Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Geschwächter Wettbewerb

| 8 Lesermeinungen

Die Konzentration hat in den vergangenen 20 Jahren in der amerikanischen Wirtschaft zugenommen. Über die Gründe streiten Ökonomen engagiert. Eine neue Arbeit sagt: Die Kosten des Markteintritts sind gestiegen.

Wir kehren zu einem Thema zurück, dass wir in der vergangenen Woche mit dem Beitrag „Superstars und Niedrigzins“ bereits angesprochen hatten: die Zunahme der Konzentration in vielen Zweigen der amerikanischen Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten. Hierzu wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Arbeiten veröffentlicht.

Unbestritten sind folgende Befunde:

  • Mit der Zunahme der Konzentration sind die Gewinnmargen der Unternehmen gestiegen.
  • Die Investitionen der Unternehmen sind in Relation zur Rentabilität der Unternehmen, ihren Finanzierungskosten und ihrer Marktbewertung seit dem Jahre 2000 schwach gewesen.
  • Die Investitionen sind vor allem in jenen Branchen schwach gewesen, in denen die Konzentration zugenommen hat.

Diesem Konsens steht aber eine große Uneinigkeit entgegen, was die Ursachen und die Konsequenzen dieser Entwicklung betrifft. Eine kleine Auswahl:

  • Die Konzentration ist das Ergebnis von Wettbewerbshindernissen
  • Die Konzentration ist im Gegenteil das Ergebnis eines sehr starken Wettbewerbs, in dem die Konsumenten die Produkte der besten Anbieter kaufen und so deren Marktstellung stärken.
  • Die Konzentration wird durch den Niedrigzins begünstigt.
  • Das niedrige Niveau der Sachinvestitionen der Unternehmen erklärt sich durch eine starke Zunahme der immateriellen Investitionen (Software, Patente, Markenrechte…)

Für jede dieser Thesen liegen empirische Arbeiten vor, deren Aussagekraft aber begrenzt ist. Die Ökonomen Germán Gutiérrez, Callum Jones und Thomas Phillipon haben nun mithilfe eines umfangreichen Modells und zahlreicher Daten einen neuen Versuch unternommen, zu Ergebnissen zu gelangen. Vor allem wollen sie auch wissen, was dieser Konzentrationsprozess für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in den Vereinigten Staaten bedeutet.

Hier sind zwei Ergebnisse:

  • Die Wettbewerbsverhältnisse haben einen starken Einfluss auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung. In ihren Berechnungen kommen die Autoren zu dem Schluss, dass der Konsum in den Vereinigten Staaten zwischen 2003 und 2015 um 5 bis 10 Prozent höher gewesen wäre, hätte die Konzentration nicht stattgefunden. Der Kapitalstock würde um 1 bis 3 Prozent höher liegen. Wie immer sind solche Berechnungen mit etwas Vorsicht zu genießen, aber zumindest der Effekt auf den Konsum ist doch beachtlich.
  • Einen wesentlichen Grund für die Konzentration sehen die Autoren in gestiegenen Markteintrittsbarrieren – sprich, es fällt neuen Unternehmen schwerer, in etablierte Märkte einzudringen. Die höheren Eintrittsbarrieren sind zum einen auf Regulierungen zurückzuführen, aber auch auf Fusionen und Übernahmen. Als Beispiel nennen die Autoren die zivile Luftfahrt, wo es in den vergangenen zehn Jahren mehrere bedeutende Zusammenschlüsse gegeben hat.

Das Thema Fusionen und Übernahmen ist sehr interessant, da es einen Zusammenhang zwischen vielen Deals und dem Preisdruck in zahlreichen Wirtschaftszweigen gibt. In den vergangenen Jahren sindviele Fusionen sehr großer Unternehmen in erster Linie beschlossen wurden, um gewaltige Kostensynergien zu heben. Im Grunde sind dies in erster Linie defensive Fusionen. Vor vier Jahren übernahm der größte Bierkonzern der Welt, Anheuser-Busch Inbev, den zweitgrößten Konzern SAB Miller. Dieser Trend dürfte sich fortsetzen. Aktuell versucht der weltgrößte Goldminenbetreiber Barrick Gold die Nummer zwei der Branche, Newmont Mining, zu übernehmen.


8 Lesermeinungen

  1. M&A Tops korrelieren regelmäßig mit wirtschaftlichen Schwächephasen
    Global M&A activity hits new high (2018)
    https://www.ft.com/content/b7e67ba4-c28f-11e8-95b1-d36dfef1b89a

    Figure 10, Number of Mergers, 1920 to 1930
    https://eh.net/encyclopedia/the-u-s-economy-in-the-1920s/

    Mögliche Erklärung: Leicht verfügbares Geld und Boomstimmung – Bildung von Oligopol-/Kartellstrukturen erscheinen einfacher als Innovationen?

    • Es gibt eine andere Erklärung, in der gerade der technische Fortschritt eine treibende Rolle spielt.

      Aus einem Gespräch von mir mit dem amerikanischen Investmentbanker Ken Moelis aus der F.A.Z.:

      „Mit der Erfahrung von gut drei Jahrzehnten sieht Moelis derzeit einen sehr langfristigen Aufschwung von Fusionen und Übernahmen im Gang. ‚Wir befinden uns heute in der vierten Welle eines M&A-Booms in den vergangenen 35 Jahren. Sie begann 2013, und in ihr geht es vor allem um Deflation. Wir leben in einer Welt, in der technischer Fortschritt eine gute Deflation verursacht. Dieser Prozess hat erst begonnen, und er dürfte sich noch längere Zeit fortsetzen.'“

      Gruß
      gb

  2. Das Schöne an Empirie ist, dass man was dazulernt
    Ohne Konzentration wäre der Konsum um 5-10% und der Kapitalstock um 1-3% höher? M.a.W. wäre mehr konsumiert und mehr investiert worden. Meine Vorstellung über Kauf- und Investitionszurückhaltung ging bislang eher in Richtung Marktsättigung, Demographie und nachlassende Innovation, auch in den USA. Anscheinend haben die alten Lehrbuchweisheiten doch noch nicht ganz ausgedient;)

  3. Common Ownership
    Eine wichtige Ursache für die Konzentrationswelle ist meiner Ansicht nach der Druck, den Finanzinvestoren auf das Management der beteiligten Unternehmen ausüben. Eine zentrale Rolle spielt hierbei das so genannte Common Ownership, also identische Eigentümerstrukturen.

    Bis vor 20 oder 30 Jahren war dieses Phänomen ziemlich bedeutungslos. Heute jedoch haben wir in vielen Branchen, von den Autoherstellern und den Banken bis zur Chemie und Telekommunikation, die Situation, dass Asset Manager wie Blackrock, State Street und Vanguard im Aktionariat von Börsengesellschaften nahezu allgegenwärtig sind. Sie sind überdies nicht selten die größten Anteilseigner.

    Einzeln halten die Fondsgesellschaften meist nur relativ kleine Anteile von vielleicht drei, fünf oder zehn Prozent des Kapitals. Zusammen kommen die identischen Eigentümer aber häufig auf 20 bis 25 Prozent – und dies jeweils bei unmittelbaren Konkurrenten. Mit einem solchen Anteil haben die identischen Aktionäre bei Portfolio-Unternehmen mit starkem Streubesitz schon einen ziemlich großen Einfluss.

    In den USA ist Common Ownership bereits stark ausgeprägt. Es gewinnt aber auch in Deutschland bzw. Europa zunehmend an Bedeutung. Die Monopolkommission hat sich in ihren beiden jüngsten Hauptgutachten ausführlich mit Common Ownership befasst. Die Kartellexperten kommen zu dem Schluss, dass es sich hierbei um potenziell wettbewerbsverzerrende Strukturen handelt.

    • Ja, man kann das aktuell auch beim Versuch von Barrick Gold sehen, Newmont Mining zu übernehmen. Die drei größten Aktionäre beider Unternehmen – Blackrock, Vanguard und Van Eck – halten an Barrick etwa 15 Prozent und an Newmont etwa 32 Prozent. Man darf auch daran erinnern, dass der kürzlich verstorbene Erfinder des Publikums-Indexfonds, John Bogle, diese Entwicklung sehr kritisch sah, sich aber davon überzeugt zeigte, dass die Wettbewerbsbehörden schließlich einschreiten würden.

      Gruß
      gb

  4. Konzentration == mehr politischer Einfluß?
    Mein gänzlich umempirisches Gefühl würde sagen, je größer desto mehr Geld können Unternehmen für Lobbying und günstigere Rahmenbedingungen aufwenden und desto weniger traut sich jemand etwas dagegen zu sagen. Clinton hat man vorgeworfen, mit der Wallstreet gemeinsame Sache zu machen und bei Trump ist die Verbindung zu den Koch Brüdern kein Geheimnis. In Deutschland ist der Einfluss der Bertelsmann-Stiftung auf ein neoliberales Europa wohlbekannt, die Senkung der Unternehmenssteuern durch Bayer-Vorstand Zitzelsberger unter Eichel und in den Sümpfen um Ackermann und Merkel und Riester und der Versicherungsbranche vermuten manche noch ein paar Leichen.

  5. Was fordert der klassische ....
    …. Wirtschaftsjournalist, wenn die Gewinn(-margen) der Unternehmen gestiegen sind, aber die Investitionen der Unternehmen „schwach“ bleiben? Klar, die Unternehmenssteuern müssen gesenkt werden.

    • In den Vereinigten Staaten muss das niemand fordern, da die Unternehmensteuern gerade erst gesenkt wurden. Was das für die Investitionen bedeutet, wird man in den kommenden Jahren sehen.
      Gruß
      gb

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