Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Ich hab’s doch gewusst!

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Menschen gestehen sich nicht gerne ein, wenn sie falsch lagen. Das ist ein Problem. Denn so nehmen sie sich die Chance zum Lernen. Von Jürgen Kaube

 
 
Die Briten werden sich für den Verbleib in der Europäischen Union entscheiden. Niemals wird so jemand wie Donald Trump amerikanischer Präsident werden können. Nach vier Jahren seiner Präsidentschaft wird er viele seiner Anhänger verloren haben. All das sind Aussagen, die vom historischen Verlauf widerlegt worden sind. Noch eine Weile, nachdem das Gegenteil der Vorhersagen eingetreten ist, werden die Köpfe geschüttelt. Wie konnte es nur so kommen?
 
Den umgekehrten Effekt beobachten Psychologen seit knapp fünfzig Jahren. Baruch Fischhoff und Ruth Beyth, damals an der Hebrew University in Jerusalem, hatten 1974 ihre Studenten unter anderem gebeten, den Ausgang der Gespräche einzuschätzen, die der amerikanische Präsident Richard Nixon damals in China und Moskau zu führen vorhatte. Für wie wahrscheinlich hielten sie verschiedene Ergebnisse dieser Verhandlungen? Es ging um Ergebnisse wie “Die Vereinigten Staaten werden in China eine diplomatische Vertretung eröffnen”, “Die Vereinigten Staaten und die UdSSR werden ein gemeinsames Raumfahrtprogramm beschließen” oder “Präsident Nixon wird Mao treffen”.
 
Zwischen zwei und 24 Wochen nach dem Ereignis sollten sich die Studenten an ihre Einschätzungen erinnern. Wenn sie das nicht mehr genau konnten, sollten sie sich zurückversetzen und noch einmal entscheiden. Das Ergebnis war, dass etwa zwei Drittel der Befragten sich nicht mehr richtig erinnerten. 75 Prozent davon hatten dem Eintreten der Ereignisse, die tatsächlich eintraten, nachträglich eine höhere Wahrscheinlichkeit zugewiesen als zuvor. Kurz gesagt: Das Eintreten eines Ereignisses erhöht durchschnittlich seine rekonstruierte Wahrscheinlichkeit und verringert seinen Überraschungswert. Wir neigen dazu, es haben kommen zu sehen. Wir glätten die Geschichte. Das Ereignis selbst ist dann, im Vokabular der Entscheidungspsychologen, ein “Anker”, um zu beurteilen, wie wahrscheinlich wir es fanden, bevor es eintrat. Wenn etwas geschehen ist, finden wir es schwerer, uns vorzustellen, wie wir jemals darauf kamen, es werde nicht geschehen.
 
Seit diesem ersten Experiment ist die Rückblicks-Verzerrung (“hindsight bias”) vielfach nachgewiesen worden. Schon 2012 wurden mehr als achthundert Studien gezählt, in den unterschiedlichsten sozialen Zusammenhängen. Wenn das Paar sich getrennt hat, kommt bei den Beobachtern der Eindruck auf, man habe es schon von Anfang an “irgendwie” gewusst, sie passten nicht zueinander. Aber natürlich auch umgekehrt: Die Skeptiker – “sie passen gar nicht zueinander” – behaupten bei dauerhaftem Zusammensein: Na klar, Gegensätze ziehen sich an.
 
Von der Liebe zur Wirtschaft: Wenn eine Investition, etwa an Finanzmärkten, sich als erfolgreich erwiesen hat, blenden die Investoren aus, wie unsicher ihre Entscheidungen vor dem Ereignis waren. Oder in der Medizin, aus deren Bereich Baruch Fischhoff zu seinen Studien angestoßen wurde: Ein Radiologe findet an der Lungenaufnahme eines Patienten nichts Auffälliges. Der Patient stirbt an einer Lungenkrankheit. Ein zweiter Radiologe, der für die Familie des Verstorbenen in einem Verfahren gutachtet, findet in derselben Fotografie deutliche Anhaltspunkte für ein Krankheitsbild. Aber betrachtet er sie neutral, oder geht der Eindruck des tatsächlichen Todes in den Befund ein, man habe etwas sehen können oder sogar müssen? In 90 Prozent der Fälle von Lungenkrebs und siebzig Prozent der Fälle von Brustkrebs werden, so haben Experten festgestellt, auf Bildern, die vorher harmlos schienen, nachträglich Anzeichen für das gefunden, was gekommen war. “Alles ist klar, solange wir das Ergebnis kennen”, hat der Soziologe Duncan Watts das genannt.
 
Auch innerhalb von Organisationen kann das zu falschen Entscheidungen führen, wenn beispielsweise Irrtümer so behandelt werden, als hätten sie die Vorgesetzten vermieden. Das mag, wie eine Forschergruppe um Dorothea Kübler vor Jahren gezeigt hat, zu einer zu geringen Bereitschaft führen, Entscheidungen zu delegieren. Wenn Chefs den Ausgang einer Entscheidung zugrunde legen, ohne die Ungewissheit zu berücksichtigen, die bestand, als die Entscheidung getroffen wurde, tendieren sie zu Selbstgerechtigkeit.
 
Weshalb ist das so? Die Erklärung, “falsche” vergangene Urteile seien unnütz geworden, weswegen sie sinnvollerweise über Bord geworfen würden, erschöpft den Irrtum nicht. Denn selbstverständlich wäre es unter Gesichtspunkten des Lernens besser, sich Irrtümer nicht nur einzugestehen, sondern auch nach ihren Gründen zu fragen, anstatt so zu tun, als habe es sie gar nicht gegeben. Man kann die Vergangenheit nicht mehr ändern, aber das bedeute nicht, ihre Analyse sei unfruchtbar. Wir wollen zwar in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit leben. Doch zu dieser Wirklichkeit gehören auch die Fehler, die wir in ihr gemacht haben. Ihrer Analyse steht die Rückblicks-Verzerrung im Weg.
 
Überraschungen – der Brexit, Trumps erste Wahl, seine Mobilisierungsfähigkeit in der zweiten Wahl, der Sturm auf das Kapitol – sind der Stoff der Geschichte. Hinterher haben es viele vorher gewusst. Doch es ist ein Fehler, die Überraschungen durch glättende Konstruktionen des Typs “Wir haben das geahnt” der Untersuchung zu entziehen. Aus dem Rückblicksfehler folgt zu viel Selbstvertrauen, die Schlusskraft der eigenen Überzeugungen und Denkweisen wird überschätzt. Was uns zum falschen Schluss geführt hat, etwas sei unwahrscheinlich, wird durch die nachträgliche Behauptung, wir hätten das Ereignis doch für wahrscheinlich gehalten, gegen Kritik immunisiert. Wir stellen unsere Einschätzungen besser dar, als sie tatsächlich waren, und entziehen sie so der Überprüfung.
 
Natürlich gibt es gute Gründe, sich nach dem Eintritt eines Ereignisses mehr um die Vorgeschichte dieses Eintritts als um seine Unwahrscheinlichkeit zu kümmern. Man arbeitet ja mit dem bestimmten Ereignis weiter, nicht mit dem Ausbleiben anderer. Gerade bei drastischen, folgenschweren oder unerwarteten Vorkommnissen sammelt der Rückblick gern detektivisch alle Spuren von Kausalität und landet dann bei Schlüssen wie: Man hätte es sehen können. Die Antwort, zufälligerweise habe Trump über Clinton oder Biden über Trump gewonnen, zählt beim Erzählen von Geschichten darüber, wie es dazu kam, nur wenig.
 


Baruch Fischhoff, Ruth Beyth: “I Knew it Would Happen”. Remembered Probabilities of Once-Future Things”, Organizational Behavior and Human Performance 13 (1975); Neal J. Roese, Kathleen De Vos: “Hindsight Bias”, Perspectives on Psychological Science 7 (2012); David Danz, Dorothea Kübler u.a.: “On the failure of hindsight-biased principals to delegate optimally”, Management Science 61 (2015).
 

 


2 Lesermeinungen

  1. Jue.So sagt:

    ʺWas man weiß, was man wissen sollte…ʺ
    Geschätzter Blogger Jürgen Kaube,
    Sie gestehen sich ein, dass Mann durchaus falsch liegen kann, jedoch die Chance sich nicht nehmen darf, daraus lernen zu können – wie löblich.

    Erinnert an jenen älteren Herrn, der in hohem Alter diese Feststellung in die Öffentlichkeit brachte, jedoch nur zu einem Teil wiedergegeben:
    06.06.2013 Beim Wort genommen https://www.deutschlandfunk.de/beim-wort-genommen.862.de.html?dram:article_id=256199
    „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?“ Dieser Satz wird Konrad Adenauer zugeschrieben. Im DLF-Magazin allerdings interessiert uns das Geschwätz von gestern. Vor allem interessiert uns, was Politiker heute versprechen und welche Versprechen sie morgen – also nach der Wahl – brechen.

    Allerdings wird hierbei der wesentlichste Teil vom kompletten Satz weggelassen:
    „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern, nichts hindert mich, weiser zu werden.“
    24.04.2017 CSU-Chef macht weiter | Du sollst keinen Seehofer haben neben mir! https://www.deutschlandfunkkultur.de/csu-chef-macht-weiter-du-sollst-keinen-seehofer-haben-neben.2165.de.html?dram:article_id=384522 Von Arno Orzessek

    Weshalb ist das so? Fragen Sie Jürgen Kaube, und liegen mit Ihrer Aussage daneben!
    Straßenumfrage am Anfang in diesem Jahrtausend unter Abiturienten*Innen, die Jahrzehnte zurückliegend ihr Abit-Zeugnis erhielten – gesendet in SWR1 B-W:
    ʺWir mussten auswendig lernen und wieder vergessen, denn es stand schon das nächste an auswendig zu lernen.ʺ
    Pawlowscher Effekt: Konditioniert auf das Vergessen (wollen!)

    • Jue.So sagt:

      Schätzen, und doch daneben liegen?
      Schätzen, etwas oder auch jemanden schätzen, also geschätzt sein. Wie auch Schätzen, einschätzen einer Situation und/oder Person.

      Geschätzt wurde von uns Kindern, eingeschult 1961 in Stuttgart-Nord, unser Grundgesetz, das von uns im gemeinschaftlichen Umgang in Anwendung war; wie auch unsere christlichen Grundwerte.

      Rückerinnerung:
      Weimarer Verfassung « Juli 1919 beschlossen, 11. Aug. unterzeichnet und am 14. Aug. 1919 verkündete erste demokratische Verfassung »
      Zweiter Hauptteil | Grundrechte und Grundpflichten der Deutschen _
      Vierter Abschnitt. Bildung und Schule _
      Art. 148 [Inhalt des Unterrichts]
      Abs. 2 „Beim Unterricht in öffentlichen Schulen ist Bedacht zu nehmen, daß die Empfindungen Andersdenkender nicht verletzt werden.“
      Abs. 3 „Staatsbürgerkunde und Arbeitsunterricht sind Lehrfächer der Schulen. Jeder Schüler erhält bei Beendigung der Schulpflicht einen Abdruck der Verfassung.“ ENDE Auszug

      Angenommen, bitte das ist jetzt lediglich eine Annahme:
      Die 1919 bereits entlassenen Schüler*innen, die noch zu entlassenden, würden nachträglich bzw. tatsächlich im Unterricht den Inhalt der geltenden Verfassung zum Inhalt _ihrer_ Persönlichkeitsentwicklung genommen haben. Würde es eine Entwicklung zur Diktatur gegeben haben?!?
      Konten sie wissen, wohin die Entwicklungen führen würden?
      Diese ʺHeranwachsendenʺ dürften sicherlich sofort erkannt haben:
      „Wehret den Anfängen!“
      Freitage gab es schon damals, und die Zukunft sollte auch schon damals von der Jugend mitgestaltet werden – für _ihre_ Zukunft!!! http://up.picr.de/32748328yd.pdf Erster Kunde klagt gegen Daimler – meine Kommentare auf SWR Aktuell

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