Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Stressfalle Homeoffice

| 7 Lesermeinungen

Von zu Hause aus zu arbeiten hat Vorteile – vor allem für die Arbeitgeber.
 
Was passiert, wenn von heute auf morgen Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz im Büro gegen den Schreib- oder Küchentisch in den eigenen vier Wänden eintauschen? Erhöht das Arbeiten im Homeoffice die Produktivität? Oder verleitet es eher zum Faulenzen und macht sogar einsam?
 
Deutschland erlebt gerade nicht nur die wahrscheinlich schwerste Gesundheits- und Wirtschaftskrise seit Gründung der Bundesrepublik, sondern auch das größte Homeoffice-Experiment aller Zeiten. Das Ergebnis ist offen. Wer sich im Freundes- und Kollegenkreis umhört, dem drängt sich dieser Tage allerdings folgender Eindruck auf: Das Arbeiten im Homeoffice ist schlechter als sein Ruf. Die Verheißung, dass der selbstbestimmte Arbeitsalltag in der eigenen Wohnung glücklicher macht, scheint für viele neue Heimarbeiter nicht in Erfüllung zu gehen. “Ich freue mich ehrlicherweise schon darauf, bald wieder im Büro arbeiten zu können”, sagte ein Kollege kürzlich in einer Telefonkonferenz. Er klang so, als würde er sich über sich selbst wundern.
 
Zugegeben: Die Menschen arbeiten derzeit zwangsläufig zu Hause und vor allem den ganzen Tag, jeden Tag, zudem schlagen die Kontakteinschränkungen und der ständige Corona-Alarm auf die Stimmung. Liest man allerdings die Literatur von Arbeitspsychologen und Ökonomen zur Heimarbeit, verwundern die negativen persönlichen Eindrücke wenig.
 
Natürlich kann überhaupt nur eine Minderheit von zu Hause aus arbeiten. In den Vereinigten Staaten können lediglich rund ein Drittel der Jobs aus dem Homeoffice erledigt werden, zeigt eine vor wenigen Tagen erschienene Studie zweier Ökonomen der University of Chicago. Die Vorstellung, dass ein Heer von Heimarbeitern die Volkswirtschaft am Laufen halten kann, führt also in die Irre. Landwirte, Kellner und etliche andere
Dienstleistungsberufe müssen vor Ort erledigt werden. Da hilft auch die Digitalisierung wenig. In Deutschland ist das Potential für das Homeoffice jüngsten Erhebungen zufolge etwas höher als in den Vereinigten Staaten: Es liegt nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung dennoch nur bei etwa 40 Prozent der Beschäftigten.
 
Vor Corona hat in Deutschland vor allem die SPD darauf gepocht, ein Recht auf Homeoffice per Gesetz zu verordnen. Ob die sogenannte Arbeiterpartei ihrer Lieblingsklientel damit allerdings einen großen Gefallen tut, steht auf einem anderen Blatt. Kurz gesagt: Es sieht eher nicht danach aus. Die beiden Ökonomen Younghwan Song und Jia Gao (beide Union College) stießen zum Beispiel darauf, dass das subjektive Wohlbefinden im Vergleich zur klassischen Büroarbeit nicht steigt, sondern sinkt. In ihrer Ende 2018 erschienenen Arbeit, die auf der Befragung von rund 4000 amerikanischen Arbeitnehmern beruht, unterschieden die Forscher Büroarbeiten und zwei Gruppen von Heimarbeitern: Beschäftigte, die ausschließlich von zu Hause aus arbeiten, und Beschäftigte, die nur gelegentlich Arbeit mit nach Hause nehmen, sich also stundenweise dort ihrem Beruf widmeten.
 
Bei beiden Homeoffice-Gruppen beobachteten sie unter den Befragten ein höheres Stresslevel und ein geringeres Wohlbefinden als bei den Kollegen im Büro. Die Autoren begründen dieses Ergebnis vor allem damit, dass sich Arbeit und Freizeit in den eigenen vier Wänden vermischt. Es fällt nun mal schwerer, zwischen beidem zu trennen, wenn das Kind schreit, sich in der Spüle das schmutzige Geschirr stapelt und die Arbeit auch in die Abendstunden verschoben werden kann. “Heimarbeiter können nicht so gut mit ihren Kindern und anderen Familienmitgliedern umgehen, wenn sie arbeiten müssen”, schreiben die Forscher. Konflikte seien da programmiert. Die Ergebnisse aus Amerika decken sich unter dem Strich mit einer Erhebung der Krankenkasse AOK aus dem vergangenem Jahr. Im Homeoffice steigt demnach das Risiko von Konzentrationsproblemen, Schlafstörung und Erschöpfung. Gesund ist die Heimarbeit also offenbar nicht.
 
Der große Profiteur ist dafür jemand anderes – der Arbeitgeber. Die von Chefs häufig geäußerte Sorge, dass die Mitarbeiter zu Hause zu Faulenzern mutieren, bewahrheitet sich nämlich nicht. Das zeigt unter anderem eine vielzitierte Arbeit eines Forscherteams um den Stanford-Ökonom Nicholas Bloom aus dem Jahr 2015. Die Forscher nahmen die 16000 Angestellten eines börsennotierten chinesischen Reiseunternehmens unter die Lupe. Die Call-Center-Mitarbeiter des Konzerns wurden mit einem Zufallsverfahren für die Dauer von neun Monaten in eine Gruppe von Heim- und Büroarbeitern unterteilt.
 
“Heimarbeit führte zu einem Anstieg der Produktivität um 13 Prozent”, schreibt Bloom. Der Großteil des Anstiegs sei auf geringere Krankheits- und Fehlzeiten zurückzuführen. Ein kleiner Teil darauf, dass die Mitarbeiter in derselben Zeit mehr Telefonate schafften, weil ihre Arbeitsumgebung ruhiger und angenehmer gewesen sei.
 
Diese Beobachtungen aus dem chinesischen Unternehmen lassen sich auf Deutschland übertragen. Das zeigt ein Beitrag von Kira Rupietta und Michael Beckmann von der Universität Basel, der auf Daten des umfangreichen Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) basiert. “Die Arbeit im Homeoffice trägt im Durchschnitt zu einer Erhöhung der Arbeitsbereitschaft bei, was über eine verbesserte intrinsische Motivation der Mitarbeiter aufgrund der gewährten Autonomie begründet werden kann”, bilanzieren die Forscher dort.
 
Natürlich führen all diese Arbeiten zu keinem abschließenden Urteil über das mobile Arbeiten. Ob nun das Büro oder das Zuhause der richtige Ort zum Arbeiten ist, hängt auch stark vom Typ des Beschäftigten ab. Arbeitspsychologen erkennen einen Unterschied zwischen introvertierten und extrovertierten Menschen – der ersten Gruppe fällt es deutlich leichter, mit wenigen Sozialkontakten auszukommen, als der zweiten.
Viel hängt zudem davon ab, wie gut man in der Lage ist, sich selbst zu organisieren und zu disziplinieren, und ob man auch im Homeoffice in die Kommunikation und die inneren Abläufe des Unternehmens eingebunden ist. Ein Allheilmittel, das Beschäftigte und Arbeitgeber glücklich macht, ist das Homeoffice jedenfalls definitiv nicht: Oder ist es ein Zufall, dass nach einer Bitkom-Befragung aus dem Winter 62 Prozent der Beschäftigten mit Homeoffice-Erlaubnis das Büro als Arbeitsort vorziehen?


7 Lesermeinungen

  1. DavidTaiChi sagt:

    Bewegung und Ausgleich ist wichtig!
    Ich arbeite seit Jahren im Homeoffice. Für mich sind aktive Pausen ein sehr wirkungsvolles Instrument. In der Pause versuche ich mich nicht nur mental von der Arbeit zu lösen, sondern auch körperlich in einen anderen Kontext zu kommen.

    Also aufstehen, bewegen, ein paar Übungen aus der Rückenschule, Yoga oder auch Tai Chi. Wenn man keine Idee hat, gibt’s auf Videoplattformen viele gute Hinweise.

  2. idkfa sagt:

    So schlimm ist es wohl nicht
    Die Referenz, ein chinesiches Callcenter ( fuer Kinder wohl das Aequivalent fuer das beruehmte katholische Militaerinternat ) kann kaum ein Grund sein, den Arbeitgeber hier im Vorteil zu sehen.

    Realistisch ist das eine Frage der Umstaende. Ist lokal ein brauchbarer Arbeitsplatz verfuegber, kann man ungestoert arbeiten, wie ist der Weg zum Arbeitsplatz, kann man zu Hause ueberhaupt ohne Einschraenkung arbeiten…

    Das Recht darauf, oder die postulierte Uebervorteilung des Arbeitnehmers trifft es doch gar nicht. In einigen Faellen passt es gut, da profitieren beide.

    Das Callcenter, wo sich der AG noch das Buero spart, ist da sicher ein Extremfall…

    Ich mache seit eh und jeh (+20a) komplizierte Sachen zu Hause – hab Probleme mit der Konzentration, wenn Leute anwesend sind.

  3. Helge_Koopmann sagt:

    Wichtig ist die Flexibilität
    es je nach Erfordernissen und Umständen tun zu können. Eine Dauerlösung ist es sicher für die meisten nicht. Aber mal andersherum gesehen, gut, daß 40% es tun können. Ansonsten hätte man die meisten davon in Kurzarbeit schicken müssen. Jedenfalls wird die sogenannte Digitalisierung einen kräftigen Schub erhalten, das war mir von Anfang an klar. Es scheint ja gut zu funktionieren.

  4. honore_balzac sagt:

    Die Dosis macht das Gift
    Es ist halt ein Unterschied, ob man wochenlang jeden Tag dauerhaft im Home-Office arbeitet, oder regulär vielleicht 1-2 Tage, wo sich die negativen Auswirkungen ja im Rahmen halten dürften.

  5. B.E.Otto sagt:

    Homeoffice - Alltag für LehrerInnen
    Es ist interessant, die vielen kritischen Stimmen zum Homeoffice zu hören. Vielleicht sollten sich die Autoren einmal am traditionellsten Homeoffice-Akteur orientieren: Den LehrerInnen. Seit Jahrzehnten haben wir alle diese Probleme. Kein Lehrer hat jemals vom Arbeitgeber sein Werkzeug (Computer) oder Arbeitsmaterial gestellt bekommen. Dort gehen die benannten Konflikte zwischen Privat und Arbeit natürlich in die Wochenden hinein. Ich habe jahrelang den sichersten telefonischen Kontakt zu LehrerInnen am Sonntag Nachmittag gefunden.
    Es wäre schön, wenn im Rahmen dieser Diskussion auch über die Arbeitsbedingungen der LehrerInnen gesprochen würde.
    Auch die Genderdiskussion bekommt eine besondere Note, wenn man bedenkt, dass die Probleme von Homeoffice und Familie zum größten Teil für Männer neu und für Frauen alltäglich sind. Wer klagt hier wie laut?

  6. Dr.Delmen sagt:

    "Nur"?!
    “In Deutschland ist das Potential für das Homeoffice jüngsten Erhebungen zufolge etwas höher als in den Vereinigten Staaten: Es liegt nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung dennoch nur bei etwa 40 Prozent der Beschäftigten.” also ich finde das sehr beachtlich. Ob 100 Prozent während eines Lockdowns nicht mehr arbeiten können oder ob 40% weiter machen, ist ein gewaltiger Unterschied.

    Die genannten Kritikpunkte an der Arbeit von zuhause beruhen im Wesentlichen auf mangelnder Erfahrung und ungünstigen Bedingungen (keine Ruhe, schreiende Kinder etc.). Ja, man muss sich selbst organisieren können, wenn man so arbeitet und ja, man muss auch Bedingungen selbst herstellen, unter denen das Arbeiten möglich ist. Das ist aber alles kein Hexenwerk und lernbar. Das Gleiche gilt für das Kontakthalten mit Kollegen – Chats, Telefonate und Videokonferenzen können da gut weiterhelfen. Man muss sich halt umgewöhnen, vieles, das im Büro automatisch passiert, muss man im Homeoffice gezielt herstellen.

    Die Vorteile vermehrter Arbeit von zuhause sind aber gleichzeitig enorm. Der Berufsverkehr ließe sich damit deutlich reduzieren, was für weniger Staus und weniger Luftverschmutzung sorgen würde. Krankheiten ließen sich reduzieren, weil leicht Verschnupfte einfach von daheim weiterarbeiten, statt ins Büro zu kommen und ihre Viren zu verteilen. Zum Schwarzsehen besteht kein Anlass.

    • knieselstein sagt:

      Na ja, Herr Delmen, mit die Stau-Reduzierung des Berufsverkehrs ist eher fraglich
      da die potentiellen Heimarbeiter im Regelfall bereits in den Genuss flexibler Arbeitszeiten kommen und sich meist auch staurme Zeiten herauspicken können.
      Der Mehrverbrauch an Strom im Netz sollte man auch nicht unterschätzen, zumal man nicht auf Sonne und Wind warten kann.
      Chats, Telefonate und Videokonferenzen sind kein vollwertiger Ersatz für “Management bei Korridor”
      Das Vorhalten doppelter Infrastruktur (Büro / zuhause) ist ja auch nicht für umme, Datensicherheit schon mal gar nicht.

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