Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Wenn Ökonomen irren

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Mark Twain wird der Satz zugeschrieben, Geschichte wiederhole sich nicht, aber sie reime sich. Die aktuellen ökonomischen Diskussionen erinnern zunehmend an die Debatten vor einem halben Jahrhundert: Der Wille zur Erneuerung geht mit großem Vertrauen in die Machbarkeit einer von Ökonomen beratenen Politik einher. Dieser Beitrag erzählt die Geschichte des erschütternden praktischen Scheiterns einer Theorie in einer damals potenten Volkswirtschaft. Die Ökonomen, die zu diesem Scheitern beigetragen hatten, waren alles andere als Dummköpfe. Ihre Geschichte belegt eine leider zeitlose Erkenntnis: Intelligenz und Sachkunde bieten keinen zuverlässigen Schutz vor ideologischer Verblendung und missionarischer Selbstüberschätzung.

 

Vorgeschichte: Eine Wissenschaft der Dinge

Von seinen Anhängern wird Piero Sraffa als “einer der herausragenden Denker aller Zeiten” (Pier Luigi Porta), als “zusammen mit Keynes wahrscheinlich der größte Ökonom des 20. Jahrhunderts und eine der herausragenden Figuren in der Kultur Europas in seiner Zeit” (Alessandro Roncaglia) und als “einer der sehr großen Politischen Ökonomen des vergangenen Jahrhunderts” (Heinrich Bortis) gefeiert dank eines Werks, das sich als “ziemlich einzigartig in der Geschichte des ökonomischen Denkens” (Gilles Dostaller) beschreiben lässt. Nicht vollständig wäre eine solche Heiligenverehrung ohne eine Mystifizierung: “Piero Sraffa ist ein Rätsel. Dieses Substantiv fasst alles zusammen” (Luigi Pasinetti). Natürlich kann die Wirkung eines solch außerordentlichen Mannes nicht gering gewesen sein: “Nach Sraffa ist die Volkswirtschaftslehre nicht mehr, was sie war” (Heinz D. Kurz und Neri Salvadori).

Eine vergleichbare Neigung zur Hagiografie ist allenfalls unter Verehrern von Karl Marx und Ludwig von Mises beobachtbar. Und kaum zufällig lassen sich sowohl für Sraffa als auch für nicht wenige seiner Verehrer wohlwollende Bezüge zu Marx’ Werk nachweisen. Viele Ökonomen im jungen 21. Jahrhundert dürften das grenzenlose Rühmen Sraffas kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen. Sehr wahrscheinlich hat die Mehrheit nicht einmal seinen Namen gehört.

Piero Sraffa (1898 bis 1983) stammte aus Turin und lebte seit der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Cambridge. Ähnlich wie Ronald Coase hat Sraffa, der auch Nahestehenden keine tiefen Einblicke in seine Arbeit gestattete, nur wenig Eigenes veröffentlicht. Eine Meisterleistung war die Herausgabe der Gesammelten Werke des klassischen britischen Ökonomen David Ricardo, an der er über mehr als zwei Jahrzehnten gearbeitet hatte. Über jugendliche Studien zu Marx und die intensive Beschäftigung mit Ricardo wurde Sraffa zu einem Anhänger der ökonomischen Klassik. Und über seine eigenen Arbeiten prägt er bis heute die Wahrnehmung dieser Epoche in der Theoriegeschichte.

Daher wird die von Sraffa begründete Schule in Erinnerung an Ricardo auch als “Neoricardianismus” und ihre Mitglieder als “Neoricardianer” bezeichnet. Die Hochburg der Schule befand sich in Italien. Ihre wichtigsten Vertreter im deutschen Sprachraum sind Bertram Schefold (Frankfurt) und Heinz D. Kurz (Graz). Auch in anderen europäischen Ländern fand Sraffas Werk in den vergangenen Jahrzehnten Anhänger, aber es fiel der Schule schwer, den Atlantik zu überqueren.

Im Jahre 1960 veröffentlichte Sraffa ein Buch mit dem Titel “Warenproduktion mittels Waren”. Es ist eines der merkwürdigsten ökonomischen Werke, geschrieben von einem der  merkwürdigsten Ökonomen. Das Buch, mit dessen Entwicklung Sraffa schon mehr als 30 Jahre zuvor begonnen hatte, umfasst nur rund 100 Seiten und zitiert als neueste Quelle den im Jahre 1883 gestorbenen Karl Marx. Die Mainstream-Theorie, die Sraffa mit seinem Werk angreifen will, kommt in seinem Buch nicht ausführlich vor. Institutionen findet man nicht, auch keine sorgfältig ausgearbeitete Rolle des Staates.

Der Sraffa verbundene Ökonom Luigi Pasinetti konstatiert, Sraffa “stellt keinen Bezug zu irgendeinem historischen Kontext her, er erwähnt keine Art eines ‘ökonomischen Agenten’. Er vermeidet vorsichtig jede Annahme über menschliches Verhalten, Marktstrukturen, Wettbewerb, Skalenerträge. Er weicht sogar einer spezifischen Position bei der Verteilung aus”. Einmal kommt ein Geldzins vor, aber eine Geldwirtschaft analysiert Sraffa nicht wirklich.

Sraffa will wie die klassischen Ökonomen Aussagen über langfristige Verhaltensweisen der Wirtschaft treffen. Aber sein Modell ist im Kern statisch. Und wie die Klassiker interessiert er sich  für das gesamtwirtschaftliche Angebot und nicht für die Nachfrage. Pointiert gesagt: Das Ganze wirkt wie komplett aus der Zeit gefallen.

Mithilfe menschlicher Arbeit werden in einzelnen Wirtschaftszweigen Inputs zu Outputs verarbeitet. Unter der Annahme einer in allen Wirtschaftszweigen gleichförmige Profitrate entstehen in Sraffas Modellwelt Gleichungssysteme, die zeigen, wie sich bei einer gegebenen Technik und Inputs von Arbeit und Rohstoffen objektiv langfristige relative Preise von Waren bilden.

“Wenn ein Mann vom Mond auf die Erde fiele und die Mengen an Dingen notierte, die in jeder Fabrik verbraucht werden und die Mengen an Produkten, die jedes Jahr in allen Fabriken verbraucht werden, würde er ableiten, zu welchen Werten die Waren verkauft werden, wenn der Zinssatz gleichförmig ist und der Produktionsprozess sich wiederholt”, schrieb Sraffa. “Zusammengefasst zeigen die Gleichungen, dass sich die Tauschbedingungen alleine aus den Produktionsbedingungen ergeben.”

Kurz: Sraffas Wirtschaftswissenschaft ist nach seinen eigenen Worten eine “Wissenschaft der Dinge”, keine Wissenschaft der Menschen. “Es ist ein Schnappschuss eines Produktionssystems zu einem bestimmten Zeitpunkt”, erläutert Axel Leijonhufvud. “Es ist in der Lage, sich zu reproduzieren, aber die Mengen verändern sich nicht; sie werden konstant gehalten.  Die Allokation der Ressourcen wird nicht erklärt. Stattdessen richtet sich das Augenmerk darauf, eine logische Grundlage für eine objektive Messung zu finden. Es ist ein System für eine kohärente, intern konsistente gesamtwirtschaftliche Buchführung.”

Uns interessiert vor allem die Frage nach den wirtschaftspolitischen Folgerungen. Die Antwort lautet: Aus dem Modell der Produktion folgt zunächst einmal nichts. “Sraffas Buch ist nach allem ein perfektes Beispiel dafür, was manche Ökonomen für falsch an den Wirtschaftswissenschaften halten: Kaum ein Satz in dem Buch befasst sich mit der realen Welt und es ist völlig offensichtlich, dass es Sraffa sehr darauf ankommt, praktische Relevanz gegen logische Strenge einzutauschen”, schrieb Mark Blaug.

Diese Aussage trifft zu, auch wenn Sraffa mit dem Untertitel “Eine Einleitung zu einer Kritik ökonomischer Theorie” den Anspruch seines Buches eingrenzt – und eine wohl geplante Fortführung später nie zustande gekommen ist.

Gleichwohl wurde Sraffas Buch von Wohlmeinenden als ein “epochales Werk” (Maurice Dobb) gefeiert, auch wenn man für die Art seiner Analyse Vorgänger aus der Mitte des 20. Jahrhunderts entdeckt hat. In den ersten 15 Jahren nach dem Erscheinen wurde das Buch nach Angaben Dostallers in 360 Publikationen zitiert.  Im Zeitalter von Google Scholar mag diese Zahl nicht beeindrucken. Aber für die damaligen Verhältnisse, als es noch kein Internet und viel weniger Ökonomen gab als heute, darf diese Resonanz für ein rein theoretisches Werk eines Außenseiters, der sich über Jahrzehnte von aktuellen ökonomischen Debatten weitgehend ferngehalten hatte, als sehr respektabel betrachtet werden.

Alleine rund ein Drittel der Referenzen befassen sich mit der Frage des Verhältnisses von Sraffa zu Marx. Dies nicht zuletzt, weil Sraffa im Unterschied zu Marx sein Produktionsmodell ohne die sehr umstrittene Arbeitswerttheorie formuliert hatte und sich die Frage stellte, ob Sraffa Marx damit obsolet gemacht hatte. In den sechziger und frühen siebziger Jahren war das auch im Westen in intellektuellen Kreisen durchaus ein Thema.

Auf die Frage, warum Sraffas Buch eine so große Aufmerksamkeit fand, nennt Schefold in einem kürzlich erschienenen  Aufsatz im Wesentlichen zwei Gründe: Sraffa gab die Möglichkeit, theoretische Grundlagen des Mainstreams frontal zu attackieren und er erlaubte eine Wiederkehr des Interesses an den Arbeiten der klassischen Ökonomen wie Adam Smith und David Ricardo.

Beides stimmt natürlich. Aber es existiert noch ein dritter handfester Grund: Sraffas Werk ließ sich für eine bestimmte, im damaligen politischen und gesellschaftlichen Umfeld sich ausbreitende politische Richtung instrumentalisieren. “Sozialistische Leser haben den Eindruck, dass Sraffas Buch ihre politischen Überzeugungen unterstützt”, konstatierte Joan Robinson.

Wirtschaftspolitisch interessant wird es mit der Frage, wie sich in Sraffas Wirtschaft die Produktion auf Arbeiter und Unternehmer aufteilt. Hier kommt der Clou aus Cambridge: Im eklatanten Unterschied zur Theorie des Mainstreams gelangt Sraffa zu dem Postulat einer von der Produktion völlig unabhängigen Verteilung! Zu jeder Produktion, die sich aus einer bestimmten Technik ergibt, lassen sich eine Vielzahl von Kombinationen denken, wie sich die Produktion auf die Arbeiter und die Kapitalisten verteilt. Man muss in diesem Modell einen der beiden Verteilungsparameter setzen; daraus bestimmt sich der andere Parameter automatisch.

Im Mainstream ergibt sich die Verteilung mit der Produktion durch Angebot und Nachfrage nach Gütern und Produktionsfaktoren (Kapital & Arbeit). In der Klassik und bei Sraffa wird die Verteilung außerhalb des Modells bestimmt: Die Klassiker wie Ricardo gingen davon aus, dass die Arbeiter eine Art Subsistenzlohn erhalten und der Rest fällt als sogenannter “Surplus” an die Kapitalisten. Sraffa übernahm dies nicht; in seinem Modell kann man wahlweise den Lohn oder die Profitrate vorgeben. 1)

Damit öffnet Sraffa neben der strengen Logik, mit der er aus der Zusammenführung von Produktionsfaktoren langfristige Preisverhältnisse ermitteln will, eine zweite Ebene, die er selbst aber nicht bearbeitet hat. “Dann diskutiert man auf einer anderen Ebene , wie sich die Mengen, die Beschäftigung und die Verteilung über die Zeit hinweg und unter dem Einfluss kontingenter historischer Faktoren verändern”, erläutert Schefold. “So entsteht der für die Vertreter anderer ökonomischer Schulen merkwürdige Kontrast zwischen dem Formalismus des neoricardianischen Preismodells und den ausgreifenden, meist verbal ausgedrückten ökonomischen Überlegungen zu Akkumulation, Verteilung und Beschäftigung.”

Diese Zweiteilung der Ebenen nimmt ein Verständnis auf, das zwischen dem späten 18. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Klassischen Epoche angetroffen werden konnte:  “Die Verteilung des Wohlstands… hängt von den Gesetzen und Gebräuchen einer Gesellschaft ab. Die Gesetze, die sie bestimmen, sind, was die Meinung und die Gefühle des herrschenden Teils einer Gemeinschaft daraus macht und sie sind sehr unterschiedlich in unterschiedlichen Zeitaltern und Ländern.” (John Stuart Mill).

Bei den “ausgreifenden, meist verbal ausgedrückten ökonomischen Überlegungen” handelte es sich in der Praxis neben ökonomischen Betrachtungen um auch aus der Geschichtswissenschaft, der Rechtswissenschaft, der Politologie und der Soziologie entnommene Versatzstücke, mit denen sich wortgewaltig, aber auch ohne die argumentative Strenge des ökonomischen Modells zum Beispiel über Verteilungsnormen diskutieren ließ. Ein kundiger, über die engen Fachgrenzen blickender Ökonom kann auf dieser zweiten Ebene interessante und lehrreiche Untersuchungen anstellen; erwähnt sei Schefolds Forschungsprogramm zum Vergleich von Wirtschaftsstilen (hier und hier).

Aber in den verrauchten Studentenkneipen der sechziger und siebziger Jahre, in den Büros von Gewerkschaftsfunktionären, in Parteizentralen  und auch auf Lehrstühlen besaß die zweite Ebene aus ganz anderen Gründen einen überwältigenden Charme: Wer sich auf der ersten Ebene mit Sraffas Preismodell intensiv befassen wollte, musste Matrizenrechnung meistern. Das war nicht jedem gegeben. Wer auf der zweiten Ebene den Arbeitern mit Verweis auf die seit dem 19. Jahrhundert beklagte Ausbeutung eine kräftige Lohnerhöhung bescheren wollte, brauchte nur die entsprechende Gesinnung und die Bereitschaft zur Umwälzung von “Gesetzen und Gebräuchen”. Man ahnt, wohin die Asymmetrie zwischen den beiden Ebenen in der Praxis führte. 

Eine Hoffnung der Neoricardianer war, durch das die zweite Ebene kennzeichnende “Paradigma ohne Merkmale” (Leijonhufvud) Anhänger anderer heterodoxer Schulen anzuziehen und für den Kampf gegen den Mainstream zu mobilisieren. Wer sich die aktuelle Lage anschaut, erkennt auch im Jahre 2020 Versuche heterodoxer Schulen, sich unter dem Dach eines wie auch immer definierten “Pluralismus” zu versammeln. Nach aller Erfahrung funktionieren solche Bündnisse, solange sie gegen einen gemeinsamen Feind antreten. Der Bau einer gemeinsam nach vorne weisenden Plattform erweist sich als schwieriger. 

In der Bewertung der wirtschaftspolitischen Bedeutung des Neoricardianismus interessiert uns seine theoretische Kritik am Mainstream wenig. Dies mag erstaunen, weil über dieses Thema im Laufe der Jahrzehnte sehr viel unschuldige Tinte vergossen worden ist. Es waren Neoricardianer, die zusammen mit radikalen Keynesianern aus Cambridge in den sechziger Jahren mit dem Mainstream die sogenannte Kapitalkontroverse ausfochten.

Darin gelang es den Kritikern, theoretische Defizite in einer älteren, gleichwohl immer noch populären Version der Kapital- und Verteilungstheorie des Mainstreams nachzuweisen. Damit sahen sie die These unterminiert, die Verteilung der Wirtschaftsleistung auf die Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit müsse sich im Sinne ökonomischer Effizienz nach klar definierten Kriterien richten. Beseitigen wollten die Kritiker vor allem die Vorstellung, Lohnpolitik müsse sich an der Produktivität ausrichten, weil ansonsten Arbeitslosigkeit drohe. Das Kampfobjekt war nichts weniger als eine der wichtigsten Bastionen des ökonomischen Mainstreams.

Damals glaubten einige Kritiker allen Ernstes, sie hätten mit dem Gewinn einer rein theoretischen Debatte gleich dem ganzen Kapitalismus das Totenglöcklein geläutet. Ein Zeuge der Ereignisse war der spätere Nobelpreisträger Amartya Sen, der in Cambridge studierte. Sen wies eine Beteiligung an der Kontroverse mit dem Argument zurück, das Schicksal des Kapitalismus werde nicht davon abhängen, ob in einem theoretischen Modell Probleme entdeckt würden.

Diese Feststellung, zu der man nicht die Gabe eines Propheten, sondern eigentlich nur gesunden Menschenverstand benötigte, wurde von den wackeren Streitern gegen den Mainstream mit völligem Unverständnis aufgenommen. Natürlich kam es wie von Sen vorausgesagt: Die Kapitalkontroverse ist eine Episode in der Theoriegeschichte, aber der Kapitalismus lebt immer noch. 

“It takes a model to beat a model.” Dieser moderne Ökonomen so geläufige Satz erklärt, warum theoretische Kritik am Mainstream, wie begründet sie auch immer sein mag, uns hier nur wenig beschäftigt. Kritik an der herrschenden Lehre bleibt folgenlos, solange die Kritiker selbst über kein attraktives Modell verfügen, das auch in der Wirtschaftspolitik Anwendung finden kann. Wir wollen uns daher anschauen, was Sraffas Adepten  in der Praxis gemacht haben.

Nach unserer Kenntnis findet sich nur ein größeres Land, in dem Sraffas Gedanken vorübergehend Einfluss auf die Wirtschaftspolitik erhielten: Bella Italia.2)

Erster Akt: Rom, im Herbst 1969

Das Thema der 10. Tagung  der Vereinigung der italienischen Volkswirte lautete “Essenz und Grenzen des Marginalismus”. Das Thema versprach eine damals sehr verbreitete Kritik am ökonomischen Mainstream und dessen Überzeugung, die Lohnpolitik solle sich an der Produktivitätsentwicklung ausrichten. Mit Kritik alleine wollten sich jene Ökonomen, die sich damals als progressiv verstanden, allerdings nicht begnügen.

Ihre Absicht war, eine sehr viel aggressivere Lohnpolitik mit einem alternativen theoretischen Modell zu begründen. Hierzu eignete sich Sraffas Arbeit, denn in seinem Modell besitzt die Lohnpolitik bekanntlich einen Freiheitsgrad, den sie im Mainstream gar nicht haben kann. Die Befürworter einer aggressiven Lohnpolitik leiteten aus Sraffas Modell die Aufforderung zu einer Art organisiertem Klassenkampf her, in dem Gewerkschaften im Zweifel durch harte Konflikte mit den Arbeitgebern kräftige Lohnerhöhungen durchsetzen.

Sraffa schien das zu sein, was in zahlreichen Ländern eine politische Linke suchte, die sich zwischen einer moderaten Sozialdemokratie (die eine nach Ansicht von Kritikern weichgespülte Version von Keynes für sich beanspruchte) und harten, auf die Revolution hoffenden Marxisten verortete. Angesichts der politischen Präferenzen Sraffas war es unwahrscheinlich, dass er einer solchen Vereinnahmung widersprechen würde. Er tat es auch nicht. Der “gute Linke”, der mit Autorität für die benachteiligten Menschen eine politisch gefällige Weisheit verkündet, ohne die Revolution mit all ihren schwer kalkulierbaren Risiken zu verlangen, und der daher die Massen bewegen konnte – endlich schien er gefunden.

Ein Freiheitsgrad für eine expansive Politik war verheißungsvoll gerade in einer Zeit, in der viele Menschen in unterschiedlichen Lebensbereichen nach mehr Freiheit strebten – die Achtundsechziger-Revolution hatte auch in Italien ihre Spuren hinterlassen. Einengende Ketten zu sprengen, das ist vor allem in Zeiten, die vermeintlich nach grundlegendem Wandel und nach einem “neuen Denken” verlangen, ein verbreitetes Verlangen. Alte, durchaus auch erprobte Theorien, die dem Strengen der Ketten im Wege stehen, müssen widerlegt, und wenn das nicht funktioniert, diffamiert und weggeräumt werden.

Das ist heute wieder der Fall, wo an die Stelle der Ideen der Achtundsechziger die  Idee eines neuen Verständnisses von Wirtschaft und Gesellschaft im Zeitalter eines Klimawandels tritt. Mit Blick auf die aktuelle Diskussion schreibt Stefan Kooths: “Unter linken Ökonomen ist es derzeit en vogue, die heutige Welt nahe am Ideal einer „neoliberalen Orthodoxie“ zu verorten und diese so für alles Ungemach verantwortlich zu machen. Dieses Zerrbild geht einher mit Rundumschlägen gegen alles Etablierte im ökonomischen Denken.”

Vermeintlich neue Ideen, die an die Stelle des Etablierten treten sollen und häufig kaum mehr sind als alter Wein in neuen Schläuchen, lassen sich schnell finden. Vor 50 Jahren waren dies unter anderem Ideen aus dem Werk Sraffas, heute sind es Konzepte wie die Modern Monetary Theory (MMT) oder der Gedanke, bei einem aktuell unter der Wachstumsrate der Wirtschaft liegenden Zinssatz sei Staatsverschuldung nahezu unbegrenzt und ohne jede Verteilungswirkung über die Generationen hinweg machbar. MMT lässt sich, nur wenig verkürzt, als eine Kombination von Abba Lerners Idee der “Functional Finance” mit Georg Friedrich Knapps Chartalismus begreifen.  Doch Vorsicht: Der schon erwähnte Mark Blaug verglich ökonomische Lehren, die der Politik keine Grenzen zu setzen scheinen, einmal mit “Tennis ohne Netz”.

So spielten Ökonomen vor einem halben Jahrhundert in Italien. Mit der wachsenden politischen Bedeutung der Linken und speziell der Kommunistischen Partei Italiens, die im Zuge des sogenannten “Eurokommunismus” nach Unabhängigkeit von Moskau und einer Regierungsbeteiligung in Rom auch mit bürgerlichen Parteien strebte, schien der Acker für “progressive” Ökonomen gut bestellt. Ezio Tarantelli, der später von den Roten Brigaden ermordet wurde, schrieb:

“Die am weitesten akzeptierte Theorie der Einkommensverteilung ist zumindest in Italien die von Sraffa entwickelte… Diese Theorie hat all jenen Ökonomen ein befreiendes Bad beschert, die, aus meiner Sicht zurecht, glauben, dass die Einkommensverteilung zwischen Löhnen und Profiten eine Frage der relativen Macht zwischen den beiden (oder mehreren) Klassen von Einkommen, und nicht eine Größe, die alleine auf der Basis von Technologie bestimmt werden kann.”

Unumstritten waren Sraffas Anhänger in der Linken nicht. Die traditionellen, häufig moskautreuen Marxisten schauten mit Abscheu auf die an einer linken Reformpolitik orientierten Neoricardianer, weil sie in ihnen Verräter an der revolutionären Idee sahen. So rügte der Ökonom Claudio Napoleoni, dass in Sraffas Produktionsmodell die historische Dimension eines für Krisen anfälligen Kapitalismus nicht berücksichtigt würde. Reformbereite Marxisten wiederum sahen in den Neoricardianern Konkurrenten um Macht und Einfluss. Und schließlich arbeiteten in Italien nicht wenige Keynesianer – einige vom moderaten sozialdemokratischen Typus, andere zu weitreichenden Eingriffen ins Wirtschaftsleben bereit.

Sraffa kannten damals nicht nur hoch motivierte Ökonomen, die das Herz auf dem linken Fleck trugen. “Sraffa wurde ein nationales Symbol, auf das sich radikale politische Ökonomen gerne beriefen”, schreiben Markus Brunnermeier, Harold James und Jean-Pierre Landau in ihrem Buch über den Euro. “Gewerkschaften schmückten ihre Streiktransparente mit seinen Porträts.” Der Linksruck erfasste sogar Teile der italienischen Wirtschaft. So veröffentlichten mehrere Großbanken Fachzeitschriften, in denen radikale Ökonomen publizieren konnten. Der in Cambridge zurückgezogen lebende Sraffa, der zu scheu war, um Vorlesungen zu halten, hatte es in der öffentlichen Wahrnehmung weit gebracht.

Weit brachten es auch die Gewerkschaften mit ihren Versuchen, das Land in den Klassenkampf zu führen. Die Zeit schien günstig, weil die Wirtschaft in Italien zwischen 1950 und 1969 kräftig gewachsen war. Der Süden litt zwar schon damals unter hartnäckigen strukturellen Problemen, aber der industrialisierte Norden mit seiner gut ausgebildeten Arbeiterschaft war durch zahlreiche wettbewerbsfähige Unternehmen geprägt. Der Wechselkurs zwischen der Lira und der D-Mark war in weitgehend stabil gewesen. Die in Deutschland verbreitete Erzählung, Italien funktioniere nur als Schwachwährungsland, war bis in die frühen siebziger Jahre hinein nachweislich falsch.

Dann geschah Folgendes:

                                                    Wachstumsraten (%)

                             Nominallöhne        Reallöhne         Arbeitsproduktivität

1968-1969                6,8                             4,8                             5,9

1970                        19,9                           15,0                             6,2

1971-1972              10,9                             5,6                             3,8

1973-1975              22,7                              7,1                            2,4

 

Die lange Zeit in der Tradition des Mainstreams stehende, sich nicht weit von der Produktivitätsentwicklung entfernende Lohnpolitik lief ab dem Jahre 1970 völlig aus dem Ruder. Die Arbeiter nahmen, wie man damals sagte, einen äußerst kräftigen “Schluck aus der Lohnpulle” – und das mit Billigung durch eine wissenschaftliche Autorität aus Cambridge! Auch wurden zahlreiche Regulierungen des Arbeitsmarkts beschlossen.

Gleichzeitig sorgte ein Einfluss fundamentalistischer Keynesianer  für eine durch Verschuldung finanzierte Ausdehnung der Staatstätigkeit, mit der die Investitionsausgaben unterstützt werden sollten. Und als in den frühen siebziger Jahren das Wechselkurssystem von Bretton Woods zusammenbrach und die Geldpolitik nicht mehr durch Rücksichtnahme auf den Wechselkurs gebunden war, besaßen alle drei Bereiche der makroökonomischen Politik – Geldpolitik, Finanzpolitik und Lohnpolitik – offenbar Freiheitsgrade. Nach den damaligen Überzeugungen musste dies auf das Wirtschaftswachstum positiv wirken.

Die  dem ökonomischen Mainstream weiterhin verbundenen Ökonomen wurden in den Hintergrund gedrängt, aber nicht alle gaben ihre Überzeugungen auf. Nicht nur in Italien sahen die nun dominierenden linken Ökonomen den Mainstream in einer schweren Krise und die marktwirtschaftliche Ordnung kurz vor dem Kollaps. Wie es so geht, führten sich die lange verlachten, aber nun schnell aufgestiegenen vermeintlichen Sieger gegenüber den vermeintlichen Verlierern intolerant und verletzend auf. Der in Amerika lehrende moderate Keynesianer Franco Modigliani (ein späterer Nobelpreisträger), dem die Lohnanstiege viel zu schnell gingen, wurde in seinem italienischen Heimatland als “wahrer Feind der Arbeiterklasse” bezeichnet; ein “moralischer Abgrund”  trenne Modigliani von den wahren linken Ökonomen, hieß es gar. Das war mehr als schäbig.

Zweiter Akt: Rom, im März 1976

Euphorie und Hochmut sind kurzlebige Phänomene. Schon zu Beginn des Jahres 1976 drohte die Wirtschaft in einer unheilvollen Spirale von hoher Inflation, einer Verschlechterung der Leistungsbilanz und einer Abwertung der Lira, die eine noch höhere Inflation begünstigte, zu versinken. Die Ölkrise des Jahres 1973 hatte die italienische Wirtschaft ebenso wie die Volkswirtschaften anderer Industrienationen getroffen. Aber kein großes Industrieland befand sich Mitte der siebziger Jahre in einer ähnlich schwierigen Situation wie Italien.

Die Verteuerung des Öls hatte zu einem Inflationsprozess lediglich beigetragen, der durch eine Kombination aus starken Lohnanstiegen und einer expansiven Geld- und Lohnpolitik wesentlich im eigenen Land in Gang gesetzt worden war. Das Wirtschaftswachstum war kollabiert; die Inflationsrate stieg zwischen 1970 und 1975 von 5 auf 17 Prozent und schickte sich an, weiter zu klettern. Anfang der achtziger Jahre lag sie gar bei über 20 Prozent. Um Reallohnverluste der Arbeiter zu verhindern wurde 1975 im Jahre im Zuge der  berühmt berüchtigten scala mobile die Nominallohnentwicklung an die Inflationsrate gekoppelt. Das förderte die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale.

Im März 1976 lud das Studienzentrum der im Aufwind befindlichen Kommunistischen Partei Italiens zu einer Konferenz ein, an der sich nicht nur den Kommunisten nahestehende Ökonomen beteiligten. Bemerkenswert an dieser Konferenz war vor allem eine Intervention des kommunistischen Parteiökonomen Eugenio Peggio, in der er, dem ebenfalls anwesenden moderaten Keynesianer Modigliani folgend, die von den Neoricardianern vertretene These des Freiheitsgrads in der Lohnpolitik mit Blick auf die internationalen Entwicklungen kritisierte: “Im Allgemeinen und auf mittlere Sicht muss man sich bewusst machen, dass sich die Dynamik der Lohnstückkosten nicht wesentlich von dem unterscheidet, was in Ländern geschieht, mit denen Italien im Wettbewerb steht. Diese Bedingung ist notwendig, um zu garantieren, dass Italien weiterhin eine offene Wirtschaft bleiben kann, ohne protektionistische Konzessionen machen zu müssen.”

Eine international eng verflochtene Volkswirtschaft muss in ihrer Binnenpolitik die Wirkung auf die Außenwirtschaftsbeziehungen im Blick behalten. Es schien, als hätten Sraffas Adepten diese Erkenntnis zumindest unterschätzt, obgleich sie im Schrifttum der klassischen Ökonomen ausgiebig erörtert wurde. Ein Versuch der umfangreichen Substitution von Importgütern – eine in Schwellenländern mit unterschiedlichem Erfolg erprobte Strategie – in Verbindung mit Protektionismus kam nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen nicht in Frage. Die seit dem Jahre 1972 unter Führung des charismatischen Generalsekretärs Enrico Berlinguer stehende Kommunistische Partei strebte im Rahmen eines sogenannten “historischen Kompromisses” eine Regierungsbeteiligung an und hatte mit Blick auf die Mitglied Italiens in der Nato und in der Europäischen Union kein Interesse, als unsicherer Kantonist zu erscheinen. Daher war sie an einem Bekenntnis zu Freihandel und Marktwirtschaft interessiert.

Ein im internationalen Wettbewerb stehendes Italien konnte aber nicht im Alleingang die Lohnkosten deutlich erhöhen, ohne Einbußen im Außenhandel zu erleiden. Die Verschlechterung der Leistungsbilanz wiederum führte zu einer Abwertung der Lira, die den Import von Waren verteuerte.  Die Freiheitsgrade nationaler Wirtschaftspolitik werden durch die Außenwirtschaft begrenzt. Piero Bini schrieb in einer Rückschau, die Konferenz sei aus der Sicht der linken Ökonomen, die eine am Klassenkonflikt ausgerichtete Lohnpolitik propagierten, ein Rückschlag gewesen. Doch es sollte für sie noch schlimmer kommen.

Dritter Akt: Pavia, im September 1978

Im Herbst 1976 hatten die Parlamentswahlen der Kommunistischen Partei starke Zugewinne auf 34,4 Prozent beschert. Die Partei tolerierte nun eine Minderheitsregierung der Christdemokraten und befand sich damit indirekt an den Hebeln der Macht. Diese Entwicklung mochten viele Neoricardianer als einen politischen Triumph betrachten. Doch gleichzeitig ließ ihr Einfluss nach. Denn nicht nur war die Kommunistische Partei nicht länger an einer Konfliktstrategie interessiert, auch die Gewerkschaften warfen mehrheitlich die Idee einer Politik, die illusionäre Freiheitsgrade für aggressive Lohnerhöhungen zu nutzen versucht, über Bord.

Luciano Lama, der Generalsekretär des Gewerkschaftsbunds, sagte: “Wir haben erkannt, dass ein Wirtschaftssystem keine unabhängigen Variablen aushält… Daher müssen wir intellektuell ehrlich sein: Das ist eine Dummheit gewesen, weil in einer offenen Volkswirtschaft alle Variablen voneinander abhängen.”

Klarer hätte man die empirische Untauglichkeit der Strategie Sraffas nicht beschreiben können, die Grundlagen von Produktion und Verteilung nicht, wie in der von den Anhängern Sraffas unerbittlich bekämpften Mainstream-Theorie üblich, simultan, sondern sequentiell und voneinander unabhängig zu bestimmen.

Der radikale Flügel war aber nicht nur in den Gewerkschaften, sondern auch unter den Ökonomen noch nicht bereit, die weiße Flagge zu hissen. Und so kam es auf einer Konferenz im Herbst 1978 in Pavia zu schweren Auseinandersetzungen. Bini berichtet von einer Debatte mit dem “Charakter einer ideologischen Konfrontation in allen Feldern, die um die Frage nach der Legitimation von Unternehmensgewinnen und einem marktwirtschaftlichen Kapitalismus” kreiste. Auch das kennzeichnet ein bekanntes Phänomen: Ökonomen, denen in Sachfragen die Argumente ausgehen, flüchten gerne in auf  Metaebenen angesiedelte Diskussionen.

Oder man sucht die Schuldigen für das eigene Versagen woanders. In der italienischen Debatte waren (und sind es zum Teil noch) im wesentlichen drei Ausweichstrategien zu beobachten:

  • Die Anhänger einer Politik stark steigender öffentlicher Investitionen klagten über die Ineffizienz der öffentlichen Verwaltung, die eine Implementierung erschwerte. Dahinter verbirgt sich ein grundsätzlicheres Problem jeder Befürwortung umfangreicher öffentlicher Investitionsprogramme nicht nur in Italien: Von der Definition geeigneter Projekte über den Beschluss und die Planung bis zur Umsetzung ist es ein weiter Weg mit vielen Stolpersteinen. Aktuell steht die Naivität mancher Befürworter umfangreicher Investitionen in den Bereichen Klima, Umwelt und Bildung in einer unseligen historischen Tradition.
  • Das Ausland ist schuld. Diese Behauptung funktioniert in vielen Politikbereichen. Mit Blick auf Italien lautet die Legende, eine sehr sinnvolle Politik in den siebziger Jahren sei von der Ölkrise und der daraus folgenden Inflation und Rezession umgebracht worden. Das ist Unfug. Ja, die Ölkrise traf auch Italien, aber sie traf nicht nur Italien und anderswo, zum Beispiel in Deutschland, blieb die Inflation deutlich niedriger.
  • Die Politik in den frühen Siebzigern war richtig, aber sie wurde durch eine anschließende Austeritätspolitik verraten. Auch dieses Motiv findet sich immer wieder, aber auch hier sollte man nicht alles glauben, was erzählt wird. Die Austeritätspolitik, wenn es denn eine gab, war eine notwendige Reaktion auf die vorangegangene Politik der Entgrenzung.

Vierter Akt: Italien, in den frühen achtziger Jahren

Von den erlittenen Schlägen erholten sich die in der öffentlichen Diskussion stehenden Adepten Sraffas nicht mehr. Absetzbewegungen wurden erkennbar, die anhand eines sehr engagierten frühen Kämpfers kurz geschildert werden sollen. Luigi Spaventa hatte schon Mitte der siebziger Jahre Zweifel an der Tauglichkeit der Analysen Sraffas für die wirtschaftspolitische Beratung erkennen lassen. Eine Theorie, die sich vor allem für die Entwicklung langfristiger relativer Preise interessiere und den Rest als eine Art Epiphänomen betrachte, um den man sich nicht kümmern müsse, könne kein geeigneter Bezugspunkt sein: “Ich denke jetzt, dass dies eine sehr gefährliche Sicht ist, weil sie die Wirtschaftslehre auf einen sehr kleinen Sektor beschränkt.”

Das war eine harte Kritik an der Idee der zweiten Ebene. Hier lässt sich ein grundsätzliches, weit über die damalige Zeit hinausreichendes Problem erkennen: Dem Mainstream wird oft vorgeworfen, er wolle mit seinen hochgezüchteten, mathematisch formulierten Modellen mehr erklären, als sich in einem solchen Modell sinnvollerweise erklären lasse. Dieser Vorwurf ist nicht immer falsch.

Aber viele heterodoxe Schulen fallen ins entgegengesetzte Extrem und wollen zu viele ökonomische Zusammenhänge außerhalb streng formulierter ökonomischer Modelle erklären. Die Gefahr eines Schiffbruchs ist groß, vor allem, wenn die Deutungshoheit über die “weit ausgreifenden, verbal formulierten Überlegungen” in gesellschaftlichen Konfliktphasen von radikalen Politikern oder Interessenvertretern übernommen wird.

Spaventa hatte auch genug von einer Strategie der totalen Konfrontation ökonomischer Lehren. Mit einer auf der Basis von Sraffas Arbeiten verbundenen grundlegenden Zurückweisung der Mainstream-Theorie würden zahlreiche für ökonomische Analysen “nützliche und vitale” Elemente “mit dem Badewasser weggespült”, beklagte er. Die italienischen Ökonomen jener Zeit hätten sich mit ihrer Fixierung auf Sraffa von der internationalen Entwicklung abgekapselt und eine “verlorene Generation” ausgebildet. Das war starker Tobak.

Eugen von Böhm-Bawerks vor dem Ersten Weltkrieg formuliertes “ökonomisches Gesetz” besagt: Wenn sich “soziale Macht” gegen den Markt stellt, verliert sie immer. Ist es eine bloße Ironie der Geschichte oder nicht eher Ausdruck dieses Gesetzes, dass Sraffa und seine Nachfolger unerbittlich gegen die im Mainstream verankerte Grenzproduktivitätstheorie der Verteilung anrannten, die Löhne an ökonomische Kriterien bindet – aber eine im Geiste Sraffas von ökonomischen Größen losgelöste Lohnpolitik innerhalb weniger Jahre genau aus jenen Gründen scheiterte, die mithilfe der verhassten Grenzproduktivitätstheorie erklärt werden können?

Sraffa bekam den Niedergang nicht mehr mit. Der Mann, den Schefold als “einen sehr freundlichen und durchaus sehr leutseligen älteren Herrn, der in einem der vornehmsten Cambridger Colleges ein einfaches und zurückgezogenes Leben führte”, schildert, litt in seinen späten Jahren unter einem fortschreitenden Verlust seines Gedächtnisses und weiterer schwerer Erkrankungen, die eine Beteiligung an ökonomische Debatten ausschlossen. Im Jahre 1983 starb er in Cambridge.

Sein Nachlass, den er dem Trinity College vermachte, enthielt zur großen Überraschung neben einer 8000 Bände umfassenden Bibliothek rund 30.000 Seiten überwiegend in einer sehr sauberen und schönen Handschrift verfasste unveröffentlichte Manuskripte, Skizzen und Briefe. Der Ökonom, der kaum etwas veröffentlicht hatte und daher als schreibfaul galt, war tatsächlich ein ganz ungewöhnlich fleißiger Schreiber gewesen – wenn auch im Verborgenen.

Fünfter Akt:  Britannien, zurück in die Vergangenheit

Nachdem mit Sraffa in der Wirtschaftspolitik keine Lorbeeren zu ernten waren, begnügten sich seine Anhänger nicht mit ihrem Kampf gegen die Mainstream-Theorie. Einige warfen sich auf die Erforschung der Theoriegeschichte, mit der sich schon Sraffa intensiv auseinandergesetzt hatte. Auf diesem Gebiet haben sie unbestreitbar tiefe Spuren hinterlassen: Zur Wiederentdeckung der Theoriegeschichte etwa seit dem Jahre 1980, die sich unter anderem in der Gründung nationaler und internationaler Interessenvereinigungen sowie in der Edition neuer Fachzeitschriften manifestierte, haben sie engagiert beigetragen. 3)

Die Tätigkeit der Neoricardianer galt besonders der Erforschung der britischen Ökonomen aus der Klassischen Epoche, die sich mit Namen wie Adam Smith, David Ricardo und John Stuart Mill verbindet. Hier hatte Sraffa mit seiner Ricardo-Edition eine herausragende Vorarbeit geleistet. Die intensive Arbeit der Neoricardianer verdient zweifellos Anerkennung. Aber diese Arbeit diente auch der Förderung eines ureigenen Anliegens, das durchaus eine kritische Betrachtung gestattet.

Die britischen Klassiker haben ein weitreichendes Erbe hinterlassen, weil sie  – die einen mehr, die anderen weniger – ihre ökonomischen Gedanken in sozialwissenschaftliche, moralphilosophische und historische Überlegungen eingebettet haben. Daher existieren mehrere, sich nicht zwingend ausschließende Wege, sich den Klassikern zu nähern. 4) Die Neoricardianer wählten als Schwerpunkt in der Tradition Sraffas die Entwicklung einer Wert- und Verteilungstheorie im Rahmen einer Klassengesellschaft, die sie als “Grundlage all der anderen ökonomischen Analyse der klassischen Autoren…” begriffen. (Heinz D. Kurz und Neri Salvadori).

Damit konnten sie sich durchaus auf die Einleitung in Ricardos Hauptwerk beziehen. Vor allem aber eröffnete es ihnen die Möglichkeit, Sraffa als (einzig) legitimen Erben der Klassik herauszustellen und die in alten Lehrbüchern noch herausgearbeiteten Verbindungslinien der Klassik mit dem verachteten Mainstream (der ja häufig mit der Bezeichnung “Neoklassik” verbunden wird) vehement zu bestreiten. Die von den Neoricardianern postulierte Wiederentdeckung der Klassik war mindestens im gleichen Maße der Versuch einer Aneignung der Klassik. 

Die theoriegeschichtliche Erhöhung zum legitimen Erben der Klassik hatte schon Sraffa selbst betrieben, indem er in seiner  Einführung zur Ricardo-Gesamtausgabe seinem Helden ein theoretisches Modell (das berühmte Kornmodell) unterschob, das sich in Ricardos Schriften explizit gar nicht findet, das aber wie ein natürlicher Vorgänger eines später von Sraffa entwickelten Modells erscheint. 5)

Dieses Vorgehen, das man ebenso als ingeniös wie als unverfroren bezeichnen kann, aber auch eine pointierte Komprimierung der Arbeiten der Klassiker auf die Wert- und Verteilungstheorie ist von Ökonomen, die nicht dem Zauber Sraffas erlegenen waren, deutlich kritisiert worden. So schrieb – hier zitiert – der Nobelpreisträger Sir John Hicks unverblümt: “Sraffa… hat ein Stück aus Ricardos Hemd herausgebissen, an einen Flaggenmast gehängt und behauptet, das sei alles gewesen, was Ricardo getragen hatte.” 

Was bedeutet dies für die Wirtschaftspolitik? Wie immer man aus einer theoretischen Sicht zur neoricardianischen Forschungsstrategie in der Dogmengeschichte stehen mag: Die wirtschaftspolitischen Rezepte aus dem Italien der frühen 1970er Jahre lassen sich aus dem Werk Ricardos jedenfalls nicht ableiten. Vielmehr ist eher das Gegenteil der Fall:

  • Ricardo besaß große Sympathie für die Arbeiter und er wünschte sich eine Verbesserung ihrer Lage. Da für ihn Investitionen der Unternehmen aber wesentlich für das Wirtschaftswachstum und den technischen Fortschritt waren, hätte er eine Politik, die Löhne sehr deutlich auf Kosten der Unternehmensgewinne erhöht, nicht unterstützt. Ricardo trat stattdessen für eine Förderung der Ersparnisbildung von Arbeitern durch die Gründung lokaler Banken ein. 
  • Eine expansive Finanzpolitik war mit Ricardo nicht zu machen; im Gegenteil hielt er kaum etwas für so verheerend wie Staatsverschuldung, für ihn war sie ein “sehr großes Übel”. Das mag moderne Ökonomen auf den ersten Blick erstaunen, weil sie unter der Bezeichnung “Ricardian Equivalence” das Gegenteil zu kennen meinen. Das stimmt aber nicht: Ricardo hatte die theoretische Möglichkeit einer Äquivalenz der Finanzierung von Staatsausgaben durch Steuern oder Schulden erkannt, aber auch gleich geschrieben, dass die dafür notwendigen Voraussetzungen in der Praxis nicht gegeben seien. Ricardo war ein Anhänger eines fiskalischen Minimalstaates, weil er auch jede Form der Besteuerung für schädlich hielt und daher nur einen Staat finanzieren wollte, der sich extrem beschränkte: “Die Politische Ökonomie ist, wenn man ihre Grundlagen einmal verstanden hat, nur nützlich, wenn sie die Regierungen zur richtigen Politik der Besteuerung anhält.” Die Besteuerung des Kapitals von Unternehmern hielt er für schlecht, weil sie über eine Beeinträchtigung der Investitionen und damit auch der Nachfrage nach Arbeit zu Lasten der Interessen der Arbeiter gingen: “In dem Maße, wie sich das Kapital eines Landes vermindert, wird auch seine Produktion notwendigerweise zurückgehen, und falls daher weiterhin die gleichen Ausgaben durch das Volk und die Regierung bei sich ständig verringernder jährlicher Produktion gemacht werden, werden die Ressourcen von Volk und Staat mit wachsender Schnelligkeit schwinden und Not und Elend folgen.” Das ist nicht gerade eine typische Position linker Ökonomen oder Politiker.
  • Auch für lockere Geldpolitik war er nicht zu haben. Im Gegenteil war es eine hohe Zunahme des Bargeldumlaufs in Großbritannien während der Napoleonischen Kriege, die Ricardo erstmals dazu bewegte, sich öffentlich zu ökonomischen Fragen zu äußern.

Ricardianische Wirtschaftspolitik des frühen 19. Jahrhunderts und neoricardianische Wirtschaftspolitik des mittleren bis späten 20. Jahrhunderts scheinen gar nicht zu harmonieren. Man könnte auch sagen: Das kommt dabei heraus, wenn das liberale Erbe der Klassiker unter den Teppich gekehrt wird. 

Epilog

Jenseits der Theoriegeschichte trat der in den siebziger und achtziger Jahren noch beobachtbare Austausch der Neoricardianer mit Vertretern anderer Denkschulen allmählich in den Hintergrund. Der anfängliche Hype um Sraffas Buch war nicht dauerhaft. Dagegen ließ sich zunehmend eine Beschäftigung mit sich selbst beobachten, in der es vor allem nach der Öffnung der Archive Sraffas zu gelegentlich hart ausgetragenen Binnenkämpfen um die richtige Auslegung der Werke des Meisters ging. Und nicht zufällig drehten sich diese Auseinandersetzungen unter anderem um die Frage, inwieweit Sraffa in seiner Arbeit von Marx beeinflusst war.

In den achtziger Jahren prüften die Anhänger Sraffas zudem eine Annäherung an eine Art “Freundfeind”. In Cambridge hatten parallel zu Sraffa Keynes-Schüler wie Joan Robinson versucht, eine eigene gegen den Mainstream gerichtete Lehre zu etablieren, die unter der Bezeichnung Postkeynesianismus ganz andere Modelle als Sraffa verwendete, in ihrer Kapitalismuskritik und ihren wirtschaftspolitischen Empfehlungen aber nicht weit von den Rezepten der Neoricardianer entfernt war. 6)

Ideologisch sprachen beide Lager dieselbe Sprache. Zudem hatte man gemeinsam in der Kapitalkontroverse gegen den neoklassischen Mainstream gefochten. Zwischen 1980 und 1990 fanden in der nordostitalienischen Staat Triest Konferenzen statt, auf denen sich Postkeynesianer und Neoricardianer auf zum Teil äußerst lebhafte Weise austauschten, aber in theoretischer Hinsicht nicht zusammenfanden.

Für einen Keynesianer wie Hyman Minsky war Sraffas Werk für die Analyse moderner Volkswirtschaft und  für die Gestaltung von Wirtschaftspolitik schlichtweg irrelevant: “Moderne kapitalistische Volkswirtschaften sind intensiv finanziell… Auf dem ausgedörrten Niveau von Sraffa hatte die keynesianische Sicht, dass die effektive Nachfrage finanzielle und monetäre Variablen widerspiegelt, keine Bedeutung, weil es bei Sraffa kein monetäres oder finanzielles System gibt.” Für das sogenannte “Triest-Problem” (der Begriff ist in der Politik historisch vorbelastet) fand sich keine Lösung. 7)

Der Versuch der Annäherung in Triest könnte auch der Erkenntnis einer nicht allzu dynamischen Weiterentwicklung der neoricardianischen Lehre geschuldet gewesen sein, obwohl daran gearbeitet wurde: Schefold beispielsweise auf dem Gebiet der Kuppelproduktion, Pasinetti auf dem Gebiet der Wachstumstheorie.

Es wurden auch Versuche vorgelegt, einen monetären Sektor an das Grundmodell anzuflanschen. Eine spezielle Form einer Kombination mit Nachfragepolitik ließ einen “Sraffa-Supermultiplikator” (SSM) entstehen. Weitere Beiträge ließen sich anführen. 

Natürlich haben sich neoricardianische Autoren auch mit dem Desaster der siebziger Jahre befasst. Heute existieren Modelle, in denen sehr hohe Lohnsteigerungen Arbeitslosigkeit zur Folge haben, auch wenn man andere Begründungen als der Mainstream dafür anführt. Der Bahnbrecher im linken Lager war der wohl eher dem Marxismus nahestehende Ökonom Stephen Marglin, der in einem im Jahre 1984 erschienenen, häufig diskutierten Aufsatz schrieb: “Ich würde meinen, dass ein linkes Programm die Logik der ökonomischen Situation respektieren muss. Die Produktivität setzt nicht nur physische Grenzen für die Löhne. Solange die Produktivität die Triebfeder der Investitionen bleibt, bestehen ökonomische Grenzen, die den Anteil der Löhne beschränken. Im Kapitalismus sind die Profite tatsächlich die Gans, die die goldenen Eier legt… Ein linkes Programm muss daher Begrenzungen der realen Löhne akzeptieren.”

Aus einem solchen Beitrag wird erkennbar, dass die alte Fundamentalopposition gegenüber dem Mainstream und die alte Vorstellung einer Wirtschaftspolitik mit erheblichen Freiheitsgraden nicht durchzuhalten ist.

Insofern ist durchaus etwas geschehen. Aber mit der ihm eigenen Kombination aus verbaler Eleganz und höflicher Zurückhaltung deutet Schefold das gleichwohl existierende Problem mit dem Satz an: “Es ist ein merkwürdiges Phänomen, in welchem Grade Sraffas Werk und Person im Mittelpunkt der Diskussionen der neoricardianischen Schule geblieben sind, obwohl eine Schulbildung sehr rasch nach der Veröffentlichung von ‘Warenproduktion mittels Waren’ einsetzte und Sraffa sowohl im formalen wie im übertragenen Sinn Schüler besaß, die ihrerseits über eine gewisse Ausstrahlung verfügten…”

In Anbetracht der offensichtlichen Schwierigkeiten hat Schefold angeregt, noch einmal über eine Lösung des “Triest-Problems” nachzudenken, um die schwindenden Kräfte der Neoricardianer und der Postkeynesianer zu bündeln. 

Am Ende des Tages haben sich die Neoricardianer wirtschaftspolitisch früh selbst aus dem Spiel genommen und sich zudem in ihren fraglos auch um Aufmerksamkeit in der breiten Fachwelt heischenden Auseinandersetzungen mit dem Mainstream verkämpft. Ausgabenkürzungen im  Hochschulwesen haben die Berufung von Schülern der heute meist im Ruhestand befindlichen ersten Generation auf Lehrstühle sicherlich erschwert, aber der Verweis auf Geldmangel und eine zunehmende Monopolisierung der Lehrstühle durch den Mainstream gäbe nicht die ganze Wahrheit wieder.

Im Jahre 2013 schrieb Pier Luigi Porta sichtlich genervt: “Heute wird Piero Sraffa – überwiegend, wenn nicht ausschließlich – von einer begrenzten Gruppe seiner selbsternannten Akolythen diskutiert.” Die meisten dieser “Akolythen” hätten dazu beigetragen, Sraffa “veraltet und unverständlich” aussehen zu lassen. Unglücklicherweise sei ein großer Teil der Literatur nur für den “inneren Zirkel” geschrieben. “Wäre Sraffa heute noch am Leben, würde er womöglich sagen; ‘Ich bin kein Sraffianer'”, meinte Porta.

Immerhin kann sich heutzutage jeder Interessierte ein Bild vom  Werk des Meisters machen, denn seit wenigen Jahren ist der schriftliche Nachlass Sraffas über eine vom Trinity College in Cambridge betriebene Internetseite öffentlich zugänglich. Dieser sehr lobenswerten Initiative gingen höchst wunderliche Vorgänge voraus, die an die Verteidigung der Bibliothek gegen ungebührlich Wissbegierige in Umberto Ecos berühmtem Mittelalter-Roman “Der Name der Rose” erinnerten – mit dem glücklichen Unterschied allerdings, dass die Verteidiger der Schriften Sraffas die ungebührlich Wissbegierigen nicht wie bei Eco ermordeten, sondern nur behinderten und bei Anzeichen von Unbotmäßigkeit in der Interpretation der Quellenlage gelegentlich auch verbal hart angingen.

Sraffa hatte als literarischen Testamentsvollstrecker Pierangelo Garegnani eingesetzt, der nach dem Tode Sraffas das unerwartet umfangreiche und weitgehend ungeordnete Material in eine Bibliothek bringen ließ. Garegnani sorgte dann allerdings dafür, interessierten Forschern den Zugang zu dem Material auf zunächst unabsehbare Zeit zu verschließen.

Auf Proteste gab Garegnani nach Angaben Portas zu verstehen, er sei nach einer Übereinkunft mit Sraffa für die Interpretation von dessen Werken zuständig. Das erweckte den naheliegenden Eindruck, eventuelle Zweifler und Ungläubige sollten vom Quellenstudium abgehalten werden, um die allzuständige Interpretation Sraffas durch Garegnani nicht in Zweifel ziehen zu können.

Allerdings kam Garegnani mit seinem Werk nicht recht voran. Schefold schreibt: Garegnani habe die Absicht besessen, Materialien für einen Ergänzungsband zu “Warenproduktion mittels Waren” zusammenzustellen, aber mit “wissenschaftlichen Problemen verquickte Auswahlprobleme und Garegnanis Eifer, die Theorie selbst weiter zu treiben, vereitelten dies.” Eine schriftliche Dokumentation der von Garegnani erwähnten Vereinbarung mit Sraffa scheint nicht zu existieren; Porta zitiert im Gegenteil Passagen Sraffas, die gegen die Existenz einer solchen Vereinbarung sprechen.

Nach zehn Jahren hob das Trinity College als Eigentümerin des Nachlasses gegen erbitterte Proteste Garegnanis die Verriegelung auf, wonach Forscher Zugang zu dem Material erhielten, auch wenn manche Beschränkungen in der Nutzung des Materials noch erhalten blieben. Eine in Aussicht gestellte, von Heinz D. Kurz verantwortete Werkausgabe, ist bis heute nicht erschienen. Mit der erfreulichen Öffnung des Archivs für Internetnutzer, die auf Betreiben des aktuellen Nachlassverwalters, Lord Eatwell, zustande kam, hat Sraffa aber nun auf andere Weise eine Öffentlichkeit erhalten, die er sich zu seinen Zeiten nicht hätte vorstellen können.

Vielleicht entsteht daraus eine ausführliche Biographie dieses diskreten Denkers, der in seiner Jugend mit dem italienischen Schriftsteller und KP-Generalsekretär Antonio Gramsci befreundet war und sich in Cambridge später jahrelang regelmäßig mit dem in Österreich geborenen Philosophen Ludwig Wittgenstein austauschte. Von den beiden am Markt befindlichen Büchern über Sraffa konnte der Verfasser Jean-Pierre Potier das Archiv noch nicht nutzen, während es Alessandro Roncaglia angeblich nicht nutzen wollte.

Am Ende dieser langen Schilderung sei mit Blick auf die aktuellen Debatten daran erinnert: Geschichte wiederholt sich nicht. Aber sie droht sich zumindest zu reimen, wenn moderne, offensichtlich geschichtsblinde Ökonomen beginnen, wieder überaus großzügigen Freiheitsgraden in der Wirtschaftspolitik das Wort zu reden.

Heute ist es nicht die Lohnpolitik, wohl aber die Geldpolitik und die Finanzpolitik, in der (fast) alles möglich scheint. Niemand sollte annehmen, die heutigen Befürworter einer schrankenlosen Politik wären notwendigerweise klüger oder theoretisch sattelfester als Piero Sraffa, der, wie immer man seine Lehren heute beurteilt, fraglos ein sehr kluger und belesener Mann war. Während man seinen vor 50 Jahren aktiven Schülern nachrufen darf, dass sie es sehr wohl besser hätten wissen können, aber vielleicht nicht besser hätten wissen müssen, gäbe es mit Blick auf die heute aktive Generation für schwere ökonomische Irrleitung im Wiederholungsfall keinen Anspruch auf Nachsicht mehr. 

Wäre die Volkswirtschaftslehre eine Spielwiese in einem Labor, müsste sich kein Außenstehender Gedanken über die Abschreibung intellektuellen Kapitals machen, die historisch ahnungslosen Ökonomen mit Bekenntnissen zu fragwürdig fundierten wirtschaftspolitischen Thesen droht, sobald das Scheitern ihrer Konzeptionen offensichtlich geworden ist. Die Kosten dieses individuellen Versagens wären für die Allgemeinheit unerheblich.

Doch die Volkswirtschaftslehre findet nicht nur in einem Labor Anwendung und sie ist, anders als Sraffa meinte, keine Wissenschaft von Dingen, sondern eine Wissenschaft von und für Menschen.  Die Kosten irregeleiteter Wirtschaftspolitik tragen, wenn es schlecht geht, viele Millionen Menschen. Derweil bleiben die akademischen Stichwortgeber des Desasters mit voller Pensionsberechtigung auf ihren staatlich finanzierten Lehrstühlen sitzen, wo sie ihre Zeit mit ebenso wortreichen wie folgenlosen Erklärungen verbringen können, warum sie eigentlich doch recht hatten, obgleich sie offenkundig unrecht hatten. Bis repetita noch placent.

  1. Ausgehend von einem Hinweis in Sraffas Buch wird in neoricardianischen Modellen häufig eine durch den Zentralbankzins beeinflusste Profitrate vorgegeben, aus der dann der Lohn folgt. Das ist aber nicht zwingend und in der Politik ging man anders vor.
  2. Die Schilderung der Ereignisse in Akt 1 bis 3 orientiert sich stark an einer Arbeit von Piero Bini. Für die Rolle der Kommunistischen Partei siehe Neubert.
  3. Schefold und Kurz haben dazu ausgiebig publiziert. Eine Auswahl von Beiträgen Schefolds, die weit über die Klassik hinausgehen, ist hier. Kurz hat unter anderem eine sehr interessante Aufsatzsammlung überwiegend zur Klassik veröffentlicht; sehr empfehlenswert sind auch von ihm herausgegebene Bücher über Ricardo (hier und hier).
  4. Heinz Rieter hat in einem Beitrag für die Neuauflage eines von Joachim Starbatty über die Klassik verfassten Buches sieben, sich nicht allesamt gegenseitig ausschließende Zugänge beschrieben.
  5. Möglicherweise gibt das Kornmodell Ricardos Denken zumindest zum Zeitpunkt des 1815 veröffentlichten “Essay on Profits”  korrekt wieder und vielleicht hat Sraffa recht, wenn er schreibt, dass sich das Modell in nicht überlieferten Briefen und Manuskripten finden könnte. Auch haben Schüler Ricardos das Kornmodell verwendet. Aber wer auf Korrektheit des Umgangs mit Quellen als Wissenschaftsprinzip beharrt, muss klar festhalten: In den vorliegenden Schriften Ricardos findet sich das Kornmodell nicht! 
  6. So wie Sraffa-Verehrer dazu beigetragen hatten, eine verheerende Wirtschaftspolitik in Italien zu installieren, hatten Robinson & Co., dazu beigetragen, in den sechziger und siebziger Jahren eine verheerende Wirtschaftspolitik in Großbritannien zu installieren. Kein anderes größeres Industrieland kam so schlecht durch diese Jahre wie Großbritannien und Italien. Dieser Artikel hätte daher auch anhand des Beispiels von Robinson/Kaldor/Kahn in Großbritannien 8) anstelle von Sraffa & Schülern in Italien geschrieben werden können. Das macht die Warnung vor einer neuerlichen Entgrenzung von Wirtschaftspolitik in unserer Zeit umso dringlicher.
  7. Woran es hapert, hat Jens Reich gut zusammengefasst.
  8. Auch anhand des britischen Beispiels lässt sich gut beschreiben, wie weit die wirtschaftspolitischen Konzepte zwischen klassischen Ökonomen und Cambridge auseinandergingen.

 

 

 

 


30 Lesermeinungen

  1. Gerald Braunberger sagt:

    Eine Antwort von Heinz D. Kurz (Universität Graz) TEIL1
    Lieber Herr Braunberger,
    mit Interesse habe ich Ihr Stück „Wenn Ökonomen irren“ gelesen und mich darüber gefreut, dass Sie Piero Sraffa und einigen „Sraffianern“ trotz aller zum Ausdruck gebrachten Kritik Respekt zollen. Wenn ich den Anlass Ihres Stücks richtig verstehe, so ist dies das weithin beklagte Versagen der konventionellen Makroökonomik und Finanzmarkttheorie angesichts der „Großen Rezession“, wie es u.a. von Ökonomen wie Paul Krugman, Richard Posner, Paul Romer, Jeffrey Sachs und Joseph Stiglitz geäußert worden ist. Olivier Blanchard und Lawrence Summers haben in einem kürzlich veröffentlichten Aufsatz die Frage aufgeworfen: „Rethinking Stabilization Policy: Evolution or Revolution?“ Ausgangspunkt Ihres Stücks ist demnach, so meine Lesart, das „Irren“ von Vertretern dessen, was Sie ohne nähere Spezifikation „Mainstream“ nennen. Wann immer eine stark unbefriedigende Situation im Fach spürbar wird, wie es derzeit anscheinend der Fall ist, drängt sich die Frage auf, wann es zu Fehlentwicklungen gekommen ist, ob diese leicht behebbar sind oder ob ein gänzlicher Neuanfang vonnöten ist („Revolution“), oder ob eine Rückkehr zu früheren theoretischen Ansätzen Erfolg verspricht. Ganz in diesem Sinn werfen Sie die Frage auf, ob denn der sogenannte „Neoricardianismus“ eine tragfähige Alternative bietet.
    Dass Sie diesen überhaupt für grundsätzlich in Frage kommend erachten, könnte man bereits als Ritterschlag durch einen der FAZ-Herausgeber und intensiv mit ökonomischer Theorie und Theoriegeschichte Befassten werten, und ich tue das gerne, da ich um Ihre Kenntnisse und ernstes Bemühen weiß und Sie schätze. Wenn Sie im Anschluss zu einem negativen Urteil kommen, nehme ich das gelassen hin, denn die zu seiner Untermauerung vorgelegten Indizien halten meiner Überzeugung nach einer genaueren Überprüfung nicht stand.
    Wie lautet Ihre Beweisführung? Ausgehend von der von Sraffa bestätigten Tatsache, dass für eine gegebene Technik – ein gegebenes System der Produktion – eine inverse Beziehung zwischen konkurrenzwirtschaftlich uniformer Profitrate und Reallohnsatz (bzw. Lohnquote) besteht, gelange Sraffa „zu dem Postulat einer von der Produktion völlig unabhängigen Verteilung!“ Diese Zuschreibung ist natürlich schon deshalb falsch, weil die fragliche Beziehung nichts anderes widerspiegelt, als die durch die gegebenen technischen Verhältnisse hypothetisch zulässigen Konstellationen der beiden Verteilungsvariablen. Wenn Sie Ihre Behauptung ernst meinen, dann müssten Sie sie auch gegen andere Verwender der „Faktorpreisgrenze“, „Lohnkurve“ oder „Effizienzkurve“, wie die Sache in der einschlägigen Literatur heißt, darunter John Hicks und Paul Samuelson, wenden. Die Lohnkurve ist nichts anderes als die Beschreibung einer der mathematischen Eigenschaften des untersuchten Produktionssystems. Die Beziehung ist ein nützliches analytisches Instrument. Sie besagt nicht, dass z.B. ein System mit der technisch maximal möglichen Profitrate, die einem Lohnsatz von Null zugeordnet ist, „lebensfähig“ wäre (vgl. hierzu Kurz und Salvadori 1995). Weder Sraffa noch Hicks noch Samuelson waren der Auffassung, alle von der Faktorpreisgrenze erfassten hypothetischen Konstellationen seien „zulässig“.
    Genau dies aber unterstellen Sie, wenn Sie schließlich zu Ihrem Lackmustest der (Un-) Brauchbarkeit des Sraffa’schen Beitrags kommen: Dieser Test entscheide sich in Bezug auf „die Frage nach den wirtschaftspolitischen Folgerungen“. Sie stimmen zunächst Mark Blaug zu, der gemeint hatte, Sraffa habe „praktische Relevanz gegen logische Stringenz“ eingetauscht. Blaug hatte sich, wie er meinte, auf die Seite der praktischen Relevanz geschlagen – und sich dabei nachweislich ungenügend um die logische Kohärenz seines Arguments gekümmert. Die Folge: Er hätte unbekümmert auch anderes sagen können, gegebenenfalls sogar das Gegenteil davon. Sie bestätigen, dass Sraffa sehr an logischer Stringenz gelegen war, und sie bestätigen auch, dass sich aus seinem Werk nicht ohne weiteres wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen ableiten lassen. Aber dann schreiben Sie: „Sraffas Werk ließ sich für eine bestimmte, im damaligen politischen und gesellschaftlichen Umfeld sich ausbreitende politische Richtung instrumentalisieren.“ Es folgt das bereits zitierte Argument einer angeblich „von der Produktion völlig unabhängigen Verteilung“. Aber bei der konstatierten „Instrumentalisierung“ Sraffas bleibt es nicht. Später im Text ist gar die Rede von der „empirischen Untauglichkeit der Strategie Sraffas“. Der Strategie Sraffas? Und was nun: Instrumentalisiert oder iniziiert?

  2. Gerald Braunberger sagt:

    Eine Antwort von Heinz D. Kurz (Universität Graz) TEIL2
    Hierzu sind folgende Anmerkungen angebracht. Erstens, wenn große Ökonomen klüger sein sollten als das Gros ihrer Leser und dasjenige ihrer Anhänger, dann droht Ungemach: Das Missverständnis macht sich auf den Weg. Keiner der Großen in unserem Fach war hiervor gefeit. Smith war kein Anhänger des unbeschränkten Laissez faire, Ricardo kein Vertreter des „Manchester-Kapitalismus“, Marx nicht der Autor einer Regieanweisung für den Revolutionär und Keynes kein Propagandist einer exzessiven Politik der effektiven Nachfrage. Und Sraffa? Mir ist kein einziges Dokument aus seinem literarischen Nachlass bekannt, das auf seine Rolle als Spiritus rector der von Ihnen in mehreren Akten beschriebenen konkreten und selbstzerstörerischen Lohnpolitik in Italien hindeuten würde. Wenn ein solches existieren sollte, legen Sie es bitte vor. Sraffa war ein enger Freund Antonio Gramscis und als ein von Mussolini Verfolgter erbitterter Gegner des Faschismus und plädierte für die Bündelung aller Kräfte dagegen, einschließlich der bürgerlichen. Er hielt Kontakt zur PCI, war aber nie deren Mitglied. Er war gewiss für eine Verbesserung der Lage der Arbeiterschaft, aber ein viel zu guter Ökonom, um nicht zu erkennen, dass lohnpolitischen Maßnahmen selbst in einer geschlossenen Ökonomie Grenzen gesetzt sind. Wer anderes behauptet, kann sich gewiss nicht auf Marx berufen (dessen Schriften Sraffa fast ebenso gut kannte wie diejenigen Marshalls und Ricardos), der argumentiert hatte: Eine höhere Profitrate bewirkt eine höhere Akkumulationsrate, die früher oder später über eine sinkende Arbeitslosigkeit zu steigenden Löhnen führt, welche wiederum über eine sinkende Profitrate die Kapitalakkumulation drosseln (vgl. Kurz 2018 in PWP, Abschnitt 10.5). Dieser Mechanismus ist von Richard Goodwin mittels des „Predator-Prey-Modells“ von Lotka und Volterra (mit dem Sraffa befreundet war und dessen Schriften sich in seinem Nachlass finden) formalisiert worden.
    Was eine offene Volkswirtschaft anbelangt, so hätten Sie die Arbeiten von Sergio Parrinello, Ian Steedman und Stanley Metcalfe nennen können, die Sraffas Ansatz in der Außenwirtschaftstheorie fruchtbar gemacht haben. Sie haben nicht nur die negativen Implikationen überschießender Lohnerhöhungen in einem Land behandelt, sondern auch gezeigt, dass sich gewisse Theoreme der Heckscher-Ohlin-Samuelson-Theorie nicht halten lassen. Mir ist schon klar, dass für die Dramaturgie Ihres Stücks die Erwähnung derartiger Beiträge irritierend gewesen wäre. Dass es Leute gab (und gibt), die sich auf Sraffa berufen, ihm verquere Auffassungen andichten und für ihre Zwecke zu vereinnahmen suchen, sollte einen Theoriehistoriker wie Sie nicht überraschen. Er teilt diesbezüglich das Schicksal aller Großen im Fach. Die Aufdeckung von „Fake News“ ist eine der vornehmsten Aufgaben von uns Theoriehistorikern.
    Schließlich noch einige Bemerkungen zu wichtigen von Ihnen angeschnittenen Themen.
    Erstens, die Kritik unhaltbarer Behauptungen, Lehren und Theorien ist ein genuiner und notwendiger Bestandteil einer jeden Wissenschaft. Wer eine solche Kritik vorbringt, darf dies tun, auch wenn er nicht zugleich eine Alternative zum Kritisierten vorlegt. (Natürlich enthält fast jede derartige Kritik Elemente einer Alternative.) Die Bedeutung der aufklärerischen Funktion einer negativen Methodologie wird m.E. weithin unterschätzt. Wenn ich viel mehr wüsste, als ich weiß und wissen werde, dann wäre vieles von dem (fast alles?), was ich je gesagt habe und noch sagen werde, unhaltbar. Sraffas Kritik an der Marshallschen Theorie des partiellen Gleichgewichts und der zugrunde gelegten ceteris paribus-Annahme hat den sichtlich beeindruckten Oskar Morgenstern zur Frage veranlasst: „Man fragt sich auch, wie denn die bisherige Preistheorie hat bestehen und genügen können, wenn sie diese komplizierten Dinge in ein höchst simples Schema gepreßt hat, um dessen Lebenswahrheit es bedenklich bestellt ist“ (1931: 503). Die Frage hat nichts an Aktualität eingebüßt. Sraffas Kritik an Friedrich August Hayeks Konjunkturerklärung in Preise und Produktion war Beobachtern zufolge einer der Gründe dafür, warum dieser sich der Sozialphilosophie zugewandt hat. Sraffas Kritik an Keynes’ Liquiditätspräferenztheorie zeigt, dass diese schwere Mängel aufweist. Und schließlich seine Kritik an der marginalistischen Kapitaltheorie, die nicht dadurch hinfällig wird, dass sie weithin ignoriert wird.

  3. Gerald Braunberger sagt:

    Eine Antwort von Heinz D. Kurz (Universität Graz) TEIL3
    Zweitens, Sraffas Produktionsgleichungen beschreiben die Verhältnisse für eine gegebene Technik und eine der Verteilungsvariablen unter Bedingungen freier Konkurrenz, d.h. einer tendenziell einheitlichen Profitrate. Jede Theorie, der es um die Bestimmung der konkurrenzwirtschaftlichen Preise in einer Theorie der langen Periode geht, muss nolens volens Gleichungen der von Sraffa vorgestellten Art erfüllen. Dies gilt z.B. für die Theorien von Walras und Pareto, aber auch die Österreichische Theorie. Es können dann auch die sonstigen von Sraffa im genannten Rahmen erzielten Resultate nicht ignoriert werden, was die Technikwahl, das fixe Kapital und die Rolle der natürlichen Ressourcen anbelangt.
    Sie kritisieren in diesem Kontext, dass die Theorie Sraffas eine solche der „Dinge“, nicht aber der „Menschen“ sei. Auf den ersten Blick sieht es so aus, aber ein zweiter lohnt sich. Die von ihm genannten Produzenten sind bestrebt, ihre Kosten zu minimieren (1960: 81). Im Gleichgewicht, so Vilfredo Pareto in seinem Manuale di economia politica (1906), spielten nur noch „cose“ – „Dinge“ – eine Rolle, nicht mehr die Ophelimität usw. Mit Pareto setzt sich Sraffa intensiv auseinander und löst ein Problem, das dieser nicht zu lösen wusste. Sraffas Werk strotzt vor subtilen Hinweisen auf die von ihm studierte Literatur. Dies macht die Lektüre so schwierig und es dem Missverständnis so leicht. Ich vermute, Sie würden den an Sraffa gerichteten Vorwurf nicht auch gegen Pareto erheben. Böhm-Bawerk quittierte die von Ihnen referierte Auffassung, Angebot und Nachfrage bestimmten den Preis, mit der Bemerkung, damit würden einem Schalen statt Kerne gegeben.
    Drittens, Sraffa war ein Gegner der Grenzproduktivitätstheorie. Diese geht von einer gegebenen „Menge“ des Kapitals aus. Dies Menge kann indes nur bestimmt werden, wenn heterogene Kapitalgüter unter Verwendung von Preisen aggregiert werden, Preise aber hängen auch von der Einkommensverteilung und damit der Profitrate ab. Wie kann auf dieser Grundlage dann noch die Profitrate bestimmt werden, wenn sie doch schon als bekannt unterstellt worden ist? Die klassische Theorie hat einen offen zur Schau getragenen Freiheitsgrad – der Mainstream, schreiben Sie, könne einen solchen „gar nicht haben“. Kann es sein, dass Sie diesen nur nicht sehen, weil er gut versteckt ist und man vorzugsweise nicht über ihn spricht? Knut Wicksell hat ihn wohl ausgemacht und den Schluss gezogen, die Ausstattung einer Wirtschaft mit „Kapital“ könne nur als Wertsumme vorgegeben werden. Aber welche nimmt man? Und geht es nicht um die Produktion?
    Über Stand und Geschichte des Editionsprojektes gebe ich gerne bei anderer Gelegenheit Auskunft.
    Abschließend die Beckmesserei eines Menschen, der zugegebenermaßen weniger weiß, als er gerne wissen möchte. Sie schreiben, Sraffa zitiere „als neueste Quelle den im Jahr 1883 gestorbenen Marx.“ Das ist falsch. Wer es schaffen sollte, bis zur letzten Zeile der ersten Seite von Sraffas „Preface“ vorzudringen (1960: v), wird auf die Nennung des von Sraffa sehr geschätzten „purist of marginal theory“, P. H. Wicksteed, stoßen und in der Fußnote auf der zweiten Seite die Nennung eines seiner Werke. Hierüber sollten wir schnell Einigung erzielen können, über zahlreiche der von Ihnen in schneller Abfolge im Text angerissenen Probleme bedürfte es indes noch größerer Überzeugungsarbeit, die Sie mir hoffentlich angedeihen lassen werden¬ – vielleicht sogar anlässlich einer der Sitzungen des Ausschusses für die Geschichte der Wirtschaftswissenschaften. Über ein Treffen dort oder bei anderer Gelegenheit würde ich mich sehr freuen. Seien Sie jedenfalls bedankt dafür, dass Sie und Ihre Mitstreiter in der FAZ der Theoriegeschichte eine Heimstatt geben, in der die großen Fragen unseres Faches erörtert werden können. Das ist ein kaum zu überschätzendes Verdienst.
    Mit den besten Grüßen und vielen Dank für Ihr anregendes Stück
    Ihr Heinz D. Kurz

    • Gerald Braunberger sagt:

      Lieber Herr Kurz,

      ich danke Ihnen sehr für Ihre interessanten und lehrreichen Anmerkungen zu meinem Aufsatz! Es hilft einem Journalisten immer, wenn sich ein Profi aus der Wissenschaft mit einem Artikel beschäftigt und ich nehme gerne die Einladung an, mit Ihnen persönlich zu diskutieren. Auch dafür vielen Dank! Mir scheint aber, dass ich auch hier und sozusagen öffentlich zu dem einen oder anderen Punkt etwas schreiben sollte.

      1. Sie nehmen daran Anstoß, dass ich Sraffas Buch als eine “Wissenschaft der Dinge” bezeichnet habe und gegen eine Wissenschaft vom Menschen abgrenze. Aber die Bezeichnung “Wissenschaft der Dinge” (science of things) stammt von Sraffa selbst und Sie haben mit Herrn Salvadori darüber geschrieben (“Classical Economics after Sraffa”: https://economix.fr/uploads/source/doc/colloques/2014_sraffa/Kurz_Salvadori.pdf). Mit “Wissenschaft der Dinge” bezeichnete Sraffa die Ökonomie der Klassiker, in deren Erbe er sich sah. Ich darf aus Ihrem Aufsatz zitieren: “In a document composed in December 1927, Sraffa called classical economics explicitly a ‘science of things’ (D3/12/61: 2) as opposed to Marshall’s economics, which was a science of motives.” Warum darf der Begriff “Wissenschaft der Dinge” nicht auf Sraffa angewendet werden, wenn er ihn selbst für seine Vorbilder verwendet hat? Sie betrachten Sraffa doch als Vollender der unvollendeten klassischen Wert- und Verteilungstheorie.

      2. Aus dem von Ihnen angeführten Zitat kann man auch erkennen, warum ich die “Wissenschaft der Dinge” kritisch sehe. Sie klammert die “science of motives” völlig aus. Sraffa war ja nicht nur ein Gegner der Grenzproduktivitätstheorie der Verteilung, sondern des gesamten Marginalismus. Und damit nimmt man wissenschaftsgeschichtlich weite Teile des 19. Jahrhunderts einfach weg: Das waren Zeiten, in denen die Natur und auch der Mensch eine wesentliche Rolle in der Entwicklung der Wissenschaften spielten und hier nicht zuletzt die Psychologie. Sombart hat einmal geschrieben, man könnte Schmoller ohne die aufstrebende Psychologie nicht verstehen. Man kann aus gutem Grund darüber streiten, ob der Mensch in Modellen des Marginalismus und der Neoklassik angemessen vorkommt; man kann wie Sraffa Marshalls Scherenmodell kritisieren und man kann sich gegen eine unkritische Verwendung des homo oeconomicus wenden. Wahrscheinlich braucht man eine bessere Wissenschaft vom Menschen und der Wirtschaft, aber ohne die “science of motives” kommt man möglicherweise nicht weiter als Sraffa. Und das wäre mir, offen gesagt, im Jahre 2020 zu wenig.

      3. “Sraffa war ein enger Freund Antonio Gramscis und als ein von Mussolini Verfolgter erbitterter Gegner des Faschismus und plädierte für die Bündelung aller Kräfte dagegen, einschließlich der bürgerlichen. Er hielt Kontakt zur PCI, war aber nie deren Mitglied.”
      Das ist die bisher verbreitete Geschichtsschreibung – wobei die Frage der Mitgliedschaft vielleicht nicht ganz klar ist, weil es im Kommunismus auch verdeckte Mitgliedschaften gab, siehe unten. Aber wie in meiner Antwort auf Herrn Spahn zögere ich auch hier, das Bild des Gelehrten, der (fast) nur Gelehrter ist, zu akzeptieren. Das 2016 vom Centro Piero Sraffa herausgegebene und von Eleonora Lattanzi und Nerio Naldi verfasste Papier “Documents on Piero Sraffa at the Archivio Centrale dello Sato and at the Archivio Storico Diplomatico” (http://www.centrosraffa.org/public/a0a14f90-69b0-4f27-8682-422507183dfe.pdf) zitiert Berichte der Sicherheitsbehörden:
      – 1922: “The Milan Police Department has given notification by letter dated 22 of this month N. 4415 that Sraffa has returned from London to the city, and professes communist ideas, which has led to quarrels with his father =Prof. Avv. Angelo, a staunch monarchist.”
      – 1931: «The British Embassy in Paris reports a certain Sraffa Pietro born in 1898 in Turin, Professor at the University of Cambridge (England) as a militant communist and member of the group“ giustizia e libertà”.
      – 1951: Prof. Piero Sraffa, who teaches at Cambridge and is a personal friend of TOGLIATTI, is suspected of being a clandestine delegate of the Italian Communist Party, assigned to participate in the “World Peace Congresses” held on the other side of the Iron Curtain. He recently went to Prague to take part in a Kominform session as Italian delegate replacing Senator Eugenio REALE, who appears to have fallen into disgrace with the Communist leaders, suspected of doublecross in favour of the government in power.”

      (Die Kominform war in der Nachfolge der Komintern ein Bündnis kommunistischer Parteien unter Führung der KPDSU. Wenn Sraffa tatsächlich für die KPI auf dem Treffen in Prag war, könnte sich die Frage nach der Mitgliedschaft Sraffas in der KPI neu stellen.)

      Nicht ohne Grund heißt es seit Jahren in der Fachliteratur, Sraffa habe sich als Italiener in Cambridge nicht öffentlich zur Politik geäußert, weil er Angst vor politischem Ärger mit den Briten gehabt habe. Er ist ja auch im Zweiten Weltkrieg vorübergehend interniert gewesen und nach dem Auftritt in Paris 1931 haben die Briten keine Maßnahmen gegen ihn ergriffen, weil er sich in Cambridge politisch unauffällig verhielt. Diese Unauffälligkeit trägt natürlich zu dem Bild bei, er sei ein auf Theorie und Theoriegeschichte fixierter Gelehrter ohne Bezug zur Politik gewesen. Aber ob das Bild wirklich stimmt, müsste vielleicht noch eingehender erforscht werden. Deshalb hatte ich ja die Hoffnung auf eine ausführliche Biografie ausgedrückt.

      Um nicht missverstanden zu werden: Die Qualität des wissenschaftlichen Werks darf nicht nach tatsächlichen oder vermuteten politischen Präferenzen beurteilt werden. Das gilt natürlich auch für Sraffa. Aber Biografie und Werk hängen schon auch zusammen und gerade für einen Mann, der sich als Erbe der “Politischen Ökonomie” (so nannten ja die Klassiker ihre Lehre selbst) sah, darf man auch nach den politischen Hintergründen fragen.

    • Gerald Braunberger sagt:

      Teil 2 des Kommentars zum Schreiben von Heinz D. Kurz

      4. Sie schreiben: “Ausgehend von der von Sraffa bestätigten Tatsache, dass für eine gegebene Technik – ein gegebenes System der Produktion – eine inverse Beziehung zwischen konkurrenzwirtschaftlich uniformer Profitrate und Reallohnsatz (bzw. Lohnquote) besteht, gelange Sraffa „zu dem Postulat einer von der Produktion völlig unabhängigen Verteilung!“ Diese Zuschreibung ist natürlich schon deshalb falsch, weil die fragliche Beziehung nichts anderes widerspiegelt, als die durch die gegebenen technischen Verhältnisse hypothetisch zulässigen Konstellationen der beiden Verteilungsvariablen.” Und weiter: “Die Lohnkurve ist nichts anderes als die Beschreibung einer der mathematischen Eigenschaften des untersuchten Produktionssystems. Die Beziehung ist ein nützliches analytisches Instrument.”

      Gestatten Sie mir, Piero Sraffa zu zitieren: „The rate of profits, as a ratio, has a significance which is independent of any prices, and can well be ‚given‘ before the prices are fixed. It is accordingly susceptible of being determined from outside the system of production, in particular by the level of the money rate of interest.” (WmW, Seite 33 des englischen Originals)

      Über die Profitrate lernen wir: “independent of any prices” und “can well be ‘given’ before the prices are fixed” und “determined from outside the system of production” – und zwar im gegebenen Beispiel durch die Politik; sprich hier durch den Leitzins der Geldpolitik. Ist die Interpretation falsch, dass Sraffa hier nicht über “hypothetisch zulässige” Überlegungen spricht, sondern über konkrete Politik? Massimo Pivetti spricht mit Bezug auf diese Passage bei Sraffa sogar von einer “monetary theory of distribution” (file:///C:/Users/braun/Downloads/Pivetti.pdf).

      Im konkreten Beispiel im Italien der siebziger Jahre wurde durch die Politik nicht autonom die Profitrate gesetzt, sondern der Lohn, aber ist das Prinzip nicht identisch? (In einer Fußnote habe ich erwähnt, dass man in WmW die Setzung der Profitrate durch die Geldpolitik findet – wobei natürlich zu analysieren wäre, wie eng in der Praxis der Zusammenhang zwischen Zins und Profitrate wäre.) Ich zitiere noch einmal Pivetti: “Monetary policy and wage bargaining come out of it as the main channels through which class relations act in determining distribution, and they are seen as tending to act primarily upon the profit rate, via the money rate of interest, rather than upon the real wage as maintained by both the classical economists and Marx.”

      Herr Schefold hat in seiner Seite in der F.A.Z. im vergangenen Jahr für eine Erhöhung des Leitzinses durch die EZB plädiert, um damit die Profitrate à la Sraffa zu beeinflussen und damit auch die Löhne. Seine Motivation hat Herr Schefold ja auch hier in einem Kommentar zu meinem Sraffa-Beitrag noch einmal erläutert.

      Kann diese Interpretation methodisch für unzulässig erklärt werden, weil bei (mindestens) Ecklösungen mit 100% für einen Verteilungsparameter das Preismodell kollabiert? Man muss sich ja ohnehin fragen, ob man für die Analyse solcher Verteilungsentscheidungen nicht eher ein dynamisches Modell brauchte anstelle der komparativen Statik Sraffas.

      5. Sie schreiben: “Und Sraffa? Mir ist kein einziges Dokument aus seinem literarischen Nachlass bekannt, das auf seine Rolle als Spiritus rector der von Ihnen in mehreren Akten beschriebenen konkreten und selbstzerstörerischen Lohnpolitik in Italien hindeuten würde. Wenn ein solches existieren sollte, legen Sie es bitte vor.”

      Nein, ein Dokument Sraffas kenne ich auch nicht; ich habe ihm aber auch keine aktive Rolle in den italienischen Debatten zugeschrieben – das war auch nicht notwendig. Gibt es aber nicht auch stillschweigende Zustimmung durch Unterlassung von Protest? Sraffa war in der ersten Hälfte der siebziger Jahre noch fit genug, um Briefwechsel zu unterhalten (unter anderem mit Bertram Schefold). Er hätte die Gelegenheit besessen, sich zu äußern, als die Gewerkschaften mit Transparenten, auf denen Sraffa abgebildet, war, Streiks für sehr hohe Lohnforderungen organisiert hatten. Es hätte vielleicht schon ein Satz à la Schiller genügt: “Genossen, lasst die Tassen im Schrank.” Falls es doch Stellungnahmen gegeben haben sollte – vielleicht hat er ja italienischen Medien einmal ein Interview gegeben – wäre das sehr interessant. Bisher ist mir nichts begegnet, aber es wäre eine Recherche wert. Das Verzeichnis in der Bibliothek des Trinity Colle weist auf einen Brief von Sraffa an Berlinguer aus dem Jahre 1972 hin, aber es ist mir nicht gelungen, die Datei zu öffnen.

      Viele Grüße
      Ihr
      Gerald Braunberger

    • Gerald Braunberger sagt:

      Eine Erwiderung von Heinz D.Kurz (Teil 1)

      Lieber Herr Braunberger,
      vielen Dank für Ihre Anmerkungen zu meiner Erwiderung auf Ihren Artikel. Ich bedauere, dass mich verschiedene Verpflichtungen davon abgehalten haben, Ihnen schneller zu antworten. Es freut mich, dass Sie die Einladung zu einer persönlichen Diskussion annehmen. Ich hoffe, aus dieser als Verlierer herauszugehen, getreu Heraklits Erkenntnis, dass in Diskussionen der Verlierer gewinnt, da er die Chance erhält, hinzuzulernen. Im Folgenden gehe ich auf Ihre fünf Punkte ein, schicke aber voraus, dass alle der von Ihnen angesprochenen Themen – ob wirtschaftstheoretisch, theoriegeschichtlich, historisch oder politisch – von einer Komplexität sind, die nicht erwarten lässt, dass wir sie hier erschöpfend behandeln können.
      1. Nein, ich nehme nicht Anstoß daran, dass Sie Sraffas Buch als Beitrag zu einer „Wissenschaft der Dinge“ bezeichnet haben. Ich nehme Anstoß daran, dass Sie glaubten daraus schließen zu können, es sei „keine Wissenschaft der Menschen“. Gemeinsam mit Christian Gehrke und Neri Salvadori habe ich in mehreren Aufsätzen darauf aufmerksam gemacht, dass die klassischen Autoren von William Petty bis David Ricardo eine Sicht auf die Dinge vertraten, die in der Ökonomik lange Zeit aus dem Blickfeld verschwunden ist und erst in jüngerer Zeit wieder in dieses rückt. Petty beschrieb diese Sicht so: Er wolle sich nur „in terms of Number, Weight, or Measure“ ausdrücken und nur solche Fälle betrachten, „as have visible Foundations in Nature, leaving those that depend upon the mutable Minds, Opinions, Appetites, and Passions of particular Men, to the Consideration of others.“ Gemäß Alfred North Whitehead bestand der Gang der Wissenschaft in Folgendem: „Science was becoming, and has remained, primarily quantitative. Search for measurable elements among your phenomena, and then search for relations between these measures of physical quantities.“ (Whitehead 1926: 63f.) Sie kennen das natürlich alles. Ich wiederhole es hier nur, um in Erinnerung zu rufen, was eine Lektüre der klassischen Ökonomen einem aufmerksamen Leser wie Sraffa an Einsichten beschert. Dieser, könnte man verkürzt sagen, orientierte sich an Whiteheads Diktum und trug damit die von den klassischen Ökonomen angedachten Ideen in die Neuzeit. Dass auch Pareto, wie in meiner ersten Erwiderung an Sie angedeutet, der Überzeugung war, das Gleichgewicht eines Systems ohne jeden Rückbezug auf Motive, Ophelimität usw. nur über Dinge („cose“) erfassen zu können, verweist auf die von Sraffa unterstrichene grundsätzliche Möglichkeit, Klassik und Marginalismus aus einer Perspektive zu betrachten.
      2. Von Amartya Sen stammt die Bemerkung, Sraffa sei eine der klügsten Personen gewesen, denen er jemals begegnet sei, und von dem er in Gesprächen mehr über menschliche Motivationen und menschliches Verhalten erfahren habe, als von irgendjemandem sonst. Warum nur, wunderte sich Sen ähnlich wie Sie, hat Sraffa seine Zeit auf das Studium der Eigenschaften von Produktionssystemen verwendet, wo er doch so viel mehr zu sagen gehabt hätte. Eine Antwort lässt sich aus seinen Schriften und Manuskripten erschließen. Diese könnte, knapp gesagt, wie folgt lauten. Erstens, mit den klassischen Ökonomen war Sraffa daran interessiert, den gesellschaftlichen Metabolismus von Produktion und Konsumtion zu verstehen – die Transformation von Materie und Energie in neue Formen von Materie und Energie. Ich habe verschiedentlich auf Sraffas großes Interesse an den neuesten Entwicklungen in den Naturwissenschaften, speziell der Quantenphysik hingewiesen. Die klassischen Ökonomen, allen voran William Petty, James Mill und Ricardo, antizipierten in rudimentärer Weise eine thermodynamische Sicht auf den fraglichen gesellschaftlichen Metabolismus. Was Menschen aus welchen Motiven heraus auch immer tun, sie hinterlassen diesbezüglich einen entsprechenden „Fußabdruck“, wie man heute sagt. Bei James Mill stoßen wir auf die bemerkenswerte Formulierung: „The agents of production are the commodities themselves … They are the food of the labourer, the tools and the machines with which he works, and the raw materials which he works upon“ (Mill 1826: 165). Produktion bedeutet produktive Konsumtion oder „Zerstörung“ von Gütern, und die sich ergebenden Kosten sind, wie Sraffa sagt, „physische reale Kosten“. In der Wert- und Verteilungstheorie taten sich die Klassiker schwer, mit der Heterogenität von Gütern umzugehen, und waren auf der Suche nach einem „ultimate measure of value“, auf das sie alle Güter reduzieren und so miteinander vergleichbar machen konnten. Ihnen fehlte das Instrument simultaner Gleichungen und deren Lösung. (Die Arbeitswertlehre war nur eine Hilfslösung, wie Ricardo ausdrücklich unterstrich.) Die Preise der Waren müssen die physischen realen Kosten der Produktion abdecken und darüber hinaus unter Bedingungen freier Konkurrenz eine einheitliche Verzinsung des investierten Kapitals. Sraffa zeigt, dass der Datensatz, von dem er ausgeht, genau dies erlaubt. Damit bestätigt er die Intuition der klassischen Ökonomen. (Vor ihm hatte John von Neumann ohne Bezugnahme auf die Klassik dies schon getan.)
      Zweitens, das in der Klassik angetroffene Konzept der physischen realen Kosten stellt Sraffa dem Marshall’schen Konzept (1890) der „real cost“ entgegen, das auch „abstinence“, „waiting“ und „disutility“ als Kostenelemente umfasst. Marshalls Konzept wird nicht nur von Sraffa, sondern von mehreren Zeitgenossen Marshalls kritisiert. William Cunningham (1892) beispielsweise wendet dagegen ein, dass man mit dem Rekurs auf Motive jede „solide faktische Grundlage“ aufgebe, denn Motive können nicht beobachtet werden und wir täuschen uns häufig über sie.

    • Gerald Braunberger sagt:

      Eine Erwiderung von Heinz D. Kurz (Teil 2)

      Eine „Wissenschaft der Motive“, wie Cunningham Marshalls Theorie nennt, sei auch deshalb problematisch, weil sie es dem Wissenschaftler leicht mache, seine persönlichen Prädispositionen ins Argument einfließen zu lassen. (Die Motive Sraffas betreffend sein Naheverhältnis zur PCI in frühen Jahren glaube ich vor allem wegen seines freundschaftlichen Verhältnis zu Gramsci und der faschistischen Bedrohung zu erahnen, in späteren Jahren sind sie mir rätselhaft und aufklärungsbedürftig.)
      Sraffa sagt nicht, dass Motive keine Rolle spielen, sondern nur, dass sie als Grundlage der Wert- und Verteilungstheorie unsicher und ideologisch leicht zu kontaminieren seien. (In seinem Buch erörtert er nur die Bedeutung des Profitmotivs in Gestalt der Annahme kostenminimierenden Verhaltens; dieses Motiv dominiert, mit Petty gesagt, die „mutable Minds, Opinions, Appetites, and Passions of particular Men“.) Sraffa war, wie Sie wissen, ein intimer Kenner von David Humes A Treatise of Human Nature (1739-1740). Dieser hatte betont, dass die Vernunft immer wieder als „Sklavin der Leidenschaften“ erscheint und dass der Mensch nicht immer zu seinem Besten agiert.
      Sie sehen, ich teile Ihren Wunsch nach einem besseren Verständnis der menschlichen Motive (insbesondere auch derjenigen Sraffas). Aber Vorsicht ist diesbezüglich wegen der gegebenen hohen Unsicherheit geboten. Möge uns die Verhaltensökonomik diesbezüglich reich bescheren! Ob sie der ökonomischen Theorie jenseits einer beeindruckenden Kasuistik eine neue, systematische und allgemeine Grundlage liefern kann, bleibt abzuwarten.
      Abschließend ein Dokument, das Sraffas Standpunkt in den späten 1920er Jahren zusammenfasst. Er grenzt sich darin neuerlich von der Arbeitswertlehre ab (an anderer Stelle hatte er Ricardo und Marx vorgeworfen, den klassischen Ansatz „korrumpiert“ zu haben) und betont die Notwendigkeit der Einbeziehung der nichtmenschlichen Natur in die Betrachtung – gewissermaßen eine ökologische Sicht der Dinge beinahe ante litteram: „The difference between the ‘physical real costs’ and the Ricardo–Marxian theory of ‘labour costs’ is that the first does, and the latter does not, include in them the natural resources that are used up in the course of production (such as coal, iron, exhaustion of land) [Air, water, etc. are not used up: as there is an unlimited supply, no subtraction can be made from ∞.] This [is] fundamental because it does away with ‘human energy’ and such metaphysical things.“
      3. Sie schreiben gegen Ende des dritten Abschnitts: „Die Qualität des wissenschaftlichen Werks darf nicht nach tatsächlichen oder vermuteten politischen Präferenzen beurteilt werden.“ Ich stimme Ihnen diesbezüglich ganz und gar zu. Jetzt, wo Sraffas bislang unveröffentlichte „Papers and Correspondence“ am Trinity College, Cambridge, digital verfügbar sind, können Sie sich über seine Arbeit im Detail informieren. Sie werden sehen, dass er in seinen ökonomischen Studien im Kern nur an einem interessiert war: an der Haltbarkeit und Erklärungskraft der Beiträge der von ihm studierten Ökonomen, von Petty über Smith, Ricardo, Thünen, Marx, Jevons, Böhm-Bawerk, J.B. Clark, Marshall, Wicksell, Irving Fisher, Hayek, Cassel, Keynes, Hicks usw. usf. Und alle behandelt er grundsätzlich auf die gleiche Weise, indem er fragt: 1. Ist ihre jeweilige Theorie logisch konsistent oder enthält sie Widersprüche? 2. Ist die Theorie vollständig in dem Sinn, dass die explizit getroffenen Annahmen ausreichen, um die gezogenen Schlussfolgerungen zu stützen? Wenn nicht, welche Annahmen müssen hinzugefügt werden, um die Theorie zu vervollständigen? 3. Ist die Theorie imstande die empirischen Phänomene zu erklären, die zu erklären sie vorgibt? Am allerkritischsten ist Sraffa bezüglich seiner eigenen Arbeit. Ach, wären doch nur alle Wissenschaftler und Autoren ähnlich selbstkritisch, wie er es war!
      Sie haben natürlich Recht mit der Bemerkung, „Biografie und Werk hängen schon auch zusammen“. Wie könnte es anders sein?! Die Frage ist nur, wie genau? Was Sraffas „nichtwissenschaftliches“ Leben anbelangt, so ist insbesondere der von Ihnen zitierte Nerio Naldi, Professor an der „La Sapienza“ in Rom, u.a. damit beschäftigt, Licht ins Dunkel zu bringen und „Fake News“ als solche zu entlarven. Er ist einer der Editoren im von mir geleiteten Projekt der Herausgabe der Schriften und des Briefwechsels Sraffas bei Cambridge University Press. Ich verweise Sie daher gerne auf seine Schriften, in denen er u.a. mehrere der in Umlauf gebrachten Denunziationen Sraffas aufgedeckt hat. Empfehlenswert ist auch die Schrift Giancarlo de Vivos Nella bufera del Novecento. Antonio Gramsci e Piero Sraffa tra lotta politica e teoria critica (Rom 2017). Sie zitieren mehrere Quellen und ich frage mich, ob Sie deren Zuverlässigkeit geprüft haben. Vielleicht hätten Sie bei der einen oder anderen Bedenken haben können oder gar müssen. Hier nur einige Anmerkungen zu Ihren historisch-politischen Ausführungen.
      Sie sprechen zunächst vom Italien in den 1920er Jahren, gekennzeichnet vom gewalttätigen Aufstieg der Faschisten unter Mussolini. Sraffa war in der Widerstandsbewegung zusammen mit Freunden und Bekannten aus verschiedenen Lagern, darunter Kommunisten, Sozialisten, Liberale und Konservative, tätig. Es verwundert nicht, dass er in Dossiers der Staatspolizei auftaucht, insbesondere nachdem er, ermuntert von Keynes, im Jahr 1922 einen Artikel über das italienische Bankensystem verfasst hatte, dessen Langfassung im Economic Journal und Kurzfassung im Manchester Guardian erscheint. Er deckt darin die Machenschaften der Faschisten mit der zusammengebrochenen Banca Italiana di Sconto auf.

    • Gerald Braunberger sagt:

      Eine Erwiderung von Heinz D. Kurz (Teil 3)

      Der gerade ins Amt des Regierungspräsidenten gelangte Mussolini telegrafiert an Sraffas Vater, einem angesehenen Professor für Handelsrecht und späteren Rektor der Bocconi Universität, Mailand, und fordert diesen auf, seinen Sohn zur Zurücknahme der Anschuldigungen zu veranlassen. (Sraffas Vater war ein ausgewiesener Liberaler.) Der Vater lehnt dies in seiner Antwort an Mussolini ausdrücklich mit dem Hinweis darauf ab, dass alle von seinem Sohn verwendeten Informationen öffentlich verfügbar seien. Es ist eine Zeit, in der Freunde Sraffas verfolgt werden, so der Herausgeber der Zeitschrift La Rivoluzione liberale, Piero Gobetti. Dieser wird von Mitgliedern einer faschistischen Sturmabteilung zusammen geschlagen und erleidet schwerste Verletzungen, von denen er sich nicht mehr erholt und im Exil in Paris stirbt. Verdient Sraffa ob seines Widerstands gegen Mussolini und die Faschisten getadelt oder gelobt zu werden?
      Sie erwähnen Sraffas Internierung für mehrere Wochen im Jahr 1940 auf der Isle of Man. Ich bin sicher, Ihnen ist bekannt, dass auf Geheiß Winston Churchills alle „alien enemies“, d.h. die in Großbritannien lebenden Deutschen, Italiener usw. inhaftiert worden sind, weil man sie für potentielle Konspirateure des faschistischen Italien und nationalsozialistischen Deutschland hielt! Sraffa ein Anhänger Mussolinis? Nach einer Intervention Keynes’ kam Sraffa wieder frei. Es ist in diesem Zusammenhang vielleicht von Interesse, dass selbst ein ausgewiesener Liberaler wie Fritz Machlup sich für Sraffas Freilassung und seine Berufung an die University in Exile, die New School for Social Research in New York, einsetzte.
      4. Die Profitrate, zitieren Sie Sraffa, „has a significance which is independent of any prices, and can well be ‚given’ before the prices are fixed.“ So ist es – im Unterschied zur „Menge an Kapital“, das in einer Wirtschaft in Gestalt vieler verschiedener Kapitalgüter verfügbar ist. Diese Menge kann nur unter Verwendung von Preisen ermittelt werden, welche ihrerseits die Kenntnis der Profitrate voraussetzen.
      Ich habe nicht gesagt, dass keine der durch die Lohnkurve beschriebenen Verteilungskonstellationen möglich ist oder dass eine gegebene Konstellation nicht durch wirtschaftspolitische Maßnahmen (Geldpolitik, Lohnpolitik, Fiskalpolitik, Steuerpolitik) verändert werden kann. Natürlich kann sie es und wird es ständig. Ich habe nur Ihre Deutung zurückgewiesen, Sraffa sei hinter der Vorstellung gestanden, der analytische Freiheitsgrad könne beliebig besetzt werden, und Sraffa habe die in Italien betriebene aggressive Lohnpolitik inspiriert, die ja im Extremfall genau auf eine Ecklösung hinausgelaufen wäre.
      5. Auf meine Bitte, ein Dokument vorzulegen, das die „Strategie Sraffas“ in der fraglichen Lohnpolitik belegt, schreiben Sie jetzt: „Nein, ein Dokument Sraffas kenne ich auch nicht“. Auch Nerio Naldi kennt keines, wie er mir sagte, und auch andere in Ihrem Artikel in diesem Zusammenhang getätigte Behauptungen kann er nicht bestätigen. Sie fügen hinzu: „ich habe [Sraffa] aber auch keine aktive Rolle in den italienischen Debatten zugeschrieben.“ Ihre Rede von „Sraffas Strategie“ habe ich anders interpretiert.
      Gestatten Sie, dass ich zum Abschluss noch eine Bemerkung von Ihnen kommentiere, die Sraffas wissenschaftliche Lauterkeit in Zweifel zu ziehen scheint. Sie schreiben in Ihrem Artikel, Sraffa habe Ricardo das sogenannte Korn-Modell „unterschoben“, und weiter, dass es sich hierbei um ein ebenso „ingeniöses wie unverfrorenes“ Vorgehen mit dem Ziel der „Aneignung der Klassik“ gehandelt habe. Sie gründen Ihre Behauptungen auf eine kuriose polemische Bemerkung Hicks’. Hierzu folgende Anmerkungen. Korn-Modelle waren zur Zeit Ricardos keine Seltenheit. Sie finden ein solches bereits in Buch IV von Adam Smiths Wealth of Nations, dann z.B. bei Johann Heinrich von Thünen, der ein Roggen-Modell entwickelt. Aber am interessantesten ist gewiss das Multiwaren-Beispiel Ricardos. Getreide wird mittels Getreide erzeugt (Korn-Modell), Waren mittels Waren. In allen drei Auflagen der Principles (Hrsg. Sraffa: 50 und 64-66) stellt Ricardo ein numerisches Beispiel vor, in dem drei Waren (necessaries: hats, coats and corn) mittels ihrer selbst erzeugt werden und zwar so, dass zwischen gesamtwirtschaftlichem Warenoutput und gesamtwirtschaftlich eingesetztem und verbrauchtem Kapital Homogenität besteht. In diesem Fall ist die Profitrate nichts anderes als das Verhältnis zweier Vektoren von Waren, die linear voneinander abhängen. Sraffa musste Ricardo nichts unterschieben, eine genau Lektüre seines Werks reichte aus.
      Bitte verzeihen Sie die Länge meiner Erwiderung. Es geht Ihnen und mir um die Sache, und die lässt sich nicht im Vorbeigehen erledigen.
      Mit den besten Grüßen
      Ihr Heinz D. Kurz

    • Heismann sagt:

      Wissenschaft der Dinge
      Zu der Frage, inwiefern Sraffa eine „Science of Things“ betrieben hat, hier ein Literaturhinweis, über den ich im Internet gestolpert bin. Der Autor John Davis bezeichnet Sraffas ursprüngliche philosophische Position als Objektivismus bzw. als Physikalismus. Stark vereinfacht heißt dies: Basis alles Wirtschaften sind berechenbare materielle Vorgänge, also die Kombination von physischen Produktionsmitteln, um eben diese Produkte immer wieder neu zu erzeugen. Zugespitzt formuliert, determiniert die Physik die exakten Mengenverhältnisse, in denen die Produktionsmittel bei der Herstellung von Waren eingesetzt werden müssen.

      Der Autor John Davis sieht Parallelen zwischen der philosophischen Position von Piero Sraffa und den Auffassungen einiger Mitglieder des Wiener Kreises wie Rudolf Carnap und Otto Neurath. Ausführlich erörtert wird die offenbar wechselseitige Beeinflussung von Sraffa und Ludwig Wittgenstein.

      Der Physikalismus taugt freilich nur sehr begrenzt zur Erklärung ökonomischer Vorgänge. Damit lässt sich allenfalls eine sehr einfache Gesellschaft beschreiben, die sich in einem statischen Gleichgewicht befindet – also die Subsistenzwirtschaft, die Sraffa im ersten Kapitel der Warenproduktion abhandelt.

      Der Physikalismus scheitert jedoch, sobald eine Wirtschaft nachhaltig Überschüsse erzielt. Wie soll der Surplus (den die Kapitalisten kontrollieren) verwendet werden? Er wird ja definitionsgemäß nicht benötigt, um das Wirtschaftssystem im Gleichgewicht zu halten.

      Die große Frage also lautet: Sollen die Kapitalisten die Überschüsse konsumieren (in Form von Luxusgütern)? Oder sollen sie den Surplus vielmehr in eine Ausweitung der Produktion investieren? Die Kapitalisten haben die freie Wahl; es gibt keine Notwendigkeit, die eine bestimmte Entscheidung erzwingt.

      Laut dem Autor erkennt Sraffa diese Schwierigkeit. Er führt daher subjektive Elemente ein, die von ihm aber als externe Faktoren betrachtet werden. Die Motive, die das Verhalten der Kapitalisten leiten, würden außerhalb der ökonomischen Sphäre liegen.

      Meine Interpretation wäre: Sraffa kann seinen Physikalismus (die „Science of Things) nicht strikt durchhalten). Er ist vielmehr ab einem bestimmten Punkt gezwungen, Anleihen zu nehmen bei der „Scicnce of Motives“.

      https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=1737900

    • vcaspari sagt:

      @ Heismann. Lieber Herr Heismann,
      Ihr Hinweis auf King und Ihre Interpretation ist begründet ! Ich habe ja in meinem Beitrag WmW als proto-ökonomischen Ansatz charakterisiert. Diese Idee hatte ich vor vor fast 40 Jahren, nachdem ich die Arbeiten von Lorenzen, Böhme und Janich zur Protophysik gelesen hatte. Diesem Ansatz folgend interpretierte ich, dass Sraffa zu klären versuchte, wie ökonomische Theorie überhaupt möglich ist. Und das kann man Physikalismus nennen. Würde er mit den Motiven usw. beginnen, dürfte man die Frage stellen, wodurch sich Ökonomik von der Psychologie unterscheidet.
      Ich neige bis heute dazu, die Ökonomik zuerst als Systemtheorie zu begreifen, die dann um Verhaltenshypothesen erweitert wird.
      Verhalten ohne Produktions”gesetze”, Budgetbeschränkungen und Kreislaufbedingungungen halte ich in der Ökonomik für Unfug. Da sind wir uns aber sich einig, obwohl es inzwischen Forschungsrichtungen in der Ökonomik gibt, in denen das in den Hintergrund tritt. Ich denke an die experimentelle Wifo und an die verhaltensorientierten Ansätze.

      Gruß, vc

    • Gerald Braunberger sagt:

      Lieber Herr Caspari,
      im Grundsatz Zustimmung, aber die Annahme eines Ausgleichs von Profitraten unterstellt ein bestimmtes Verhalten von Unternehmern. Und auf welcher Grundlage will man bei Sraffa Basiswaren von anderen Waren unterscheiden?
      Viele Grüße
      gb

    • vcaspari sagt:

      Lieber Herr Braunberger
      die Konkurrenz als Systemeigenschaft führt zum Ausgleich. Law of one price. Auf der Unternehmenssebene ist natürlich Gewinnmax. die Handlungsmaxime. Aber es ist bei Sraffa nur diese und taucht erst im Kapitel über der Produktion mit Surplus auf. Bei Debreu kommt neben der Gewinnmaximierung nur noch die Präferenzmaximierung hinzu. In DSGE Modellen treten noch Erwartungsbildungshypothesen, meistens rationale Erwartungen, hinzu.
      Je dichter man sich der Wipol nähert, desto mehr “Psychologie” kommt ins Spiel. Die “Psychologie” kann so stark werden, dass Budgetrestriktion ins Unendliche verschoben wird, bis sich die Schufa meldet und Herr Zwegat klingelt.

    • Heismann sagt:

      Metabolismus, und Marktwirtschaft
      Sehr geehrter Herr Professor Kurz,

      in Ihrer Replik auf Gerald Braunberger skizzieren Sie die wissenschaftlichen Intentionen Piero Sraffas. Unter Punkt 2 notieren Sie: „Mit den klassischen Ökonomen war Sraffa daran interessiert, den gesellschaftlichen Metabolismus von Produktion und Konsumtion zu verstehen – die Transformation von Materie und Energie in neue Formen von Materie und Energie.“

      Gerade aber der Vergleich mit dem Stoffwechsel von Lebewesen zeigt meiner Ansicht nach, welche grundlegenden Fehler in Sraffas Modellen stecken. M. E. ist sein Ansatz von vornherein zum Scheitern verurteilt. Hierzu ein paar Stichpunkte und Beispiele.

      Beim biologischen Metabolismus wird der Austausch von Materie und Energie mit der Umwelt auf komplizierte Weise geregelt. Die Mechanismen beruhen ganz wesentlich auf Informationen, die in der DNA kodifiziert sind. Eine große Rolle spielen bei höheren Lebewesen natürlich auch erlernte Verhaltensweisen.

      Gut ein Jahrzehnt vor der WmW veröffentlichte Norbert Wiener sein bahnbrechendes Werk über Kybernetik. Dort beschreibt er unter anderem mathematisch exakt, wie komplexe Systeme, sei es in Natur oder Technik, bei externen Störungen im Gleichgewicht bleiben können. Essentiell ist dabei das Konzept der Rückkopplung.

      Das System der simultanen Gleichungen, das Sraffa entworfen hat, scheint auf den ersten Blick gut geeignet, um Feedbacks darzustellen. Tatsächlich ist das aber, soweit ich sehe, keineswegs der Fall. Sraffas Systeme sind zwar in der Lage, sich zu reproduzieren. Doch dies geschieht auf ganz mechanische, absolut starre Weise.

      Deshalb sind die Modelle außerordentlich instabil. Wenn in Sraffa-Land die Schweinepest ausbricht und Millionen Ferkel gekeult werden müssen, dann herrscht in der nächsten Wirtschaftsperiode Mangel an einem essentiellen Input. Zwangsläufig schrumpft die Produktion. In der übernächsten Periode werden daher auch andere Inputs knapp. Über kurz oder lang kollabiert die gesamte Volkswirtschaft – sie verfügt über keinerlei Mechanismen, um externe Störungen zu bewältigen.

      In der Realität aber sind die Commodities, die in der Produktion eingesetzt werden, weitgehend substituierbar. Die Menschen müssen nicht unbedingt Schweinefleisch essen, um ihre Arbeitskraft zu reproduzieren; Geflügel, Obst und Gemüse sind ohnehin gesünder. Wenn Holz oder Metalle knapp werden, dann können sie meist problemlos durch andere Werkstoffe ersetzt werden.

      In einer hochentwickelten Volkswirtschaft regeln weithin die Märkte Angebot und Nachfrage. Wenn eine bestimmte Ware knapp zu werden droht, steigen gemeinhin die Preise. Damit erhalten die Lieferanten alternativer Commodities ein klares Signal, ihr Angebot zu erhöhen. Die Käufer können mithin leicht auf Substitute ausweichen. Welche Roh- und Grundstoffe sie wählen, hängt weitgehend von den relativen Preisen ab.

      Vor fünfzig Jahren spielte Erdöl in der Wirtschaft der Industriestaaten eine eminent große Rolle. Dann aber ließ das Opec-Kartell seine Muskeln spielen. Auf die zweifache Preisexplosion der 1970er Jahren reagierten die Verbraucherländer in mehrfacher Weise. Die Stromerzeuger ersetzten Öl weitestgehend durch andere Primärenergien – von Atomkraft über Erdgas bis zur Windkraft. Wohnhäuser und Wirtschaftsgebäude wurden besser isoliert. Überdies konstruierten die Auto-Ingenieure neue, spritsparende Modelle. Benzin wurde mithin durch eine geistige Leistung substituiert. Bei Sraffa aber lesen wir nichts über die eminente Bedeutung von Forschung und Entwicklung.

      Hochorganisierte Rückkopplungen lassen sich auch auf Unternehmensebene beobachten. In einem Industriebetrieb auf der Höhe der Zeit sammelt der After-Sales-Service systematisch Informationen über Kunden-Reklamationen, Reparaturen und Garantiefälle. Diese Daten werden digital an die Forschung und Entwicklung übermittelt, so dass die Ingenieure Konstruktionsfehler erkennen und beheben können. Womöglich wird dabei ein anfälliges Kunststoffteil durch eine solidere Metallkomponente ersetzt.

      Auch in die Produkte werden zunehmend automatische Regel- und Steuerelemente eingebaut. In Sraffas Welt wird Weizen mit Hilfe von Werkzeugen produziert, die wesentlich aus Eisen bestehen. Sorry: Schon lange wird Getreide nicht mehr mit Sensen geerntet. Heute brausen Mähdrescher über die Felder, die bis ans Dach mit Steuerungselektronik vollgestopft sind.

      Es sind heute Modelle auf dem Markt, die exakt ermitteln können, wie hoch die Ernteerträge auf den Feldern sind – bis fast auf den Quadratmeter genau. Zu diesem Zweck wird unter anderem GPS eingesetzt. Dank der Informationen, die der Mähdrescher sammelt, können die Landwirte in der nächsten Ernteperiode die Mengen an Kunstdünger besser dosieren, die sie auf den Äckern ausstreuen. Dieses Precision Farming erlaubt es, wesentlich höhere Ernten zu erzielen und gleichzeitig die Böden vor Überdüngung zu schützen.

      Das Beispiel zeigt abermals: Inputs (Dünger) und Outputs (Weizen) sind keineswegs sklavisch aneinander gekettet. Ob die Bauern allerdings teure Mähdrescher mit GPS anschaffen, ist nicht zuletzt eine wirtschaftliche Frage. Erwarten die Farmer langfristig sinkende Weizen-Preise, werden sie womöglich die Kosten scheuen.

      Aus den geschilderten Beispielen lässt sich m. E. das Fazit ziehen: Nicht die Physik diktiert, welche Commodities in der Produktion verwendet werden. Dies tut der Markt! Marktpreise bestimmen weitgehend, welche Input-Kombinationen und Technologien die Unternehmen einsetzen. Es ist daher m. E. grundsätzlich nicht möglich, aus beobachteten, marktbestimmten Faktoreinsatzmengen die realen, physischen Produktionskosten herzuleiten. Da droht, wie ich es sehe, womöglich ein Zirkelschluss.

  4. Malemat1 sagt:

    Ist es nicht alles eins?
    Ist die Klassik nicht die theoretische Grundlage für die Beschreibung des durch die Beobachtung von Geld- und Warenströmen empirisch belegbaren und charakterisierbaren kulturellen Zustands innerhalb einer bewusst vage gehaltenen Systematik Sraffas? Was die Vermögensverteilungsfrage angeht: Eine Änderung der Vermögensverteilung entlang unterschiedlicher (Zeit-)Achsen ist tatsächlich nur durch eine fundamentale Änderung der Kultur möglich. Da wir uns geistig dazu befähigt fühlen, beschränkte natürliche Ressourcen in der Hoffnung auf Produktivitätszuwächse auf nicht nachhaltige Weise zu verbrauchen, stellt der Zentralbankzins theoretisch die zur langfristigen Erreichung des Gleichgewichts aus Produktion und Verbrauch auf ganz fundamentaler Ebene erforderlichen Produktivitätszuwächse dar. Sraffa, dessen Werk mir bis soeben gänzlich unbekannt war, muss wohl in sehr großen Dimensionen gedacht werden, die Klassik vielmehr als die theoretische Grundlage eines Beobachtungspunkts innerhalb einer Systematik von Wirtschaftssystemen betrachtet werden. Sie erscheint in diesem Zusammenhang als Treiber einer Demokratisierung wirtschaftlicher Macht, was aktuell an zweierlei Grenzen stößt. Die Grenzkosten wirtschaftlicher Entwicklung steigen, denn die zur Schaffung der weltweit wünschenswerten Lebensbedingungen nach Stand der Technik erforderlichen Ressourcen übersteigen das nachhaltig verfügbare Angebot. Deswegen müsste man logisch schlussfolgern, dass die Zinsen momentan in keinem Verhältnis zu einem angenommenen idealen Zins stehen, welcher gemeinsam mit dem Preisniveau eine maßgebliche Kennzahl in der Charakterisierung der wirtschaftlichen Kultur eines Währungsraumes sein dürfte. Es handelt sich jedoch nur um einen theoretischen Soll-Wert, wobei der Ist-Wert recht willkürlich festgelegt werden kann. Ausgleich über das Preisniveau, strikt nach globalem Angebot und globaler Nachfrage. Ich sehe enorm viele Anknüpfungspunkte, wenn man Sraffas kulturelle Systematik nicht auf der gleichen Ebene wie die Theorie der Klassik ansiedelt. Ich hoffe aufrichtig, nicht zu viel missverstanden und in Unkenntnis der tatsächlichen Veröffentlichungen hineininterpretiert zu haben. Mein Interesse an seiner Arbeit wurde durch den Artikel definitiv geweckt.

    • Gerald Braunberger sagt:

      Ich kann Sie nur ermuntern, Sraffa zu lesen, wenn Sie das interessiert. Man sollte die bedeutenden Oekonomen im Original lesen, das kann nicht schaden, auch wenn es nicht immer ganz einfach ist. Mich freut es immer, wenn einer meiner Beiträge Leser zu weiterer Lektüre veranlasst.
      Viele Grüße
      gb

  5. keylog sagt:

    Der Zeit und den Anforderungen...
    ….entsprechend entwickelt sich eine ökonomische Landschaft. Zuerst steht die materielle Kultur, der alles untergeordnet wird, dann folgt eine Stagnation, wie wir es der Zeit erleben, denn jedes Wachstum ist limitiert.
    Das kann man in der Natur beobachten, wenn man will, wer dies ignoriert und so tut, als brauche es nur noch mehr Kapital, welches auch noch nicht existiert, nur auf dem Papier begeht einen großen irreperablen Irrtum. Es wirkt nur vorübergehend, und der Kater ist schmerzhaft. Das Rezept:sparen und Leute entlassen schafft nur neue Probleme, auf die die politische Führung und die Gesellschaft nicht vorbereitet ist. Nur das weitere Pfeifen im Walde wir kein zufriedenstellendes Resultat erzeugen.
    Was generell fehlt, ist eine geistige Kultur als Regulator der materiellen Kultur. Das hängt sehr viel mit Bildung ab, nicht das gelernte, sonder das Erlebte wir für die Zukunftsentwicklung ausschlaggebend sein.
    Mit anderen Worten, wir müssen NEU DENKEN, Ziele formulieren, Funktionen festlegen und daraus die Legitimation zum Handel ableiten.
    So zum Beispiel “Sicherung des Lebensraum ERDE”, das hat dann auch zu tun mit Umwelt, Verteilung der Ressourcen, erhalten der Lebensräume, auch der Ausgleich von Leistung und Anspruch also die ganze ökonomische Palette, die neu definiert werden muß. Jede Zeit hat ihre eigen Anforderungen, Adam Smith war sicher zu seiner Zeit richtig und notwendig.
    Wir müssen uns Qualifizieren, um diese Herausforderungen zu bestehen.
    Also intrinsiches Lernen nicht nur beschränkt auf das extrinsiche, das war halt oft von gestern und hilft ohne Orientierung auch nicht für das Morgen, nicht die Schnelligkeit ist entscheident sonder die Qualität. Zur Erinnerung “Albert Einstein” ist mit Papier, Bleistift und Rechenschieber ausgekommen, sein Arbeiten wären mit erhöhter Geschwindgkeit auch nicht besser geworden.
    Also wo wollen wir (die Gesellschaft, nicht nur ein paar Zocker) hin, welche Ziele, für die Menschen begreifbar, mit welche Funktionen und von wem werden die erfüllt (Arbeitsteilung) um daraus dann die Legitimation für das Entscheiden und Handeln abzuleiten. Das ist ein iterativer Prozess, der laufend überprüft und angepasst werden Muß.

    • kernb sagt:

      Warum sollte Wachstum limitiert sein?
      Erst wenn der menschliche Erfindergeist erlischt, endet auch das Wachstum. So lange der Mensch aber innovativ bleibt, wird es auch Wachstum geben. Vermutlich zwar keine gewaltigen oder gar zweistelligen Wachstumsraten wie in China in der Vergangenheit, aber eben Wachstum. Kontinuierlich. Wie das Universum, das sich beständig ausdehnt.

  6. pspahn sagt:

    Sraffa und die Postkeynesianer
    Es bietet sich nicht unmittelbar an, Sraffas auf den ersten Blick sperrig-abstraktes Modell “Warenproduktion mittels Waren” zur Begründung lohn- und stabilitätspolitischer Auseinandersetzungen heranzuziehen. Aber in den Gefilden der Interessenpolitik ist man bei der Wahl vermeintlicher Hilfsargumente nicht zimperlich. Auf einer anderen Ebene liegt die partielle Begeisterung für die neoricardianische Theorie in postkeynesianischen Kreisen. Dabei gibt es zwischen den theoretischen Ansatzpunkten und Modellen von Keynes und Sraffa wenig Gemeinsamkeiten. Postkeynesianer waren und sind aber offensichtlich geneigt, über so manches Stöckchen zu springen, wenn es im Parcour nur gegen “die Neoklassik” geht.
    Sraffas Modell liefert eine statische Momentaufnahme eines mehrsektoralen Systems, in dem (bei gegebener Technik) die jeweiligen Budgetbeschränkungen die relativen Gleichgewichtspreise bestimmen, sofern man einen Verteilungsparameter (Lohn oder Zins) vorgibt. Der große, nicht zuletzt didaktische Wert dieses Modells liegt darin zu zeigen, dass eine geschlossene Volkswirtschaft (gerade auch aus Gründen der “Nachhaltigkeit”) eben die Ressourcen in den benötigten Mengen produzieren muss, die sie zu Produktion und Konsum benötigt. Es liefert damit einen ausgeprägten Gegenentwurf zum walrasianischen Grundmodell der Neoklassik, dem Tausch gegebener Erstausstattungen, das zwar eine nutzenoptimale Effizienz von Transaktionen zeigen kann, jedoch die Herkunft der Erstausstattungen im Dunkeln lässt.
    Frank Hahn, der große neoklassische Theoretiker des Allgemeinen Gleichgewichts mit einem ausgeprägten Verständnis für Keynes, insistierte darauf, dass die Modelle von Sraffa und Walras letztlich vereinbar sein müssen, wenn man sie hinreichend verallgemeinert; aber dies verwischt die unterschiedlichen Erkenntnisziele der beiden Grundmodelle. Sraffa selbst wäre wohl nie auf die Idee gekommen, die Auswirkungen diskretionärer Verteilungsänderungen auf Investitionsentscheidungen zu leugnen; sein Modell blendet die Ebene von Entscheidungen aus! Die Verteilung berührt im Gleichgewicht (!) relative Preise und auch den aggregierten Kapitalwert. Die rechnerische Möglichkeit des Auftretens “ungewöhnlicher” Kombinationen von Zins und Kapitalintensität hebt doch nicht den richtungsmäßig eindeutigen Einfluss der Zinspolitik auf die Investitionstätigkeit auf, wie manche Neoricardianer propagierten.
    Ist Sraffa für die Fehldeutungen seines Modells verantwortlich? Die “großen Irrtümer” der Ökonomen liegen vermutlich auf Seiten derjenigen, die wohl auch aus Mangel an theoriegeschichtlicher Kenntnis die “großen Theorien” falsch verstehen.

    • Gerald Braunberger sagt:

      Lieber Herr Spahn,
      meine These lautet nicht, dass Sraffa für “Fehldeutungen” (war es eine?) in der Praxis verantwortlich war. Keynes ist mit Sicherheit nicht für alles verantwortlich, was heute “Keynesianer” unterschiedlicher politischer Provenienz fordern. Aber auch als Sraffa wohl noch gesundheitlich in der Lage gewesen wäre, sich an der Debatte zu beteiligen, hatte er offenbar keine Einwände, dass Gewerkschaften mit Sraffa-Transparenten Streiks für sehr hohe Lohnforderungen bestritten. Das Bild des reinen Denkers in seiner Klause im Trinity College wäre vielleicht schön, aber wäre es auch wahr? John Kenneth Galbraith hat einmal erzählt, wie Sraffa 1945 – Galbraith war damals für die Amerikaner in einer leitenden Funktion in Europa und hatte enge Beziehungen zum Militär – darum gebeten hatte, mit einem Flugzeug unverzüglich nach Italien geflogen zu werden. Das Militär lehnte damals ab, es fürchtete, Sraffa wolle sich an einem kommunistischen Umsturz beteiligen. Galbraith schrieb (ich zitiere aus der Erinnerung): Sraffas politische Präferenzen seien dort gewesen, aber er wäre auch viel zu unpraktisch gewesen, um eine politische Rolle zu spielen.

      Gruß
      gb

  7. Catull sagt:

    Verdienstvolle Beiträge
    Sehr geehrter Herr Braunberger,
    ebenso wie schon Ihr Beitrag zu der Rolle Kaldors in Großbritannien ist auch dieser Artikel zu Sraffa und Italien unbedingt verdienstvoll. Es ist notwendig, die verhängnisvollen wirtschaftspolitischen Entwicklungen in den 1960er und 1970er Jahren aufzuarbeiten, die vieles von den jetzigen Kalamitäten erklären. In der Tat, es droht, dass sich die Geschichte reimt.
    Mit besten Grüßen,
    Friedrich Wolf

  8. vcaspari sagt:

    Gratulation zu diesem Husarenstück!
    Als einer in der neoricardianischen Denkweise erzogener akademischer Ökonom und zweimaliger Teinehmer als graduierter Student an den Triester Sommerschulen kann ich Ihre Einschätzung der Diskussionen zwischen italienischen Neoricardianern und amerikanischen Postkeynesianern (Minsky, Weintraub, Davidson) weitgehend bestätigen.
    Ich habe Sraffa aber immer anders gelesen, ähnlich eben wie Debreu (1958): niemals als positive Theorie über die Realität, sondern als proto-ökonomische Theorie, als Grundgerüst für eine Theoriebildung. Sraffa zeigt, dass langfristige, normale Preise ohne Berücksichtigung der Nachfrageseite bestimmt sind, wenn vollkommene Konkurrenz und Gewinnmaximierung angenommen wird und das in einem totalanalytischen Ansatz. Marshall hatte das in der Partialanalyse ja auch gezeigt, wenn konstante Skalenerträge vorliegen. Nur in der kurzen und der temporären Periode spielt die Nachfrageseite ein Rolle.
    Die aus der Sraffassche Theorie folgende Kritik an der aggregierten Produktionsfunktion (PF), besonders am Kapitalkonzept, führte für mich zu der Frage, was kann die Makroökonomie leisten ohne sich einer solchen PF zu bedienen?. Das Solow-Modell war für mich nun nur noch ein Spezialfall, den man bestenfalls zu didaktischen Zwecken bemühen darf. IS-LM bieb unberührt, DSGE Modelle mit neoklassischer PF unterliegen u.a. dem kapitaltheoretischen Vorbehalt, weshalb ich sie nicht für allgemeingültig erachte. Die first order condition r=Grenzp. des Kapitals setzt die theoretische Existenz des Grenzprodukts voraus.
    Blicken wir in die funktionale Verteilungstheorie. Ist die Lohnqoute bzw. die Gewinnquote ein Resultat der technischen Grenzproduktivitäten? Oder spielt die Verhandlungsmacht der Tarifparteien doch eine Rolle? Blanchard hat diesen Aspekt berücksichtigt und dann in der Preissetzungsgleichung Elemete des full-cost pricing berücksichtigt – konstante Grenzkosten + Gewinnaufschlag. Erinnert uns das an etwas???? So argumentierten viele Postkeynesianer, wie z.B. A.S. Eichner oder R. Marris. Natürlich gerade nicht die, die sich vorwiegend mit Geld und Finanzen befasst haben.
    Wirtschaftspolitische Grundvorstellungen beruhen neben den aus Kreislauf und Tausch resultierenden “Gesetzmäßigkeiten” (z.B. die Saldenmechanik) immer auch auf Verhaltenhypothesen und Normvorstellungen. Auch unter neoklassische Ökonomen gibt es in Abhängigkeit von den jeweiligen Hypothesen und Normen unterschiedliche wirtschaftspolitische Grundvorstellungen. Frank Hahn (wie Bob Solow) war ein Vertreter der neoklassischen AGT, aber wirtschaftspolitisch ein überzeugter Gegner der Wirtschaftspolitik Thatchers und damit auf der Seite des Keynesianers Kaldor. C.C. von Weizsäcker ist als Protagonist der österreichischen Kapitaltheorie für eine großzügigere Fiskalpolitik während die Mieseianer und Hayekianer darob erschaudern. Auch hier entgegengesetzte wirtschaftspolitische Vorstellungen trotz Berufung auf die österreichische Theorie. Und in der Geldpolitik, die
    für meine Verständnis viel von einer Kunstlehre hat, haben wir ähnliche Konstellationen.
    Gleichwohl: Es mag manchen erstaunen, es gibt in der Ökonomik in vielen Fragen auch eine große Übereinstimmung zwischen den sogenannten Schulen.

    • Gerald Braunberger sagt:

      Titel eingeben
      Lieber Herr Caspari,

      vielen Dank für Ihre Kommentar! Ich würde gerne zu drei Punkten etwas sagen:

      1. Ich fand es in den vergangenen Jahren sehr interessant, wie der leider kürzlich verstorbene Emmanuel Farhi im Rahmen neoklassischer Modelle versuchte, eine Reihe der von Ihnen angesprochenen Themen zu behandeln. Zu aggregierten Produktionsfunktionen:
      https://scholar.harvard.edu/farhi/publications/microeconomic-foundations-aggregate-production-functions
      Oder zum Mark-up:
      https://scholar.harvard.edu/farhi/publications/darwinian-returns-scale
      Speziell das zweite Thema spricht doch Diskussionen an, die Im Mainstream gerade in den vergangenen Jahren in den USA stark diskutiert werden im Zusammenhang mit den “Superstar-Firmen” und der wachsenden Konzentration. Farhi hatte sich übrigens auch mit den “Kaldor Facts” befasst.

      2. Ein Punkt, über den ich auch schon mit Herrn Schefold gesprochen hatte: Was wird denn mit Sraffa-Modellen und der Kapitalkontroverse in Wissensökonomien mit einem hohen und steigenden Anteil von Dienstleistungen und einem Kapital, das zu einem immer größeren Teil nicht mehr physisch existiert, sondern als Software, Patente, Markenrechte etc.?

      3. Es gab einmal in den USA eine Befragung unter Ökonomen, bei der herauskam, dass sie in 90 Prozent aller Fragen im wesentlichen übereinstimmen. Und der Rest hat viel mit Werturteilen zu tun. Und ja, Werturteile und Präferenzen ergeben sich nicht zwingend aus ökonomischen Modellen. Modigliani sagte einmal, man könne prinzipiell gleichzeitig Monetarist und Sozialist sein. Ja, und theoretisch ging Sraffa auch mit einer politischen Forderung, die Profitrate zu verfünffachen. Aber ich wage die These: Es ist dennoch kein Zufall, wenn man auf der politischen Linken nicht die größten Fans der Quantitätstheorie findet und wenn man in der Mont-Pèlerin-Society nicht viele Neoricardianer finden sollte.

      Viele Grüße
      gb

    • vcaspari sagt:

      Lieber Herr Braunberger
      zu Ihren drei Anmerkungen:
      zu 1) Farhi war der einzige jüngere akad. Ökonom, der sich den “alten” ungelösten Fragen stellte, sie ernst nahm. Auf sein paper kann ich hier nicht eingehen. Sein Freitod ist, so gesehen, doppelt tragisch.
      zu 2) Wissensökonomien. Ja, das ist allerdings für alle Schulen ein schwieriges Feld. Humankapital misst man allerdings nicht in Werteinheiten, sondern in Zeiteinheiten, d.h. Ausbildungsjahren und somit entgeht man den Bewertungseffekten, wenn sich die Faktorpreise ändern. Bei Software hat man als Fixkosten die Entwicklungskosten, die reinen variablen Produktionskosten sind meistens klein. Software ist ein Kapitalgut, wenn es in einem Unternehmen als Input verwendet wird, ein Konsumgut wenn ich sie auf meinem Rechner installiere. Nach einer gewissen Zeit ist sie obsolet, weil nicht mehr systemkompatibel. Also wird sie im Unternehmen, wie die Hardware auch, abgeschrieben. Also ganz normales fixes Kapital. IKT ist überwiegend fixes Kapital, was tendenziell billiger wird, aber nicht verschwindet. Produzierte Dienstleistungen sind so zu behandeln wie Arbeitsleistungen, also in Zeit zu messen und Bestandteil der Inputmatrix. Ein Patent ist ein temporäres Monopol. Das läßt sich in allgemeinen Gleichgewichtsmodellen – egal ob walrasianisch oder sraffaianisch – nicht abbilden. Die Theorie unvollkommener Konkurrenz bleibt partialanalytisch.
      zu 3) So hoch hätte ich “aus dem Bauch heraus” die Übereinstimmung nicht geschätzt. Ich stimme Ihnen allerdings vollkommen zu, dass sich die verschiedenen Schulen nicht gleichmäßig auf die politischen Ideologien verteilen. Wohlfahrtstheoretiker, die es ja kaum noch gibt, neigten mit ihren second und third best-Lösungen oft zu wesentlich mehr Interventionismus als Liberale ertragen, von Libertären ganz zu schweigen. Aber Planwirtschaft und Verstaatlichung lehnen nahezu alle Schulen der Ökonomik (zumindest als Dauerlösung) ab. Selbst Marx hat, bis auf wenige Bemerkungen, nichts zur Funktionsweise sozialistischer und kommunistischer Ökonomien geschrieben. Da muß man schon Bucharin oder Preobraschenski, den Neoklassiker O. Lange oder Janos Kornai befragen. Ich hatte als Student ja noch das Glück, Jiri Kostas Vorlesungen zur Planwirtschaft in der CSSR zu hören. Danach war man auf dem Boden der Realität gelandet und verstand, dass Thermostatventile die Wärmeverteilung besser regulieren als das Öffnen und Schließen der Fenster durch umherirrende Hausmeister.

    • Heismann sagt:

      Sraffa und die Wissensökonomie
      Zu dem Punkt 2, den Gerald Braunberger anspricht, möchte ich ergänzend zu Herrn Caspari gerne folgendes anmerken:

      1. Piero Sraffa befasst sich meiner Wahrnehmung nach vor allem mit Massenprodukten, deren Eigenschaften sich nicht wesentlich voneinander unterscheiden. Im englischen Original lautet der Titel seines Hauptwerks denn auch „Production of Commodities by Means of Commodities“, was die Sache treffender bezeichnet als der deutsche Buchtitel „Warenproduktion mittels Waren“. Überdies verwenden bei Sraffa alle Produzenten die gleichen Verfahren und Techniken. Für die Nutzbarkeit homogener Commodities ist es folglich gleichgültig, welcher Hersteller die Güter liefert. In der Wissensökonomie herrscht weithin das genaue Gegenteil. Die Suchmaschine von Google beruht auf völlig anderen Algorithmen als das Konkurrenzprodukt Bing. In der Folge liefern die beiden Search Engines meist ziemlich andere Trefferlisten, die von recht unterschiedlicher Qualität sind.

      2. Sraffa nimmt vollkommene Konkurrenz an. In der Wissensökonomie sind hingegen Monopole und Oligopole allgegenwärtig. Verantwortlich hierfür sind nicht nur Patente, sondern auch Netzwerkeffekte. Wenn alle meine Freunde bei Facebook oder Instagram sind, dann melde ich mich da ebenfalls an und nicht bei konkurrierenden, unbeliebten Social Media. Netzwerkeffekte begründen unter Umständen dauerhaftere Monopole als Patente, die ja irgendwann auslaufen.

      3. So heterogen wie die Produkte ist in der Wissensökonomie das Kapital, das zur Erzeugung von Innovationen benötigt wird. Es besteht vornehmlich aus den je unterschiedlichen Kenntnissen, Fähigkeiten und Erfahrungen der Mitarbeiter. Ein IT-Konzern benötigt in der Forschung und Entwicklung hunderte von verschiedenen Qualifikationen. Es ist m. E. nicht möglich, dieses hoch diverse Humankapital quantitativ zu bestimmen, indem man etwa die Zahl der Ausbildungsjahre oder die Hochschulabschlüsse ermittelt. Bei einer solchen Methode kämen übrigens Bill Gates und andere College Drop-Outs, die IT-Unternehmen mit Weltgeltung gründeten, auf eine sehr dürftige persönliche Bilanz.

      4. Da das Humankapital in der IT, der Pharmazie und anderen forschungsintensiven Wirtschaftszweigen so heterogen ist, dürften in der Kapitalkontroverse womöglich Joan Robinson und ihre Mitstreiter recht behalten, so zweifelhaft viele andere ihrer Thesen sind. In der Wissensökonomie lässt sich die Profitrate m. E. nicht theoretisch herleiten. Wie hoch die Gewinne sind, die ein IT-Konzern erzielt, hängt ganz überwiegend von den jeweiligen Umständen ab – der Marktmacht, der Nachfrage und nicht zuletzt der Preissetzungsstrategie.

      5. Da wissensintensive Unternehmen ein so reiches Reservoir an unterschiedlichen, hoch entwickelten und breit diversifizierten Kenntnissen benötigen, konzentriert sich der relevante Arbeitsmarkt tendenziell weltweit auf einige wenige Standorte. Das Humankapital, das für die Forschung und Entwicklung in der Künstlichen Intelligenz gebraucht wird, findet sich im Silicon Valley, in Shenzhen und vielleicht noch in Süddeutschland, gewiss aber nicht in Mecklenburg, Montana oder dem Mezzogiorno. Die geografische Ballung der Wissensökonomie, die sehr beträchtliche regionale und auch internationale Verteilungseffekte zur Folge hat, lässt sich m. E. mit Gleichgewichtsmodellen à la Sraffa nicht erklären.

      6. In der Wissensökonomie beruhen Innovationen weitgehend auf intellektuellen Vorleistungen Dritter, seien es Universitäten oder kommerzielle Unternehmen. In einem Smartphone von Apple oder Samsung stecken zahllose patentierte Lösungen, die andere Firmen entwickelt haben. Ähnlich sind Halbleiter-Hersteller, die die Produktion von Chips der nächsten Generation aufnehmen wollen, darauf angewiesen, dass ihre Zulieferer rechtzeitig die hierfür benötigten neuartigen Produktionstechnologien entwickeln. Der Piero Sraffa des 21. Jahrhunderts müsste ein Buch schreiben mit dem Titel „Development of Innovations by Means of Innovations.“

  9. bodo3000 sagt:

    "Wenn Ökonomen (der FAZ) irren"
    gerne eine dadurch hervorgerufene reminiszenz.
    wuchtig im ersten kapitel des buches von sraffa der nüchterne hinweis, (relative) preise ergeben sich in der neoklassik nur durch veränderung, i.e. die marginalistik spielt dieser fata morgana einer theorie einen dicken streich.
    sein werk „Warenproduktion mittels Waren“ hat er explizit nur in der DDR publizieren wollen und hat es auch – 1968. putzig, wie WIKIPEDIA hier den zeitstrahl vermogelt. zuerst wird die die BRD-edition (Suhrkamp-edition 1976) zitiert, also acht jahre nach der DDR-publikation. diese wurde bereits 1969 in westberlin für dm 5,00 antiquarisch verramscht.
    dass Gunther Kohlmey (Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Institut für Wirtschaftswissenschaften, DDR) in seinem vorwort das werk als in der tradition von karl marx stehend ankündet, ist der mangelnden kenntnis der auseinandersetzung von karl marx marx mit david ricardo zuzuordnen (dazu spannende lektüre: MEW, Bd. 26.2, S. 110 ff, für kontemporäre ignoranten: MEW: Marx Engels Ausgabe).
    ein arbeitsbeschaffendes thema wären das in der BRD-ausgabe verfasste nachwort von Bertram Schefold, ein zweckdienlicher kotau (chinesisch 叩頭 / 叩头) wegen professur seit 1974 an der FFM-uni: mit ricardo gegen marx. köstlich! damals ging es gegen karl marx, seit 2018 (200. geburtstag) und 2017 (150 jahre DAS KAPITAL. KRITIK der politischen ökonomie) eine seit 1989 geruhsam wohlwollende reminiszenz. analytisch ist etwas anderes.
    diesmal not amused.
    b.b.

    • Gerald Braunberger sagt:

      Verehrter Meister,
      dass Sraffa in deutscher Sprache zuerst in der DDR erschien, hatte ich schon bei Napoleoni gelesen. Nur: Was hat das mit der Wirtschaftspolitik zu tun, die Neoricardianer in den frühen siebziger Jahren in Italien betrieben haben? Das Verhältnis Marx-Ricardo oder Marx-Sraffa spielt in meinem Artikel doch gar keine zentrale Rolle.
      Gruß
      gb

  10. Gerald Braunberger sagt:

    Eine Antwort von Bertram Schefold
    Bertram Schefold, Professor an der Goethe-Universität in Frankfurt, hat die nachfolgende Mail gesendet und gestattet, Sie hier im Blog abzudrucken, wofür ich sehr danke.
    Viele Grüße
    Gerald Braunberger

    Lieber Herr Braunberger,

    Ich gratuliere zu Ihrem heutigen Wirtschaftsblog. Es hat wirklich etwas Geniales, wie Sie das doch Bedeutende an Sraffa und seinen Schulen und das mehr Anekdotische, die Theorieentwicklung und den Zank, die Geschichte der Klassik und ihre Anwendungen, die Keynesianer und ihre Ambivalenzen, die reale Geschichte und die wirtschaftspolitischen Verirrungen zusammenfügen, um eine ordnungspolitische Botschaft zu verteidigen. „Touché!”, muss der alte Fechter sagen.

    Unsereins wird von Ihnen gelobt und schonend getadelt. Zu meiner Verteidigung könnte ich vorbringen, dass ich lohnpolitische Zurückhaltung bei den Gewerkschaften, anfänglich unter Einfluss des ungleichen Paars Salin und Kaldor, seit Anfang der siebziger Jahre vertreten habe, und dass da stets eine gewisse Spannung zwischen insbesondere italienischen Sraffa-Folgern wie Garegnani und mir bestand, obwohl ich gerade von Garegnani viel gelernt habe. Haben Sie von der Kritik an den Sraffa-Folgern der zweiten Ebene, wie Sie es nennen, nicht durch mich erfahren, haben wir nicht vor Jahren schon das Problem Italiens gleich interpretiert und haben Sie nicht durch mich von Binis Analyse der Verwendung eines vulgarisierten Sraffa zur Bemäntelung lohnpolitischer Exzesse gehört? Ich verdanke die Kenntnis letzteren Zusammenhangs übrigens Frau Monika Poettinger in Florenz/Mailand (Bocconi) und gemeinsam organisierten Vigoni-Konferenzen. Ich habe Ihr deshalb Ihren Blog gesandt. Vielleicht wird sie sich an Sie wenden.

    Die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken sehen wir beide skeptisch. Auch ohne die Coronakrise stecken die führenden Industrieländer in einer Art „Stagflation II“: schwache Wachstumsdynamik, zugleich Inflation der Vermögenspreise. Ich habe vor etwa einem Jahr in Ihrer Zeitung versucht, eine Alternative aufzuzeigen und darauf aufmerksam gemacht, dass eine damals möglich erscheinende langsame Zinserhöhung von einer relativen Lohnsenkung begleitet wäre, weil, wie auch aus Sraffa folgt, das Steigen der Zinskosten die Reallöhne drücken würde. Die Hoffnung bestand, dass Produktivitätssteigerungen diesen sonst einen Konflikt auslösenden Effekt mildern könnten. Offenbar lässt sich Sraffa auch anders als von Ihnen so eloquent für Italien geschildert verwenden.

    Das Argument führt mitten in die Kapitaltheorie. Heinz Rieter und Carl Christian von Weizsäcker hielten mir entgegen, die Zinssteigerung werde, wie von Wicksell gegen den von mir zitierten Tooke behauptet, zu einer Senkung der Kapitalintensität führen. Das folgt aber nicht, wenn eine Weiterführung der kapitaltheoretischen Kritik richtig ist, die ich seit einigen Jahren verfolge und zu der ich in diesen Tagen einen mathematisch fortgeschrittenen Aufsatz mit Götz Kersting abschliesse. Wir zeigen mit neuen Argumenten, dass die effizienten Techniken nur wenige sind und dass deshalb die Kapitalintensität in der mittleren Frist stabil bleibt und sich in der längeren nur langsam mit dem technischen Fortschritt verschiebt. Was Wicksell, Hayek und tutti quanti für eine kapitaltheoretischen Effekt hielten, der aus exogenen Verschiebungen des Zinssatzes folgen soll, ist in Wirklichkeit ein altbekannter keynesianischer: wird der Zinssatz exogen (die österreichischen Ökonomen würden sagen“künstlich“) gesenkt, kann ein Boom daraus folgen. Ob die Beschäftigung steigt oder die Preise explodieren, hängt wesentlich von der Lohnpolitik ab, aber auch z.B. von der realen Verfügbarkeit von Energieressourcen u.ä. Wird umgekehrt der Zinssatz erhöht, kann der Investitionsprozess gestört werden – nicht wegen einer Veränderung der Kapitalintensität (das ist das österreichische Totschlaginstrument in der Wirtschaftspolitik), sondern wegen der Beeinflussung der Nachfrage, weswegen die Verfechter des neofisherianschen Ansatzes ja auch zugeben, dass die Zinserhöhung (im gegenwärtigen Umfeld dürfte man von Normalisierung sprechen) langsam zu erfolgen hätte, wie das die amerikanische Zentralbank vor anderthalb Jahren versuchte, bis Trump ihr dazwischen fuhr und nun Corona eine neue Lage gebracht hat.

    Was das Exemplum hier lehren soll, ist jetzt nur, dass es auf Kapitaltheorie doch ankommt. Es ist mein Beruf, alte und neue Theorien auseinander zu nehmen, zu prüfen, sie neu zu verbinden und nach Möglichkeit weiter zu entwickeln. Wenn mein mit Herrn Kersting erarbeitetes Papier der Überprüfung der Anderen stand hält, bleibt nicht nicht viel vom Substitutionsmechanismus zumindest unter effizienten Techniken, auf den Böhm-Bawerk und die Neoklassik sich verlassen wollen. Das macht die Theorie nicht einfacher, sondern schwieriger, aber dem müssen wir uns stellen. Rom wurde nicht in einem Tag erbaut. Von der Abwandlung neoklassischer Elemente in Smith durch deutsche Smithianer bis zur Isolierung und Kanonisierung der Nutzentheorie durch Menger und ihrer Erstreckung auf die Theorie der Faktorpreise durch Böhm-Bawerk dauerte es hundert Jahre, und von da bis zur modernen Form der Neoklassik noch einmal hundert. Es mag sein, dass die alltägliche Forschung der Ökonomen viel kürzere Zeiträume im Blick hat und den jungen Forschern geraten werden muss, nur zu lesen, was nicht älter ist als fünf Jahre. Was die Nachwirkungen Sraffas anbelangt, ist das nicht der relevante zeitliche Rahmen und das letzte Wort noch nicht gesprochen. Was ich an Ihrem Aufsatz besonders bewundere, ist denn auch, wie er einen weiteren Rahmen einbezieht.

    In hoher Wertschätzung
    Ihr
    Bertram Schefold

    • Gerald Braunberger sagt:

      Theorie und Empirie
      Lieber Herr Schefold,
      vielen Dank für die sehr freundlichen Worte! Darf ich als Antwort Sie zitieren – aus Ihrem Interview mit den Perspektiven der Wirtschaftspolitik?

      Dort sagen Sie: “Das heißt, dass die verschiedenen Ansätze der Nationalökonomie des 19. Jahrhunderts alle gemeinsam funktionieren, unter der Voraussetzung, dass Zufallsmatrizen angenommen werden, mit ein paar Zusatzbedingungen: sowohl das klassische Erbe bei Marx als auch die Neoklassik in der Form, wie wir sie bei John Bates Clark mit der Produktionsfunktion skizziert finden; aber auch die allgemeine Gleichgewichtstheorie, wenn man den Kapitalwert vorgibt. Das heißt, der Versuch Sraffas, durch eine logische Kritik die Neoklassik auszuscheiden, verbunden mit dem impliziten Versuch, die Klassik zu restaurieren, ist nicht so geglückt, wie er sich gedacht hat. Es gibt Bedingungen, unter denen die Neoklassik doch funktioniert. Diese Bedingungen sind aber restriktiv.”

      Und auf die Frage, ob Sie das Ergebnis überrascht hat, antworten Sie: “Allerdings! Zumindest hat der Versuch, ehrlich mit der Entwicklung der Theorie umzugehen, mich gezwungen, meine ursprünglichen Ansichten ein ganzes Stück weit zu modifizieren. Rein abstrakt genommen, ist die aus der Sraffa-Diskussion hervorgegangene These, dass die neoklassische Produktionsfunktion nicht allgemein konstruiert werden kann, natürlich richtig geblieben. Aber es ist auch eine empirische Frage, inwieweit die technischen Systeme, mit denen wir es in der Industriegesellschaft zu tun haben, den Zufallscharakter tragen, der die Konstruktion doch ermöglicht…”

      Nach meiner bescheidenen Ansicht ist das doch die Frage: Welche Modelle sind denn geeignet, Grundlage für eine Empirie zu sein, die eine sich sehr stark wandelnde Welt vernünftig nachzubilden versucht? Rüdiger Bachmann würde vermutlich sagen: Der neoklassische Mainstream ist nicht perfekt, aber er bietet das Handwerkszeug, um die Themen anzugehen. Und wie in meiner Antwort an Volker Caspari angedeutet, finden sich besonders in den Vereinigten Staaten viele Ökonomen, die sich mit solchen Themen befassen.

      Schlussendlich: Mein Beitrag ist ja eigentlich weniger ein Beitrag über Sraffa, sondern über Schüler Sraffas und nicht einmal über alle.

      Ein wesentlicher Grund für meinen Beitrag ist der Grund, der mich dazu bewogen hat, vor ein paar Wochen in der F.A.Z. Adam Smith und Nicholas Kaldor gegeneinander antreten zu lassen. Wir haben Diskussionen wie in den siebziger Jahren, unter anderem, weil wir auch Themen wie damals haben und die in Cambridge- völlig zu Recht – auf der Agenda oben standen: Wachstumsschwäche, ökonomische Macht und, zum Teil damit zusammenhängend, Verteilungsfragen als Thema. Diesen Themen dürfen wir heute nicht ausweichen, aber meine Sorge ist, dass wir sie ähnlich anpacken, wie es mancherorts damals geschehen ist.

      Viele Grüße
      Ihr
      Gerald Braunberger

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