Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Der Sieg der Dreschmaschine

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Die Vergangenheit zeigt: Ein Mangel an Arbeitskräften regt technischen Fortschritt an. Das gibt Hoffnung für die Zukunft

Der Zusammenhang zwischen technischem Fortschritt und dem Arbeitsmarkt bildet seit sehr langer Zeit ein wichtiges Forschungsgebiet in den Wirtschaftswissenschaften. Schon vor rund zwei Jahrhunderten warf der berühmte britische Ökonom David Ricardo das „Maschinenproblem“ auf: Schafft oder vernichtet der technische Fortschritt Arbeitsplätze? Aber auch die umgekehrte Kausalität verdient Aufmerksamkeit: Wird der technische Fortschritt vom Zustand des Arbeitsmarkts beeinflusst? Gerade in der Zeit eines demografischen Wandels, der mit dem Austritt bevölkerungsstarker Jahrgänge aus dem Arbeitsmarkt einhergeht, wäre es interessant zu sehen, ob hiervon der technische Fortschritt profitiert.


Einen Blick in die Zeit Ricardos wirft eine spannende Arbeit von Hans-Joachim Voth, Bruno Caprettini und Alex Trew. Die drei Ökonomen zeigen einen interessanten Zusammenhang zwischen einer Knappheit von Arbeitskräften und einem Arbeitskräfte sparenden technischem Fortschritt. Während der Napoleonischen Kriege wurden zahlreiche Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft zur britischen Marine einberufen. In Form anekdotischer Evidenz war ein Zusammenhang schon seinerzeit kein Geheimnis. „Eine beträchtliche Zahl von Dreschmaschinen wurde in diesem Be­zirk errichtet“, hieß es in einem Bericht aus Dorset aus dem Jahre 1812. „Der wichtigste Anreiz zu ihrer Nutzung ist eine Knappheit an Arbeitskräften, die in Kriegszeiten vor allem in Küstenregionen erwartet werden darf.“

Die Arbeit der drei Autoren bestätigt eine weitere, ebenfalls nicht fernliegende Vermutung. Der technische Fortschritt gelang umso besser, je höher die berufliche Qualifikation der verbliebenen Ar­beitskräfte war: „An Standorten, an de­nen junge Männer als Schmiede, Uhrmacher und Mühlenbauer ausgebildet waren, führte eine Knappheit an Arbeitskräften zu einer viel größeren Verwendung technischen Fortschritts als an Standorten ohne solche Spezialisten.“

Die Ausbreitung der Dreschmaschine erscheint als Beispiel sehr lehrreich. Das Dreschen gehörte damals zu den arbeitsintensivsten Tätigkeiten im Winterhalbjahr. Es ist wohl kein Zufall, dass die Dreschmaschine im nördlichen Teil Großbritanniens erfunden wurde, wo die Löhne in der Landwirtschaft höher waren als im Süden des Landes. Die ersten Dreschmaschinen waren ebenso teuer wie störanfällig. Aber im Laufe der Zeit wurden sie zuverlässiger. Im Verein mit der Einberufung zahlreicher Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft zum Militär breiteten sie sich allmählich im ganzen Land aus. Interessant ist, dass die Einführung der Dreschmaschine mit dem Einsatz von deutlich weniger Ar­beitskräften einher ging, aber die Löhne der verbliebenen Arbeitskräfte offensichtlich nicht sanken.

Freilich beschränkte sich der arbeitssparende technische Fortschritt seinerzeit nicht auf Dreschmaschinen. Pferdehacken gestatteten eine effizientere Bekämpfung von Unkraut, während Pferderechen die Verarbeitung von Heu in Ballen erleichterten. Nach Schätzungen erledigte ein Pferderechen die Arbeit von 20 Männern. Daneben existierte auch ein technischer Fortschritt, der nicht mit der Einsparung von Arbeitskräften einherging und daher an dieser Stelle weniger interessiert. Rübenschneider, Scheuermaschinen und Kuchenbrecher erleichterten die Futterherstellung.

In den Jahren 1793 bis 1815 befand sich Großbritannien, von einem kurzen Zeitraum abgesehen, beständig im Krieg gegen Frankreich. Auf dem Höhepunkt der Feindseligkeiten, im Jahre 1813, hatten die Briten mehr als 350 000 Mann unter Waffen, darunter etwa 160 000 in der Marine. Die große Mehrzahl der Einberufenen in der Armee bestand aus Tagelöhnern, Kriminellen und Landstreichern, aber die Marine benötigte Männer, die sich auf See zurechtfanden.

Die Marine rekrutierte daher gerne rund um die in ihrer Nähe gelegenen Häfen. Für viele dieser Hafenregionen liegen heute auf der Basis lokaler Zeitungen Informationen über den Arbeitsmarkt und die Verwendung technischen Fortschritts in der Landwirtschaft vor. Daher erscheint eine auf eine ausreichende Zahl von Daten gestützte Erforschung eines Zusammenhangs zwischen der Rekrutierung von Arbeitskräften durch die Marine und die Einführung technischen Fortschritts in der küstennahen britischen Landwirtschaft möglich. So erfasst der von den Autoren verwendete Datensatz 95 014 Seeleute, die auf 262 Schiffen ihren Dienst ableisteten. Kein anderes Land unterhielt zu jener Zeit ähnlich große Seestreitkräfte wie die Briten.

Die Geschichte endete nach dem Sieg über Napoleon nicht mit der Heimkehr vieler Soldaten auf ihre Felder. Die in der Zwischenzeit eingeführten Maschinen blieben in Betrieb. Sie wurden weiter benutzt und trugen zu weiteren Einsparungen menschlicher Arbeit bei. „Fortlaufende Verbesserungen in Effizienz (und Zuverlässigkeit) waren ein Grund“, schreiben die Autoren.

Ihre Arbeit verdient Interesse mit Blick auf die Erforschung der Geschichte der Industriellen Revolution. Dass die Industrialisierung ihren Anfang in England nahm, ist unbestritten. Aber über der Frage, wann sie genau begann und warum sie sich zuerst in England entwickelte, ist im Laufe vieler Jahrzehnte sehr viel geschrieben worden. Eine wichtige Frage, die der Beantwortung bedarf, ist die nach den Bestimmungsgründen technischen Fortschritts – wobei aus ökonomischer Sicht weniger der Zeitpunkt ei­ner Erfindung von Bedeutung ist als vielmehr der Zeitpunkt ihrer wirtschaftlichen Nutzung.

Idealtypisch stehen mit Blick auf die Entwicklung Englands zwei Erklärungen im Wettbewerb. Nach Ansicht des Wirtschaftshistorikers Robert C. Allen be­gann die industrielle Revolution im 18. Jahrhundert in England, weil sich der Einsatz von Maschinen dort angesichts hoher Löhne und niedriger Energiekosten lohnte. Der Wirtschaftshistoriker Joel Mokyr plädiert für eine stärker kulturell geprägte Erklärung. Demnach hätte seinerzeit in England ein andernorts nicht mögliches Zusammentreffen von Wissenschaftlern, Tüftlern und Handwerkern die industrielle Revolution ins Werk gesetzt und vorangetrieben.

Die Arbeit von Voth, Caprettini und Trew verbindet diese beiden Ansätze. Der technische Fortschritt profitierte von einer Knappheit an Arbeit und fand dort statt, wo er sich materiell lohnte. Gleichzeitig profitierte diese Entwicklung von Tüftlern und kundigen Handwerkern, die mit den neuen Maschinen arbeiteten und sie weiter entwickelten.

Man kann diese wirtschaftshistorische Arbeit jedoch auch als Ansporn für unsere Zeit nutzen. Die immer spürbarer werdende Knappheit an Arbeitskräften kann Kräfte wecken, die über weiteren technischen Fortschritt auch in der Zukunft für Wohlstand sorgen werden.


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