Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Nicht alle können gleich sein

| 8 Lesermeinungen

Das Gefühl sozialer Ungerechtigkeit hält sich hartnäckig. Auch mit Umverteilung kommt man nicht dagegen an. Von Jürgen Kaube

 
Die Erzeugung erheblicher sozialer Ungleichheit wird oft als die Erbsünde der kapitalistisch genannten Wirtschaftsform bezeichnet. Neben dem ökologischen Raubbau gilt sie als größter Fehler der Gesellschaft, in der wir leben. Da diese Gesellschaft andererseits Gleichheit im strikten Sinne außerhalb von Gerichtssälen und Wahlkabinen zumeist nur als Erwartung kennt, lassen sich Ungleichheiten in ihr überall feststellen: ungleiche Vermögen, ungleiche Entlohnung, ungleiche Bildungs- oder Gesundheitschancen, ungleiche Repräsentation gesellschaftlicher “Gruppen”, ungleiche Lebenserwartungen und so weiter.
 
Fast möchte man sagen: Die Gesellschaft besteht aus Ungleichheiten. Frauen und Männer, Junge und Alte, Kapital und Arbeit, Land- und Stadtbewohner, länger schon Einheimische und Zugewanderte, Immobilienbesitzer und Mieter – die Liste der Unterscheidungen, die es erlauben, ungleiche Verteilungen nachzuweisen, ist jedenfalls endlos.
 
Der Soziologe Georg Simmel hat vor mehr als einhundert Jahren in einem “Märchen” unter dem Titel “Rosen” eine Hypothese zur sozialen Ungleichheit aufgestellt. Seine Geschichte beginnt in einer fiktiven agrarischen Gesellschaft, in der es eine gleiche Verteilung von Boden gibt. Alle haben ihr Auskommen, sofern sie, wie Simmel anmerkt, nicht mehr brauchen, als das Land hergibt, sofern sie also ihren Konsum an ihr Einkommen anpassen.
 
Nun beginnen einige der Landbesitzer zusätzlich, Rosen zu züchten. Es entsteht dadurch auffällige Ungleichheit. Simmel führt sie auf bereits bestehende Differenzen zurück: kleine Vermögensunterschiede, unterschiedliches Freizeitverhalten, der Rosenzucht verschieden günstige Bodenqualitäten, unterschiedliche Geschicklichkeit. Will sagen: Es braucht nicht viel, um einen Unterschied zu machen.
 
Aus den Rosen aber werden durch Ableger mehr Rosen, und die Rosenzüchter lernen hinzu, weswegen sie ihre Erzeugnisse immer mehr veredeln. Dadurch heben sie und ihre Gärten sich immer mehr von den Nichtrosenzüchtern ab. Unterschiede verstärken sich also.
Dagegen meldet sich Protest. Er gründet teils auf dem Gefühl für Ungerechtigkeit, teils auf der Bewunderung der Rosen, teils auch auf Empörung über die Zufälligkeit von Privilegien. Nicht nur in die Ungleichheit, sondern auch in die Forderung, sie zu beseitigen, gehen mithin verschiedene Motive ein. Simmel rät deshalb davon ab, im Ruf nach Umverteilung nur Neid zu erkennen.
 
Es kommt – Simmel schreibt 1897 im Zeitalter der aufsteigenden Sozialdemokratie, des Sozialismus und des Wohlfahrtsstaates – zum Kampf der Rosenbesitzer mit den Rosenumverteilern. Letztere gewinnen ihn nicht nur, weil sie die größere Gruppe sind. Dem Ideal sozialer Gerechtigkeit können sich nicht einmal die Rosenbesitzer ganz verschließen. Dass aus kleinen Unterschieden, gemischt mit Fleiß und Zufall, große Ungleichheiten wurden, vermochten selbst die Privilegierten nicht als historische Notwendigkeit, Gottes Wille oder als Gebot der Effizienz darzustellen.
Nun werden also die Rosensträucher umverteilt, damit alle welche haben. Der soziale Friede ist wieder hergestellt. Über kleine Unterschiede, die es nach wie vor gibt, weil eben nicht alle gleich gut im Rosenzüchten sind und die Sonne hier und da günstiger scheint, sieht man angesichts der großen erreichten Gleichheit zunächst hinweg. Aber so bleibt es nicht.
 
Hier setzt nämlich Simmels Kritik einer utilitaristischen Psychologie ein. Menschen haben für ihn jenseits der Deckung ihrer Grundbedürfnisse, für die im Märchen der Landbesitz steht, nicht irgendwelche Konsumpläne, deren Erfüllung sie befriedigt. Erreichen sie, was sie erstrebt haben, beruhigen sie sich dabei nicht. Vielmehr lebe das menschliche Empfindungsvermögen in jeder Sekunde von Vergleichen. Werden ihm nicht wechselnde Reize geboten oder ein Mehr und Weniger derselben Reize, erscheint ihm das Leben leer. Ununterbrochene Seligkeit werde “als eine ebenso ununterbrochene Langeweile gefürchtet”. Nicht die absolute Größe eines Glückes befriedigt also, sondern die relative Größe in Bezug auf vorherige Entbehrung.
 
Es ist leicht, für diesen von Ökonomen mitunter als “rank-happiness” bezeichneten Umstand Beispiele zu geben: Wer x-mal Deutscher Meister wurde, freut sich nur noch über Double und Triple und kündigt gern auch mal bei Tabellenplatz Zwei dem Trainer. Manager, die es zu allem gebracht haben, was sie einst erhofften, tendieren zu riskanteren Projekten, versuchen etwa von Porsche aus VW zu kaufen. Die Vorstellung von Julia und Romeo als Ehepaar wiederum ist sprichwörtlich dafür, dass eine andere Art von Glück gesucht werden muss, wenn es in der Dimension der ursprünglichen Erwartungen nicht mehr gesteigert werden kann.
 
Simmel zieht daraus den Schluss, auch eine starke Vermehrung oder Verminderung des Besitzes führe nach kurzer Zeit zur Anpassung des Gefühlslebens an die neue Situation. Die Unterschiede innerhalb des neuen Zustandes würden mit genau derselben Freude oder demselben Missfallen beantwortet wie die viel größeren Unterschiede, um die sich zuvor alles drehte.
 
In seinem Rosenmärchen knüpfen sich darum an die Unterschiede innerhalb des gleichverteilten Rosenbestandes bald dieselben Empörungen über Ungerechtigkeit wie einst an den Unterschied zwischen Haben und Nichthaben. Derselbe arrogante Stolz pocht nun nicht mehr auf den Besitz von Rosen, sondern auf den von Rosen besonderer Farbe, Größe, Duftnote. Dieselbe Verbitterung, die einst der gänzliche Mangel an Rosen entstehen ließ, löst nun das Gefühl aus, nicht über besondere Rosen zu verfügen.
 
Es leuchtet ein, dass bei all dem die Rosen gut durch andere Güter oder Symbole jenseits der Grundbedürfnisse ersetzt werden können. Simmel wählte Rosen für seine Schlusspointe, die Einsicht nämlich, dass es nichts Gleichgültigeres gebe als Rosen, “wenn die Natur an ihren Besitz doch dieselben Ungleichheitsgefühle knüpft, wie an ihre Entbehrung”.
 
Das vollzieht den Schritt von einer Psychologie der Ungleichheit zu ihrer Soziologie: Entscheidend für das Gefühl des Habens und Entbehrens sei nicht, ob man selbst etwas hat, sondern ob die anderen es haben oder entbehren. Dieses Gefühl verfeinert sich mit jeder Umverteilung, um sich mit derselben Energie Unterschieden zu widmen, die älteren Kämpfern für einfachere Gleichheiten gar nicht verständlich gewesen wären. Zusätzlich stellt der technologische Fortschritt immer weiteren Komfort in Aussicht, den zunächst die einen genießen, aber nicht die anderen. So wird die Gesellschaft immer empfindlicher für Ungleichheit, ohne jemals bei ihrem Gegenteil ankommen zu können.
 
 
Georg Simmel: “Rosen. Eine soziale Hypothese”, in: ders. Gesamtausgabe Band 17, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004.
 

8 Lesermeinungen

  1. BGrabe02 sagt:

    Fehlendes Leistungsprinzip
    Umverteilung kann keinen sozialen Ausgleich schaffen,weil sie viel zu undifferenziert und interessegesteuert geprägt ist.
    Sie ist effektiv auf die sozialen Minima beschränkt.
    Das die Ungleichheit zu nimmt, hat eher was mit den ungleichen Einkommensentwicklungen zu tun, da Status und Knappheit heute stärker das Einkommen bestimmen als Leistung.
    Was auf kostender Löhne und Gehälter geht, die beides nicht haben oder nur in geringerem Maße.
    Ob es uns gefällt oder nicht, die mesitne akademiker sind überbezahlt und schaffen eben nicht den Mehrwert, der ihrer Ausbildung zugesprochen wird.
    Weil trotzdem besser bezahlt wird, muss jemand anders dafür Federn lassen,meist klassisch Ausgebilderte oder Geringqualifizierte.
    Echter sozialer ausgleich ist jedoch nur mit vergleichsweise hohen Löhnen am unteren Ende möglich.
    Dafür aber ist es unverzichtbar die Grenzhoheit im Warenverkehr zurückzugewinnen, die verhindern das dort mit den niedrigsten Löhnen anderswo konkurriert werden muss.
    Au fDauer werden wir uns den “Reichtum” der ungehemmten Globalisierung nicht leisten können,weil er auf lange Sicht nur Wenigen wirklich nützt.

  2. Machefa sagt:

    Gerade der undifferenzierte Journalismus ...
    ist es, was die Leute – leider immer öfter mit einem dumm-dumpfen Schrei aus der Magengrube – umtreibt.
    Als erstes gilt es zu unterscheiden(!) ob die Unterschiede natürlich bedingt sind – Frau-Mann, groß-klein usw. – oder systemisch bedingt sind.
    Dabei ist das Rosenmärchen zwar nett, aber wenig hilfreich. Es geht doch heute (um doch noch kurz bei dem Gleichnis zu bleiben) nicht mehr darum, ob jemand z.B. eine Rose mehr hat, sondern darum ob er überhaupt eine anbauen kann.
    In einer Zeit in der es z.B. Hedgefonds gelungen ist in Land zu investieren um daraus möglichst viel Profit/Geld zu schlagen, hat der Landwirt gar keine Gelegenheit mehr um über “Rosen” nachzudenken.
    In einer Zeit in der der Kapitalismus das Schlaraffenland der oberen wenigen Prozente ist, braucht mir keiner mit Rosenmärchen zu kommen.
    Oder das Märchen von den Leistungsträgern . . .

  3. SSpeitelsbach sagt:

    Balzverhalten
    Es geht hier nicht um das Decken von Grundbedürfnissen, sondern darum sich gegenüber seinen Mitmenschen einen Fortpflanzungsvorteil zu verschaffen. Die Rosen sind Balzsymbole. Es geht nicht darum zu haben, sondern mehr zu haben, als sein Rivale. Dasselbe wie bei den Federn von Pfauen. Die Absolute Schönheit der Federn ist irrelevant, Ausschlaggebend ist die relative Schönheit im Vergleich zu den Federn anderer Pfauen.

    Es gibt Liebespaare, denen ist der Besitz anderer egal. Ihr Glück ist absolut, nicht relativ, was den größten Neid auslöst.

  4. ilgaforkanzlerin sagt:

    Ungleichheit und Faulheit sind der Motor allen Fortschritts
    Faulheit (gepaart mit Pflichtbewußtsein )und Ungleichheit haben uns dahin gebracht, wo wir sind. Den Menschen auf dem Planeten geht es besser als vor 100.000 Jahren. Faulheit, gepaart mit Pflichtbewußtsein führt zu Effizienz. Ungleichheit führt zu dem Willen nach Veränderung und üblicherweise auch zu gesamtgesellschaftlichem Fortschritt. Wenn auch einige immer mehr von Entwicklungen profitieren als andere, profitieren doch alle am Ende mehr, als wenn Stillstand und immerwährende Gleichheit geherrscht hätte.

    Das weiter auszuführen würde mehr als die noch freien 5400 Zeichen brauchen. Ich belasse es deshalb dabei. Hoffe aber, daß vor wildem Widerspruch kurz offenen Geistes nachgedacht wird.

  5. ErnstSinnFrei sagt:

    Titel eingeben
    So wird diese “Debatte” niemals enden und die Situation auch nicht. Um was es wirklich geht, bleibt außen vor. Die Abschaffung und Vermeidung von bitterer Armut und zunehmender Altersarmut, sowie den absurden Reichtumsverhältnissen von Millionären und Milliardären . Die Menschen würden doch nichts vermissen und das Geld bleibt im Kreislauf. Den Superreichen könnte es sogar Freude bereiten.

  6. ursula1960 sagt:

    Der Regenbogenfisch
    Dieses Buch wird nach wie vor in Kindergärten den armen Kindern vorgelesen.
    Ich habe noch nie verstanden, wie Eltern ihren Kindern so etwas vorlesen können. Der Regenbogenfisch wird von den anderen erst geliebt, als er seine wunderbaren Schuppen ausreißt und sie Stück für Stück an die anderen Fische verteilt.
    Dann sind angeblich alle glücklich und der Regenbogenfisch darf mitspielen.

    Vielleicht bin ich aber auch nur auf den Autor neidisch, der sich mit dem Buch und allerlei Zubehör dumm und dämlich verdient hat.

  7. erathostenes sagt:

    Titel eingeben
    Hierzu auch Die Fabel Animal Farm (Farm der Tiere) von George Orwell

  8. vcaspari sagt:

    Die Legitimation der Ungleichheit
    Dass Ungleichheit besteht oder aufkommt, ist eigentlich trivial. Doch wie man sie begründet und legitimiert, ist das Problem. Der eine hat eine Glatze, der andere nicht! Ist diese Ungleichheit ungerecht? Eigentlich nicht, obwohl sich der Mann mit Glatze darüber ärgern mag. Nun kommt die Umverteilung: Der mit dem vollen Haar rasiert sich freiwillig eine Glatze und schon sind beide glücklich! Würde der mit vollem Haar zur Glatzenrasur gezwungen, wäre der mit natürlicher Glatze immer noch glücklich, aber wäre das auch gerecht, d.h. legitimierbar?
    Ist also der Wunsch nach Gleichheit, der oft aus der Vergleicherei folgt, auch mit Gerechtigkeit vereinbar?

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