Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Krieg und Kartoffeln

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Die bescheidene Knolle macht nicht nur satt. Sie kann sogar Frieden bringen. Von Winand von Petersdorff

 
 
In diesem Stück soll eine Lanze für die Kartoffel gebrochen werden, die, obschon bereits gerühmt als Sättiger darbender Völker, immer noch unterschätzt wird. Das glauben zumindest Wissenschaftler der Kellogg School of Management und der University of Colorado Boulder, die herausgefunden haben wollen, dass die Kartoffel Frieden gestiftet hat, zumindest in Europa. Im späten 16. Jahrhundert brachten Spanier die Kartoffel aus der südamerikanische Anden-Region (vermutlich aus dem heutigen Peru) nach Europa, wo sie sich schnell in vielen Regionen verbreitete. Für die Landbevölkerung änderte sich damit das Leben radikal. Eine vierköpfige Familie brauchte im Vergleich zu vorher, als sie sich mit Rüben, Getreide und Reis über Wasser halten musste, nur noch ein Drittel des Landes, um von den Ackerfrüchten satt zu werden. In Kombination mit Milchprodukten lieferten Kartoffeln zudem alle Vitamine, die ein Mensch zum Leben braucht.
 
Die Effekte waren dramatisch. In nordeuropäischen Ländern explodierten die Bevölkerungen: In Irland, in Skandinavien und in der Ukraine nahmen sie um bis zu 30 Prozent zu. Die höhere Produktivität des Anbaus führte zu höherer Bevölkerungsdichte, zur Verstädterung und zu größerer Gesundheit, was sich darin zeigte, dass die Menschen größer wurden. Die Kartoffel legte die Basis für die Industrielle Revolution. Denn ohne bessere Ernten wäre die Arbeitsteilung nicht möglich gewesen. Vermutlich minderte sie auch die Ungleichheit. Weil sich ihr Anbau selbst auf kleinen Fläche lohnte, konnten auch Arme ihre Ernährung stabilisieren. Die Kartoffel beflügelte indirekt aber auch die Massenauswanderung. Nach Weizen-Missernten hatten Bauern auf Kartoffeln umgestellt, die Kälte vertrugen und auch auf schlechten Böden gediehen. In keinem anderen Land war Kartoffelanbau so ausgeprägt wie in Irland. Missernten von 1845 an lösten aber schwere Hungersnöte aus. Die Kraut-und Knollenfäule hatte die Kartoffeln befallen. Rund eine Million Iren starben, eine weitere Million wanderte aus, überwiegend nach England und Nordamerika.
 
Die Expansion der Kartoffel hatte aber noch einen weiteren Effekt: In den Landstrichen, in denen die Erdäpfel gezogen werden konnten, verringerte sich die Zahl der militärischen Konflikte. Der von den Forschern untersuchte Zeitabschnitt von 1400 bis 1900 war besonders blutrünstig. Sie wollten herausfinden, welchen Einfluss der plötzliche Anstieg der landwirtschaftlichen Produktivität auf Konflikte hatte. Die Wissenschaftler entwickelten einen aufwendigen Datensatz, der Tausende Scharmützel und Schlachten, deren Zeit und Ort sowie die beteiligten Parteien zusammenführt. Dann notierten sie die Konflikte auf einer Europakarte, die sie in 400 km mal 400 km große Quadranten unterteilten.
 
Mit einem Datenproblem waren die Forscher allerdings konfrontiert: Sie hatten keine verlässlichen Angaben über den Kartoffelanbau in den jeweiligen Regionen. Deshalb behalfen sie sich mit einem Trick. Sie erklärten Regionen zu Kartoffelgebieten, welche die klimatischen und geologischen Voraussetzungen für den Anbau der Ackerfrucht boten.
In Quadranten, deren Klima den Anbau von Kartoffeln erlaubt, sank nach 1700 die Zahl der Konflikte dramatisch. Kartoffel-Anbaugebiete erzeugten 26 Prozent weniger Scharmützel und Schlachten. Der Rückgang der Konflikte begann sofort und hielt über lange Zeit.
 
Die Forscher prüften alternative Erklärungen, um sicherzustellen, dass ihre Hypothese hält. So wäre es möglich, dass Herrscher über Kartoffelgebiete die Konflikte nicht klein halten, sondern in andere, erdapfelarme Regionen auslagern. Doch selbst wenn darauf kontrolliert wird, bleibt der Zusammenhang robust. Die Ökonomen überprüften außerdem, ob andere neu eingeführte Ackerfrüchte wie Süßkartoffeln oder Mais ebenfalls Konflikte reduzierten und kamen zum Ergebnis: Nur die Kartoffel vermochte das.
 
Die Forscher bieten mehrere Deutungen für die friedensstiftende Eigenart der Kartoffel an. Mit wachsender Produktivität wuchsen die Ernten. Damit sank die Notwendigkeit, neuen Ackerboden zu erobern. Zudem sank mit lohnenden Ernten der Wunsch der Bauern, sich als Soldat zu verdingen, aber auch der Wunsch der Fürsten, Krieg zu führen. Sie konnten schließlich über höhere besteuerbare Einkommen disponieren. Zudem war es womöglich von ganz praktischer Bedeutung, dass bei Eroberungen Getreide leichter zu erbeuten war als Kartoffeln, die mühsam gestoppelt werden mussten. Andererseits sorgten reiche Kartoffelernten dafür, dass Armeen leichter versorgt werden konnten, und senkten damit die Schwelle für Konflikte. Nicht diskutiert wird vom Forscherteam überdies die Frage, warum Kartoffelregionen nicht vermehrt zum Angriffsziel wurden.
 
Die These, dass die Zahl der Konflikte zurückging, findet ihre Bestätigung in dem vor zehn Jahren vom Harvard-Forscher Steven Pinker veröffentlichten Buch “The better angels of our nature: why violence has declined” (auf Deutsch “Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit”). Nur lieferte Pinker eine alternative Erklärung. Er argumentierte, dass Gewalt generell zurückgegangen ist, unter anderem wegen wachsenden Handels. Handel wiederum ist die Folge der Arbeitsteilung, die durch die Kartoffel als besonders produktive Bodenfrucht erleichtert wurde. Die Kartoffel bleibt wichtig, die Wirkungsketten unterscheiden sich in den Deutungen.
 
Interessant wäre die Klärung weiterführender Fragen: Wenn mit besseren Ernten die Population wächst, warum steigt dann nicht auch die Zahl der Konflikte von einem bestimmten Zeitpunkt an wieder? Welche Rolle spielte die Auswanderung, die im späten 18. und im 19. Jahrhundert große Ausmaße annahm? Könnte sie die Fähigkeit von Fürsten und Clans in Europa, Konflikte anzuzetteln, eingeschränkt haben? Und schließlich: Wie passt Friedrich der Große in diese Überlegungen? Er propagierte den Anbau der Kartoffel in Preußen mit Anordnungen und Marketingkampagnen. Zugleich war er in zahlreiche Konflikte verwickelt. Sein letzter war der sogenannte Kartoffelkrieg.
Er hieß offenbar so, weil sich hungrige preußische Soldaten im Bayrischen Erbfolgekrieg 1778 bis 1779 über böhmische Kartoffelfelder hermachten. Der Krieg ging ohne offene Feldschlacht zu Ende, hatte jedoch zahlreiche Scharmützel.
 
Die womöglich aufkommende Vermutung, dass der Begriff Pufferzone als neutrale Zone zur Verhinderung feindlicher Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Mächten irgendwie auch von der Kartoffel abstammen könnte, muss allerdings in aller Entschiedenheit zurückgewiesen werden.


Literatur:
M. Iyigun, J. Mueller, N. Nunn, N. Qian: The Long-Run Effects of Agricultural Productivity on Conflict, 1400-1900: 2020
N. Nunn, N. Qian: The Potato’s Contribution to Population and Urbanization: Evidence from a Historical Experiment: 2011
 

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