Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Wenn Banken Leitartikel diktieren

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Wer gewinnt, wenn unabhängige Medien von Banken Kredite nehmen? Die Unabhängigkeit der Presse oder die Finanzinteressen?

Als 2008 die große Finanzkrise ausbrach, stand für die Öffentlichkeit der Schuldige schnell fest. Die Banken und andere Finanzinstitute waren die Bösen, weil sie zu viel in amerikanische Immobilienpapiere investiert hatten. Diese Sicht der Dinge war einseitig und sie blendete andere Beteiligte aus. Notenbanken wie die amerikanische Federal Reserve hatten vor der Krise indirekt Zusicherungen gegeben, dass sie große Finanzhäuser nicht fallenlassen würden. Finanzaufseher hatten die Bilanzrisiken nicht erkannt oder darüber hinweggesehen. Der amerikanische Kongress hatte die Immobilienkredite im Zuge einer aggressiven Eigenheimpolitik jahrelang forciert. Es gab faktische Garantien für die staatlichen Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac. Die Politik lockte und trieb die Banken in die Immobilienpapiere, die sich als faul herausstellten.

Nur auf die Banken als Schuldige zu fokussieren, ist deshalb zu kurz gedacht und kann üble Folgen haben. Wenn Notenbanken, Aufseher und Politik vor der Krise versagten und das Finanzsystem ins Unheil führten, wie soll man ihnen glaubhaft abnehmen, dass sie es nach der Krise besser wissen und besser regulieren?

Neutralität oder Schulden

Solche Zusammenhänge sind nicht einfach zu durchschauen. Gemeinhin und besonders in solchen Finanzkrisen wird den Medien die Aufgabe zugesprochen, für Aufklärung zu sorgen. Aber werden sie dieser Aufgabe gerecht? Drei Ökonomen lassen daran arge Zweifel aufkommen. Ihr Misstrauen richtet sich nicht gegen die Fähigkeit guter Zeitungen oder Journalisten, komplizierte Sachverhalte zu durchschauen und einfach darzustellen. Die Sorgen gründen auch nicht in den Klagen, dass private Medien, die sich mit schrumpfenden Anzeigenerlösen finanzieren, ihre Redaktionen verkleinern müssen. Die Zweifel richten sich vielmehr darauf, ob Medienhäuser, die üblicherweise Bankkredite halten, neutral über Banken berichten können.

Entrüstet wird jeder Finanzredakteur auch nur den Verdacht einer Einflussnahme zurückweisen. Doch die Ergebnisse der Studie geben zu denken. Ruben Durante, Andrea Fabiani und José Luis prüfen, ob die Verschuldung einer Zeitung die Berichterstattung über die Gläubigerbank beeinflusst. Die Studie ist mit 36 börsennotierten europäischen Banken im Zeitraum von 2009 bis 2018 breit angelegt. Zwanzig Zeitungen aus Frankreich, Deutschland, Spanien und dem Vereinigten Königreich und Tausende Artikel wurden untersucht. Die Ergebnisse sind wie bei jeder ökonometrischen Studie nur ein Indiz, aber eindeutig.

Zeitungen tendieren danach dazu, ihre Gläubigerbanken in der Berichterstattung über die Quartalsergebnisse gut aussehen zu lassen. Konkret berichten sie häufiger über ihre Gläubiger als über andere Banken, wenn diese Gewinn und keinen Verlust gemacht haben. Finanzzeitungen neigen dazu, ihren Gläubigerbanken im Fall positiver Ergebnisse mehr Platz einzuräumen als anderen Banken. Diese verzerrte Berichterstattung hängt zusammen mit der wirtschaftlichen Lage von Zeitungen. Stehen Zeitungen finanziell unter Stress und sind stärker von ihren Gläubigern abhängig, bevorzugen sie ihre Kreditgeber in der positiven Berichterstattung mehr. Positive Ergebnisse der Gläubigerbanken werden bevorzugt berichtet, wenn die Kapitaldecke der Banken dünn ist.

Rücksichtnahme in der Euro-Schuldenkrise

Zusammengenommen sind diese Befunde vereinbar mit der These, dass Gläubigerbanken Einfluss auf ihre Zeitungsschuldner nehmen und dass Zeitungen dafür besonders empfänglich sind, wenn es ihnen schlecht geht. Aus ökonomischer Sicht kann das kaum anders sein. Die alltägliche Erfahrung zeigt schließlich auch, dass Banken bei stark verschuldeten Unternehmen in die Geschäftspolitik hineinreden. Warum sollte das bei Zeitungen nicht gelten?

Es gibt mehr Beispiele für einen Einfluss von Banken auf die Presse. In einer anderen Analyse über acht europäische Länder zeigen die drei Ökonomen, dass Kreditbeziehungen auch Einfluss darauf hatten, wie die Zeitungen die europäische Schuldenkrise vor einem Jahrzehnt berichteten und kommentierten. Zeitungen, deren Gläubiger besonders stark in Staatsanleihen der Krisenstaaten investiert waren, neigten dazu, die Schuld an der Krise weniger bei den Banken zu suchen. Sie sprachen sich auch seltener für Schuldennachlässe zu Lasten der Banken aus. (In dieser Teilanalyse war die Frankfurter Allgemeine eine von 24 untersuchten Zeitungen. Die F.A.Z. GmbH hat keine Bankschulden.)

Am Beispiel Italien hatte der Chicago-Ökonom Luigi Zingales schon 2016 auf eine ähnlich verzerrte Berichterstattung hingewiesen. Zur Lösung der Bankenkrise erzwang die Regierung in Rom den von Banken, Pensionsfonds und Versicherungen finanzierten Atlante-Fonds. Die Verluste der Banken wurden breit und auch auf die Schultern der Pensionäre und Rentner verteilt. Italiens Banken war das nur recht. Ausländische Zeitungen kritisierten den Plan sehr, doch in der italienischen Presse fand er große Zustimmung. Zeitungen, die besonders stark verschuldet waren, lobten den Fonds besonders stark. Analog folgten Italiens Zeitungen dem Widerstand der italienischen Banken in der Berichterstattung über ein Dekret, dass große Genossenschaftsbanken sich zu Aktiengesellschaften wandeln sollten. Ausländische Zeitungen lobten den Plan.

Finanzteufel und staatlicher Beelzebub

Auch diese Analyse deutet darauf hin, dass die Presse nicht so unabhängig über Banken berichtet, wie sie es beansprucht und wie die Öffentlichkeit es erhofft. Wie aber könnten Banken die Berichterstattung in ihrem Sinne beeinflussen? Es sei vorstellbar, dass Banken Druck auf Chefredakteure ausüben, spekuliert Zingales. Seriöse Redakteure würden ihre Meinung aber wohl kaum auf Anweisung des Chefs ändern. Der Chicago-Ökonom vermutet deshalb, dass die Chefredakteure gezielt solche Kommentatoren und Redakteure auf Themen ansetzen, die der vorgegebenen Meinung entsprechen.

All das ist natürlich kein Problem, wenn viele Zeitungen und Medien unterschiedliche Meinungen und Berichte anbieten. Die Meinungsvielfalt wäre im Wettbewerb gesichert. Schwierig werden kann es erst, wenn alle Zeitungen wirtschaftlich unter Druck stehen und der Einfluss der Banken zunimmt. Um die finanzielle Unabhängigkeit der Presse zu sichern, schlagen manche deshalb staatliche Unterstützung vor. Damit aber würde nur der finanzielle Teufel mit dem Beelzebub ausgetauscht. Der Staat erhielte direkten Einfluss auf die unabhängige Presse. Eine solche Idee kann nur gutheißen, wer glaubt, dass die Politik die Finanzmärkte und die Banken vor und nach der Finanzkrise gut reguliert hat.

 

Ruben Durante, Andrea Fabiani und José Luis: Media Capture by Banks, CEPR Discussion Paper 15260, London 2020.

Luigi Zingales: Are Newspapers Captured by Banks? Evidence from Italy. Chicago Booth School of Business 2016.

Dieser „Sonntagsökonom” erschien am 4. Oktober in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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2 Lesermeinungen

  1. ChWeise sagt:

    Wer führt Regie?
    Die Banken sind nur einer von vielen Verdächtigen. Die Eigentümer der Verlage kommen einem in den Sinn, die Chefredaktion und die unheimliche Anziehungskraft des mainstream – wer will sich schon gerne in die Nesseln setzen. Und dann gibt es ja noch die hohe Politik, die kritische Stimmen lieber nicht mehr einlädt.

  2. Burissa sagt:

    "Moral Hazard" war keine "indirekt gegebene Zusicherung" ...
    … eher eine ziemlich direkt einseitig genommenes Privileg. Ergebnis der Erkenntnis, “too big to fail” zu sein.

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