Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Superstars aus der Maschine

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Große Unternehmen werden immer mächtiger. Das hat mit dem Einsatz von Robotern zu tun.

Guten Tag, Roboter! Foto: epa

Superstar-Firmen sind die neuen Superstars der Ökonomie. Ihr Aufkommen gilt derzeit als Grund für viele bemerkenswerte ökonomische Effekte – oder zumindest als Teil des Grundes. Wieso steigen die Löhne nicht schneller, obwohl es am Arbeitsmarkt so gut läuft? Weshalb wächst in so vielen Staaten der Welt die Ungleichheit? Warum haben die Unternehmen auf der Welt so viel Geld und investieren davon immer noch so wenig in neue Produkte? Wenn Ökonomen auf diese Fragen Antworten sammeln, fällt meist irgendwann das Wort „Superstars“ – und oft genug mit guten Argumenten.

Die Superstars, das sind nicht nur Apple, Google, Microsoft und andere Digitalkonzerne. Superstars gibt es in sehr vielen Branchen. Gemeint sind Unternehmen, die ihren Markt dominieren. Und deren Macht hat in vielen Branchen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, in den Vereinigten Staaten noch deutlich stärker als in Deutschland. Zum Beispiel im Einzelhandel: Anfang der 90er Jahre hatten die vier größten Einzelhandelskonzerne Amerikas noch einen Marktanteil von rund 17 Prozent, heute sind es rund 30 Prozent. Unter den Banken wuchs der Anteil der größten vier von 23 auf 35 Prozent – und so weiter.

Superstar-Firmen machen viel Gewinn

Diese Superstar-Unternehmen können oft sehr hochwertige Dienste und Produkte anbieten oder zumindest sehr günstige Preise. Deshalb sind sie bei den Kunden beliebt und machen viel Gewinn. Auch ihre Mitarbeiter bezahlen sie gut, deshalb sind sie als Arbeitgeber beliebt. Trotzdem bleiben große Teile des eingenommenen Geldes bei den Aktionären. Erst vor kurzem hat eine Analyse gezeigt, dass das zusätzliche Geld für die Aktionäre seit 1989 der Hauptgrund für steigende Börsenkurse war – wichtiger als das allgemeine Wirtschaftswachstum.

Auf der anderen Seite der Wirtschaft stehen die normalen Unternehmen. Sie werden von den Superstars abgehängt und investieren oft weniger. Sie arbeiten weniger produktiv, das heißt: Sie stellen ihre Produkte schlechter oder teurer her. Gleichzeitig können sie ihren Mitarbeitern nicht so hohe Gehälter zahlen. All das trägt dazu bei, dass die Ungleichheit wächst – nicht zuletzt weil die Mitarbeiter von Superstar-Unternehmen viel mehr verdienen als die anderen.

Nun ist es keine Überraschung, dass Unternehmen auf digitalen Märkten mächtig werden. Die Fixkosten zur Entwicklung eines Produkts sind hoch, zum Beispiel einer Suchmaschine – jeder zusätzliche Nutzer verursacht dann aber nur noch geringe Kosten. Solche Märkte neigen immer zur Monopolbildung. Dass aber auch sehr traditionelle Branchen zur Superstar-Bildung neigen, damit hätte nicht unbedingt jeder gerechnet.

Roboter helfen den Superstars

Eine neue Untersuchung wirft jetzt ein Schlaglicht darauf, wie das passieren kann. Eigentlich hat Michael Koch an der Universität Bayreuth mit seinen Kollegen Ilya Manuylov und Marcel Smolka von der Universität Aaarhus vor allem untersucht, wie Unternehmen Roboter einsetzen und was das für Folgen am Arbeitsmarkt hat. Doch ihre Ergebnisse zeigen, wie auch in traditionellen Branchen Superstars entstehen können.

In ihrer Studie haben Koch, Manuylov und Smolka den Robotereinsatz von rund 1900 spanischen Unternehmen über die 27 Jahre von 1990 bis 2016 verfolgt. Sehr schnell stellt sich heraus: Der Einsatz dieser neuen Technik geschieht nicht in allen Unternehmen gleichmäßig. Stattdessen stehen die großen Unternehmen an der Spitze und die, die sowieso schon relativ produktiv arbeiten. Dort können Roboter ihre Kraft am besten ausspielen – also stammen die meisten Roboter-Pioniere aus den Reihen dieser Firmen.

Wer aber die neue Technik einmal einsetzt, spürt schnell positive Folgen: Schon nach vier Jahren lässt sich zeigen, dass die Unternehmen mit Robotern deutlich schneller gewachsen sind als die ohne. Diese Unternehmen haben sogar bis zu einem Viertel mehr Beschäftigte, während die Mitarbeiterzahl der untechnisierten Unternehmen schrumpft. In den untersuchten spanischen Unternehmen wandert also die Beschäftigung von den Unternehmen ohne Roboter zu den Unternehmen mit. Die Löhne wachsen zwar mit Robotereinsatz auch nicht schneller als ohne, ansonsten aber passen die Ergebnisse dieser Untersuchung hervorragend zu dem, wie Superstar-Unternehmen normalerweise beschrieben werden. Unter dem Strich führt das bessere Geschäft dazu, dass mit dem Robotereinsatz die Gewinne der Unternehmen schneller steigen als die Lohnkosten der Unternehmen.

… oder schaden Roboter etwa?

Damit finden das deutsch-dänische Ökonomenteam ganz andere Auswirkungen von Robotern als die Amerikaner Daron Acemoglu und Pascual Restrepo, die in dieser Debatte die Gegenposition einnehmen. Die Amerikaner hatten vor zwei Jahren ausgerechnet, dass in amerikanischen Regionen mit mehr Robotereinsatz eher Stellen verlorengehen – allerdings konnten sie damals nicht berücksichtigen, dass Roboter Produkte günstiger machen und die Konsumenten mit dem gesparten Geld etwas anderes kaufen und so in der globalisierten Wirtschaft möglicherweise anderswo neue Stellen schaffen.

Acemoglu und Restrepo halten bis heute an ihrer These fest. Erst im März haben sie in einer neuen Arbeit Ungleichheit, geringe Löhne und schlechte Produktivität nicht etwa auf Superstar-Unternehmen zurückgeführt, sondern auf die Automatisierung.

Bisher habe der technische Fortschritt vor allem Arbeit eingespart, schreiben sie in einer Studie, die unter anderem von Google, Microsoft und IBM finanziert wurde. Zu wenig Augenmerk sei darauf gerichtet worden, mit der Technik neue Arbeit für Menschen zu schaffen – egal ob es um Bilderkennung oder Textübersetzung geht. Das könne man bei der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz ändern. Zum Beispiel in der Bildung. Derzeit könnten Lehrer ihren Unterricht nur begrenzt auf die Fähigkeiten ihrer Schüler anpassen. Künstliche Intelligenz aber könne die Schüler beobachten und Lehrern einzelne Maßnahmen empfehlen. Dann könne man für den Unterricht sogar mehr Lehrer einsetzen. So ähnlich sei die Situation im Gesundheitssystem. Auch dort könnten richtig entwickelte künstliche Intelligenzen den Schwestern und Pflegern helfen, sich besser um ihre Patienten zu kümmern. Jetzt müsse die Welt darüber nachdenken, wie sie die neue Technik einsetzen wolle.


 

Das Blog:

 

 

Der Autor:


 

Patrick Bernau

 


2 Lesermeinungen

  1. Das Elend der VWL
    Die Darstellung diametral entgegengesetzter Forschungsergebnisse macht den Artikel lesenswert.

    Wenn man Untersuchung 1 zusammenfasst, steigern Roboter die Produktivität, führen zu besser bezahlten und mehr Arbeitsplätzen. Ja, in den großen Firmen, und wen stört’s? Die zahlten schon immer bessere Gehälter und boten bessere Aufstiegschancen. Untersuchung 2 kommt zum Ergebnis, dass Roboter zu Arbeitsplatzschwund und (gemäß Angebots-Nachfrageschema) zwangsläufig auch zu fallenden Löhnen führen.

    Etwas Wirtschaftsgeschichte als Würze in die Suppe und plötzlich schmeckt das Ganze nicht mehr so seltsam, sondern äußerst vertraut: In den 60er Jahren soll IBM das berühmte Zitat abgegeben haben, wonach Computer derart spezialisiertes Fachpersonal benötige, so dass maximal 5000 Rechner weltweit installierbar seien. 30 Jahre danach landeten PC auf jedem Arbeitsplatz und die IT-Branche wuchs zu einer größten und bedeutendsten. Aus den maximal möglichen 5000 Spezialisten wurden zig Millionen. Ein neues Ungleichgewicht entstand: Neu gegründete und innovative Firmen hatten die Nase vorn.

    Natürlich begleitete die Angst vor Arbeitsplatzverlust die Computerisierung von Anfang an, aber es wurde nichts draus. Weder verschwanden Konjunkturzyklen und gelegentliche Fehlallokationen, noch stieg die Arbeitslosigkeit nennenswert an.

    Nochmal 30 Jahre später, lange nach der Einführung der Massencomputerisierung, bemerkt die hellsichtige deutsche Politik, dass „Digitalisierung“ wichtig sei – natürlich ohne irgendwelche Konsequenzen daraus zu ziehen, business as usual. Gleichzeitig erscheinen Untersuchungsergebnisse von ernsthaften und bemühten Wissenschaftlern, die gleichlautend schon 1960 zum Thema „Rechner“ hätten erscheinen können.

    Köstlich. Wäre es nicht so amüsant, könnte man sagen: So sieht das Elend der VWL aus.

  2. Der Schlüsselsatz steht im Text versteckt :-) Digitalisierung fördert die Großen!
    Nicht nur die Fixkosten der Entwicklung, sondern die gesamte Einmalinvestition sind bei der Digitalisierung erst einmal ein Einsatz auf Risiko. Der Einsatz schreibt sich umso besser ab, je größer die Reichweite des Unternehmens ist. Das nennt man neudeutsch und altamerikanisch „skalieren“.

    Also bevorzugt die Digitalisierung insgesamt (und nicht nur KI, Roboter oder sonst wer) die großen Unternehmen. Die Großen werden größer, und die Kleinen werden kleiner.

    Und die Schnellen fressen die Langsamen nur, wenn sie dabei auch schnell größer werden, sonst gehen beide über die Wupper. :-)

    Aber jetzt noch mal im Ernst: Das ist genau meine These, dass nämlich das deutsche Volkswirtschaftsmodell in mehrfacher Hinsicht durch die Digitalisierung gefährdet ist.

    Grund 1: Wir investieren zu langsam und sind gelähmt durch unsere bestehende Infrastruktur (neulich sagte ein Aktienanalyst im Radio, G5 brauche kein Mensch – unsere Forschungsministerin „Nicht an jeder Milchkanne“ ist mit solch einem Unsinn also nicht alleine. Genau für die Materialflussregelung z. B. benötigen wir flächendeckende IIoT-Strukturen tatsächlich fast an jeder Milchkanne).

    Grund 2: Wir haben ein für die zukünftigen Anforderungen zu geringes Bildungsniveau, insbesondere auf den Gebieten Mathematik und Informatik; wir legen zu viel Gewicht auf die Ingenieurwissenschaften, die für die kommenden Anforderungen in der theoretischen Ausbildung nicht ausreichen (speziell auf dem KI-Sektor).

    Grund 3: Wir haben in vielen Bereichen eine ausgeprägte KMU-Struktur (z. B. BW und Ostwestfalen-Lippe), die bei der Digitalisierung viel zu langsam skalieren wird – siehe oben: Hohe Investitionskosten, zu lange Rückzahlraten.

    Grund 4: Wir haben veraltete Management-Denkweisen, die aus BWL-Sicht leider immer nur „Business Cases“ bewerten können, sich dabei schlau vorkommen, in Wirklichkeit veraltete Denkweisen ansetzen (weil sie ja zukünftige Geschäftsmodelle weder kennen noch bewerten können) und häufig daher nicht in der Lage sind, die strategischen Auswirkungen der Technologie zu bewerten und abzusehen.

    Grund 5: Wir haben in erschreckend vielen Unternehmen stark veraltete IT-Strukturen und gleichzeitig viel zu wenig Fachwissen noch Prozesse, wie die modern zu renovieren und neu aufzusetzen sind. Dass Amazon und Microsoft die besseren Verkäufer haben, löst ja noch nicht die konkreten Unternehmensprobleme.

    Fazit: Es gibt aktuell aus meiner Sicht bis auf die Lippenbekenntnisse leider wenig konkrete und messbare Hinweise, dass wir die Defizite aufholen oder auf anderen Gebieten ausreichend ausgleichen würden. Keine gute Ausgangsposition im globalen Wettbewerb.

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