Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Rationalität ist kein Kinderkram

| 2 Lesermeinungen

 
Kinder haben ihre eigene Logik. Nur Geduld, das ändert sich.
Von Jürgen Kaube
 
 
 

Die handelnde Person ist nach ökonomischer Betrachtung eine Rechenmaschine. Insbesondere in übersichtlichen Entscheidungssituationen folgt sie einfachen Regeln, vergleicht Preise und Mengen, schätzt Güterbündel ein, kalkuliert wahrscheinliche Folgen ihres Handelns. Die psychologische Forschung hat allerdings eine ganze Reihe von Einschränkungen für die Rationalität solcher Berechnungen ermittelt.
 
Oft wird gar nicht gerechnet, sondern einer Faustregel gefolgt: „Besser der Spatz in der Hand…“ Oft fallen Entscheidungen anders, je nachdem, wie das Problem formuliert wurde, auch wenn es sich bei klarer Betrachtung um dasselbe Problem handelt: Die Zweifel an einer Entscheidung nehmen zu, je mehr Auswahlmöglichkeiten bestehen. Oft werden Informationen herangezogen, die gar keine sind: Die Brücke wird zu Ende gebaut, weil man einmal damit angefangen hat. Und so weiter. Mitunter fehlt die Zeit für Rationalität, mitunter überwiegt sozialer Druck, oder es sind zu viele Faktoren im Spiel, um auszurechnen, was am besten wäre.
 
Wovon hängt es nun aber ab, wie anfällig die Handelnden für irrationales Entscheiden sind? Eine Vermutung könnte sein: von ihren Erfahrungen mit dem Entscheiden und von ihren Rechenfähigkeiten. Kurz: von ihrem Alter. Seit etwa zwanzig Jahren gibt es darum Forschungen, die auf experimentellem Weg herauszufinden versuchen, wie es um das ökonomische Verhalten von Kindern und Jugendlichen steht. Dazu werden beispielsweise schon Vorschulkinder mit einfachen Spielen konfrontiert, in denen sie durch korrektes Kalkulieren Vorteile erzielen können, und ihr Verhalten wird anschließend mit dem älterer Kinder verglichen.
 
Ein Pionier dieser Forschungen ist der amerikanische Ökonom William Harbaugh von der Universität von Oregon. Ab wann, so eine seiner Fragen, sind Kinder in der Lage, konsistent zu entscheiden? Wenn ich A besser finde als B und C besser als A, sollte ich auch C besser finden als B. Für Psychologen ist das eine Variante logischen Denkens, wie man sie ohne Entscheidungsaspekt in der Frage angesprochen findet: „Wenn Anna älter als Maria ist und Maria älter als Julian, wer ist dann älter: Anna oder Julian?“ Die Fähigkeit, sie sicher zu beantworten, kommt zwischen dem siebten und neunten Lebensjahr auf.
 
Das gilt nicht ganz so für das konsistente Entscheiden. Zwar entscheiden sich schon die Siebenjährigen besser als hätten sie gewürfelt. Aber nur ein Viertel der Siebenjährigen und sechzig Prozent der Elfjährigen in entsprechenden Experimenten entscheiden sich rational. Allerdings verbessert sich die Trefferquote der Elfjährigen danach allein aufgrund des Alters nicht mehr groß, so dass es bei diesem Entscheidungsproblem sehr weit ginge, von der Menschheit mehr als die Rationalität Elfjähriger zu erwarten.
 
Ein anderes und etwas anspruchsvolleres Rationalitätsproblem wirft die Frage auf, ob etwas desto häufiger geschieht – zum Beispiel, dass die Roulettekugel bei einer ungeraden Zahl anhält -, je seltener es zuvor geschehen ist. Wer das annimmt, unterliegt dem Irrtum, kleine Stichproben – etwa: zehnmaliges Fallen der Kugel – seien repräsentativ für große Stichproben. Die richtige Einsicht kommt hier bei den meisten erst nach dem fünfzehnten Lebensjahr auf. In ähnlichen Spielen wurde überdies nachgewiesen, dass Kinder, anders als Erwachsene, weniger dazu neigen, die erfolgreichen Spielstrategien anderer Spieler heranzuziehen. Sie betreiben weniger „rationale Imitation“.
 
Ein weiterer altersabhängiger Aspekt von Entscheidungen ist, den ökonomischen Experimenten zufolge, Geduld: „Heute ein Geschenk oder lieber morgen zwei?“ Jedes zusätzliche Jahr zwischen fünf und sechzehn macht Kinder bereitwilliger, ihren Zugriff aufzuschieben. Völlig unklar ist dabei, ob das Geschlecht eine Rolle spielt. Es gibt Studien, in denen Mädchen geduldiger sind als Jungs, solche, die das umgekehrte berichten, und solche, die keinen Unterschied feststellen können. Was hingegen nachgewiesen scheint: Kinder von geduldigen Eltern sind, zumindest in Experimenten, ihrerseits geduldiger.
 
Auch die Bereitschaft, Risiken einzugehen und einer sicheren Auszahlung eine höhere unsichere vorzuziehen, nimmt mit dem Alter ab. Allerdings weisen einige Studien darauf hin, dass dieser Alterseffekt mit der Pubertät verschwindet, also eine stabile Risikopräferenz sich vorher ausbildet. Mädchen sind dabei generell weniger risikofreudig – oder sagen wir: weniger unvernünftig – als Jungs, was sich auch im Erwachsenenalter durchhält. Wenn man ihnen anbietet, entweder 10 Euro zu bekommen oder gar keinen und beides mit gleicher Wahrscheinlichkeit, ziehen sie demgegenüber sichere 3,80 Euro vor. Jungs verzichten erst ab 4,50 Euro auf die Wette.
 
Auch das Verhalten von Kindern in Verhandlungsspielen wurde untersucht. Im berühmten Ultimatumspiel beispielsweise: Die eine teilt den Kuchen auf, der andere entscheidet darüber, ob diese Aufteilung akzeptabel ist und es überhaupt zu einem Zugriff, einer Auszahlung kommt. Hier konnte zumeist kein Einfluss des Alters festgestellt werden; weder auf die Fairness der Verteilung noch auf die Neigung, bei unfairen Aufteilungen auf die Auszahlung ganz zu verzichten. Das kann man als Hinweis auf ein sehr früh entwickeltes Gefühl für ungerechte Handlungen deuten. Wie bei allen Ultimatumspielen, so dürfte allerdings auch bei Kindern die Bereitschaft, unfaire Verteilungen zu akzeptieren, von der Höhe der geringeren Auszahlung abhängen, mit anderen Worten: von den Kosten des Zurückweisens.
 
Generell nimmt die Bereitschaft zur Kooperation mit dem Alter zu. In „Gefangenendilemma-Spielen“ – du hast fünf Euro, und wenn du einen an Mitspieler abgibst, verdoppelt ihn die Spielleitung – gehen Elfjährige 25 Prozent häufiger auf die Hoffnung ein, Kooperation werde belohnt, als Sechsjährige. Je jünger ein Kind ist, desto stärker neigt es also zum Verhalten eines Trittbrettfahrers.
 
Sehr geschlechtsspezifisch ist schließlich die Bereitschaft von Kindern und Jugendlichen zur Konkurrenz. Bei gleicher Fähigkeit wie Jungs, in einem Wettbewerb gut abzuschneiden, ziehen Mädchen sichere, geringere und gleiche Auszahlungen dem Wettbewerb vor. Als Erklärung bietet die Forschung zweierlei an: den Hinweis darauf, dass Jungs übermäßig von sich überzeugt sind, also ein sachlich gar nicht gerechtfertigtes Selbstvertrauen haben und die schon erwähnte Risikoscheu von Mädchen. Vollständig aber können, so die experimentellen Befunde, selbst diese beiden Faktoren die Zurückhaltung von Mädchen gegenüber Konkurrenzsituationen nicht erklären.
 
 
Matthias Sutter u.a.: „Economic behavior of children and adolescents – A first survey of experimental economic results“, European Economic Review 111 (2019).
William Harbaugh u.a.: „GARP for Kids: On the Development of Rational Choice Behavior“, American Economic Review 91 (2001).
Jori Barash u.a.: „Heuristic to Bayesian: The evolution of reasoning from childhood to adulthood“, Journal of Economic Behavior and Organization 159 (2018).

2 Lesermeinungen

  1. Kramen in der Kinderstube kann hilfreich sein
    Jürgen Kaube,
    da haben Sie doch gleich in Ihrer Unterüberschrift eine Aussage, die von Erwachsenen allzu häufig übersehen ja sogar negiert wird! „Kinder haben ihre eigene Logik.“

    Jetzt würde zu kurz gegriffen sein, so aus Sicht der Erwachsenen auf Kinder, im Besonderen auf ihre eigenen Kinder, geblickt wird. Also den Blick erweitert aus der Sicht eines 3-jährigen, der, äußerlich gealtert, den Blick aus seinen Kindertagen sich nicht verstellt hat – mit genommen in das Älterwerden bis heute. | :-)

    Gerade heute Morgen diesen Kommentar auf KONTEXT Ausgabe 438 „PISA-Albtraum CDU“ veröffentlicht bekommen. [1]
    Und im FAZ.blog mein veröffentlichter Kommentar zum Artikel „Bürokratie ist die Rettung“ #comment-8344 mit der Weiterleitung zu FAZ.blog „Milton Friedmans unbequeme Wahrheiten“ 12. Jan. 2018 https://blogs.faz.net/fazit/2018/01/10/milton-friedmans-unbequeme-wahrheiten-9545/#comment-7522 Auszug:
    Also ergänzt das Thema der Studentin: … Schweiz und Österreich – in vergleichender Betrachtung zur Angleichung der Rechtssysteme mit der Maßgabe der Vereinfachung und Optimierung zum Wohle der Wirtschaftenden Jue.So 1960

    3-jährige verwenden wie selbstverständlich das „Große Ganze“ über dem Kleinhirn »beide Gehirnhälften parallel«, da sie so geboren wurden.
    Es liegt an uns selbst sich das zu erhalten und weiter zu entwickeln. | :-))

    [1] https://www.kontextwochenzeitung.de/politik/438/pisa-albtraum-cdu-6134.html#comment23568 Auszug: => Abschlusszeugnis unserer Pilotklasse. Darin enthalten das Fach „Umgang mit Massenmedien“. https://up.picr.de/34865452lw.pdf

  2. Risiko ist individuell
    Ein schöner Artikel, der implizit auf interessante Zusatzperspektiven verweist.

    Nichts klingt unsinniger als der Satz „Alle Menschen sind gleich“ oder in der Variante „Brüder“ – soweit nicht die Gleichheit vor dem Gesetz gemeint ist.

    Männer versus Frauen, Erwachsene versus Kinder sind sicherlich populäre und leicht ermittelbare Differenzierungen. Aber es dürfte viele weitere relevante Einflüsse geben, wie bspw.: Kulturelle Unterschiede, finanzielle Ausstattung, intellektuelle und emotionale Besonderheiten wie Neigung zu Ängstlichkeit, Realitätsbezogenheit, Frustrationstoleranz, Ehrlichkeit oder Faktoren wie Gedächtnisleistung, Intelligenz, hohes Scoring bei dissozialen Persönlichkeitsfkatoren usw. Beim Verhalten könnten erhebliche Unterschiede erkennbar werden. Ganz besonders dann, wenn bestimmte Kombinationen von Eigenschaftsausprägungen zusammenfallen. Hier ist der Erkenntnisgrad, schon wegen des hohen Forschungsaufwands wohl noch gleich null. Was aber in Ordnung ist. Weder wird, noch kann sich alles klassifizieren lassen.

    Auf der anderen Seite: Die Forschung ist auf die Gattung Mensch beschränkt. Würde man beim ökonomischen Verhalten extraterrestrischer Spezies grundlegende Unterschiede finden? Das ist nicht sehr wahrscheinlich, da es eine Gemeinsamkeit auch mit Bewohnern von Welten in 100 Millionen Lichtjahren Entfernung gibt: Der kleinste gemeinsame Nenner ist die Evolution. Die grundlegenden Verhaltensstrukturen, wie Nutzenoptimierung zugunsten des Individuums oder von (mindestens familiären oder Stammes-) Kollektiven werden sich zwingend, egal wo, als Überlebensstrategien entwickeln.

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