Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Wortgirlanden der Notenbanker

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Durch Reden wollen sie die Stimmung verbessern. Die Kurse von Aktien und Anleihen steigen, doch die Geldpolitiker fesseln sich.

Der Einsatz von Instrumenten dient dem Zweck, ein Ziel zu erreichen. Ein zunehmend wichtiges Instrument der Geldpolitik ist das geschriebene oder gesprochene Wort. Dem früheren Vorsitzenden der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed), Ben Bernanke, wird der Satz nachgesagt, moderne Geldpolitik bestehe zu 90 Prozent aus Worten und zu 10 Prozent aus Taten.

Der Zweck vieler Worte, die derzeit aus den großen Notenbanken dringen, dient der Verbesserung der sogenannten Finanzierungskonditionen. Das ist ein häufig in Indizes gebündeltes Ensemble verschiedenster Preise an den Finanzmärkten.Damit wollen die Notenbanken Informationen erlangen, ob es den Unternehmen und den privaten Haushalten gerade leicht- oder schwerfällt, günstige Finanzierungen zu erhalten. Vereinfacht ausgedrückt: Fällt es ihnen eher leicht, ist das gut für die Wirtschaft. Fällt es ihnen eher schwer, ist das nicht so gut für die Wirtschaft.

Ende vergangenen Jahres hatten sich die Finanzierungsbedingungen auf beiden Seiten des Atlantiks etwas verschlechtert, wie von der Nachrichtenagentur Bloomberg berechnete Indizes für die Vereinigten Staaten und Europa zeigten. Die auch politisch motivierte Unsicherheit, die sich unter anderem in einem starken Rückgang der Aktienkurse zeigte, hinterließ deutliche Spuren. In Europa verschlechterten sich prompt die Konjunkturdaten.

Nun griff die amerikanische Notenbank mit einem Kurswechsel ein, dessen Ausmaß noch heute manche Beobachter irritiert. Als aus Äußerungen von Finanzmarktteilnehmern deutlich wurde, dass dort die Absicht der Fed, ihre Bilanz unbeirrt um 50 Milliarden Dollar im Monat zu kürzen, kritisch aufgenommen wurden, schwenkte die Notenbank unter Führung ihres Vorsitzenden Jerome Powell um. Zunächst erklärte Powell, der Rückgang der Bilanzsumme könne auch flexibel gehandhabt werden, was an den Finanzmärkten auf Beifall stieß. Am Dienstag kündigte Powell in einer Anhörung vor dem Parlament an, die Fed werde bald einen konkreten Plan für den Ausstieg aus der Reduzierung der Bilanz vorlegen. Die Bilanzsumme ist in der Spitze von 4509 Milliarden Dollar auf zuletzt 3975 Milliarden Dollar gefallen. Nach Andeutungen Powells dürfte die Fed den Rückgang bei rund 3400 Milliarden Dollar anhalten.

Damit hat sich die Fed die Möglichkeit genommen, dieses Instrument künftig flexibel einzusetzen; im Gegenzug zeigt der Index für Finanzierungsbedingungen einen deutlichen Anstieg in den vergangenen Wochen, zu dem unter anderem Kursgewinne an den Aktien- und Anleihemärkten beigetragen haben.

Fast noch drastischer sind Äußerungen von Richard Clarida, dem Vizevorsitzenden der Fed, zu werten. Am vergangenen Freitag hielt Clarida eine Rede, in der er auf die bis in das kommende Jahr reichende Überprüfung der Strategie der Fed zu sprechen kam. Unter anderem wandte sich Clarida gegen die Vorstellung, die Fed könne in einer Rezession nicht wirksam gegensteuern. Clarida verwies unter anderem auf die Praxis der Bank von Japan, eine Obergrenze für die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen zu nennen und zu verteidigen. Außerdem erwähnte er „andere“, im Ausland angewandte Instrumente, mit denen er eigentlich nur Negativzinsen gemeint haben kann – die von der Fed bislang abgelehnt wurden.

Auch die Europäische Zentralbank (EZB) ist darum bemüht, durch Worte eine Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen zu verhindern. Nur geht es in der Eurozone nicht in erster Linie um die Steuerung der Ende 2018 immerhin 4702 Milliarden Euro großen Bilanz der EZB, sondern um langfristige Kreditprogramme für Geschäftsbanken, die mit dem Buchstabenkürzel „TLTRO“ bezeichnet werden.

Mit Blick auf das Auslaufen eines solches Programms könnte im Sommer vor allem bei italienischen Banken ein Liquiditätsbedarf entstehen. Dieser ließe sich bei Bedarf durch verschiedene Instrumente befriedigen, aber im Frankfurter Ostend finden sich Anhänger der These, die EZB solle ein neues langfristiges Kreditprogramm auflegen. (Nach Einschätzung der Commerzbank dürfte die Bilanzsumme der EZB im Trend leicht sinken, weil die Rückzahlungen der Geschäftsbanken aus dem alten Kreditprogramm den Betrag des neuen Programms übertreffen sollte. Man darf hinzufügen: Mit den Rückzahlungen alter Kredite durch Geschäftsbanken könnte auch der Target-Saldo der Bundesbank in den kommenden Monaten weiter sinken.)

Über einen neuen „TLTRO“ wird in der kommenden Woche der Zentralbankrat beraten – und wie zu hören ist, gibt es dazu eine Kontroverse. Unter anderem wird eingewandt, kurz vor dem Ende der Amtszeit Mario Draghis sollte der Handlungsspielraum seines Nachfolgers nicht durch ein mehrjähriges Programm beschnitten werden.

Ungeachtet dessen haben Mitglieder der EZB-Führung, darunter Chefvolkswirt Peter Praet, in den vergangenen Wochen mehrfach über ein solches Programm gesprochen – immer zwar mit der Einschränkung, dass nichts beschlossen sei. Von Marktteilnehmern wurden solche Pläne indessen prompt begrüßt, und es wurde darauf hingewiesen, dass sich die Finanzierungsbedingungen verschlechtern dürften, falls die EZB die Märkte enttäusche und kein Kreditprogramm beschließe. Offenbar wird in der EZB zumindest in Kauf genommen, dass durch das Reden über „TLTRO“ der Rat de facto gezwungen wird, ein solches Programm auch zu beschließen.


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