Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Weniger reden ist hilfreich

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Je mehr sich Geldpolitiker öffentlich äußern, desto weniger vertrauen ihnen die Bürger.

 

Als die großen Notenbanken nach der großen Finanzkrise 2007/2008 die Leitzinsen auf null gesetzt hatten, begannen sie, in großem Stil Staatsanleihen und Wertpapiere zu kaufen. Als sie mit dem Kauf von Wertpapieren nicht mehr hinreichend glücklich waren, versuchten sie, die Finanzmärkte zu verzaubern und auf Kurs zu halten, indem sie mehr redeten. Es war die Zeit der hehren Versprechungen, dass man die geldpolitischen Zügel für viele Jahre schleifen lassen werde. Als den Notenbanken auch das nicht mehr reichte, um die Volkswirtschaften nach ihrem Willen zu steuern, versuchten sie, mehr und mehr auf die Bevölkerung einzureden. Das war die Zeit, als die Spitzen der Federal Reserve und der Europäischen Zentralbank den Menschen erklärten, dass der Inflationsschub schnell vorbeigehe und man sich keine Sorgen machen müsse.

Diese Beschreibung der Geldpolitik der vergangenen 15 Jahre ist karikiert und arg verkürzt. Der grobe Zuschnitt aber verdeutlicht, dass die Kommunikation im Denken der Notenbanker eine immer größere Rolle spielt, die Kommunikation mit Investoren und Ökonomen, mit Unternehmern und Politikern und auch mit den ganz normalen Bürgern. Wer glaubt, dass das geldpolitische Ins­trumentarium ausgereizt sei, dem bleibt eben nur noch das Reden. Als Beleg dafür kann auch die Internetpräsenz der EZB dienen, die mit großflächigen Informations- und Fotokacheln die Geldpolitik und ihre Präsidentin Christine Lagarde immer mehr vermarktet, auf der nüchterne Informationen über die Geldpolitik aber immer schwerer zu finden sind.

Vertrauen ist die wichtigste Währung für Notenbanker

Wie erfolgreich sind die Notenbanken in ihrer Kommunikation mit dem breiten Publikum? Eine aktuelle Studie der Ökonomen In Do Hwang, Thomas Lustenberger und Enzo Rossi über die Europäische Zentralbank seit 1999 lässt daran große Zweifel aufkommen. Im Kern lässt die Untersuchung sich in dem unbequemen Satz zusammenfassen: Je mehr Reden die Vertreter des Eurosystems halten, desto weniger Vertrauen haben die Menschen in die Zentralbank. 100 mehr Reden im Jahr führen nach der Analyse dazu, dass der Anteil der Menschen, die der EZB in Umfragen ihr Vertrauen aussprechen, um 6 bis 11 Prozent sinkt. Bei einer durchschnittlichen Zahl von 233 Reden von Vertretern des Eurosystems im Jahr ist das ein signifikanter Einfluss. Als besonders schädlich für das Vertrauen entpuppen sich Reden des EZB-Präsidenten und des Direktoriums. Die Reden der Eurogeldpolitiker außerhalb der Frankfurter Zentrale wirken anders.

Aus Sicht der EZB ist das ein fatales Ergebnis. Vertrauen ist die wichtigste Währung, mit der die Notenbanker handeln. Vertrauen in die Geldpolitik und die Zentralbank ist das wichtigste Instrument, das für die Geldpolitik zur Verfügung steht. Vertrauen der Menschen hilft den Zentralbanken, unpopuläre geldpolitische Entscheidungen anzugehen. Vertrauen in die Geldpolitik kann wirtschaftliche Schwankungen glätten, weil die monetären Impulse besser verstanden werden. Vertrauen der Menschen in die Zentralbank ist umso wichtiger, weil Notenbanker als nichtgewählte Technokraten ins Amt kommen und dennoch große wirtschaftspolitische Macht ausüben. Vertrauen der Menschen ist nicht zuletzt notwendig, um die Unabhängigkeit der Notenbank gegen Versuche der Einflussnahme gewählter Politiker zu sichern.

Der Befund, dass die europäischen Notenbanker mit ihren Reden das Vertrauen des Publikums zerstören, ist deshalb verheerend. Was würde ein Kommunikationsberater der Zentralbank raten, wenn er diese Studie sieht? Halten Sie öfter den Mund, Frau Lagarde! Die Autoren fassen es nicht so direkt, aber sie sehen in weniger Reden der Notenbanker zumindest eine teilweise Lösung des Problems. Dabei haben die Reden durchaus einen positiven Effekt. Sie erhöhen die Informiertheit über die Europäische Zentralbank und die Europäische Union. Der negative Effekt zerstörten Vertrauens aber überwiegt.

Höhere Leitzinsen stärken Vertrauen 

Das Vertrauen in die Notenbank ist selbstverständlich durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst. Ältere, Verheiratete, besser Ausgebildete und politisch weiter rechts stehende Menschen neigen eher dazu, der EZB zu vertrauen. Frauen, Arbeitslose und Rentner sind misstrauischer. Die gesamtwirtschaftliche Lage wirkt hinein. Mehr Wirtschaftswachstum führt zumindest teilweise zu mehr Vertrauen. Höhere Staatsschulden und Finanzinstabilität lassen die Menschen kritischer auf die EZB schauen.

Höhere Leitzinsen stärken nach der Studie das Vertrauen, dass die EZB schon das Richtige tue. Die Inflationsrate dagegen hat keinen Einfluss auf das Vertrauen in die europäischen Notenbanker. Unabhängig von all diesen Nebenbedingungen aber zieht sich durch die Studie ein robustes Ergebnis der ökonometrischen Tests: dass mehr Reden der Geldpolitiker Vertrauen zerstören.

Warum ist das so? Die Autoren verwerfen naheliegende und populäre Vermutungen: Ist die Geldpolitik nach der Finanzkrise komplizierter geworden? Ja, sicher, aber auch in den Jahren vor der Krise minderten mehr Reden das Vertrauen. Sprechen die Notenbanker in einer zu schwierigen Sprache? Ja, sicher, aber ihre Reden beschädigen das Vertrauen von Gebildeten und von weniger Gebildeten.

Meinungsvielfalt statt Autokratie

Kann es sein, dass mehr Reden von europäischen Geldpolitikern unterschiedliche Meinungen und Streit im EZB-Rat offenlegen? Die Frage zu stellen heißt, sie zu bejahen, erinnert man sich an die verbalen Fernduelle des früheren EZB-Präsidenten Mario Draghi und des früheren Bundesbankpräsidenten Jens Weidmann. Doch die Kakophonie und Vielfalt der Stimmen ist erstens im großen Euroraum unvermeidlich, wenn die EZB-Zentrale die Geldpolitik nicht autokratisch bestimmen soll.

Zweitens ist es bei Weitem nicht ausgemacht, dass eine Vielfalt der Stimmen das Vertrauen der Bürger in die EZB verringert. Eine lebhafte und offene Diskussion kann die Menschen davon überzeugen, dass alle Argumente und Einwände von der Zentralbank gehört und ernst genommen werden. Üblicherweise haben die Menschen ja auch mehr Vertrauen in das Ergebnis einer demokratischen und transparenten Debatte als in die diktatorischen Anordnungen eines Wladimir Putin oder Kim Jong-un.

Der überzeugendste Grund für das für die EZB beschämende Ergebnis ist vielleicht, dass die Notenbanker den Menschen zu viel zumuten. Im Alltagsleben haben Bürger und Finanzanalysten nur eine begrenzte Zeit und nur einen begrenzten Willen,  sich in Zeitungen oder im Internet über geldpolitische Reden zu informieren. Die Menge an Informationen, die der Mensch verarbeiten kann, ist begrenzt. Zu viel reden kann zur Überlastung führen, die für gewöhnlich Misstrauen hervorruft. Auch das legt die Empfehlung nahe: Halten Sie öfter den Mund, Frau Lagarde!

 

Literatur

In Do Hwang, Thomas Lustenberger, Enzo Rossi (2022): Central Bank Communication and Public Trust: The Case of ECB Speeches, 15. Juni 2022.

 

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