein Effekt auftaucht, desto zuverlässiger ist er. Eines kann man sich aber schon mal merken: Geld ist gar nicht so übel.

Das Blog:


Der Autor:

Patrick Bernau


4 Lesermeinungen

  1. "Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen." (Goethe, Faust)
    Wie Einer mit Geld umgeht ist eine Frage seines Charakters und seiner Intelligenz.
    Weder der Charakter noch die Intelligenz eines Individuums koennen in ihrer Gesamtheit berechnet werden.
    Statistiken koennen moeglicherweise Tendenzen gewisser Volksgruppen in Bezug auf einen gewissen Reiz, beispielsweise „Geld“ zum Ausdruck bringen, niemals aber kann man hieraus Ruechschluesse auf das Verhalten eines Individuum schliessen.
    Das innerste Wesen des Menschen, seine Seele ist ein energetisches Produkt von Aeonen.
    Die Seele ist unsterblich.
    Der Mensch berechnet das, was er sieht.
    Was erscheint, die Erscheinung, ist aber nur ein spontanes, jetztzeitliches Produkt.
    Was wir als „real“ erkennenen ist nur der Kollaps von Wellenfunktionen.
    Die energetischen Komponenten, die eine Erscheinung, wann und wo, in welcher Form und mit welchen Konsequenzen erscheinen laesst sind unsichtbar und so ungeheur komplex, dass sie niemals berechnet werden koennen. Man kann sie hoechstens erfuehlen.
    Nur eines ist absolut sicher:
    Was in die Realitaet kollabiert sind keine Zufaelligkeiten, sondern ist eine zwingende Konsequenz aus Ursache und Wirkung.
    Ursache und Wirkung koennen Zeitversetzungen von Jahrhunderten haben, der Charakter einer Individualseele erschafft sich in hunderttausenden von Jahren.
    Bertachtet man die Geschichte, erkennt man kein Kontinuum, sondern vielmehr ein Auf und Nieder, aehnlich einer Sinuskurve.
    So stellt sich wieder die ewige Frage:
    „Was die Welt im Innersten zusammenhaelt.“

  2. Die 5%-Signifikanzschwelle und der Probandenbias
    Zu der 5%-Signifikanzschwelle suche man einmal nach „Green Jelly Beans Linked To Acne“ (ein xkcd-Cartoon), der dieses Problem sehr schön verdeutlicht.

    Gerade bei psychologischen Experimenten kommt aber noch eine systematische Verzerrung hinzu, die mich selbst an reproduzierbaren Ergebnissen zweifeln läßt: die Probanden sind nämlich keine Zufallsstichprobe der Bevölkerung, was Voraussetzung für quasi jede halbwegs seriöse statistische Auswertung wäre, sondern systematisch verzerrt ausgewählt. Um Geld zu sparen, werden nämlich Studenten der Psychologie verpflichtet, im Laufe ihres Studiums eine gewisse Zahl an Versuchspersonenstunden abzuleisten, also ohne finanzielle Kompensation an solchen Experimenten als Probanden teilzunehmen. Dadurch sind unter den Probanden Psychologiestudenten extrem über- und alle anderen Bevölkerungsgruppen extrem unterrepräsentiert. Ich habe selbst während meines Studiums (der Informatik) einmal aus Interesse an einem solchen Experiment teilgenommen. Soweit ich erkennen konnte, war ich der einzige, der nicht Psychologie studierte. Und Psychologiestudenten sind ein deutlich anderer Menschenschlag als Informatik-, Mathematik-, Physik-, Maschinenbau- oder Elektrotechnik-, ja sogar als Philosophiestudenten (zu Vertretern aller dieser Gruppen hatte ich während meines Studiums Kontakt). Insofern müßte man, selbst wenn sich die Verbindung von Geld und Egoismus bestätigen ließe (was aber laut Artikel nicht der Fall ist), korrekterweise das Ergebnis formulieren als: Psychologiestudenten macht Geld egoistischer. Über den Rest der Bevölkerung ist damit ziemlich wenig gesagt.

  3. Geld ist eines unser Hauptübel
    Man stelle sich einmal vor, es gäbe kein Geld und auch keine verbrieften Rechte, sondern Kartoffeln wären das alleinige Zahlungsmittel. Ein Jeff Bezos würde mit 4,5 Milliarden Tonnen Kartoffeln zugekippt, die dann auf seinem Grundstüch vor sich hinfaulen. Oder man bekäme wirklich bei einem Termingeschäft die Tonne Schweinehälften geliefert. Da würde ganz schnell ein Sättigungseffekt auftreten, den Geld einfach nicht hat. Es gäbe auch keine Kleptokraten mehr, die ihr Volk ausbluten lassen, während die ihre Zukunft woanders planen könnten. Ich wette der Menschheit ginge es besser.

    Zur „Replikationskrise“: Es ist ein alter Hut, dass bei psychologischen Tests sehr oft die Studenten der Professoren die Probanden sind. In der Regel bekommt man bei solchen Test einen Großteil der Variablen nicht in den Griff.

    Beispiel: Wer eine Körperhaltung einnimmt, die Macht ausstrahlt, fühlt sich mächtiger? Wenn sie da ein echtes Alphatier mit großer Präsenz sitzen haben, gibt das eine positive Rückkopplung. Wenn sie statt dessen ein kleines Männchen nehmen, führt das eher zu Belustigung.

  4. Ohne Geld u. od. reichlich andere Mittel keine Großzügigkeit!
    Es fällt ungemein leichter, mit viel mit einer großen Stange Geldes gegenüber anderen Menschen großzügig zu sein. Das funktiooniert auch mit anderen Sachen. Habe in den letzten 2 Monaten rd. 70 kg Bio-Quitten gekauft u. verschenkt, zuletezt heute. Hat mir viel Freude bereitet, dass andere sich über die Quitten gefreut haben. Eine psychologische Untersuchung darüber ist hanebüchen. Jeder/jede weiß, wie Großzügigkeit funktioniert.

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