Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Der wahre Preis des Autofahrens

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Autofahrer wissen nicht, was ihr Wagen wirklich kostet. Selbst ein Corsa kommt auf 600 000 Euro.

Von Maja Brankovic

 

 
Donnerstagnachmittag vor dem Kindergarten. Das Kind läuft gerade auf die Straße heraus, als es auf dem Parkplatz neben dem Eingangstor den jungen Erzieher neben einem Motorroller stehen sieht. Der Erzieher öffnet den Sitz des Rollers, holt einen Helm hervor und zieht ihn über den Kopf. Das Kind bleibt verwirrt stehen, spricht seinen Erzieher an und fragt: “Warum fährst du mit dem Roller und nicht mit dem Auto?” Woraufhin dieser antwortet: “Das Auto habe ich zu Hause stehen lassen. Das ist mir grad zu teuer.”
Wenn der Erzieher morgens zur Arbeit fährt, rechnet er für sich durch, welches Verkehrsmittel für ihn gerade am günstigsten ist. Er berücksichtigt Faktoren wie Flexibilität, Komfort und Kosten. Genauer gesagt: Kosten für Sprit.
 
So wie der Erzieher rechnen viele Autofahrer. Den wahren Preis des Autofahrens erfassen sie damit aber nicht. So ein Auto kostet Tag für Tag sehr viel mehr als die gelegentliche Tankfüllung. Man muss es kaufen oder leasen, zahlt Steuern und Versicherungen, bringt es in die Wartung und zur Reparatur. Doch auch das macht nur einen Teil der Kosten aus. Die rund 48,5 Millionen Autos in Deutschland verursachen eine gewaltige Summe an gesellschaftlichen Kosten, etwa weil der Staat sich um Straßen kümmert, Parkflächen zur Verfügung stellt und damit anderen Gruppen Raum vorenthält oder weil die Umwelt und das Klima leiden.
 
In einer ambitionierten neuen Studie haben Forscher nun den Versuch unternommen, den “wahren” Preis des Autofahrens zu berechnen, und zwar übers ganze Leben eines Autofahrers gerechnet. Dafür schauten sie sich Zahlen aus Deutschland an. Ausgangspunkt ihrer Analyse war eine Person, die 50 Jahre lang 15 000 Kilometer jährlich fährt (diese Strecke legen Deutsche im Schnitt mit dem Auto zurück).
Die Kosten, die das Autofahren für jeden Einzelnen verursacht, sind demnach wesentlich höher als bisher angenommen. Bezahlbar ist Autofahren für viele zudem nur, weil die Gesellschaft einen erheblichen Teil der Kosten übernimmt: Mit 5000 Euro im Jahr wird ein Autofahrer im Schnitt von allen anderen subventioniert.
 
In ihren Berechnungen nahmen Stefan Gössling, Jessica Kees und Todd Litman 33 Kostenfaktoren in den Blick, 23 private und zehn soziale. Da nicht jedes Auto gleich hohe Kosten verursacht, wählten die Forscher drei Beispielautos aus: einen Opel Corsa für die Kategorie der Kleinwagen, einen VW Golf als typischen Mittelklassewagen und einen Mercedes GLC als Beispiel für einen SUV. Nach den Berechnungen der Forscher würde der Opel Corsa seinen Halter in einem kompletten Autofahrerleben 599 082 Euro kosten. Der VW Golf käme auf 653 561 Euro, der Mercedes GLC auf 956 798 Euro. Der Anteil der Gesellschaft an den Gesamtkosten ist in allen drei Fällen beträchtlich: Beim Opel Corsa tragen alle anderen als der Autofahrer selbst 41 Prozent der Kosten, beim Golf sind es 38 Prozent, beim Mercedes GLC 29 Prozent. Absolut gesehen liegt der gesellschaftliche Zuschuss der Studie zufolge beim Mercedes GLC mit knapp 5300 Euro im Jahr am höchsten. Beim Opel Corsa sind es rund 4700 Euro.
Die drei teuersten Kostenpunkte für die Gesellschaft sind demnach die Luftverschmutzung (im Falle des Opel Corsa 1495 Euro im Jahr), die verbrauchten Flächen und die Instandhaltung der Infrastruktur (1167 Euro). Auch das Parken am Bordstein geht mit 1005 Euro der Gesellschaft ganz schön ins Geld. Der Lärm verursacht Kosten in Höhe von 120 Euro, der Klimawandel schlägt mit 435 Euro zu Buche. Die Forscher weisen darauf hin, dass Autofahrer über Steuern und Nutzungsgebühren zwar für solche externen Folgen aufkommen. Allerdings decken diese Zahlungen nach ihren Berechnungen “nur einen Teil der entstehenden Kosten” ab.
 
Nicht alle Kosten, die die Studienautoren berücksichtigen wollten, haben einen offiziellen Preis. Um ihnen trotzdem ein Preisschild zu verpassen, gingen sie den Umweg über andere Studien, die solche Kosten schätzen. Verfügbare Daten zum Beispiel zeigen, dass in Deutschland jeder Bürger und jede Bürgerin aufgrund der Luftverschmutzung durch Krankheit oder Tod etwa ein Lebensjahr verliert. Die gesellschaftlichen Kosten dieser Verschmutzung leiten sich dann daraus ab, was Menschen bereit wären, für ein zusätzliches Lebensjahr zu bezahlen. Ähnlich lassen sich auch Unfalltote in die Berechnung einbeziehen. Auch im Falle der privaten Kosten gingen die Forscher Umwege, um den Preis des Autofahrens möglichst umfassend zu ermitteln. 40 Stunden stand der Autopendler 2021 zum Beispiel im Stau, eine ganze Arbeitswoche. Den entstandenen Zeitverlust veranschlagen die Wissenschaftler über verlorene Arbeitsstunden mit 555 Euro je Jahr und Auto.
 
Für den wahren Preis ihres Autos haben die meisten Menschen in der Regel kein Gefühl. Selbst ihre eigenen Kosten unterschätzen sie deutlich, wie eine Studie aus dem Jahr 2020 zeigt. Eine Forschungsgruppe um den Essener Ökonomen Mark Andor hat dafür gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut Forsa mehr als 10 000 Haushalte befragt. 88 Prozent der Autobesitzer glaubten zu wissen, was sie ihr Auto Monat für Monat kostet. Im Schnitt gingen sie von 204 Euro aus – fürs Tanken, für die Steuern und Versicherungen, für Reparaturen und die übliche Abnutzung. Mithilfe von Daten des ADAC ermittelten die Forscher, dass die tatsächlichen Kosten monatlich bei 425 Euro lagen. Die Autobesitzer unterschätzten die Kosten also um 52 Prozent. Stefan Gössling und seine Kollegen kommen sogar zu dem Ergebnis, dass die Autofahrer noch bis zu 15 Prozent mehr für ihren Wagen zahlen.
 
Was heißt das jetzt? Die Essener Forscher meinen, dass viele Autobesitzer ihr Auto abstoßen würden, wenn sie nur wüssten, wie teuer sie der Wagen zu stehen kommt. Mehr als 17 Millionen Autos könnten dann von den deutschen Straßen verschwinden, rechnen sie vor. Andere Mobilitätsforscher widersprechen ihnen in diesem Punkt vehement. Das Autofahren sei für viele Leute keine Frage des Preises, sondern habe viel mit Kultur zu tun. Und mit Bequemlichkeit. Der Wert eines Wagens übersteige dadurch schnell die rechnerischen Kosten. Ein Autofahrer lasse sich mit Zahlen nicht mal eben von seiner Gewohnheit abbringen.
 
Stefan Gössling, Jessica Kees und Todd Litman wiederum finden, dass man die hohen und noch dazu ungerecht verteilten Gesamtkosten des Autofahrens nicht einfach so hinnehmen könne. Jeder fünfte Haushalt in Deutschland habe kein Auto, aber alle bezahlten für das Autofahren, so die drei Forscher. Die meisten Haushalte mit niedrigem und viele mit mittlerem Einkommen würden dadurch geschädigt, dass die Politik das Auto gegenüber erschwinglicheren und effizienteren Verkehrsmitteln bevorzuge. “Eine solche Politik zwingt viele Haushalte dazu, mehr Fahrzeuge zu besitzen, als sie sich leisten können, und verursacht hohe externe Kosten, gerade für Menschen, die zu Fuß gehen, mit dem Fahrrad fahren oder den öffentlichen Nahverkehr nutzen.”
 
 
 
Literatur:
S. Gössling, J. Kees, T. Litman: The lifetime cost of driving a car. Ecological Economics, 194 (2022), 107335.
M. A. Andor, A. Gerster, K.T. Gillingham, M. Horvath: Running a Car costs much more than people think – stalling the uptake of green travel, Nature, 580 (2020), pp. 453-455.

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