Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Der Nerd ist nicht genug

| 8 Lesermeinungen

Wer die Technik versteht, verdient mehr Geld. Aber nicht unbedingt auf Dauer.

Ein sehr junger Nerd Mitte der 90er. (Foto: Picture Alliance)

Wer viel verdienen will, der muss in die IT-Branche gehen – so heißt es landläufig. IT-Fachleute sind überall gesucht. Auch wer einfach Daten analysieren kann, hat Chancen auf hohe Löhne. Und wer gar Experte für Künstliche Intelligenz ist, für den sind sechsstellige Einstiegsgehälter überhaupt kein Problem, so sagt man. Der amerikanische Polit-Kommentator Charlie Sykes hat die Lage schon vor Jahren in einem einfachen Satz zusammengefasst: „Sei nett zu Nerds, vielleicht arbeitest du mal für einen.“ Doch all diese Legenden können täuschen. Die Gehälter der Nerds sind nicht zwangsläufig dauerhaft so gut, wie man anfangs denkt.
Das wird erst allmählich deutlich, denn die langfristigen Folgen des IT-Booms lassen sich erst nach vielen Jahren beobachten. Die Zahl der Informatik-Studenten beispielsweise hat sich allein in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt. Erst in der Langfrist-Beobachtung zeigt sich, was passiert, wenn ein nennenswerter Teil eines Jahrgangs tatsächlich in der Informationstechnik landet – und wie sich seine Gehälter auf Dauer entwickeln.

Das haben nun zwei Ökonomen von der Management-Universität HEC in Paris und der Princeton-Universität in New Jersey untersucht. Sie nahmen sich die Gehälter der Leute aus der Informations- und Telekommunikationsbranche vor, die während der New-Economy-Blase der späten 90er Jahre angefangen haben zu arbeiten. Anfangs lief das auch so, wie jeder denkt: Wer 1998 in der ITK-Branche sein Berufsleben begann, der verdiente mehr als in anderen Branchen. Durchschnittlich lagen die ITK-Gehälter fünf Prozent über den anderen. Anfangs eilten die IT-Experten ihren Gleichaltrigen noch weiter davon. Doch bald wuchsen ihre Gehälter nur noch langsam. Seit 2005 verdienen die IT-Experten dieser Generation unterdurchschnittlich. 2015, im letzten Jahr der Studie, nahmen die ITK-Leute sieben Prozent weniger ein als die anderen. Über die vielen Jahre aufsummiert, gleichen die frühen hohen Verdienste die späteren niedrigen Verdienste nicht aus: Insgesamt liegen die IT-Leute vier Prozent unter den anderen. Woran liegt das?

Warum verdienen IT’ler später weniger?

Die beiden Autoren testen drei Thesen. Die eine: Nach der Blase wurden viele IT-Experten wieder entlassen. Wer sich eine neue Stelle suchen musste, musste sich vielleicht mit einem niedrigen Gehalt zufriedengeben. Das allerdings war nicht der Fall. Die Auswirkungen von Arbeitgeberwechseln auf das Gehalt waren zu vernachlässigen, niedriges Gehaltswachstum geschah vor allem während Arbeitsverträge liefen. Die zweite These: Weil während des Booms so viele Leute aus einer Generation auf den Arbeitsmarkt kamen, wurde es vielleicht später schwieriger, eine Beförderung zu bekommen. Auch diese Hypothese stellte sich als falsch heraus. Offenbar brauchten die Unternehmen für mehr Mitarbeiter auch mehr Chefs, jedenfalls hatten Arbeitnehmer aus der Boom-Zeit in der Boom-Branche eine ebenso große Chance, Chef zu werden, wie andere Arbeitnehmer.

Es gibt allerdings noch zwei bemerkenswerte Beobachtungen. Erstens: Die Gehälter der IT-Experten, die schon vor der Blase auf den Arbeitsmarkt kamen, verliefen so ähnlich wie die ihrer späteren Kollegen – sie wuchsen bis in die Blase hinein, dann allerdings begannen sie zu stagnieren und blieben hinter dem Wachstum in anderen Branchen zurück. Zweitens: Die ganze besprochene Lohnstagnation traf nur die Technik-Experten in der ITK-Branche. Manager und Betriebswirte konnten ihre Gehälter weiter steigern.

Deshalb spekulieren die Forscher über eine dritte Erklärung für die geringen Löhne: Das Lernen. Im Boom waren bestimmte Fähigkeiten besonders gefragt – während der New-Economy-Blase war es zum Beispiel interessant, schöne Websites ins Internet stellen zu können. Viele IT-Experten eigneten sich das an. Doch die Technik entwickelte sich weiter. Bald waren Handy-Apps der letzte Schrei, später die Künstliche Intelligenz. Mit alldem müsste man mithalten, aber diese Neuerfindung schaffen viele IT-Experten nicht: Ihr Wissen veraltet, und zwar viel schneller als in anderen Branchen. Deshalb schaffen sie es nicht, ihre Gehälter so zu steigern wie die anderen.

Andere Erklärungen für das geringe Gehalt in der ITK-Branche

Das ist eine plausible Erklärung, aber nicht die einzige. Es ist nämlich schon eine Weile bekannt, dass mathematisch-technische Fähigkeiten allein noch kein hohes Einkommen garantieren. Das wurde in den Jahren seit den späten 90ern immer eklatanter. In den 20 Jahren vor 1999 hatten die Gehälter für Nerds noch deutlich angezogen, wie die Ökonomin Catherine Weinberger erst vor wenigen Jahren berechnete. Die weitaus höchsten Verdienste gab es allerdings damals schon für diejenigen, die sich eben nicht nur mit der Technik auskannten, sondern zudem soziale Fähigkeiten hatten. Im Jahr 1979 hatte diese Kombination noch überhaupt nichts gebracht, doch 1999 schon war es vorteilhaft, wenn man mit der Technik nicht nur umgehen, sondern das auch anderen Leuten näherbringen konnte oder ein Team von Technikern erfolgreich leiten konnte.

Nach dem Jahr 2000 sind die sozialen Fähigkeiten immer wichtiger geworden, hat Harvard-Ökonom David Deming ermittelt. Er hatte Daten von mehr als 12000 Amerikanern. Diese wurden schon in ihrer Jugend gefragt, ob sie eher schüchtern oder eher extrovertiert waren und ob sie an vielen Schul-AGs teilnahmen, die in Amerika eine viel größere Rolle spielen als in Deutschland. In den Jahren danach gaben die Befragten immer wieder ihr Gehalt an.

Demings Bilanz war deutlich: Wer sich nur mit Technik auskennt, hatte kleinere Gehaltssteigerungen. Die größeren Lohnerhöhungen bekamen die Menschen, die mehr soziale Fähigkeiten hatten. Das überrascht niemanden, der die Platitude kennt, dass es gerade die Menschlichkeit ist, die der Computer noch nicht ersetzen kann. Zwar reichen soziale Fähigkeiten für Spitzenverdienste heute nicht immer aus: Das Gehalt in Sozialberufen bleibt noch weit hinter den IT-Gehältern zurück. Doch der neue Trend wird schon deutlich. Zu den gesuchtesten Leuten überhaupt, die inzwischen leicht streiken und in der Hoffnung auf eine Gehaltserhöhung den Arbeitgeber wechseln können, gehören inzwischen soziale Berufe, zum Beispiel Erzieher oder Krankenpfleger. Je länger dieser Mangel andauert, desto eher werden Menschen mit diesen Berufen in der Lage sein, ihre Gehälter weiter zu steigern.

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8 Lesermeinungen

  1. Entnetzen sagt:

    Soziale Kompetenz
    Extrovertierte werden hier offensichtlich als sozial Kompetente angesehen. Würde ich stark anzweifeln. Hab in meinem Berufsleben viele Extrovertierte kennengelernt, die eben nicht! genügend soziale Fähigkeiten mitbringen…

    • Patrick Bernau sagt:

      Das wird in diesem Beitrag nicht gleichgesetzt. Es gibt nur eine von mehreren Studien, in der Extroversion als einer von mehreren Faktoren verwendet wird, die im Zusammenspiel einen Hinweis darauf geben, ob Personengruppen durchschnittlich mehr Sozialkompetenz haben als andere.

  2. kaetho sagt:

    Nerds versus Manager
    Es ist nicht nur in der Technologiebranche so, dass die, die inhaltlich arbeiten, weniger verdienen als die, die irgendetwas „managen”. Auch deswegen, da die „Manager” in der Regel besser darin geübt sind, sich in den Vordergrund zu stellen, als die, die die an der Kiste sitzen und technische Probleme lösen.

  3. magoro sagt:

    Sechsstellige Einstiegsgehälter
    Die sechsstelligen Einstiegsgehälter werden auch nicht in Europa geschweige denn Deutschland gezahlt, sondern an der Westküste Amerikas.

  4. mmaltensen sagt:

    Es ist schlicht eine Mär
    dass IT-Experten in Deutschland überdurchschnittlich verdienen. Vergleiche mit früher (hab 1977 in der Branche angefangen) zeigen, dass eher real weniger verdient wird als damals. Besonders wenn man die Stundezahl ins Kalkül zieht und die stark zugenommene Akademisierung der Branche. Und – wie im Artikel richtig angemerkt – nach 15 – 20 Jahren – also so ab 40 – gehört man zum alten Eisen. Auch staatliche Eingriffe sorgen dafür, dass die Gehälter niedrig bleiben. Ich kenne kaum einen arbeitslosen Akademiker, der nicht zum IT-Experten umgeschult wurde. Ein staatlicher Eingriff übrigens über den ich noch nie Klagen von Unternehmensseite gehört habe. Insofern handelt es sich eher um Sirenengesänge, wenn es um die knappen IT-Kräfte geht. Hintergrund ist eher das Interesse immer frische Kräfte zu haben, anstatt in Fortbildung investieren zu müssen. Knapp sind immer Fachkräfte für die gerade angesagten Trends. Und die Politik macht brav mit, weil sie in einer solchen strategischen Branche immer genügend Arbeitskräfte haben möchte. Eigentlich erfüllt dies den Tatbestand der Irreführung. Bezeichnend zum Beispiel auch, dass – als die Informatiker mal knapper wurden – einfach die Anforderungen in Sachen Mathematik stark reduziert wurden. wirklich gebraucht hat man als “normaler” Entwickler sowieso nicht viel davon, aber als Selektionsmittel war es erwünscht, bis dies zum Hindernis für die gewünschte Menge Informatiker wurde.

  5. klaus.bremert sagt:

    Nerd kann man nicht studieren, ...
    dazu wird man geboren, mit allen Vor- und Nachteilen die das mit sich bringt.

  6. superrufus sagt:

    Zum Teil
    Was der Autor hier vergisst ist die Industrie für die gearbeitet wird. IT’ler arbeiten auch heute noch an forderster Front, wo viel Geld zu verdienen ist:

    – AI
    – Blockchain
    – eSports
    – Industrie 4.0

    In diesen Bereichen verdienen CEOs, CTOs und eventuell andere Manager mehr als Software Entwickler.

    Gerade in Berlin bekommt man für 5+ Jahre Erfahrung circa 72k Jahreslohn. Wer sich mit Zinsenszins auskennt weiß dass gerade in jungen Jahren das Anlegen am wertvollsten ist.

    Es gibt kaum eine Branche die dort mithalten kann. Das Problem von Krankenschwestern etc. ist immer noch: Wo kommt das Geld her? Wenn der Kunde mehr zahlen kann, ist es für die Firma lukrativer Leute einzustellen die das Produkt fertigen können.

    An Programmieren kommt man schwer vorbei. Eine Stufe drüber ist es dann der Engineering Manager, darüber der CTO und VP of Engineering.

    Krankenpfleger werden sicherlich mehr verdienen, allerdings findet man trotzdem keine mehr. Ich lebe in Berlin und würde gerne 1-2k im Monat für eine Kindertagesstätte zahlen, kann ich aber nicht.

    Der private Bereich wird immer höher bezahlt sein da sich dort die Ressourcen natürlich verlagern. Vom Staat gelenkte Jobs haben immer das Nachsehen.

    Der Autor hat Recht das Blasen das Gehalt fördern und ITler ständig lernen müssen. Dennoch, wer 10+ Jahre dabei ist hat es leicht sich in neue Gebiete einzulesen, da es nicht wirklich etwas neues gibt, nur alte Weine in neue Schleuche.

  7. Someone_else sagt:

    Experte für Künstliche Intelligenz und sechsstellige Einstiegsgehälter
    Komisch, dass bei den Gehaltsstatistiken KI Experten immer noch unter Kryptologen liegen und auch mir ist keiner bekannt, der im entferntesten an 100k Einstiegsgehalt heran kommt.

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