Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Wie tief kann der Zins noch sinken?

| 28 Lesermeinungen

 
Viele schimpfen auf Null- und Minuszins. Aber oft sind ihre Argumente falsch.
 

Keine Frage: Von allen modernen Erscheinungen in der Wirtschaft ist keine so verunsichernd und erklärungsbedürftig wie negative Zinsen und Anleiherenditen. Negative Zinsen scheinen der Alltagserfahrung zu widersprechen und keinen Sinn zu haben: Wie soll auf die Dauer eine Wirtschaft funktionieren, die Kreditnehmer belohnt und Sparer bestraft?
 
Die moderne Volkswirtschaftslehre sieht dies weniger dogmatisch und moralisierend und konstatiert, dass negative Zinsen zumindest vorübergehend ein denkbares wirtschaftliches Phänomen darstellen. Und die Wirtschaftsgeschichte zeigt, wie im Nachkriegsdeutschland die Zinsen für Spar- und Girokonten zu D-Mark-Zeiten viele Jahre lang negativ waren, wenn sich der Blick auf den Realzins richtet, also auf den Zins, der sich unter Berücksichtigung der Inflationsrate ergibt. Denn in vielen Jahren, zum Beispiel in den siebziger Jahren, lag die Inflationsrate über dem damals positiven Nominalzins. Viele Sparer freuten sich, dass sie zum Jahreswechsel Zinsen in ihrem Sparbuch gutgeschrieben bekamen. Aber sie bemerkten nicht, wie die Inflation ihre Zinserträge mehr als aufzehrte und der reale Wert der Spareinlage zurückging.
 
Und weil es kaum jemand bemerkte, war eine vermeintliche „Enteignung“ von Sparern damals kein Thema. Heute wollen manche Eurogegner nicht hören, dass schon zu Zeiten der Deutschen Mark das traditionelle Sparbuchsparen aus der Sicht der Sparer zeitweise ein Verlustgeschäft war. Und während das Minusgeschäft der Sparer damals sozusagen kaschiert war, weil der Nominalzins ja immerhin positiv war, so liegt es heute bei negativen Nominalzinsen und positiven Inflationsraten offen zutage.
Angesichts der jüngsten Senkung des Einlagenzinses der Europäischen Zentralbank von minus 0,4 auf minus 0,5 Prozent stellt sich die Frage: Wie tief kann dieser Zins aus ökonomischer Sicht denn eigentlich sinken?
 
Eine mittlerweile häufig in der Fachwelt zitierte Arbeit zu diesem Thema stammt von den Ökonomen Markus Brunnermeier und Yann Koby. In ihr entwickeln sie das Konzept des „Umkehrzinses“ (reversal rate). Das ist jener Notenbankzins, bei dessen Erreichen die negativen Wirkungen expansiver Geldpolitik die positiven Wirkungen übertreffen. Brunnermeier und Koby kommen zu zwei wesentlichen Ergebnissen: Erstens dürfte der „Umkehrzins“ in den westlichen Industrienationen negativ sein. Das heißt: Negative Notenbankzinsen sind nicht per se schädlich oder verrückt oder weltfremd. Wo der „Umkehrzins“ genau liegt, lässt sich nur unvollkommen schätzen. Brunnermeier und Koby haben ihn in einer Annäherung bei etwa minus 1 Prozent verortet.
 
Ihre zweite wesentliche Erkenntnis lautet: Der „Umkehrzins“ bleibt, wenn er sich anfangs im negativen Bereich befindet, nicht konstant. Vielmehr nehmen im negativen Bereich die schädlichen Nebenwirkungen im Laufe der Zeit zu, so dass er allmählich steigen dürfte. Das heißt, selbst wenn der „Umkehrzins“ anfangs bei etwa minus 1 Prozent liegen sollte, wird er dort im Laufe der Jahre nicht bleiben, sondern sich allmählich in Richtung null bewegen.
 
Die Erfahrungen aus Ländern mit negativen Leitzinsen bestätigen die beiden Thesen. Die erste Notenbank, die einen Zins unter null fallen ließ, war keineswegs die Europäische Zentralbank, sondern die Dänische Nationalbank, die schon im Jahre 2012 zu diesem Instrument griff. Lange Zeit schienen alle Befürchtungen, negative Zinsen würden den dänischen Geschäftsbanken erheblichen Schaden zufügen, unbegründet. Vielmehr kamen die Banken in Kopenhagen gut damit zurecht. Aber im Laufe der Jahre scheint der „Umkehrzins“ in Dänemark gestiegen zu sein, denn mittlerweile leiden die dänischen Banken sichtbar. In der Schweiz und in Ländern der Eurozone, darunter nicht zuletzt Deutschland, sieht es ähnlich aus.
 
Wie erklären Brunnermeier und Koby ihre Ergebnisse? Sie beschränken sich auf die Auswirkungen negativer Zinsen für die Geschäftsbanken und Sparkassen, um ihre Analyse übersichtlich zu halten. Was geschieht, wenn die Notenbank ihren Leitzins in den negativen Bereich fallen lässt, mit den Geschäften der Banken? Sehr wahrscheinlich wird die Zinsmarge der Banken sinken, weil sie ihre Zinsen für Kredite zurücknehmen müssen, aber ihre Zinsen für Kundeneinlagen nur noch in Grenzen senken können, sobald sie null erreichen. Denn auch wenn es möglich erscheint, in begrenztem Maße Einlagen von Unternehmen mit Negativzinsen zu belasten, so dürfte dies bei den meisten Einlagen von Privatkunden nicht funktionieren. Wenn die Kunden mit den Negativzinsen nicht zufrieden sind, können sie sich ihre Einlage auch als Bargeld auszahlen lassen.
Dieser Druck auf die Zinsmarge ist in der Praxis beobachtbar. Er trägt dazu bei, dass die Vergabe neuer Kredite für die Banken irgendwann nicht mehr rentabel wird, zumal für die Kredite aus regulatorischen Gründen Eigenkapital vorgehalten werden muss.
 
Andererseits dürften sinkende Notenbankzinsen den Geschäftsbanken und Sparkassen Kursgewinne auf deren Bestände an Anleihen bescheren. In der jüngeren Vergangenheit waren die meisten Staatsanleihen keine schlechte Kapitalanlage: Zwar wurden die Zinskupons immer niedriger, aber die fallenden Zinsen schlugen sich in Kursgewinnen für früher begebene Anleihen nieder.
 
Aus der Sicht von Banken haben sinkende Zinsen auch im Negativbereich positive wie negative Effekte: Sie beeinträchtigen das traditionelle Einlagen- und Kreditgeschäft, sorgen aber für Gewinne im Anleihebestand. Mit sinkenden Zinsen werden die Nachteile jedoch irgendwann so groß, dass sie die Vorteile aufzehren – das ist dann der „Umkehrzins“. Abhängig ist seine Höhe von vielerlei Größen: von der Höhe der Anleihebestände der Banken, von der Reaktion der Bankkunden auf sinkende Einlagenzinsen, von der Regulierung, der Banken in ihrem Einlagen- und Kreditgeschäft unterliegen, sowie von der Bereitschaft der Banken, Gewinne als Dividenden auszuschütten, anstatt sie als Reserven im Haus zu behalten. Daher ist es nicht so einfach, den „Umkehrzins“ präzise zu berechnen.
 
Es bleibt noch die Frage, warum der „Umkehrzins“, wenn er negativ geworden ist, im Laufe der Zeit steigt. Dies erklärt sich mit der Natur der Anleihebestände der Banken. Da Anleihen fällig werden, nehmen jene alten Anleihen, auf die Banken bei fallenden Zinsen Kursgewinne verzeichnen können, im Laufe der Zeit ab. Der Anteil der Anleihen mit schon sehr niedrigen Zinskupons, für die kaum noch Kursgewinne anfallen, wird dann größer.
 
Daher ist es nicht erstaunlich, dass die Sensibilität in Notenbanken für die Nöte von Geschäftsbanken und Sparkassen derzeit zuzunehmen scheint. Geldpolitik stößt bei sehr niedrigen Zinsen an Grenzen. Sowohl die EZB als auch die Schweizerische Nationalbank und die Bank von Japan nehmen einen Teil der bei ihnen von Banken gehaltenen Einlagen von der Berechnung von Negativzinsen aus.
 
 


28 Lesermeinungen

  1. Interessant... aber vielleicht könnten man die Fragestellung noch weiten
    Eine interessante Betrachtung, die sich allerdings auf die Problematik der Negativzinsen auf die Banken beschränkt – und nicht die ganze Volkswirtschaft bis hin zu den Sparern und Kreditnehmern im Auge hat. Das fände ich noch spannender. Vielleicht hat Herr Braunberger hierzu auch etwas schreiben oder Info geben. Das wäre hoch interessant. … So oder so: Vielen Dank für den Artikel. :-)

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    Es muss natürlich „anscheinend“ heißen, nicht scheinbar. Sonst würden diese Erkenntnisse ja tatsächlich nicht widersprechen…

  3. Titel eingeben
    Wie immer ein guter Text, Herr Braunberger. Er regt zum Nachdenken an und ist undogmatisch, auch wenn er scheinbar den ökonomischen Erkenntnissen widerspricht, die ich in den 80er Jahren in meinem Studium präsentiert bekam. Mein Kompliment für die gelungene Darstellung! Mit freundlichen Grüßen
    Stefan Hirsch

  4. Volkswirtschaft
    Natürlich haben Sparer keinen Anspruch auf einen auskömmlichen Zins und mit Bargeld und Edekmetallen sind auch die negativen Zinsen in Zeit und Höhe eigentlich begrenzt. Die negativen Zinsen sind aber politische Preise und keineswegs auf ein Überangebot von originärem Kapital zurückzuführen (Der Ankauf von Anleihen durch die Zentralbank ist nunmal Staatsfinanzierung durch die Notenpresse, auch wenn die Anleihen im Sekundärmarkt gekauft werden). Politische Preise reagieren aber nicht auf den Markt. Eher werden die Rahmenbedingungen verändert als die Preise. Außerdem werden durch negative Zinsen (Preise) die effizienten Steuerungs- und Allokationsmechanismen außer Kraft gesetzt und es sammelt sich durch die erhöhte Risikobereitschaft eine Menge nicht lebensfähiger Wirtschaftssubjekte (Staaten, Unternehmen und PRivate)an, die mit einem Knall bei jeder Nomalisierung verschwinden werden und eine Krise auslösen werden, gegen die 2008/9 ein Spaziergang war.

  5. Mit weniger Theorie gibt es die gleichen Erkenntnisse, und mehr
    Niemand leiht einem anderen Geld, ohne etwas dafür zu bekommen. Noch weniger leihen wir freiwillig jemandem Geld, wenn wir sogar noch etwas bezahlen müssen, dass er es nimmt. Negativzinsen erklären sich folglich nicht einfach so aus Geld- bzw. Kapitalangebot und -nachfrage. Der Nullzins ist die logische Untergrenze, bei dem das freie Spiel von Angebot und Nachfrage zum Erliegen kommt.

    Aha. Es ist eben kein freies, sondern ein unfreies Spiel. Erst wenn es Mechanismen gibt, die machen, dass wir unser Geld auch bei Negativzinsen dort belassen bzw. dorthin tragen, wo wir offen bestohlen werden, erst dann klappt es mit den Negativzinsen.

    Wechselt man nun die Optik zu den Banken, dann werden die sich bei verengenden Margen einfach akribisch daran machen, neue Gebühren einzuführen, ziemlich egal wie unsinnig. So z. B. eine Gebühr für den Austritt aus der Bankbeziehung. Austritt bezahlt man sonst nirgends, in gar keinem anderen Kino. Und anderes mehr. – Man ist also wieder dort, wo man mit der hohen Inflation schon war, die Bankkunden sollen es nicht merken, dass ihnen das Geld einfach weggenommen wird.

  6. Kursgewinne von Anleihen im Bestand ...
    nützen nichts, wenn man diese durch Verkauf nicht realisiert. Und was stellt man dann mit der Liquidität an, bei gestiegenem negativen Zins?

    Einen schönen Artikel zu zum Thema negative Zinsen finden Sie hier:
    https://www.barrons.com/articles/germanys-31-year-negative-yielding-zero-coupon-bond-is-a-wake-up-call-51567078200

  7. Alles gut und schön. Nur könnte der Staat zwecks ...
    … Altersvorsorge seinen Bürgern entgegenkommen, indem er ihnen beim Sparen wie in Frankreich, die Inflationsrate etwas abfedert.
    Dies geschieht dort durch Ausgabe des „Livret A“.

    Der frz. Staat bietet seinen Bürgern aktuell (2019) eine steuer – und abgabenfreie Sparform von 0,75 % Zinsen an, das sogenannte Livret A, von dem mindestens 76% der Franzosen eins besitzen.

    Die Einzahlung ist pro Person auf 22950 € limitiert.
    Ein Drei-Personen-Haushalt Haushalt kann also 68850 € einzahlen; die angesparten Zinsen sind von dieser Deckelung nicht betroffen.

    Der Staat legt zweimal im Jahr den Zinssatz fest.

    (Quelle: Site officiel de l’administration française: Service-Public.fr)

  8. Titel eingeben
    Es kamen einst Verkäufer, die nur auf Banken schimpften, die 36% Zinsen versprachen. Genau so viel, wie auch die Banken an der Einlage ihrer Kunden verdienen würden. Sie würden diese Gewinne an ihre Anleger weiterreichen. Das hatte in den meisten Fällen „Heulen und Zähneklappern“ nach sich gezogen.
    Wer heute vorrechnet, daß Sparer jährlich 1,5% verlieren, im Gegenteil zu früher, der lügt, der will Investmentanteile verkaufen, oder Vergleichbares, oder Verlustgeschäfte. Der Opa oder die Oma, die Geld zur Bank bringt, sieht ihr Sparbuch wie eine Bibel. Da werden Zahlen geschrieben, die heute und morgen noch stehen! Alles Andere macht schlaflose Nächte.
    Früher bekam der gute Anleger 4, 5, 8,5% Zinsen, hatte eine Inflation von 3 bis 5% zu verdauen und zahlte auf die vereinnahmten Zinsen, wenn er steuerpflichtig wurde, die Steuern an den Staat.
    Dann verlor er auch jährlich, teils noch mehr, als heute.
    Warum: Es hat noch niemals ein Staat seine Schulden regulär zurückgezahlt. Immer wurde über Geldentwertung oder Inflation der Schuldenstand verringert. Nun, mit dem EURO ist das ein ganz klein wenig anders, aber es könnte noch viel gravierender werden, falls der EURO mal kaputt gehen würde, was nicht ausgeschlossen werden kann. Griechenland konnte man noch stützen. Italien schon nicht mehr.
    Und was ist, wenn unsere Regierung eines Tages wieder 5% Zinsen für seine Schulden zu bezahlen hat? Dann ist er sofort pleite, dann haben wir Heerscharen von Bürgern mit „Roten“ Fahren auf den Straßen. Man will dann Leute an der Regierung haben ,die den Rest Kapital verteilen und dann alles besser machen. Und dann bekommen wir auch mal Oligarchen oder Vergleichbare, wie in China. Es werden dann die „Schweine“ gewechselt, aber die Tröge, aus denen sie fressen, bleiben die Gleichen, oder eben unter Zwang gestellt.
    Betrogen wird der Sparer folglich immer!
    Aber er hat mit dem Polster, von dem er ein wenig in Raten abgibt, immer ein Polster und einen ruhigen Schlaf. Vorausgesetzt, er hat das Geld regulär versteuert.

  9. Tatsächlich haben wir uns schon daran gewöhnt
    Die Frage aber ist: warum findet das viele überschüssige Geld keine Investoren? Könnte an Basel 1,2,3? liegen. Und an der Industriefeindlichkeit der Entrüstungsgesellschaft. Die Banken zahlen lieber Strafzinsen, als einmal ein Risiko einzugehen. Das ist traurig. Eine Gründerwelle anzuschieben könnte sinnvoll sein.

  10. Doch es ist gaaaaaanz einfach ....
    … Zins ist der Preis des Geldes. Ist er negativ (sollte eigentlich gemäß geltender Lehre unmöglich sein), dann heißt das: Ich muss jemandem noch Geld dafür bezahlen, dass er mein Geld annimmt. Rational handelnde Personen würden so etwas wie „Geld verleihen“ bei negativen Zinsen also nicht mehr tun. Man kann es aber auch übersetzen in: „das Geld ist nix mehr wert und keiner will es haben“. Deswegen steigen auch Immobilien und Goldpreise. Für unser Papiergeld also keine guten Aussichten …

    • Preis des Geldes
      Sorry, aber der „Preis des Geldes“ ist seine Kaufkraft. Angesichts kaum vorhandener Inflation also relativ hoch.

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