Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Ausgleich für die Frauen

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Mehr Geld für die Fußballerinnen wäre gerecht. Doch zu viel Kommerz tut dem Sport auch nicht gut.

 

Was für ein Drama: zurückgelegen, gekämpft, den Ausgleich geschossen und dann in der Verlängerung doch noch das entscheidende Gegentor kassiert. Das Finale der Frauenfußball-EM haben die deutschen Spielerinnen vor zwei Wochen verloren, die Herzen von Millionen deutschen Fußballfans haben sie während des Turniers gewonnen. Nicht nur die sportlichen Leistungen der Nationalmannschaft sorgten für Begeisterung. Viele Zuschauer faszinierte vor allem das, was sie bei den routiniert jubelnden und grätschenden Männerteams vermissen: Fairness, Freude am Spiel und Unbeschwertheit auf und neben dem Platz.
 
Doch es wäre kein deutsches Sommermärchen, wenn es nicht von gewissen Misstönen begleitet worden wäre. Irgendwas ist immer zu beanstanden. In diesem Fall ist es der Verdienst der Frauen: Sie bekommen nicht genug Geld. Selbst der Bundeskanzler, der nach eigenen Angaben kein großer Fußball-Fachmann ist, sieht das so und schaltete sich in die Debatte ein: “Ich bin fest davon überzeugt, dass gleiche Bezahlung eine wichtige Rolle spielt, gerade wenn es um solche Wettkämpfe geht.” Der Skandal: Alexandra Popp und Co. hätten für einen Finalsieg 60 000 Euro kassiert, für den zweiten Platz gab es die Hälfte. Die Männer aber hätten 400 000 Euro bekommen, wenn sie vergangenes Jahr Europameister geworden wären. Wenn, ja, wenn! Sie sind bekanntlich sang- und klanglos im Achtelfinale ausgeschieden. Null zu zwei gegen England.
 
Mit der gleichen Bezahlung im Sport beschäftigen sich auch Forscherinnen und Forscher. Die Philosophin Martine Prange und der Philosoph Alfred Archer von der Universität Tilburg haben vor drei Jahren eine Arbeit veröffentlicht, in der sie die moralischen Gründe für eine gleiche Bezahlung im Fußball “verteidigen” wollen.
 
Die Gründe wären die folgenden: Erstens das “Arbeitsrecht-Argument”, das sich auf den Grundsatz des gleichen Lohns für gleiche Arbeit beruft. Die Idee ist einfach. Nationalteams der Frauen und Männer spielen beide auf internationalem Spitzenniveau, investieren gleich viel Zeit und Energie. Das Spiel hat neunzig Minuten, das Runde muss ins Eckige, aber hinten kommt nicht dasselbe raus. “Wenn eine Frau für die gleiche Arbeit weniger bezahlt wird als ein Mann, ist dies ein klarer Fall von Ungerechtigkeit”, schreiben Prange und Archer in dem im “Journal of the Philosophy of Sport” erschienenen Beitrag.
Zweitens argumentieren die Forscher mit der Signalwirkung, die es habe, wenn Frauenfußballteams gleich entlohnt würden. Wenn Fußballerinnen weniger als ihre männlichen Kollegen kassieren, werde nämlich die Botschaft vermittelt, dass weibliche Spieler weniger sportlichen und beruflichen Wert haben als ihre männlichen Kollegen. “Dies ist eine schädliche Botschaft für die Fußballverbände, die den seit Langem bestehenden Mangel an beruflichem Ansehen als eine Form und ein Ergebnis der ,Marginalisierung’ reproduziert”, schreiben die Wissenschaftler. Sie zitieren einen Forscher, der in solchen Fällen gar “die gefährlichste Form der Unterdrückung” am Werke sieht.
 
Drittens und am überzeugendsten argumentiert das Philosophen-Duo mit der historischen Verantwortung vieler Fußballverbände. Es gab zwar schon früh Fußballspiele zwischen Frauenteams. In England, dem Mutterland des Fußballs, traten beispielsweise 1920 die Dick Kerr Ladies gegen die St Helens Ladies vor 53 000 Zuschauern an. 14 000 weitere Menschen standen zusätzlich vor den Toren des Stadions. Doch dieses Spektakel fand ein jähes Ende. Zwischen den 1920er- und 1970er-Jahren sei der Frauenfußball in allen westlichen Ländern von den nationalen Fußballverbänden verboten gewesen, schreiben die Philosophen: “Dieses Verbot hat die Entwicklung des Frauenfußballs stark behindert.”
Vor diesem Hintergrund sei es wenig erstaunlich, dass der Frauenfußball heute kommerziell weniger erfolgreich sei und weniger Geld einspiele, das dann verteilt werden kann. Was aus dieser Diskriminierung folgen soll, ist klar: Reparationszahlungen. Nach der Definition des schottischen Philosophen William David Ross seien solche Zahlungen “Pflichten, die sich aus der Ausführung einer falschen Handlung in der Vergangenheit ergeben”. Sprich: Gleiche Bezahlung im heutigen Fußball ist eine moralische Pflicht, um die Fehler der Vergangenheit auszubügeln.
 
Dass sich die Fairnessdebatte im Sport am Fußball entspinnt, ist kein Zufall. Bei den Balltreterinnen und Balltretern sind die Gehaltsunterschiede besonders groß. Ein Durchschnittsprofi in der englischen Premier League verdiente laut “Sporting Intelligence” vor wenigen Jahren 2,64 Millionen Pfund im Jahr, in der entsprechenden Frauenliga waren es 26 752 Pfund, also ein Hundertstel. Die Gehaltslücke in anderen Sportarten hat sich in den vergangenen Jahren verkleinert, aber sie existiert weiter. Bei immerhin 83 Prozent der Sportveranstaltungen erhalten Frauen und Männer identische Preisgelder, Golf, Cricket und Fußball sind die größten Ausreißer, schreiben Wissenschaftler des Europäischen Parlaments.
 
So viel moralischer Überzeugungskraft ist natürlich wenig entgegenzusetzen. Nur ein Gedanke: Wenn es etwas am Männerfußball gibt, das seit Jahren die Freude an der schönsten Nebensache der Welt verdirbt, dann sind es Gigantismus, korrupte Verbände, absurde Gehälter und Millionenprämien für Spielerberater, die ihre Spieler zum Vereinswechsel treiben. Die größten Vereine der Welt werden zum Spielball von Scheichs, Oligarchen und sonstigen Milliardären. Der FC Barcelona (Vereinsmotto: “Més que un club”, mehr als ein Verein) ruiniert seinen legendären Ruf, weil trotz exorbitanter Schulden immer weiter Millionentransfers durchgezogen werden, zuletzt der von Robert Lewandowski. Der ehemalige Profi-Torwart Ronald Waterreus sagt dazu: “Barcelona ist ein kommerzielles Monster, in meinen Augen verkörpert es alles, was den modernen Fußball so hässlich macht.”
 
Unter diesen Vorzeichen irritiert es, wenn in vielen Aussagen die Wunschvorstellung durchscheint, der Frauenfußball müsse möglichst schnell Aufmerksamkeit, Geld und Strukturen wie der Männerfußball bekommen. Ob das geschieht, werden am Ende ohnehin vor allem die Zuschauer mit Füßen und Fernbedienungen entscheiden. Aber sollte die Debatte nicht viel mehr den Fokus darauf legen, was der Frauenfußball tun kann, um trotz der wachsenden Aufmerksamkeit nicht so zu werden wie der Männerfußball?
 
 
Literatur:
Martine Prange, Alfred Archer: ‘Equal play, equal pay’: moral grounds for equal pay in football, Journal of the Philosophy of Sport, 2019
European Parliamentary Research Service: Gender equality in sport: Getting closer every day, 2019
 


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