Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Ethikunterricht hilft der Wirtschaft

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Wie eine Reform in der Schule den Glaube an Gott beeinflusst hat.

 

Über den Zusammenhang von Religiosität und Volkswirtschaft lässt sich eine Menge sagen. Das hier zum Beispiel: Ohne Gott gäbe es gar keine Wirtschaft. Nicht einmal Menschen!

Ob das stimmt, lässt sich an dieser Stelle nicht klären. An anderen Stellen auch nicht. Sozialwissenschaftler, die sich mit Religion und Wirtschaft befassen, verharren deshalb lieber im Weltlichen. Im Vergleich zum Göttlichen mögen die Fragen, die Max Weber („Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“) und seine Nachfolger seit mehr als einhundert Jahren beackern, klein und nichtig erscheinen. Interessant genug für eine sonntägliche Betrachtung sind sie aber allemal.

Mit der ihnen eigenen Sicht auf die Welt interessieren sich Ökonomen zum Beispiel dafür, ob religiöse Menschen produktiver sind als Ungläubige und wie sich das auf das Wirtschaftswachstum auswirkt. Vor 16 Jahren ist dazu ein lesenswerter Überblick im „Journal of Economic Perspectives“ erschienen. In der Studie kommen die Forscher zu einer für aufgeklärte Geister typischen Antwort: Es kommt drauf an. Wenn Religiosität in erster Linie darin besteht, Gottesdienste zu besuchen, an religiösen Veranstaltungen teilzunehmen und zu beten, koste das die Menschen in erster Linie Zeit. Durch diese Praktiken und auch durch die sozialen Netzwerke, die dabei wachsen, entstehe kein ökonomischer Mehrwert, schreiben Rachel McCleary und Robert Barro in der Fachzeitschrift, die für die Zunft so etwas wie eine Bibel ist.

Wachstum profitiert, „wenn der Religionssektor ungewöhnlich produktiv ist“

Das ist aber nicht alles. In der länder- und religionsübergreifenden Datenauswertung stießen sie darauf, dass das Wirtschaftswachstum profitiert, „wenn der Religionssektor ungewöhnlich produktiv ist“. Mit Produktivität meinen die beiden Forscher, dass die Kirchgänger tatsächlich einen Glauben an den Himmel, die Hölle oder ganz grundsätzlich an ein Leben nach dem Tod entwickeln. Dahinter steckt wiederum der Gedanke, dass dieser Glaube individuelle Eigenschaften der Menschen verändert, wie zum Beispiel Ehrlichkeit, Arbeitsmoral und Sparsamkeit. Wer an ein Leben nach dem Tod glaubt, kann zum Beispiel besonders motiviert sein, sich sittsam zu verhalten – sei es aus ethischen Überzeugungen oder aus Angst vor später Strafe Gottes. „Die Ergebnisse stimmen mit Webers Betonung der Religion als Einfluss auf Glaubensvorstellungen und damit auf individuelle Eigenschaften und Werte überein“, schlussfolgern die Autoren.

Man kann die Sache aber auch von der anderen Seite betrachten und fragen: Was passiert mit der Religiosität, wenn der Wohlstand zunimmt? Mindestens seit David Hume (1711–1776) hält sich die Säkularisierungsthese, die Überzeugung also, dass materieller Reichtum und größeres Wissen den Glauben zurückdrängen. Man muss sich auf der Welt nur umschauen, um dieser These sofort zu glauben. Allerdings gibt es auch Ausnahmen. Die Menschen in den Vereinigten Staaten sind im internationalen Vergleich nicht nur besonders reich – sondern auch besonders religiös.

In Deutschland dagegen gehen Wirtschaftswachstum und Kirchenaustritte Hand in Hand. „Tatsächlich lässt sich bereits seit Jahrzehnten eine Erosion des Christentums in Deutschland beobachten, die langsam, aber beharrlich fortschreitet, letztlich unberührt von aktuellen Ereignissen“, schrieb Thomas Petersen vom Institut für Demoskopie Allensbach kurz vor Weihnachten in der F.A.Z. Der Anteil derjenigen, die angeben, dass sie zumindest gelegentlich in die Kirche gingen, sei seit den 1960er-Jahren von rund 60 Prozent auf heute unter 30 Prozent zurückgegangen. Es sei eher eine Frage von Monaten als von Jahren, bis die Zahl der Kirchenmitglieder die 50-Prozent-Schwelle unterschreitet.

Einfluss des Ethikunterrichts

Ein wenn auch kleiner Anteil an diesem Rückgang geht auf die Einführung von Ethikunterricht als Alternative zum Religionsunterricht zurück. Das zumindest legt eine gerade erschienene Studie der Münchner Ifo-Forscher Larissa Zierow, Benjamin Arold und Ludger Wößmann nahe.

Die Ökonomen konnten den Effekt der Reform sehr genau beobachten, weil die westdeutschen Bundesländer die Wahlmöglichkeit zwischen Religions- und Ethikunterricht zu verschiedenen Zeitpunkten eingeführt haben. Vorreiter war ausgerechnet das katholische Bayern im Jahr 1972, als letztes Bundesland verabschiedete sich Nordrhein-Westfalen von den verpflichtenden Religionsstunden. Diese Konstellation sowie umfangreiche Umfragedaten haben es ermöglicht, die Auswirkungen der Reformen isoliert und unabhängig von sonstigen gesellschaftlichen Entwicklungen zu betrachten.

Das zentrale Ergebnis: „Neben allgemeiner Religiosität nahm auch die Wahrscheinlichkeit ab, am Gottesdienst teilzunehmen, zu beten oder Mitglied einer Kirche zu sein“, fasst Bildungsforscher Wößmann zusammen. Die Reform habe den Anteil der Menschen, die sich als religiös bezeichnen, um etwa 3 Prozentpunkte verringert (von durchschnittlich 52 Prozent) und den Anteil derjenigen, die sich als sehr religiös bezeichnen, um 2 Prozentpunkte (durchschnittlich 11 Prozent). Bei genauerem Hinsehen zeigte sich, dass dieser Rückgang vor allem in katholisch geprägten Regionen stattfand, während die Lage in protestantischen Ländern weitgehend stabil blieb.

Allerdings stehen dem Glaubensverlust andere Effekte gegenüber, die der Wirtschaftsentwicklung eindeutig zugutegekommen sein dürften. Vor dem Hintergrund der christlichen Werte „könnte der Rückgang der Religiosität eine materialistische Orientierung gefördert haben“, vermuten die Autoren. Zudem habe die Einführung des Ethikunterrichts „traditionelle Einstellungen zur Aufgabenverteilung der Geschlechter und zur Notwendigkeit der Ehe zurückgedrängt“, beobachteten die Forscher. Die Schüler, die von der Reform betroffen waren, verdienten im Vergleich zu den anderen später deutlich mehr (plus 5,3 Prozent), sie hatten häufiger einen Job und arbeiteten mehr Stunden im Monat. Keinen Einfluss hatte die Reform hingegen auf die ethischen Einstellungen der Schüler insgesamt. Vertrauen, Gegenseitigkeit und ehrenamtliches Engagement haben demnach weder profitiert noch gelitten.

Über den Zusammenhang von Religiosität und Volkswirtschaft lässt sich also tatsächlich eine Menge sagen. Nur die Sache mit Gott, die bleibt eine Glaubensfrage.

 

Literatur:

Rachel M. McCleary and Robert J. Barro: Religion and Economy, Journal of Economic Perspectives, 2006
Benjamin W. Arold, Ludger Woessmann, Larissa Zierow: Can Schools Change Religious Attitudes? Evidence from German State Reforms of Compulsory Religious Education, Cesifo Working Paper, 2022

 

1 Lesermeinung

  1. vcaspari sagt:

    Wieso untersucht man das?
    weil es Daten gibt?
    Die Weber-These ist doch breit bestätigt und war relevant für das 19. Jahrhundert und die Herausbildung rationaler Handlungsmuster und Berufsethiken. Die Berufsethiken schwinden dahin, weil die Berufe durch Jobs abgelöst wurden und rationalen Handlungsmuster sind in den Algorithmen entahlten, während im menschlichen Verhalten die Irrationalität zunimmt.

    Ich fände es interessanter zu untersuchen, ob Wirtschaftskunde in der Schule der Wirtschaft nutzt oder ob sie schadet.

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