Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Auch Kellner und Künstler sind systemrelevant

| 11 Lesermeinungen

Jeder will systemrelevant sein. Aber ohne wen geht im Land tatsächlich nichts?

Auch Kellner sind systemrelevant - hier in Kühlungsborn© dpaAuch Kellner sind systemrelevant – hier im Mai in Kühlungsborn

Systemrelevant will jeder sein, denn so viel hat sich herumgesprochen: Wer dieses Etikett hat, der hat es besser. In der Finanzkrise begann das: Die Banken galten als systemrelevant, darum wurden viele vom Staat vor der Pleite gerettet. In der Corona-Pandemie waren es Ärztinnen und Krankenpfleger, Supermarkt-Mitarbeiter, Altenpfleger und so weiter. Mehr Geld gab es in diesem Fall nicht für jeden, aber allein die Notbetreuung für Kinder von systemrelevanten Mitarbeitern hat dazu geführt, dass der Status recht begehrt war.

Die Angestellten im Gesundheitssystem reichten aber nicht. Schnell stellte sich heraus: In der arbeitsteiligen Welt sind ziemlich viele unterschiedliche Menschen nötig, um das Land am Laufen zu halten. Die Liste der systemrelevanten Berufe jedenfalls wuchs immer weiter: die Müllabfuhr gehörte dazu, Lastwagenfahrer, Wasserwerker und IT-Experten. Für die hat niemand geklatscht? Schade.

Systemrelevanz hat wenig mit Popularität zu tun

Doch für die Systemrelevanz ist erst mal nicht wichtig, welche Berufe besonders populär sind. Wenn Fachleute über Systemrelevanz reden, dann geht es um eine simple Frage: Welche Arbeiten müssen weitergehen, weil sie Schlüsselleistungen fürs gesamte Land bereitstellen, ohne die alles andere zusammenbricht? Dabei ist es egal, ob die Tätigkeit warme Gefühle weckt und ob sie als sinnstiftend oder altruistisch gilt. Deshalb galten Banken schon immer als systemrelevant: Ohne sie stockt der Geldverkehr, die Unternehmen kommen nicht mehr an ihr Geld, viele gehen pleite. Einerlei, ob man Banker mag oder nicht – wenn der Staat die Banken nicht rettet, hat er hinterher noch weniger Geld für all die wünschenswerten Ausgaben. Selbst wenn die Bankenrettung also Milliarden kostet, ist das gut angelegtes Geld, das noch größere Verluste verhindert. So ging das Argument.

Und wenn jetzt die zweite Corona-Welle kommt – welche Branchen sind dann die wichtigsten? Das ist wichtig zu wissen, wenn im Herbst möglicherweise neue Einschränkungen des Lebens und der Arbeit drohen. Zum Glück hat sich über den Sommer ein Ökonomenteam ans Werk gemacht, um diese Frage zu untersuchen. Es besteht vor allem aus Mitarbeitern des an die Bundesagentur für Arbeit angeschlossenen Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung. Dabei ist zum Beispiel der Arbeitsmarktforscher Enzo Weber. Sie haben Daten des statistischen Bundesamtes analysiert, um festzustellen, wie die einzelnen Branchen miteinander verflochten sind.

Ihre erste Frage: Für welches System sollen die Arbeiten überhaupt relevant sein? Sind die Branchen wichtig, die besonders viele Vorprodukte an andere Unternehmen liefern, deren Ausfall also die Arbeit anderswo behindert? Oder sind die Branchen wichtig, die besonders viele Vorleistungen aus anderen Unternehmen bekommen und dort für Pleiten sorgen können? Oder aber sind die Branchen wichtig, deren Probleme besonders viele Arbeitsplätze gefährden? Die Fragen hören damit noch nicht auf. Insgesamt legen die Forscher elf verschiedene Kriterien dafür an, was Systemrelevanz sein kann.

Ohne Logistiker bricht alles zusammen

Wichtig ist zum Beispiel die Versorgung anderer Unternehmen: Wenn der Müller ausfällt, hat der Bäcker kein Mehl zum Backen, und im Supermarkt liegt am Ende kein Brot. Dieser Gedanke liegt nahe. Es gibt aber Branchen, die noch entscheidender sind als der Müller und der Bäcker, wie die Analyse der Ökonomen zeigt: Am wichtigsten von allem sind die Handels- und Logistikbranche. Großhändler, Supermärkte, Lagerei und so weiter – diejenigen also, die die Verteilung von Waren organisieren. Wenn die ein Problem haben, bewegt sich in Deutschland nur noch wenig. Ebenfalls weit oben stehen Branchen, die mit Immobilien zu tun haben, die IT-Dienstleister – und, ja, auch die unbeliebten Banken sind wichtig. Dabei sind den Deutschen nur wenige dieser Branchen in den Sinn gekommen, als man im Frühling über Systemrelevanz nachdachte. Aber es ist ja wahr: Auch die Krankenschwestern können ihre Arbeit nur dann gut machen, wenn ihnen jemand Medikamente ans Krankenhaus liefert und wenn ihnen jemand die IT-Probleme löst. Es sind solche Branchen, ohne die praktisch niemand sonst arbeiten kann.

Das war eine Betrachtung für die unmittelbare Pandemie, in der das Überleben organisiert werden muss. Es gibt aber noch andere Perspektiven, zum Beispiel: Welche Branchen sind wichtig, damit Deutschlands Wohlstand langfristig erhalten bleibt? Wessen Schwierigkeiten bringen besonders viele Arbeitsplätze in Gefahr? Für diese Fragen reichten die Daten des Statistischen Bundesamtes nicht aus. Die Ökonomen brauchten zudem Modelle dafür, wie sich Preise und Beschäftigtenzahlen entwickeln.

Kellner und Künstler sind auch systemrelevant

Die Ergebnisse sind eine Überraschung. Die meisten Arbeitsplätze sind abhängig von „sonstigen Unternehmensdienstleistungen“ – eine muntere Mischung von Sicherheitsdiensten, Sekretariatsdienstleistern und anderen Branchen. Wenn die für eine Milliarde Euro weniger arbeiten, dann sind rund 35.000 Stellen gefährdet. Der Grund: Diese Berufe lassen sich kaum ersetzen. Wenn sie ausfallen, dann trifft das alle Branchen. Die Preise steigen, und die Menschen haben weniger Geld für anderes übrig; also gehen überall Arbeitsplätze verloren, so schätzen es die Ökonomen.

Dicht dahinter kommen die Künstler und das Gastgewerbe, zwei Branchen, in denen sehr schnell sehr viele Arbeitsplätze verlorengehen, weil dort in guten Zeiten sehr personalintensiv gearbeitet wird– und zwei Branchen, die von der Corona-Krise besonders betroffen sind. In diesem Sinn zeigen die Ökonomen also, dass auch Künstler und Kellner systemrelevant sind, zumindest wenn es um die langfristige Zukunft der Arbeitsplätze in Deutschland geht.

Und was ist mit der Autoindustrie, die ja als besonders wichtig für Deutschlands Wohlstand gilt und deren Strukturwandel in diesen Tagen zu vielen Entlassungen führt? Die Autoindustrie taucht in diesen Tabellen auch auf, allerdings nicht immer ganz oben. So viel lässt sich sagen: Probleme in der Autoindustrie kosten weniger Arbeitsplätze als in anderen Branchen. Pro verlorener Milliarde an Wertschöpfung in der Autoindustrie gehen insgesamt rund 10000 Arbeitsplätze verloren, wenn auch relativ gut bezahlte. Wahr ist: Probleme der Autoindustrie belasten relativ schnell auch ihre Zulieferer und andere Branchen. Wahr ist aber auch: In der Branche wird nicht sehr personalintensiv gearbeitet. Die Gastronomie hat dreimal so viele Mitarbeiter wie die Autoindustrie, also sind von den Schwierigkeiten der Kfz-Bauer erst mal nur relativ wenige Menschen betroffen.

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11 Lesermeinungen

  1. Antesde sagt:

    Amüsante Umdefinition von Systemrelevanz
    Die Zukunft der Wirtschaft hängt also laut Untersuchung in hohem Maße von personalintensiven Branchen ab, d.h. denen mit minimaler Pro-Kopfproduktivität: Gastronomie und Künstler. Dass “Sicherheitsdienste, Sekretariatsdienstleister” ganz vorne rangieren, passt ins Bild.

    Offensichtlich wird die Menge betroffener Arbeitsplätzen mit “Schlüsselbedeutung” für die gesamte Wirtschaft und vor allem deren Zukunft verwechselt. Die wohl eher von hohem Ausbildungsstand, Produktivität und sich schnell entwickelnden Technologiesektoren dominiert. Dazu können die oben genannten Branchen aber überhaupt nichts beitragen. Und personalmäßíg sind möglicherweise nicht mehr als 250.000 Individuen für die Entwicklung der gesamten Wirtschaft maßgeblich.

    Immer wieder erstaunlich (und amüsant), was von seiten der VWL über den Tisch gereicht wird.

    • Patrick Bernau sagt:

      Schließen Sie nicht zu schnell. Die Studie schließt nicht einfach der Menge betroffener Arbeitsplätze auf Systemrelevanz. Es gibt, wie gesagt, viele Kriterien. Und: Selbst für das Arbeitsplatz-Kriterium wird erst die Verflechtung der Wirtschaft berücksichtigt und dann ausgerechnet, wie viele Arbeitsplätze in anderen Branchen nachgezogen werden.

  2. Wege sagt:

    Ähnlich "systemrelevant" sind Schuhputzer ... bis man auf ihre Dienste verzichtet

  3. politicus24 sagt:

    Titel eingeben
    Die Entwicklung von der industriellen Gesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft im Rahmen einer Marktwirtschaft könnte die zutreffende Antwort liefern. Die Struktur der Erwerbsgesellschaft hängt direkt mit dem zusammen, was man als Anbieter oder Unternehmen bezeichnet. Angebot und Nachfrage entscheiden über den Preis und den Gewinn – Allokationsfunktion usw. Insofern ist dieser Begriff der “Systemrelevanz” eine falsche Betrachtungsweise, die an sich “nicht-systemrelevant” ist. Das heutige volkswirtschaftliche Angebot ist nicht durch Planwirtschaft entstanden, sondern durch Wettbewerb und letztlich Tauschprozesse. Wer also heute diese Frage stellt, was “systemrelevant” sei, aus dem spricht der Geist der Planwirtschaft. Aus dieser Sicht wären also “überflüssige Angebote, die man nicht braucht” ein “Fehler des Systems”. Marktwirtschaft kann apriori solche “Fehler” nicht begehen, so dass die Frage nach der “Systemrelevanz” am Gegenstand der sozialen Marktwirtschaft vorbeigeht.

  4. WRoepke sagt:

    Es gibt auch nicht-systemrelevante Berufe
    Kellner und Künstler sind nicht systemrelevant. Punkt. Ich kann mir zur Not die Fertigmahlzeit in die Mikrowelle schieben und mit einem Blatt Papier selbst ein Aquarell malen. Ja, das hat nicht die gleiche Qualität wie das Essen, das ein Kellner bringt, oder das Werk eines professionellen Künstlers. Aber man kann damit überleben.

    Etwas völlig anderes ist es, wenn die Apotheke kein Insulin mehr ausreicht oder der Rettungssänitäter plus Notarzt bei einem Herzinfarkt nicht mehr auftaucht. Hier kann ich mir selbst nicht helfen.

    Das schließt nicht aus, dass es sich bei Kellnern um Künstlern um ordentliche Berufe handelt, die absolut ihre Berechtigung haben. Und dass deren Arbeitslosigkeit bedauerlich ist. Aber systemrelevant sind sie nicht.

  5. JuliusPeter sagt:

    Gastronomie = teurer Pandemie-Treiber
    Klar, dass Arbeitsmarktforscher der Bundesagentur für Arbeit das so sehen. Damit sollte man sich aber kritisch auseinandersetzen. Systemrelevant ist nämlich nur, was während der Pandemie zwingend gebraucht wird.

    Selbst wenn man sich aber auf die Sichtweise der Arbeitsmarktforscher einliesse, bliebe kritikwürdig, dass diese eine zwingende Folge auszublenden scheinen, die es zwangsläufig hätte, wenn die Gastronomie offen bliebe: Die Pandemie würde getrieben. Die Fallzahlen stiegen unnötig. Dies wiederum hätte gravierende wirtschaftliche Auswirkungen, die wir uns ersparten, wenn wir die Gastronomie runterfahren würden. Sagt die Studie hierzu etwas?

  6. Supul sagt:

    Am Ende sind wir alle systemrelevant ...
    Dann sind ja alle gewürdigt und zufrieden, und wir können wieder zu den wichtigen Themen des Tages übergehen.

  7. Heismann sagt:

    @ Patrick Bernau
    Ob eine bestimmte Branche systemrelevant ist oder nicht, hängt m. E. nicht davon ab, wie arbeitsintensiv dieser Wirtschaftszweig ist und wie viele Menschen ihren Job verlieren, wenn ein Lockdown verhängt wird. Im engeren Sinne geht es hierbei m. E. um das, was man im Englischen als „mission-critical“ bezeichnet, also um all das, was notwendig ist, damit eine Gesellschaft oder Wirtschaft nicht zusammenbricht.

    Hierzu gehören die Versorgung mit Strom, Gas und Wasser, aber auch die Telekommunikation. Mission-critical sind unbestreitbar ebenfalls Krankenhäuser, Feuerwehr und Polizei. In die gleiche Kategorie fallen Transport, Logistik und Einzelhandel: Ohne Supermärkte hätten die Menschen nichts zu essen.

    Gastronomie aber ist ganz sicher nicht „mission-citical“. Aus diesem Grund haben die Regierungen während des Corona-Lockdowns ja auch Bars und Restaurants geschlossen, während die Lebensmittelläden offenblieben.

    Was „mission-critical“ ist, lässt sich aus den Input-Out-Output-Tabellen, die die Autoren auswerten, aber nicht ablesen. Da sind nur die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen den Sektoren zu erkennen – nicht aber, ob die Vorleistungen wirklich unverzichtbar sind oder ob sie notfalls substituiert werden können.

    Es geht um qualitative Beziehungen, nicht um quantitative! Auch wenn eine bestimmte Branche nur wenig Strom aus der Energiewirtschaft bezieht, ist dieses Gut ganz gewiss „mission-critical“. Auf der anderen Seite können Unternehmen Geschäftsreisen leicht durch Videokonferenzen ersetzen, wie dies ja die Pandemie gezeigt hat. Die Lufthansa ist womöglich nicht ganz so systemrelevant, wie dies mancher heute noch denken mag.

    Im Unterschied zu dieser kurzfristigen Betrachtung lässt sich „systemrelevant“ auch unter einer langfristigen Perspektive definieren. Dann wären beispielsweise Branchen systemrelevant, die die Entwicklung einer Volkswirtschaft und einer Gesellschaft vorantreiben.

    Dies sind beispielsweise fortgeschrittene Industrien und Hochtechnologien, die stark auf andere Branchen ausstrahlen – und zwar nicht nur durch Lieferungen oder den Bezug von Vorleistungen, sondern in noch viel größerem Maße durch den Transfer von Wissen und Innovationen. Auch diese Übertragungs- und Lern-Effekte lassen sich mit klassischen Input-Output-Analysen nicht erfassen.

    Japan, die Tiger-Staaten und dann auch China haben in den vergangenen Jahrzehnten systematisch solche Schlüsselindustrien aufgebaut – vom Schiffbau über die Autoindustrie bis zu Mikroelektronik, Informationstechnologie und Unterhaltungselektronik. Heute bildet der Ferne Osten, neben Europa und Nordamerika, das dritte Kraftzentrum der globalen Wirtschaft.

    Im Gegensatz zu Ostasien haben viele Entwicklungsländer auf Tourismus und Gastronomie gesetzt. Diese Branchen schaffen zwar Millionen von Arbeitsplätzen, soviel ist richtig. Doch hier gibt es so gut wie keine Entwicklung, keinen Fortschritt und wenig Möglichkeiten, sich vom Wettbewerb abzuheben. Länder, die auf den Tourismus setzen, bleiben wirtschaftliche Sorgenkinder, wie nicht zuletzt Griechenland zeigt.

    Die Autoren deuten konjunkturpolitische Schussfolgerungen aus ihrer Analyse an. Wenn sie allerdings allen Ernstes meinen sollten, die Regierung müsse die Gastronomie fördern, weil dort mit dem geringsten Input die größten Arbeitsmarkteffekte zu erzielen seien, wären sie auf dem Holzweg.

  8. Heismann sagt:

    Analyse greift zu kurz
    Die Analyse greift ein wenig kurz. Aus der Tatsache, dass es hierzulande erheblich mehr Kellner gibt als zum Beispiel Autowerker, lässt sich keineswegs schließen, dass die Gastronomie mindestens ebenso systemrelevant sei wie die Autoindustrie. Gegen diese These sprechen gleich mehrere Gründe.

    1. In der Gastronomie ist die Beschäftigung weitgehend prekär. Sehr viele Kellner arbeiten in Teilzeit oder als Aushilfen am Wochenende. Überdies sind langfristige Arbeitsverhältnisse eher die Ausnahme. In der Autoindustrie dürften die Löhne und Gehälter im Mittel drei Mal so hoch sein; lebenslange Beschäftigung beim selben Arbeitgeber ist weit verbreitet.

    2. Aufgrund der schlechten Entlohnung zahlen Kellner & Köche nur relativ niedrige Lohnsteuern und Sozialbeiträge. Viele geringfügig Beschäftigte entrichten überhaupt keine Abgaben. Würden alle Arbeitnehmer so wenig in die Gemeinschaftskassen einzahlen, müssten der Staat, die AOKs und die Rentenversicherung allesamt Konkurs anmelden.

    3. Dank der relativ hohen Löhne und Gehälter können sich viele Beschäftigte in der Autoindustrie irgendwann ein Eigenheim leisten. Die Arbeiter und Angestellten, die beim Daimler in Stuttgart schaffen, haben häufig ein Häuschen auf der Schwäbischen Alb. Dies dürfte bei schlecht verdienenden Kellner eher nicht der Fall sein. Sie lösen also nur geringe Impulse für den privaten Wohnungsbau aus.

    4. Die Autoindustrie ist hochinnovativ. Sie steht in Deutschland für rund ein Drittel aller privatwirtschaftlichen Ausgaben für die Forschung + Entwicklung. Viele Innovationen werden gemeinsam mit Zulieferern wie Bosch oder Trumpf entwickelt. Diese Unternehmen können die neuen Produkte dann auch auf dem Weltmarkt verkaufen. Solche breit und tief streuenden Impulse gibt es in der Gastronomie nicht.

    5. Die Autohersteller und ihre Zulieferer tragen maßgeblich dazu bei, dass Deutschland permanent hohe Handelsüberschüsse erzielt. Mit dem Export von Autos, Maschinen und anderen Industrie-Erzeugnisse werden Dinge bezahlt, die wir in Deutschland nicht produzieren (können) – von Erdöl und Buntmetallen über Bekleidung und Möbel bis zu Laptops und Smartphones. Die leckeren Speisen und Getränke, die uns die Kellner in der Lieblingskneipe servieren, beruhen weitgehend auf Importen – seien es Rotwein aus Spanien, Steaks aus Argentinien oder Camembert aus Frankreich.

    6. In der Gastronomie verfügen nur wenige Beschäftigte über eine qualifizierte Ausbildung. Hingegen haben in der Autoindustrie selbst die Arbeiter, die am Fließband stehen, meist eine Lehre als Handwerker oder Facharbeiter absolviert. Überdies beschäftigen die Autohersteller in Deutschland mindestens ein Viertel, wenn nicht ein Drittel aller Ingenieure. Ähnliches gilt für andere Mint-Berufe. Ohne die Autoindustrie müssten viele Berufsschulen und THs geschlossen werden.

    7. Heute rollen in Deutschland pro Jahr rund fünf Millionen Autos von den Fließbändern, drei Mal so viel wie in den 1970er Jahren. Die Zahl der Beschäftigten ist aber im Wesentlichen konstant geblieben. Selbst der beste Kellner schafft es hingegen nicht, drei Mal so viele Gäste zu bedienen wie seine Kollegen vor fünfzig Jahren. In den meisten Dienstleistungs-Branchen lässt sich die Arbeitsproduktivität kaum steigern – anders als in der Industrie. Die Autoindustrie trägt in erheblichem Maße dazu bei, dass die deutsche Wirtschaft Jahr für Jahr ein Wachstum erzielt und unser aller Wohlstand steigt.

    • Patrick Bernau sagt:

      Eine kurze Anmerkung dazu: Die Studie schließt das nicht aus der Tatsache, dass es mehr Mitarbeiter in der Gastronomie als in der Autoindustrie gibt. Sie schließt das unter anderem daraus, dass die Gastronomie sehr viel arbeitsintensiver ist – das heißt: Ein Wertschöpfungsverlust von einer Milliarde Euro wirkt sich in der Gastronomie deutlich stärker auf den Arbeitsmarkt aus als in der Autoindustrie.

      In diesem Beitrag habe ich probiert, das ganze möglichst allgemeinverständlich zu erklären. Wenn Sie in die Details gehen, empfehle ich Ihnen die Lektüre der Studie.

  9. benakdl sagt:

    Abhängigkeiten oder Jobmengen?
    Wenn gesagt wird “Es sind solche Branchen, ohne die praktisch niemand sonst arbeiten kann.”, ist die Bedeutung klar. Es funktioniert nichts mehr, die Abhängigkeiten für nicht verbundene Branchen sind so groß, dass deren Zusammenbruch in Aussicht stehen würde: Das könnte man als qualitative Abhängigkeit bezeichnen.

    Etwas völlig anderes ist es, wenn lediglich personalintensiv gearbeitet wird wie im Gaststättengewerbe. Hier stehen größere Jobverluste in Aussicht. Andere Branchen sind aber kaum betroffen. Wenn Mahlzeiten nicht im Restaurant konsumiert werden, steigt der Umsatz der Lebensmittelhändler. Sonst passiert nichts. Das könnte man allenfals quantitative Abhängigkeit nennen.

    Der Report wirkt konfus, weil er beides durcheinanderbringt.

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