Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Neue Technik, neue Jobs

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Die Roboter werden uns so schnell nicht die Arbeit wegnehmen. Von Johannes Pennekamp


 

An Dystopien herrscht kein Mangel. Das gilt für die Welt im Allgemeinen und für den Arbeitsmarkt im Besonderen. Massenarbeitslosigkeit und Entfremdung sind spätestens seit der Frühindustrialisierung die Schreckgespenster der modernen Arbeitswelt. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stürmten Beschäftigte die Fabriken. Getrieben von der Angst, nicht mehr gebraucht zu werden, zerstörten sie Webstühle und andere Maschinen.
 
Diese Urangst besteht bis heute. Dabei war es in der Geschichte bisher der Normalfall, dass neue Technologien zwar Arbeitsplätze vernichteten, aber schon bald danach viel mehr neue entstanden. Der Kutscher ist tot, lang leben die Taxifahrer und Ingenieure.
 
Wer sich gerne gruselt, fand vor zehn Jahren den Stoff für neue Untergangsphantasien. Die Oxford-Ökonomen Carl Benedikt Frey und Michael Osborne untersuchten, welche Berufe innerhalb der kommenden zwei Jahrzehnte in den Vereinigten Staaten von Maschinen und Computerprogrammen erledigt werden könnten. Ihr Ergebnis: 47 Prozent der Tätigkeiten sind theoretisch ersetzbar.
Aus dieser Erkenntnis wurde rasch die Schlagzeile: Die Automatisierung wird bald jeden zweiten Beschäftigten arbeitslos machen. Die Studie gab das zwar so nicht her, aber die Hiobsbotschaft war nicht mehr aus der Welt zu kriegen.
 
Berechtigter als die Angst vor Massenarbeitslosigkeit scheint die Sorge des Einzelnen. Was wird aus jemandem, dessen Fähigkeiten plötzlich nichts mehr wert sind? Dass es dank technischen Fortschritts irgendwann insgesamt mehr Jobs gibt als vorher, ist für den einzelnen Betroffenen ja nur ein schwacher Trost.
 
Dachte man zumindest bislang. Eine neue Studie des deutschen Forschers Christian Dustmann stellt diesen Glauben jedoch auf den Kopf. Dustmann, der Institutsleiter am University College London ist und zu den führenden Arbeitsmarktökonomen auf der Welt zählt, hat mit zwei Ko-Autoren genau verfolgt, was passiert, wenn sich neue Technologien in der Arbeitswelt etablieren. Das zentrale Ergebnis: Die betroffenen Jobs verschwinden zwar tatsächlich. Doch die Arbeitnehmer bleiben in der Regel in den Unternehmen beschäftigt. Sie erledigen hinterher sogar anspruchsvollere Aufgaben und verdienen im Schnitt etwas mehr Geld als vorher.
 
Um zu dieser Erkenntnis zu kommen, genügt es nicht, allgemeine Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt zu beobachten. Dustmann und seine Ko-Autoren kombinierten deshalb verschiedene Datenquellen aus Deutschland. Zum einen Befragungsdaten aus Tausenden Unternehmen, zum anderen Registerdaten der Sozialversicherung, mit denen die Berufslaufbahnen von Beschäftigten nachvollzogen werden können.
Die Forscher beobachteten dabei einen Zeitraum von fast zwanzig Jahren. Als Erstes fiel ihnen auf, dass technologische Innovationen nicht massenhaft dazu führen, dass alte Betriebe von neuen, innovativeren verdrängt werden. Vielmehr findet der Wandel weg von Routinetätigkeiten hin zu anspruchsvolleren Tätigkeiten zum allergrößten Teil innerhalb von Unternehmen statt. Im zweiten Schritt schauten sich die Forscher genauer an, was innerhalb der Unternehmen passiert. Da wird es besonders interessant: Die Unternehmen, die neue Technologien einsetzen, verstärken nämlich zugleich die Weiterbildungsangebote für ihre Mitarbeiter.
 
Ein Beispiel: Wenn in einer Möbelfabrik ein Tischler vorher dafür zuständig war, Bretter richtig zuzusägen und zusammenzuleimen, läuft er Gefahr, von einer Maschine ersetzt zu werden, die schneller sägen und sauberer leimen kann als der Mensch. Diese Maschine muss aber künftig gesteuert werden, meistens über ein Computerprogramm. Es ist sehr naheliegend für das Unternehmen, den Tischler entsprechend weiterzubilden, denn der ist ja mit der Materie vertraut. Ein paar Monate später steht der Beschäftigte dann nicht mehr an der Säge, sondern sitzt ein paar Meter weiter in einem Büro und überwacht die neue Maschine – oder gleich mehrere.
 
Allerdings funktioniert das nicht in allen Unternehmen und für alle Arbeitnehmer gleich gut. Besonders gut darin, die eigenen Beschäftigten nicht auf die Straße, sondern auf anspruchsvollere Posten zu setzen, sind solche Betriebe, die auch ganz grundsätzlich junge Menschen ausbilden. Ausbildungsbetriebe wissen einfach besser, wie so etwas funktioniert, lautet die Erklärung dafür. “Die Verfügbarkeit von betriebsinternem Fachwissen bei der Weiterbildung von Arbeitnehmern scheint ein Schlüsselfaktor zu sein”, heißt es in der Studie. Unterstützend wirke zudem, wenn Gewerkschaften in den Unternehmen präsent seien.
 
Der einzige Haken an der Sache betrifft die älteren Beschäftigten. Wer älter ist als 55 Jahre und Routineaufgaben erledigt, verliert der Studie zufolge sehr viel häufiger als andere seine Arbeitsstelle, sobald eine neue Technik eingeführt wird. Oft findet sich danach auch keine neue Anstellung mehr.
Dass der Aufstieg für die Älteren seltener funktioniert, liege daran, dass es sich im Alter weniger lohne, noch langfristig in die beruflichen Qualifikationen zu investieren, und zwar sowohl für die Angestellten selbst wie auch für ihre Arbeitgeber, vermuten die Forscher. Sie geben außerdem zu bedenken, dass sich Ältere womöglich schwerer damit tun, die neuen Dinge zu lernen.
 
Die Studie wirft insgesamt aber ein positives Licht auf die Konsequenzen, die der technologische Wandel auf dem Arbeitsmarkt nach sich zieht. Die Untersuchung hat außerdem eine politische Dimension. “Wenn beispielsweise wirtschaftliche Faktoren tatsächlich eine wichtige Rolle bei der Erklärung des jüngsten Anstiegs des Populismus spielen”, schreiben die Autoren, “dann können Institutionen die gefährdeten Arbeitnehmer vor den möglicherweise negativen Folgen des technischen Fortschritts (und der Globalisierung) schützen.” Das nimmt Scharfmachern, die im Wahlkampf mit übertriebenen Szenarien und Dystopien auf Stimmenfang gehen, den Wind aus den Segeln.
 
Spitzenforscher Dustmann dürfte sich übrigens künftig selbst häufiger als bisher in die wirtschaftspolitischen Debatten in Deutschland einmischen. Er strebt zwar keine Karriere als Politiker an, aber er baut mit Unterstützung der dänischen Rockwool-Stiftung gerade eine neue Forschungseinrichtung in Berlin auf. Neben dem künftigen Direktor Dustmann sollen dort bald vierzig Arbeitsmarktforscher arbeiten. Die deutsche Öffentlichkeit kann sich also auf viele weitere Studien freuen, die direkt vor ihrer Haustür spielen und den Arbeitsmarktpolitikern gute Entscheidungen erleichtern.
 
 
Literatur:
Christian Dustmann, Michele Battisti und Uta Schönberg: Technological and Organizational Change and the Careers of Workers. Erscheint im Journal of the European Economic Association.
Carl Benedict Frey und Michael Osborne: The Future of Employment. How Susceptible are Jobs to Computerization? University of Oxford, 2013.

 


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