Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Warum die Löhne nicht steigen

| 6 Lesermeinungen

Globalisierung und technischer Fortschritt gelten als Feinde der
Arbeiter. Aber liegt das eigentliche Problem bei den Gewerkschaften?

© dpaErzieher demonstrieren für höhere Gehälter

Mit der Wirtschaft stimmt irgendetwas nicht, zumindest verhält sie sich ziemlich merkwürdig, und das schon seit Jahren. Vor Corona sank die Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten und in Deutschland auf immer neue Tiefstände. Doch der Mangel an Arbeitskräften hat nicht zu riesigen Lohnerhöhungen geführt, vor allem nicht in Amerika. Arbeitnehmer bekommen vom wachsenden Wohlstand einen immer kleineren Teil ab, zumindest in den Vereinigten Staaten. Und weil die Löhne nicht steigen, bleiben auch die Preise relativ niedrig.

Seit Jahren denken Ökonomen über dieses Phänomen nach und haben immer wieder unterschiedliche Ansätze gefunden – aber keinen, der alles restlos erklären kann. Jetzt aber will die Harvard-Doktorandin Anna Stansbury gemeinsam mit ihrem Professor, dem ehemaligen amerikanischen Finanzminister Larry Summers, all das auf einen Nenner bringen. Wenn sich der Blick der Ökonomen von der unmittelbaren Corona-Krise hebt, kann diese Arbeit noch für größere Diskussionen sorgen.

Globalisierung oder technischer Fortschritt?

Bisher gingen die Erklärungen oft von der Globalisierung oder vom technischen Fortschritt aus. Das geht dann zum Beispiel so: Die Globalisierung hat Milliarden billiger Arbeitskräfte aus armen Ländern in die Weltwirtschaft gebracht. So werden zwar diese Menschen reicher, aber die Löhne der Mittelschicht in den reichen Staaten werden gedrückt. Schließlich können die Arbeitgeber immer mit Abwanderung drohen. Die Gewerkschaften können wenig ausrichten, also verlieren auch sie an Bedeutung.

Ähnlich ist es mit dem technischen Fortschritt: Der macht viele mittelmäßig qualifizierte Stellen überflüssig, so heißt es oft. Gleichzeitig sind die Wohlstandsgewinne durch neue Technik noch nicht so groß, dass sie für enorme Lohnsteigerungen überall sorgen. Die Gewerkschaften könnten auch dagegen wenig ausrichten, also verlören sie an Bedeutung.

Als „Superstar-Ökonomik“ wird die These weiterentwickelt: Die technisch fortgeschrittensten Firmen zahlen zwar hohe Gehälter, aber auch wieder nicht so hohe, wie sie könnten. Außerdem brauchen sie nur relativ wenige Mitarbeiter – und erobern trotzdem immer größere Marktanteile. Entsprechend groß wird die Ungleichheit, denn die abgehängten Unternehmen können ihren vielen Mitarbeitern keine großen Gehaltserhöhungen mehr zahlen.

Vor allem die Vereinigten Staaten kümmern sich nicht genug darum, dass der Wettbewerb erhalten bleibt, wie zuletzt erst Thomas Philippon bemängelt hatte. Auch dagegen können Gewerkschaften wenig ausrichten, also verlieren sie an Bedeutung.

Die Macht der Gewerkschaften schwindet

In der Studie von Anna Stansbury und Larry Summers rückt nun eine neue Erklärung ins Zentrum: die Macht der Gewerkschaften an sich. Nach den Erfahrungen der 70er Jahre, als die sogenannte „Stagflation“ hohe Inflation und hohe Arbeitslosigkeit brachte, wurde die Macht der Gewerkschaften in vielen Ländern gebrochen, zum Beispiel in Großbritannien, wo die Bergarbeiter auch mit einem einjährigen Streik nichts gegen die Politik von Margaret Thatcher ausrichten konnten, aber auch in den Vereinigten Staaten, wo Ronald Reagan mit neuen Gesetzen die Gewerkschaften schwächte. Stansbury und Summers argumentieren nun: Es waren solche Aktionen, die Löhne und Inflation bis heute zurückhalten. Also ökonomen sagen sie: Es sinkt die “NAIRU”, also die Arbeitslosenrate, bei deren Unterschreitung die Inflation wächst (die “Non-Accelerating Inflation Rate of Unemployment”)

Dazu fahren sie eine Menge an Argumenten auf. Die Globalisierung allein könne nicht die entscheidende Rolle spielen, sagen sie: Dann müssten die Löhne in Branchen mit hoher Konkurrenz aus dem Ausland besonders leiden – das tun sie aber nicht. Auch die Marktmacht der „Superstars“ könne nicht der Grund sein, sagen Stansbury und Summers, denn tatsächlich hätten die Mitarbeiter großer Konzerne immer weniger Lohnvorteil vor den Mitarbeitern anderer Unternehmen.

© Stansbury/SummersDer Lohnvorsprung großer Konzerne schrumpft.

Mehr Arbeitsplätze entstehen

Zudem erwarte die ökonomische Theorie, dass Unternehmen mit wachsender Marktmacht nicht so viele Menschen einstellen. Wenn aber die Löhne unter Druck geraten, weil die Gewerkschaften an Macht verlieren, dann passiere das, was bei sinkenden Preisen auf herkömmlichen Märkten eben passiert: Die Nachfrage steigt, und es werden doch mehr Menschen eingestellt.

Am Ende jedenfalls sinkt in den Vereinigten Staaten seit Jahren der Anteil, den die Arbeitnehmer vom Wohlstand abbekommen: die so genannte „Lohnquote“. So sehen die Autoren in ihrer These gleich noch einen Beitrag zur Erklärung der niedrigen Zinsen: Weil immer mehr Geld bei den Reichen lande, die sowieso viel sparen, suchten immer mehr Ersparnisse nach guten Anlagemöglichkeiten. Also sänken die Zinsen.

Es gibt schon Widerspruch

Die These wird nicht unwidersprochen bleiben. In einer ersten Reaktion schlägt der liberale Ökonom Tyler Cowen eine andere Erklärung vor: Nicht die sinkende Macht der Gewerkschaften sei schuld an der beschriebenen Lohnentwicklung. Vielmehr sei heute besser sichtbar, wer für die Unternehmen wichtiger sei und wer weniger wichtig. Deshalb wüchsen die Gehälter einiger Mitarbeiter, während die vieler anderer sänken. Überhaupt: Start-up-Gründer würden eigentlich für ihre Arbeit honoriert, doch sie bekämen ihr Einkommen oft in Form von Firmenanteilen, deren Wert steigt, was erst einmal als Kapitalgewinn gezählt werde. Berücksichtige man das, dann sinke die Lohnquote gar nicht. Trotzdem nennt Cowen die Studie von Stansbury und Summers „eine der besten des Jahres“.

Selbst wenn Stansbury und Summers recht haben, hätte der Machtverlust der Gewerkschaften allerdings nicht nur Nachteile. Immerhin hätte er dann nämlich eine geringere Arbeitslosigkeit ermöglicht. Das ist Grund zur Freude, machen doch bis heute wenige Schicksalsschläge die Menschen so unglücklich wie Arbeitslosigkeit. Im nächsten Schritt kann auch niedrige Arbeitslosigkeit irgendwann zu steigenden Löhnen führen. Wie das geht, zeigt Deutschland: Hier sind die Gewerkschaften zwar noch mächtiger als in Großbritannien oder in den Vereinigten Staaten.

Trotzdem hat auch ihre Lohnzurückhaltung zusammen mit den Hartz-Reformen der Nullerjahre dazu beigetragen, dass die Arbeitslosigkeit zurückgedrängt wurde und Deutschland vor der Corona-Krise fast Vollbeschäftigung erreicht hatte. In Deutschland hatten die Arbeitnehmer dann zumindest wieder so hohe Lohnsteigerungen, dass sich ihr Anteil an der Wirtschaftsleistung stabilisierte. Die Inflation allerdings blieb trotzdem niedrig. Es gibt immer noch einige Rätsel zu lösen.

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6 Lesermeinungen

  1. Alariok sagt:

    Titel eingeben
    „Mir der Wirtschaft stimmt etwas nicht, zumindest verhält sie sich merkwürdig…“ Eine richtige Beobachtung und eine zutreffende Ausdrucksweise, da sie die Eigenbewegung eines scheinbaren Teilbereiches unserer Gesellschaft bezeichnet. Wer sich die Mühe gemacht hat, die Analyse des Kapitalismus nachzuvollziehen (etwa durch Lektüre der Texte der Exit-Gruppe, u.a. R. Kurz) wird eine gewisse Nähe zum „automatischen Subjekt“ feststellen. „Automatisches Subjekt“ meint nämlich den Systemmechanismus, der durch die Subjekte quasi bewusstlos, wenn auch bei den meisten Menschen aus Überlebensnotwendigkeit, in Gang gehalten wird. Die Anwender der Arbeitskraft, um aus Geld mehr Geld zu machen, die Arbeitskraft-Angewendeten, um Geld für ihren Lebensunterhalt zu erhalten. In einem der hier gemachten Kommentare wird auch der Begriff ‚Debitismus’ genannt – ein zutreffender Begriff für die Defizit-Waren-Kreisläufe (Kauf von Waren mit Schulden und Kauf von Schuldtiteln, um Waren an den Käufer zu bringen.)-
    Die aktuelle Eigentümlichkeit zeigt sich also nicht nur in niedrigen Löhnen, Machtverlust der Gewerkschaften, niedrigen Warenpreisen (nur so nebenbei: riesige Mieterhöhungen, deutliche Steigerung der Abgaben). Zudem gibt es noch das Anwachsen des Prekariats, die sogenannte Flüchtlingskrise, den Klimawandel, die Verschwendung natürlicher Ressourcen, Umweltverschmutzung und – unzureichendes ‚Wachstum’. Die Ideologen, incl. VWLern, Politiker/Politologen werden das alles beschwichtigen, jaja erklären und die Vielen auf morgen, übermorgen oder auf nächstes Jahrzehnt vertrösten. Doch ist im Kapitalismus ein innerer Widerspruch angelegt, der jetzt historisch geworden ist und der dazu führt, dass sich die innere Schranke des Kapitals unüberwindlich aufrichtet: der Kapitalismus hat kein Potential mehr für die Zukunft. Wohin der Weg führt- wenn man/frau so weitermacht wie bisher- zeigt schon ein etwas eingehender Blick auf die Entwicklungs- und Schwellenländer, z.B. Mexiko, Haiti, Guatemala, eigentlich ganze Kontinente oder große Kontinentalteile.

  2. ganzamrande sagt:

    Treffen Theorien den Punkt?
    Ohne lange Detailarbeit möchte ich diesem interresanten Artikel, wie auch Vielen, die die angesprochenen Phänomene untersuchen , die Frage stellen: Warum wird immer von Arbeitslosigkeit gesprochen, wo doch das Wort “Einkommenslosigkeit” das zu untersuchende Problem wäre. Wenn ich die vielen, auch durch Hartz und Agenda 2010, geschaffenen prekären Arbeitsverhätnisse anschaue und die vielen, immer wieder aufgewärmten Argumente, mit denen Arbeitsplätze immer wieder als “jederzeit schnell kündbar” oder als befristet generiert werden, dann sollte man endlich einen Perspektivwechsel einläuten. Aus dem, was der Mensch eigentlich braucht um angestfrei Leben zu können, ergibt sich doch, dass er nicht von der Arbeit lebt, sondern dass sein Leben die Grundlage dafür ist, arbeiten zu können. Leider wird die Arbeiterschicht zunehmend verdummt, was auch ein Grund für den Zusammenbruch gewerkschaftlichen Wirkens ist. Mein Sruch zu dem Thema, seit langem: Ein Arbeitsplatz, der einen Menschen nicht ernährt, ist es nicht wert zu existieren. Wer solche Arbeitsplätze schafft, der WILL betrügen!

    • Alariok sagt:

      Ganzzentral
      Was Sie da schreiben ist Ganzzentral. Durch Ihren Perspektivenwechsel lenken Sie den Blick weg von merkwürdigen Oberflächenerscheinungen der freien Marktwirtschaft/Kapitalismus und den Rätseln der VWLer auf das Eigentliche, auf das Leben der Lohnabhängigen. Und Sie fordern (zumindest indirekt), den Menschen das zu geben, was sie eigentlich brauchen, um angstfrei leben zu können. Selbst immanent des kapitalistischen Systems sollte dies doch machbar sein: Wohnen, Essen und Trinken, Kleidung und Bildung.
      Für die nötigen umfassenderen Änderungen/Transformation der Gesellschaft bedarf es jedoch einer umfassenden Theorie, die es, wenn auch nicht ausreichend genug, schon gibt. Eine wichtige Erkenntnis dieser neomarxistischen Theorie besteht darin, dass der Kapitalismus in seine finale Phase eingetreten ist. Der prozessierende Widerspruch, dass auf der einen Seite die Produktivität ständig gesteigert wird, um konkurrenzfähig zu bleiben, auf der anderen Seite die kapitalproduktive Arbeit (die Substanz des Kapitals) immer weniger wird, ist jetzt nicht mehr durch Ausdehnung der abstrakten Arbeit durch neue arbeitsintensive Warenproduktion und globaler Ausdehnung zu kompensieren (s. Texte und Bücher von Exit; R. Kurz u.a.). Das Ganze wird noch in Gang gehalten durch Billionen-Kredite. Doch geht der Gang von Krise zu Krise, in Verelendung und Barbarisierung immer mehr Staaten (z.B. schon jetzt die in Mittel- und Südamerika, in Afrika).

  3. Alesius sagt:

    Gier und Kontrollzwänge
    Am Anfang steht der Mensch und das was er aussäht, denn das wird er auch ernten.

    Daher ist es fast egal was für ein System wir uns “ausdenken”: wenn der Gier und Egoismus gefolgt wird, gibt es die Angst nie genug zu haben oder das zu “verlieren” was man Materiel (bzw. an “Macht”) angehäuft hat. Das führt dann zu einem Kontrollverlangen, welches sich in Politik und Wirtschaft wiederspiegelt.

    Gier macht blind und ist selbstzerstörerisch. Die Zusammenhänge werden uns immer deutlicher an Naturkatastrophen, offensichtlichen Umweltsünden und menschlichen “Schicksalen” (vermehrte Depressionen, Demos, Aufstände, berührende Reden, vermehrte Flucht aus der “Heimat”…) präsentiert.

  4. Petermannstar sagt:

    Geld her
    Wenn Globalisierung oder technischer Fortschritt Jobs kosten, dann müssen die Gewinne daraus eben verteilt werden. Irgendwie.

    1. Steuerosaen und Länder derart besteuern das dahin nur versteuertes Geld wandern kan
    2. Linzense erst nach der Versteuerung
    3. Auslandsvermögensteuer für Unternehmen
    4. Konzerne die in sich selber Investieren vorher besteuern.

    5. Alle Yachten in den Häfen und VIllen am Meer, Berge an die Kette bis erklärt wurde woher das Geld kommt

    Wo ist das Problem

  5. Revresbo sagt:

    Löhne und Gehälter aus verschuldungstheoretischer Sicht
    “Mit der Wirtschaft stimmt irgendetwas nicht, zumindest verhält sie sich ziemlich merkwürdig, und das schon seit Jahren.”

    Abgesehen von Scheidemünzen entsteht alles Bar(Geld) aus Kredittiteln (Schuldtitel), die Zentralbanken im Rahmen ihrer wohldefinierten geldpolitischen Operationen von zugangsberechtigten Geschäftsbanken ankaufen. Damit sind Löhne und Gehälter nur aufgrund von Krediten vorstellbar, die den Unternehmen gewährt wurden – entweder von neu vergebenen oder von bereits existierenden Krediten.

    Da wir bis in die Mitte der achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts hohe Inflationsraten hatten, gilt jetzt Joseph Clément Juglar’s (1819 – 1905) zweiter Teil ‘… keine Inflation ohne nachfolgende Deflation’ seiner von mir am 15. Mai in ‘Fazit’ zitierten Erkenntnis: “Keine Depression ohne vorangegangene Prosperität, keine Inflation ohne nachfolgende Deflation.”

    Da jede Inflation kreditgetrieben ist und Kredite Anschlusskredite brauchen, stellt sich das Problem ausreichender Geldsummen aus diesen “new credits”, um den kapitalistischen Kettenbrief (‘Kredit auf Kredit’) nicht reißen zu lassen. Vor allem in Phasen der Überschuldung fließt die Liquidität der Unternehmungen in die Bedienung und Tilgung ihrer Schulden und nicht in die Erhöhung der Löhne und Gehälter. Sobald die Geldsummen dieser “new credits” nicht ausreichen, die bestehenden Schulden, die die Inflation ja verursacht haben, termingerecht zu bedienen, kommt es zu “deflationären” Erscheinungen (Rabatte, sinkende Umsätze usw.) Ohne Arbeitslosenunterstützung und “Reformen” (Hartz 4) würden Löhne und Gehälter sofort schlagartig fallen.

    Natürlich können in technisch fortgeschrittenen Firmen mit hoher Innovationskraft, die ja auch vorfinanziert werden muss, und auch in den Dienstleistungssektor im Umfeld der Aktien-, Immobilien- und Vermögenmärkte, die ja wegen der gegenwärtigen Politik der Zentralbanken inflationiert werden, um die Beleihungsfähigkeit zusätzlich zwingend notwendig wachsender Kreditsummen im debitistischen Kettenbrief zu gewährleisten, höhere Gehälter gezahlt werden. Trotzdem bleibt der Deflation in den letzten Jahrzehnten die vorherrschende Erscheinung.

    Genauso

    “… Es gibt immer noch einige Rätsel zu lösen.”

    ist es. Diese Rätsel können nur im Rahmen verschuldungstheoretischer Betrachtung analysiert und verstanden werden. Aber: es ist völlig egal, welche Tricks die Politik oder die Gewerkschaften anwenden, es wird nicht gelingen, die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten des Debitismus als “eine Beschreibung dessen, was passiert, wenn Schulden im System sind” (Paul C. Martin), außer Kraft zu setzen.

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