Fazit – das Wirtschaftsblog

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Japan macht es vor

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Japan zog aus dem Tsunami 2011 und aus dem Atomunfall im Kraftwerk Fukushima Daiichi eine Lehre: Vorbeugende Anpassung zahlt sich aus. Das könnte Vorbild für die Klimapolitik sein.

 

Am 11. März 2011 um 14.46 Uhr bebte vor dem Nordosten Japans die Erde so stark, dass ein gewaltiger Tsunami auf die Küste zurollte. Die Riesenwelle überschwemmte im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi die Notstromaggregate. Die Kühlung versagte, und es kam in drei Reaktoren zur Kernschmelze. Weiter im Norden lag der Atommeiler Onagawa weit näher am Zentrum des Seebebens. Dort aber führte die Welle nicht zur Katastrophe. Das Kraftwerk konnte heruntergefahren werden, weil es auf höherem Grund gebaut war als Fukushima Daiichi. Die Verantwortlichen in Onagawa hatten die Gefahr eines Tsunamis ernster genommen.

Die Geschichte ist ein Musterbeispiel für den Wert der Vorsorge, um sich vor Naturrisiken zu schützen. Japan hat Lehren für den Wiederaufbau der zerstörten Küstenstädte gezogen. In Städten wie Rikuzentakata wurden Bergkuppen abgetragen, um hoch über dem Meeresspiegel Platz für neue Häuser zu schaffen. An der Küste wurde für den Wiederaufbau der Boden 10 Meter hoch aufgeschüttet. 12,5 Meter hohe Schutzwände zum Meer wurden errichtet. Manche Bewohner finden, dass das schrecklich aussehe. Doch Rikuzentakata ist nun gegen Tsunamis besser gewappnet. Auch einem steigenden Meeresspiegel als Folge der Erderwärmung kann die Stadt gelassener entgegensehen.

Vermeidung versus Anpassung

Trotz der Vorzüge gilt das Prinzip Vorsorge und Anpassung in der Klimapolitik vielen nicht viel. Im Vordergrund steht das Prinzip Verzicht auf Klimagase. Als auf der Weltklimakonferenz im ägyptischen Scharm el-Scheich auch über Anpassung an die Erderwärmung gesprochen wurde, beklagten nicht wenige Kommentatoren, dass die Vermeidung von Klimagasen vernachlässigt werde. Doch ist es kurzsichtig, die Anpassung an den Klimawandel schlechtzureden. Vorsorge könnte sich als die erfolgreichere Strategie erweisen. In ökonomischer Sicht liegt das daran, dass hinter Anpassung und Vermeidung ganz unterschiedliche Interessenlagen stehen. Die Reduktion von Klimagasen setzt auf den Versuch, die Erderwärmung zu verlangsamen, um Klimaschäden zu verringern. Das klingt toll, hat aber einen Haken: Zumindest die größten Verursacher von Klimagasen müssen mitmachen, damit die Strategie Erfolg hat. Wie schwer das fällt, zeigen die Weltklimakonferenzen immer wieder aufs Neue.

Es ist das Dilemma der Produktion eines öffentlichen Gutes, von dem alle und nicht nur der Produzent profitieren. Jedes Gramm Kohlendioxid, das die Deutschen mit hohen Kosten weniger ausstoßen, nutzt der Welt mehr als Deutschland. Jedes Gramm weniger deutschen Kohlendioxids verringert den Anreiz für andere, CO2 zu vermeiden. So wartet jeder darauf, dass der andere sich bewegt, um die eigenen Kosten der Verringerung zu vermeiden. Spieltheoretiker sprechen von Trittbrettfahrertum. Es lohnt sich für jeden, mitzufahren, ohne zu zahlen. Doch wenn alle kostenlos mitfahren wollen, fährt keiner.

Das Dilemma der Weltklimakonferenzen

Weltklimakonferenzen sind der Versuch, das Dilemma zu überwinden, indem moralischer Druck ausgeübt wird. Indem reichere Staaten Geld versprechen, um CO2-Zusagen ärmerer Staaten zu erkaufen, die doch nicht durchgesetzt werden können. Indem manche sich zu hohen Kosten als Vorreiter präsentieren, um andere zum Mitmachen zu bewegen. Doch der unerbittlichen Logik des Trittbrettfahrertums lässt sich nur sehr unvollkommen entkommen. Klimakonferenzen enttäuschen immer.

Die Strategie der Anpassung an den Klimawandel setzt auf einer anderen Interessenlage auf. Es geht nicht mehr um ein globales öffentliches Gut. Es geht darum, sich im Eigeninteresse vor Schäden des Klimawandels zu schützen. Dazu gehören: höhere Deiche und höher gebaute Häuser und Atomkraftwerke. Teurere Versicherungen für Häuser am Meer. Mehr Stauseen, um Wasserpuffer vorzuhalten. Sparsamere Toiletten. Genetisch veränderte Nutzpflanzen, die auf trockeneren Böden gut gedeihen. Straßenbeläge, die resistenter gegen Hitze sind. Aufforstung oder Betonierung von Abhängen, um vor Erdrutschen bei Starkregen zu schützen. Kleidung, die vor UV-Strahlen schützt. Und so weiter.

Anpassung im Eigeninteresse

Die Anpassung an den Klimawandel erfolgt im Eigeninteresse. Jeder Euro, den ein Land für Vorsorge ausgibt, kommt den eigenen Bürgern, nicht der Weltgemeinschaft zugute. Für die vorsorgende Anpassung braucht es keine Weltklimakonferenzen. Es ist eine dezentrale, marktwirtschaftliche Lösung. Jedes Land und jeder Bürger ist für sich selbst verantwortlich und kann selbst verantwortlich sein. Weil sie das Problem globaler Verhandlungen umgeht, dürfte die Anpassung an den Klimawandel erfolgreicher sein als der Versuch, den Klimawandel zu vermeiden.

Die Einwände der Klimakonferenzgänger liegen auf der Hand. Arme Länder wie Bangladesch hätten kein Geld, um sich vor Überschwemmungen zu schützen. Das stimmt wohl. Aber es ist kein Problem des Klimawandels, sondern der Entwicklungspolitik. Schon jetzt steht es jedem reichen Staat frei, Bangladesch oder anderen finanziell bei der Anpassung an den Klimawandel zu helfen. Dafür braucht es keine Weltklimakonferenz. Dass das Thema dort verhandelt wird, zeigt, dass der Klimawandel genutzt wird, um global umzuverteilen.

Wenn der CO2-Verzicht schadet 

Der Fokus auf weniger Klimagase kann Entwicklungsländer schädigen. Verzichten westliche Konsumenten zunehmend auf Waren aus dem globalen Süden, um Transport-CO2 zu verringern, nehmen sie den ärmeren Ländern die Chance, sich im Handel Wohlstand zu erarbeiten. Die Armen haben so weniger Geld, um sich an die Erderwärmung anzupassen. Ökonomen wie Bjørn Lomborg argumentieren, dass Wohlstand einer der wichtigsten Faktoren sei, um durch Anpassung die Schäden des Klimawandels zu verringern. Klimaschutz, der das Wirtschaftswachstum verringert, ist demnach kontraproduktiv.

Ein anderer Einwand sind die Untergangsszenarien, wonach alles so schrecklich werde, dass die Anpassung an eine wärmere Erde gar nicht mehr möglich sei. Doch die Geschichte lehrt, dass die Menschheit widerstandsfähiger ist als vermutet. Wieder lohnt ein Blick bei Lomborg.

Wie es heißt, waren die vergangenen hundert Jahre durch steigende Temperaturen und immer mehr klimabedingte Naturkatastrophen gekennzeichnet. Die Zahl der Todesopfer von Fluten, Dürren, Stürmen, Waldbränden und Extremtemperaturen aber sank in dem Zeitraum von fast 500 000 auf weniger als 20 000 im Jahr. Das ist umso beeindruckender, als zugleich die Weltbevölkerung sich auf 8 Milliarden Menschen mehr als vervierfachte. Solche Resistenz gegen höhere Temperaturen legt nahe, nicht nur dem CO2, sondern auch der Anpassung an den Klimawandel mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Bjørn Lomborg (2020): „Welfare in the 21st century: Increasing development, reducing inequality, the impact of climate change, and the cost of climate policies“, in: Technological Forecasting & Social Change, Bd. 156.


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