Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Die einflussreichsten Ökonominnen

| 2 Lesermeinungen

Erstmals veröffentlicht die F.A.Z. eine Einfluss-Rangliste der Frauen in der Ökonomie. Den ersten Rang belegt eine Finanzmarktexpertin, der ein Karrieresprung bevorsteht.

Isabel Schnabel (Foto: Reuters)

Die einflussreichste Frau in der deutschen Ökonomie heißt Isabel Schnabel. Die Bonner Volkswirtin erarbeitet sich ihren Einfluss als Fachfrau für Finanzmärkte im Sachverständigenrat der Wirtschaftsweisen. Sie ist eine von wenigen Ökonominnen, die nicht nur in den Medien und auf Social Media, sondern auch in der Politik Gehör finden. Diese Leistung bringt ihr aller Voraussicht nach in nächster Zeit eine neue Stelle: Die Bundesregierung hat Schnabel als Direktorin in der Europäischen Zentralbank nominiert.

Weil neben der Wirkung in der Wissenschaft auch die öffentliche Wahrnehmung wichtig ist, kombiniert das F.A.Z.-Ranking traditionell den Einfluss in beiden Welten. Für die Rangliste qualifizieren sich nur Ökonomen, die in beiden Bereichen wenigstens ein Mindestmaß an Einfluss aufweisen. Entscheidend ist für die Plazierung, ob ein Ökonom in der Wissenschaft Impulse gibt, die andere Forscher aufnehmen, ob er in den Medien Gehör findet, von Politikern als Ratgeber geschätzt wird – und seit diesem Jahr auch, ob er in sozialen Medien Resonanz findet. Denn inzwischen hat sich auf Twitter eine rege Debatte von Ökonomen, von Politikern und ihren Beratern sowie Journalisten über wirtschaftliche Fragen ergeben. Auch wer in dieser Debatte gehört wird, hat Einfluss.

Die Wissenschaft bringt dabei bis zu 500 Ranglistenpunkte je Person, Medien bis zu 250, die Politik bis zu 200 und soziale Medien bis zu 50. Insgesamt sind bis zu 1000 Punkte erreichbar. (Lesen Sie hier die komplette Methodenbeschreibung.) Der Sieger der Gesamtrangliste, Ernst Fehr, erreicht 503 Punkte, die meisten davon stammen aus der Wissenschaft. Diese ist auch die Domäne von Friederike Welter, Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung. Sie hat sich im Frauenranking den zweiten Rang gesichert.

Die F.A.Z. erhebt die Daten in Zusammenarbeit mit dem Medienanalyse-Unternehmen Unicepta, dem Verein für wissenschaftliche Politikberatung Econwatch, der Universität Düsseldorf, dem ZBW Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft, der ökonomischen Website Makronom und dem Wissenschaftsverlag Elsevier.

Die einflussreichen Ökonominnen beschäftigen sich oft mit dem Klimawandel

Selten beschäftigen sich die Frauen, die in der Rangliste auftauchen, mit Steuern oder Ungleichheit, mit dem Wirtschaftswachstum, der Automobilwirtschaft oder dem Arbeitsmarkt – also mit Themen, die viele der einflussreichsten Männer der Zunft besetzen. Frauen gewinnen ihren Einfluss in der Ökonomie immer noch häufiger als Männer mit Familien- oder Umweltthemen. Gleich zwei Wissenschaftlerinnen unter den ersten fünf spielen in der deutschen Klimadiskussion eine wichtige Rolle: Auf Rang drei steht Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, auf Rang fünf Maja Göpel, die Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) und Honorarprofessorin an der Leuphana-Universität in Lüneburg. Dazwischen steht die Zürcher Entwicklungsökonomin Dina Pomeranz, die den größten Teil ihrer Punkte aufgrund ihrer starken Präsenz in den sozialen Medien erhält.

Dieses Jahr veröffentlicht die F.A.Z. zum ersten Mal eine Rangliste speziell der Frauen in der Ökonomie. Denn erst in diesem Jahr hat sich eine ausreichende Zahl von Frauen qualifiziert, sodass ein gesondertes Ranking überhaupt möglich ist. Der Grund liegt in der Veränderung der Kriterien für die Rangliste. Insgesamt stehen in der F.A.Z.-Rangliste in diesem Jahr etwas mehr als 250 Ökonominnen und Ökonomen. Nur 34 davon sind Frauen. Das entspricht ungefähr dem Anteil, den Frauen unter den deutschsprachigen Ökonomen haben.

Nicht jede Frau, die auf der Liste erscheint, würde klassischerweise als Ökonomin gelten. Für die F.A.Z.-Rangliste ist jeder ein Ökonom, der von Medien oder Politikern so wahrgenommen wird. Beispiele dafür sind Jutta Allmendinger, die Präsidentin des Wissenschaftszentrums in Berlin, und Anke Hassel, die ehemalige Leiterin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, die beide Soziologinnen sind. Lisa Herzog, die Münchener Professorin, die im vergangenen Jahr für ihr Buch zur Zukunft der Arbeit mehrfach ausgezeichnet wurde, hat einen Lehrstuhl für politische Philosophie und erreicht Platz 23.

Warum gibt es in der Volkswirtschaftslehre so wenige Frauen?

Über die Gründe, warum es im deutschsprachigen Raum nur so wenige Wirtschaftswissenschaftlerinnen gibt, hat sich in der Fachwelt eine Debatte entfacht. Auch auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik (VfS), der größten Ökonomenvereinigung im deutschsprachigen Raum, wurde zu dem Thema auf Podien und in Workshops diskutiert. Im Mittelpunkt stehen unter anderem die Fragen, welche Rolle die sichtbare oder unsichtbare Diskriminierung spielt und welchen Anteil die freiwillige Berufswahl an den niedrigen Zahlen hat. (Eine Studiensammlung über Frauen in der Wissenschaft, zusammengestellt von Anna Göddeke und Louisa Söllner, findet sich unter www.womeninacademia.de).

Jahrelange Diskussionen und Kampagnen haben jedenfalls bisher wenig geändert. Die Vorsitzende des VfS, die Frankfurter Professorin Nicola Fuchs-Schündeln, hat deshalb das Ziel formuliert, den Frauenanteil in der Ökonomie zu erhöhen. Spezielle Listen von Volkswirtinnen sollen es Berufungskommissionen erleichtern, für offene Stellen geeignete Frauen zu finden.

International ist die Lage bisweilen nicht entscheidend anders: Auch die neue EZB-Chefin Christine Lagarde sieht sich genötigt, Frauen in ihrem Bereich zu stärken. Unter den Notenbankchefs in der Eurozone ist sie die einzige Frau. Als Entwicklungsökonomin Esther Duflo in diesem Jahr für ihre Pionierarbeit im Bereich wissenschaftlicher Experimente in der Entwicklungshilfe mit dem Nobel-Gedächtnispreis für Ökonomie ausgezeichnet wurde, war sie die erste Ökonomin überhaupt. Nur Elinor Ostrom wurde diese Ehre vorher zuteil – und sie war eine Politikwissenschaftlerin.


 

Das Blog:

 

 

Der Autor:


 

Patrick Bernau

 


2 Lesermeinungen

  1. Zur Wahrnehmung in der Wissenschaft
    Hier gibt es mMn. einen selbstverstärkenden Verlauf, der nicht zwangsläufig mit der Wissensrelevanz verbunden ist. Wenn ich heute ein Forschungsprojekt beantrage, wird es sicher dienlich sein, die in der Politik und Gutachtergremien wohlbekannten Namen heranzuziehen, ganz egal, wie stark die Verbindung zum eigentlichen Thema ist. Es ist so wie bei B. Pascal, der bei der Religion meinte, er glaube an Gott, weil es hilfreich ist, wenn es ihn wirklich gibt und nicht schadet, wenn es ihn nicht gibt. Ich weiß, das ist etwas boshaft, aber menschlich. Und sowohl Antragstellenden wie auch Antragbewertende sind Menschen mit allen Facetten.

  2. Pressen in eine Ordinalskala wider die menschliche Vernunft
    Hier werden wieder Kompetenzen von Menschen in eine Ordinalskala gepreßt, Daten bis in den Nachkommabereich ausgewertet und damit eine Meßgenauigkeit vorgetäuscht, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Als Ergebnis bleibt eine Rangordnung, die vielleicht Eitelkeiten zu befriedigen vermag, aber für jeden kritisch denkenden Menschen keinen Erkenntnisgewinn darstellt.

Hinterlasse eine Lesermeinung