Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Mit Eigenverantwortung gegen das Virus

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Im Kampf gegen Corona setzt Südkorea in vielem auf die eigenverantwortliche Entscheidungen der Menschen und verzichtet auf den Verbotshammer. Das ist ein kluger Schachzug – doch er hat seinen Preis.

Der erste Reflex der Ökonomen in der Pandemie war einfach und ist deshalb nicht falsch: Es geht um ein Abwägen zwischen geretteten Leben und verlorener Wirtschaftskraft. Gestützt auf die Denkweisen von Epidemieforschern analysierten die Ökonomen den Gegensatz zwischen Ausgangssperren, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen, und den wirtschaftlichen Schäden, wenn alle zu Hause bleiben. Dann kam die Idee dazu, dass eine radikale Viren-Bekämpfung zunächst Unternehmen und Haushalte dramatisch belaste, aber insgesamt wirtschaftlich vorteilhaft sein könne. Das folgt dem Denken des Arztes, der den Tumor früh herausschneidet, bevor er wuchert und größere Schäden anrichtet. Der drastische Eingriff in die Wirtschaft erscheint so als Investition, die sich später auszahlt.

Politiker sehen sich oft als Fachleute für Investitionen in die Zukunft. Die Entscheidung in Deutschland fiel so schnell für Kontaktsperren, für die Arbeit von zu Hause aus und für die Lahmlegung des öffentlichen Lebens. Andere Ideen im Kampf gegen das Virus hatten keine Chance. Zum Glück gibt es Länder, die anders reagierten. Sie können nun als Prüfstein dienen. Auch die Ökonomenschar argumentiert nun weit differenzierter als noch in der Frühphase des Virus.

Südkorea, das lange als das zweite große Zentrum der Pandemie nach China galt, ging gegen diese in einer sehr eigenen Art und Weise vor. Die Regierung verordnete Bürgern und Unternehmen keine Zwangspause. Schulen und Universitäten wechselten zum Online-Unterricht. Museen oder Sportligen machten Pause. Händler und Unternehmen, Hotels und Restaurants aber konnten offen bleiben. Falls sie temporär schlossen, geschah es, weil Kunden ausblieben oder für eine Desinfektion. Allein Nachtklubs, Bars und ähnlichen Etablissements in Seoul wurde zeitweise nachdrücklich die Schließung nahegelegt. Arbeit von zu Hause wird gepredigt, aber nicht verordnet.

Südkorea wurde trotzdem zu einem Vorbild in der Bekämpfung von Covid-19, mit weniger als 12000 registrierten Infizierten und 271 Virus-Toten. Das Land setzte auf Massentests, eine rigide Nachverfolgung von Infektionswegen und auf Isolation. Mögliche Kontakte von Infizierten wurden getestet und für 14 Tage nach Hause in die Quarantäne geschickt, die mit Strafen bewehrt und strikt überwacht wurde.

Der Preis der Privatsphäre

Zugleich gaben Städte auf Internetseiten und über Kurznachrichten auf die Handys in anonymisierter Form bekannt, wo sich Infizierte aufgehalten hatten, wo sie wann essen gingen, wo sie einkauften oder in einem Liebeshotel vielleicht ein Schäferstündchen abhielten. Die Bürger wurden in Echtzeit auch informiert, wenn eine Straße oder ein Block desinfiziert war. Privatsphäre gilt in Südkorea wenig. Die Behörden dürfen die Handy-Bewegungsdaten und Kreditkartenabrechnungen der Infizierten einsehen.

Für diesen Ansatz erhält das Land von den drei amerikanischen Ökonomen David Argente, Chang-Tai Hsieh und Munseob Lee die akademischen Weihen. Einen großen Teil des Erfolgs Südkoreas vermuten die Forscher darin, dass es seine Bürger offen über Infektionsfälle informierte. Die Bürger nutzten das Wissen, um dem Virus auszuweichen. Bei ihren Wegen durch die Stadt Seoul zur Arbeit, zum Einkaufen oder zum Vergnügen mieden sie Viertel und Straßen, in denen eine mögliche Infektionsgefahr lauerte. Das zeigt eine Analyse aggregierter Bewegungsprofile von Handys. Die Anpassung der Menschen an die Infektionsrisiken ging noch weiter. Anhand der Handy-Bewegungsdaten zeigen die Forscher auch, dass vor allem ältere Koreaner, die für Covid-19 besonders anfällig sind, die gefährlichen Orte mieden.

Ausgerechnet das zentralistische Südkorea setzt an dieser Stelle auf die Eigenverantwortung der Menschen, während Deutschland in der Virusbekämpfung auf zentralplanerische Elemente und scheinbar überlegenes Wissen von Regierenden und Fachleuten zurückgreift. Im Gegenzug nehmen die Südkoreaner Eingriffe in ihre Privatsphäre hin, die im Westen unvorstellbar erscheinen.

Das dezentrale und freiheitliche Element in der Virusbekämpfung in Südkorea bringt wirtschaftliche Vorteile mit sich, die Marktwirtschaftlern direkt einleuchten. Wenn Menschen selbst entscheiden können, welchem Risiko der Ansteckung sie sich aussetzen wollen, beeinträchtigt das ihr Konsum- und Arbeitsleben weit weniger als eine von oben verordnete Zwangspause. Die Ökonomen legen Modellberechnungen vor, um die Vorteile als Zahl zu bestimmen. Das ist eine eher akademische Übung. Wichtiger ist die gut begründete Aussage, dass offene Information über Infektionsfälle geringeren Schaden verursacht als eine verordnete Schließung von Unternehmen und Geschäften. Die Kosten der verlorenen Privatsphäre der Infizierten sind dabei nicht berücksichtigt. 

Quarantäne verringert Unsicherheit

Auch ein zweites Element der südkoreanischen Strategie gegen das Virus dämpft die wirtschaftlichen Kosten. Massentests und die Quarantäne von Infizierten und Kontaktpersonen verringern das Risiko für jeden, auf Infizierte zu stoßen und sich anzustecken. Das Gefühl der Unsicherheit, das Menschen in der Pandemie erfasst, verschwindet so nicht. Aber die Unsicherheit wird kleiner. Menschen können befreiter einkaufen, zur Arbeit gehen und dürften ihre wirtschaftliche Aktivität weniger stark zurücknehmen. Massentests und Quarantäne verringern deshalb die wirtschaftlichen Kosten der Virusbekämpfung, zeigen die Ökonomen Martin Eichenbaum, Sergio Rebelo und Mathias Trabandt in ihrer Analyse. Auch ihre Berechnungen sind nur als Indiz zu nehmen. Auffällig aber ist schon, dass Südkoreas Wirtschaftsleistung im ersten Quartal des Jahres weit weniger schrumpfte als die Wirtschaften Europas. Dabei schlug sich das asiatische Land schon früher und intensiver mit dem Virus herum als die Europäer.

Für den Erfolg Südkoreas gegen das Virus werden viele andere Gründe genannt: die Erfahrung mit der Sars- und Mers-Epidemie, die Vertrautheit mit Gesichtsschutzmasken, eine vielleicht höhere Resistenz gegen das Virus, der gut vorbereitete Seuchenschutz. Einen einzigen Grund gibt es wohl nicht. Auch ist nicht sicher, dass der südkoreanische Ansatz in anderen Gesellschaften funktionieren würde. Die ökonomischen Analysen lassen aber den Schluss zu, dass der Hammer gegen das Virus nicht die beste Lösung sein muss. Es geht auch intelligenter.

 

David O. Argente, Chang-Tai Hsieh, Munseob Lee: The Cost of Privacy: Welfare Effect of the Disclosure of Covid-19 Cases. NBER Working Paper Nr. 27220, Mai 2020.
Martin S. Eichenbaum, Sergio Rebelo, Mathias Trabandt: The Macroeconomics of Testing and Quarantining. NBER Working Paper Nr. 27104, Mai 2020.

Dies ist die ergänzte Fassung des „Sonntagsökonoms”  vom 31. Mai in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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