Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Der seltsame Arbeitsmarkt

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Die amerikanische Wirtschaft boomt. Warum finden nicht mehr Menschen einen Job?

Jedes Mal, wenn das amerikanische Arbeitsministerium seine neuesten Zahlen vorlegt, schaut die Wall Street gebannt hin: Wie viele Arbeitslose gab es im letzten Monat? Wie viele Menschen haben wieder eine Arbeit gefunden? Und wie viele Stellen sind gerade auf dem Markt? Für die Börsianer sind diese Statistiken ein wichtiger Gradmesser.
Voriges Jahr ließen die Unternehmen Monat für Monat Millionen Mitarbeiter gehen. Die Kurse rauschten in den Keller. Der Arbeitsmarkt fasst in Zahlen, in welchem Zustand sich die Wirtschaft befindet, ob die Unternehmen bessere oder schlechtere Geschäfte erwarten und ob die Menschen bald mehr oder weniger Geld in ihren Kassen haben werden. Gerade befindet sich die Wirtschaft wieder im Aufschwung – und allem Anschein nach schreitet sie mit Siebenmeilenstiefeln voran. Zeigt sich der Arbeitsmarkt also ähnlich berauscht?
 
Schön wär’s. In Wahrheit sorgen die Berichte der Behörde für heruntergezogene Mundwinkel. Allein im April hatten die Beobachter an der Wall Street auf eine Millionen neue Jobs gehofft. Und was geschah? Die Unternehmen stellten läppische 300 000 Menschen ein. Für Mai senkten die Beobachter vorsorglich ihre Erwartungen. Bloß keine weitere Enttäuschung! Und wieder blieben die Unternehmen mit ihren jetzt 559 000 Einstellungen hinter den Erwartungen zurück.
 
Wie ein großes Rätsel wirkt das alles vor dem Hintergrund, dass die Nachrichten an allen anderen wirtschaftlichen Fronten gerade bemerkenswert positiv sind. Das Land machte von Beginn an sensationelle Fortschritte beim Impfen, das Leben ist wieder einigermaßen zurückgekehrt, die Wirtschaftsleistung wuchs, aufs Jahr gerechnet, im ersten Quartal um kräftige 6,4 Prozent und dürfte im zweiten eine Schippe draufgelegt haben. Und die Unternehmen wollen unbedingt einstellen. Neun Millionen offene Stellen haben sie gemeldet. Passenderweise gibt es fast genauso viele Arbeitslose. Warum also geht das nicht schneller? Sind die Chefs vielleicht doch nicht überzeugt, dass der Spuk vorüber ist? Oder warum sonst schreiten die Unternehmen nicht entschlossen genug voran?
 
Auf der Suche nach Erklärungen wird man schnell fündig. Und stellt ähnlich schnell fest: Die Sache ist ganz schön komplex. Der naheliegendste Grund ist die Pandemiepolitik. Um die Krise abzufedern, hat die Regierung die Arbeitslosenhilfe stark ausgeweitet. Das gab den von den Entlassungen Betroffenen ein größeres finanzielles Polster, ermöglichte es ihnen aber auch, die Suche nach der nächsten Stelle langsamer anzugehen und bei der Auswahl des Arbeitgebers wählerischer zu sein.
 
Doch das ist lange nicht die ganze Geschichte. “Der amerikanische Arbeitsmarkt geht in einen der seltsamsten Sommer aller Zeiten”, fasste die Nachrichtenseite Bloomberg die Situation vor Kurzem zusammen und führte dafür gleich eine ganze Reihe von Erklärungen an. Die Besorgnis über Covid-19 sei nicht verzogen. Mit der Delta-Variante komme eine neue Bedrohung hinzu, die manch einen von der Jobsuche abhält. Und viele Familien hätten nach wie vor ein ungelöstes Betreuungsproblem, wenn plötzlich wieder alle Eltern arbeiten und den Kindern das nächste Isolationsgebot droht.
 
Niklas Engbom, ein schwedischstämmiger Ökonom, der an der renommierten Stern School of Business der New York University lehrt, hat eine andere Theorie. Er nennt sie die “ansteckende Arbeitslosigkeit”. Es gibt Momente, sagt Engbom, in denen einfach zu viele Menschen gleichzeitig eine Arbeit suchen, und ausgerechnet dann bleiben sie länger als gewöhnlich ohne Job. Denn sie stehen sich gegenseitig im Weg.
 
Engbom sagt, dass das Problem in den Bewerbungen steckt – und die Daten, die er in seinem gerade erschienenen Arbeitspapier auswertete, stützen seine These: Menschen, die eigentlich einen Job haben, aber den Arbeitsplatz wechseln wollen, suchen nach einer passenden Stelle und bewerben sich dann gezielt. Das passiert eher selten. Arbeitslose aber streuen breiter. Warum auch nicht? Sie haben größeren Druck, eine Stelle zu finden, und dazu auch mehr Zeit für den ganzen Bewerbungsprozess. Bis zu zehnmal so viele Bewerbungen schreiben sie im Vergleich zu den Wechselwilligen, die in den Personalabteilungen aufschlagen, fand Engbom heraus. Gleichzeitig gehen sie aber nur halb so häufig auf Vorstellungsgespräche und andere Anfragen der Personaler ein.
 
Für Engbom folgt daraus, dass Arbeitslose sich auch auf Stellen bewerben, für die sie sich selbst von vornherein als ungeeignet einschätzen – sei es, weil sie nach eigenem Bemessen über- oder unterqualifiziert sind, weil ihnen die Arbeitszeiten eigentlich nicht passen oder weil der Arbeitsort für sie nicht infrage kommt. Aus Perspektive der Unternehmen sei dabei nicht die bloße Menge an Bewerbungen das Problem, sondern deren sinkende Qualität, sagt Engbom: “Eigentlich bevorzugen Arbeitgeber viele Bewerber.” Nur sinke in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit der Anteil an passenden Kandidaten. Das stehe dem Einstellungsprozess nicht im Wege. Aber es dauert halt ein wenig länger als erhofft.
 
Auch Robert E. Hall und Marianna Kudlyak haben eine Erklärung für den trägen Arbeitsmarkt, nur werten sie seine Trägheit als Zeichen wachsender Zuversicht im Volk. Wie das? Die beiden Ökonomen – er arbeitet in Stanford, sie für die Federal Reserve of San Francisco – erklären das so: Der Sprung aus der Arbeitslosigkeit auf eine neue feste Stelle klappt oft nicht auf Anhieb, sondern über Umwege. Die Leute nehmen Jobs an, um erst mal wieder zu arbeiten, suchen weiter, wechseln vielleicht weitere Male und finden schließlich wieder eine Stelle, auf der sie auch bleiben wollen. Das führt dazu, dass jeder für sich schneller eine Arbeit findet, als es die Zahlen zur Gesamtarbeitslosigkeit vermuten lassen. Denn mit solchen Wechseln gehen häufig kurze Episoden der Arbeitslosigkeit einher, die statistisch auffallen, aber nicht weiter besorgniserregend sind.
 
In den Daten, sagen Hall und Kudlyak, könne man deutlich erkennen, wie viel sich auf dem Arbeitsmarkt gerade in alle Richtungen tue. Im April verließen 5,8 Millionen Arbeitnehmer ihren Arbeitsplatz, davon vier Millionen freiwillig, gleichzeitig stellten die Arbeitgeber mehr als sechs Millionen Menschen ein. Die Arbeitnehmer nutzten den Moment vieler Jobangebote, um eine bessere Stelle zu finden, schreiben die Forscher. Das allerdings erhöhe die Belastung der Personalabteilungen. Der Effekt: Arbeitslose Amerikaner brauchen einfach etwas länger, um wieder zurück in den Beruf zu finden.
 
Niklas Engbom, 2021. “Contagious Unemployment”, NBER Working Papers 28829.
Hall, Robert E. & Kudlyak, Marianna, 2021. “Why Has the US Economy Recovered So Consistently from Every Recession in the Past 70 Years?”, CEPR Discussion Papers 15954.
 

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