Fazit – das Wirtschaftsblog

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Amerikas Billionenschuld

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Die Folgen der  Sklaverei belasten die schwarze Bevölkerung bis heute. Welche  Entschädigung  steht ihr zu? Von Jürgen Kaube

Historische Schandtaten führen mitunter zu Versuchen der Wiedergutmachung durch Zahlungen. Unter dem nicht ganz zutreffenden Titel „Black Reparations“ – Reparation ist ein völkerrechtlicher Begriff für Entschädigungen von Kriegsgewinnern – hat jetzt eine Gruppe um den Ökonomen William Darity Jr. (Duke University) geschätzt, wie hoch solche Zahlungen an die afroamerikanische Bevölkerung der Vereinigten Staaten zur Wiedergutmachung der Sklaverei ausfallen müssten. 

Prinzipiell gibt es für eine solche Schätzung zwei Wege. Man kann auszurechnen versuchen, welche Kosten den Sklaven zwischen 1776 und 1860 auferlegt worden sind und welche Gewinne die Sklavenhalter aus der gewalttätigen Entrechtung gezogen haben. Oder man kann versuchen abzuschätzen, welche Nachteile die Nachfahren der Versklavten aufgrund der einstigen Sklaverei heute noch haben. 45 Millionen Afroamerikaner leben derzeit in den Vereinigten Staaten. Davon stammen 40 Millionen aus Familien, die eine Versklavungsgeschichte haben. 

Die erste Methode hat Probleme der Datenbeschaffung, die zweite muss mit starken soziologischen Annahmen arbeiten. Das erste Vorgehen ermittelt die Höhe der an die Versklavten nicht ausgezahlten Löhne oder berechnet die Beträge, die sie zu zahlen hatten, falls sie sich freikaufen wollten (das wäre der Vermögenswert der Sklaven), sowie den Beitrag der Sklaverei zur wirtschaftlichen Entwicklung der Vereinigten Staaten. Was die einbehaltenen Zahlungen angeht, so benutzt die Kalkulation die tatsächlich damals für freie Arbeit gezahlten Stundenlöhne. Das führt zu einer vorsichtigen Schätzung, denn ohne die Sklaven wären auch die Löhne weißer Landarbeiter damals vermutlich höher gewesen, weil das Arbeitsangebot insgesamt geringer gewesen wäre. 

Diese Schätzung ergibt für einen Zwölf-Stunden-Arbeitstag bei drei Prozent Zinsen einen gegenwärtigen Betrag von knapp 8,5 Billionen Dollar an entgangener Bezahlung. Setzt man hingegen sechs Prozent Zinsen an, um den Gegenwartswert der einbehaltenen Löhne zu berechnen, beläuft er sich schon auf 860 Billionen Dollar. Zum Vergleich: Das jährliche Bruttosozialprodukt der Vereinigten Staaten beläuft sich derzeit auf etwa 25 Billionen Dollar. Es müsste also ziemlich viel erwirtschaftet werden, um das vergangene Unrecht abzugelten.

Den Wert aller vier Millionen damaliger Sklaven schätzte 1860, im Jahr vor dem Beginn des Sezessionskriegs zwischen den amerikanischen Süd- und Nordstaaten, der Senator von Louisiana auf 4 Milliarden Dollar, also auf 1000 Dollar pro Person. Das wären bei drei Prozent Durchschnittszins heute 466 Milliarden, bei sechs Prozent 47,5 Billionen Dollar. Um sich freizukaufen, hatten Sklaven einen Betrag aufzubringen, der 20 Prozent höher als ihr Marktpreis war, also 1200 Dollar. Der Gegenwartswert der Emanzipation betrüge demnach 560 Milliarden zu drei Prozent und 56,9 Billionen Dollar zu sechs Prozent Zins. 

Die Diskriminierung von Schwarzen auf dem Arbeitsmarkt – etwa durch Berufsverbote und Minderentlohnung –  ist eine weitere Quelle ihrer Einkommens- und Vermögensverluste. Diese werden  für die Zeit von 1929 bis heute auf zwischen 4,6 und 13 Billionen Dollar geschätzt, abermals je nach Zinssatz. In keiner dieser Zahlen sind Entschädigungen für Grausamkeit, Gewalt und Freiheitsverlust enthalten. Zwischen dem Ende des Bürgerkriegs und den 1940er-Jahren gab es beispielsweise etwa hundert Massaker an Schwarzen durch Weiße. Allein zwischen 1863, dem Jahr der Emanzipationserklärung, und 1900 sollen etwa 53 000 Schwarze in solchen Aktionen umgebracht worden sein. Noch im zwanzigsten Jahrhundert kam es nach Lynch-Aktionen zu Enteignungen und erzwungenen Verkäufen des Immobilienbesitzes der Opfer. 

Die Studie von William Darity und seinen Kollegen dokumentiert das am Fall der Morde von Ocoee (Florida), die im November 1920 erfolgten, weil Schwarze darauf bestanden, ihr Wahlrecht auszuüben. Es wurden mindestens sechs Afroamerikaner getötet, und die bis dahin knapp fünfhundert in Ocoee wohnhaften Schwarzen wurden aus der Gemeinde vertrieben.

Die andere Methode, das Volumen der Entschädigung abzuschätzen, hält sich an bestehende Vermögensunterschiede zwischen Schwarzen und Weißen. Sie liegen beim durchschnittlichen Haushalt in den Vereinigten Staaten bei etwa 160 000 Dollar, was zu einem Gesamtunterschied der mittleren Vermögen von 2,7 Billionen Dollar führt. Zieht man statt des Medianvermögens   (die Hälfte der Amerikaner besitzt mehr,  die andere Hälfte weniger)    das  Durchschnittsvermögen von Schwarzen und Weißen heran, beläuft sich der Gesamtunterschied beider Gruppen sogar auf mehr als 14 Billionen Dollar. 

Es kann an dieser Stelle natürlich gefragt werden, wie viel von dieser Differenz auf rassistische Behinderungen des Vermögensaufbaus in der Vergangenheit zurückgeht. Die Unterstellung der Autoren, Schwarze und Weiße unterschieden sich in nichts als der Hautfarbe, sodass alle anderen Unterschiede zwischen ihnen eine vergangene und gegenwärtige Diskriminierung und einen entsprechenden Anspruch auf Entschädigung anzeigen, ist sehr pauschal. In sozioökonomische Ungleichheiten geht Diskriminierung ebenso ein wie unterschiedliches Verhalten, sich verstärkende Vorteile („Wer hat, dem wird gegeben“) und sich verstärkende Nachteile. 

Insofern wäre es interessant, das ökonomische Schicksal der afroamerikanischen Bevölkerung mit dem anderer benachteiligter Gruppen in den Vereinigten Staaten zu vergleichen, mit den chinesischen Einwanderern nach 1848 etwa, die von 1870 an siebzig Jahre lang erheblichen Repressionen unterlagen: Sondersteuern, Heiratsverbote, Zwangsansiedlungen. 

In einer Fußnote erörtern die Autoren knapp die Frage, ob nicht auch erhebliche öffentliche Ausgaben in Form sozialpolitischer Maßnahmen erfolgt sind, deren hauptsächliche Nutznießer Afroamerikaner waren. Sie verweisen an dieser Stelle auf die Studie des Politologen Ira Katznelson, der schon 2005 darauf hingewiesen hat, in welchem Ausmaß es vor allem Weiße waren, die von der ersten Expansion des amerikanischen Wohlfahrtsstaates im New Deal profitiert hatten. Ob sich diese Bilanzierung auch für die Zeit seit dem Ende der Sechzigerjahre halten lässt, wäre eine weitere offene Frage. Angesichts der ungeheuren Beträge, die allein in Form entwendeter Löhne angefallen sind, ändert die Antwort aber vermutlich nicht viel am Bild der amerikanischen Geschichte.

 

Literatur:

William Darity Jr. u.a.: The Cumulative Costs of Racism and the Bill for Black Reparations, Journal of Economic Perspectives 36/2 (2022)

Ira Katznelson: When Affirmative Action Was White: An Untold History of Racial Inequality in Twentieth-Century America. 2005


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