Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Kopflos ins Impfdesaster

| 4 Lesermeinungen

 
Menschen ticken nicht rational. Kein Wunder, dass so viele noch ungeimpft sind. 

 
Der Homo oeconomicus ist längt geimpft. Dieser streng rationale Modellmensch, der vor jeder Entscheidung Vor- und Nachteile abwägt und dann das Beste für sich rausholt, hat nicht gezögert. Denn die Kosten-Nutzen-Rechnung ist einfach: Die Corona-Impfung gibt es umsonst und ohne großen Aufwand, ernste Nebenwirkungen treten nur selten auf, und andere Kosten sind nicht bekannt.
 
Der Nutzen ist dagegen groß. Auch wenn es wegen der Delta-Variante häufiger zu Impfdurchbrüchen kommt, schützt der Piks in den Oberarm in den allermeisten Fällen vor schweren Krankheitsverläufen. In Zeiten von 2 G ist die Impfung die Eintrittskarte in Restaurants und das öffentliche Leben. Die Immunisierung hat außerdem einen positiven psychologischen Effekt, der sich beziffern lässt: In Großbritannien haben Ökonomen der University of Warwick gerade herausgefunden, dass die Lebenszufriedenheit der Geimpften stark gestiegen ist und so etwa die Hälfte der Pandemie-Depression wieder wettmacht wurde.
 
Warum haben sich trotz dieser eindeutigen Rechnung in Deutschland laut Bundesregierung noch immer rund 20 Prozent der Erwachsenen nicht impfen lassen? Ökonomen, die in ihren Modellen mit dem Homo oeconomicus argumentieren, stellt das vor ein Rätsel. Dem streng rationalen Nutzenmaximierer, den Volkswirte schon vor Jahrhunderten in das Zentrum ihrer Modelle gesteckt haben, wurde in den vergangenen Jahren zwar viele neue Eigenschaften verpasst – zum Beispiel ein Hang zu altruistischem Verhalten. Das macht die Sache aber eher noch schlimmer. Denn vom Impfen profitieren bekanntlich auch Mitmenschen und Pflegekräfte. Ein solidarischer Homo oeconomicus würde sich also erst recht impfen lassen.
 
Da es mit der Ratio also nicht weit her zu sein scheint, darf man also mit Fug und Recht fragen, ob bei einem Teil der Bevölkerung der Verstand aussetzt, sobald es ums Impfen geht. Die Antwort lautet Jein. Denn einerseits ist das Verhalten eindeutig nicht rational – andererseits ist längst bekannt, dass Menschen in vielen Situationen zwar nach klaren Mustern entscheiden, aber ganz anders als der Homo oeconomicus. Mit neueren Modellen, die aus verhaltensökonomischen Einsichten entstanden sind, lässt sich die geringe Impfquote sehr gut erklären.
 
Zwei Pioniere auf diesem Gebiet sind der Psychologe Daniel Kahneman und sein schon verstorbener Fachkollege Amos Tversky. Schon vor 40 Jahren beschäftigten sie sich in einer gemeinsamen Arbeit damit, dass sich Amerika auf den “Ausbruch einer ungewöhnlichen asiatischen Seuche” vorbereiten muss, die womöglich 600 Menschen umbringen wird. Die Psychologen konfrontierten Probanden mit alternativen Impfprogrammen. Dabei ging es zwar nicht um die persönliche Impfentscheidung, das Ergebnis zeigte aber dennoch, dass es mit der kühl kalkulierten Entscheidung nicht weit her ist.
 
Die erste Gruppe der Versuchsteilnehmer wurde vor die Wahl gestellt, ob sie lieber einen Impfstoff hätte, mit dem ganz sicher 200 Menschen gerettet werden – oder einen anderen Impfstoff, mit dem mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Drittel alle 600 Menschen gerettet werden und mit einer Wahrscheinlichkeit von zwei Dritteln niemand gerettet wird.
Versuchsgruppe B sollte ebenfalls zwischen zwei Impfstoffen entscheiden: Mit dem ersten sterben sicher 400 Menschen, mit dem zweiten stirbt mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Drittel niemand, mit einer Wahrscheinlichkeit von zwei Drittel sterben alle 600 Menschen.
 
Wer einen Moment nachdenkt, wird erkennen, dass beide Versuchsgruppen vor der identischen Wahl standen. Dennoch entschieden sie unterschiedlich. In der ersten Variante votierte die Mehrheit dafür, dass ganz sicher 200 Leben gerettet werden sollen – die risikoscheue Option. Bei der zweiten Variante entschied die Mehrheit für das Risiko – also den Impfstoff, mit dem womöglich niemand sterben muss.
 
Ausschlaggebend für die Diskrepanz ist den Forschern zufolge das Framing, also die Worte, mit denen das Problem verpackt wurde. In Variante A ist davon die Rede, Menschenleben zu retten, in Variante B geht es darum, Todesfälle, also Verluste zu vermeiden. Aus vielen Versuchen ist bekannt, dass Menschen unter einer “Verlustaversion” leiden. Sie sind also bereit, unverhältnismäßig große Risiken einzugehen, um Verluste zu vermeiden. Wenige Worte können demnach darüber entscheiden, wie Menschen zu einem Impfstoff stehen. Der Experimentalpsychologe Steven Pinker warnt deshalb in seinem jüngsten Buch: “Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie diese Formulierungen zur Manipulation von Menschen genutzt werden können.”
 
Die Anfälligkeit für tendenziöse Formulierungen und die Angst vor Verlusten sind nicht die einzigen Schwächen, die uns Menschen unvernünftige Entscheidungen treffen lassen. Wir besitzen zudem die unschöne Neigung, vor allem die Informationen und Dinge wahrzunehmen, die zu unserem Weltbild und unserer Meinung passen. Wir gewichten kleine Gewinne, die wir sofort haben können, höher als große, die wir in ein paar Jahren bekommen. Noch schlimmer ist unsere verheerend schlechte Intuition, wenn es um Wahrscheinlichkeiten geht. Dinge, die fast nie vorkommen, etwa ernste Impfnebenwirkungen, gewichten wir absurd hoch.
 
Die Forscher Kahneman und Tversky haben all diese Dispositionen in ihre mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnete “Prospect Theory” gegossen. Wie vier französische Wissenschaftler nun nachweisen, ist diese Theorie sehr gut in der Lage zu erklären, warum sich so viele Menschen gegen die Impfung entschieden haben. François Langot (Le Mans University) und seine Ko-Autoren haben dafür 900 Franzosen kleine ökonomische Entscheidungen treffen lassen und auf diese Weise herausgefunden, wie geduldig die Probanden sind, welche Risiken sie eingehen und wie wichtig ihnen das Wohl anderer ist. Auf Grundlage dieser Parameter simulierten sie die Impfentscheidungen der Franzosen. “Tatsächlich erklärt die Prospect-Theorie vor allem wegen der zu stark gewichteten Nebenwirkungen die Ablehnung der Impfung”, schlussfolgern die Forscher.
 
Lernen lässt sich daraus eine Menge. Zum Beispiel, dass (zumindest kleinere) Geldgeschenke wenig an der Impfbereitschaft ändern würden. Es geht um mehr als Kosten und Nutzen. Sinnvoller wäre es den Forschern zufolge, noch einmal genauer zu erklären, wie verschwindend gering das Risiko starker Nebenwirkungen ist und wie sehr auch andere von der eigenen Impfung profitieren. Allerdings scheint es für all das inzwischen reichlich spät. Die Politik diskutiert längst über eine allgemeine Impfpflicht.


Literatur:
Amos Tversky, Daniel Kahneman: The Framing of Decisions and the Psychology of Choice, Sciene 1981
Steven Pinker: Mehr Rationalität, S. Fischer, 2021
François Langot et al.: Preferences and COVID-19 Vaccination Intentions, IZA Discussion Paper, Oktober 2021
 

 


4 Lesermeinungen

  1. Antesde sagt:

    Anfang der Pandemie: Leugnen. Ende der Pandemie: ?
    2020 hatte sich die WHO lange Zeit geweigert, den Pandemiestatus zu erklären. In Deutschland wurde erklärt, dass Corona für das deutsche Gesundheitssystem eine Kleinigkeit sei. Wissenschaftler waren der Ansicht, dass Infektionsübertragung vor Symptomausbruch kaum denkbar sei. Nach China wurden Masken und andere knappe Hilfsmittel geschickt. Usw., vollständige Leugnung der Realität.

    Wenn die Pandemide genauso enden würde, wie sie angefangen hat, also mit umfassendem Leugnen schwindenden Gefahren: Es wäre keine Überraschung.

  2. Heismann sagt:

    "Kognitive Selbstermächtigung"
    Bei der mangelnden Impfbereitschaft spielen wohl auch historische, kulturelle und politische Faktoren eine große Rolle. Dies zeigt ein Blick auf die europäische Landkarte, wo es bei den Impfquoten zwischen den einzelnen Staaten und Regionen ausgeprägte Unterschiede gibt.

    In Spanien und Portugal sind mittlerweile mehr als 80 Prozent der Bevölkerung geimpft; auch in anderen katholischen Ländern – von Italien über Frankreich bis Irland – sind die Quoten überdurchschnittlich hoch.

    Dies dürfte mehrere Ursachen haben. Zum einen hat die Katholische Kirche, voran der Papst, ausdrücklich zur Impfung geraten. Auf der anderen Seite haben die Menschen offensichtlich nicht die Schreckensbilder aus Nord-Italien, Spanien und Ost-Frankreich vergessen, wo die Krankenhäuser während der ersten Corona-Welle völlig überlastet waren.

    Deutlich geringer sind die Impfquoten in den skandinavischen und deutschsprachigen Ländern. Dort ist das Gesundheitssystem im Allgemeinen gut entwickelt; katastrophale Zustände wie in manchen Regionen Süd- und Westeuropas gab es dort – bisher! – nicht. Da mögen sich viele Menschen in falscher Sicherheit wiegen.

    Sehr, sehr niedrige Impfquoten haben Ost- und Ostmitteleuropa. Eine Erklärung mag sein, dass hier noch die Erfahrungen mit dem autoritären Sozialismus lebendig sind. Wenn die Regierung etwas anordnet, dann sind die Menschen erst einmal skeptisch. Überdies scheint es in der orthodoxen Kirche theologische Vorbehalte gegen Impfungen zu geben – nicht nur im Fall Corona.

    Auch mit Blick auf einzelne Länder sind auffällige regionale Unterschiede zu beobachten. In der Bundesrepublik liegen die Impfquoten in den nordwestdeutschen Ländern bei 75 bis 80 Prozent. In Bayern sind dies aber nur 65 und in Sachsen sogar weniger als 60 Prozent.

    Auch hier scheinen kulturelle Unterschiede eine entscheidende Rolle zu spielen. In Norddeutschland sehen die Menschen das Problem nüchtern-pragmatisch. Wenn die Fachleute mit überwiegender Mehrheit die Impfung empfehlen, dann wird dies schon richtig sein. „Wat mutt, dat mutt“, heißt es in Hamburg.

    In Sachsen und auch in Teilen Süddeutschlands scheint hingegen die Neigung weit verbreitet, es besser wissen zu wollen als sämtliche wissenschaftliche Autoritäten. Das war offenbar schon so, als in Deutschland einst die obligatorische Pockenschutzimpfung eingeführt wurde, wie kürzlich in einem großen, analytischen Artikel in der FAZ zu lesen war. Von „kognitiver Selbstermächtigung“ spricht einer der dort zitierten Historiker.

    Eine unheilvolle Rolle spielt hierbei laut dieser und anderen Quellen die Anthroposophie, die in Süddeutschland recht einflussreich ist. Solche befremdlichen Weltanschauungen schüren offenbar ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber der Schulmedizin und der modernen Naturwissenschaft generell.

  3. vcaspari sagt:

    Sind Impfgegner irrational?
    Viele Impfgegner halten sich für völlig rational, weil sie ihre Informationen in eine andere Theorie hineinbasteln.
    Viele haben erhebliche Vorbehalte gegen die mRNA Technik und das hält sie ab. Sie warten auf Novavax und Valneva.
    Es geht also nicht um unterschiedliche Risikoeinschätzungen – das gibt es auch – sondern um andere Theorien über die Kausalitäten von z.B. Spikeproteinen und ihre Auswirkungen auf die menschlichen Zellen. Sehr bizarr.
    Andere argumentieren wie Reichsbürger. Auch die haben ihre Rationalität. Axiom: Mein Grundstück gehört nicht zu D’land. Alles weitere folgt fast logisch.

  4. blacolonia sagt:

    Impfstoffmangel in den Arztpraxen
    Herr Spahn behauptet, dass die um 50% reduzierte Lieferung der COVID-Impfstoffe am 29.11.21 mit den verspäteten Bestellungen zusammenhängt. Das ist schlichtweg falsch und sollte überprüft werden. Unsere Bestellungen in Köln sind überwiegend rechtzeitig bis Dienstag 23.11.21 13:00 abgegeben worden obwohl die KV noch ein erweitertes Zeitfenster bis 18:00 für zusätzliche Bestellungen eingeräumt hat. Die Apotheken haben aber überwiegend nur die Hälfte der bestellten Impfdosen erhalten und deshalb auch nur die Hälfte der bestellten Dosen an uns Ärzte weitergegeben. Wir impfwillige Ärzte sind stinksauer.
    Mit freundlichen Grüßen, Lidija Rukavina

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