Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Grenzen der Investitionspolitik

| 9 Lesermeinungen

In der aktuellen Krise erhoffen sich viele Ökonomen wirtschaftliche Impulse von staatlichen Infrastrukturprogrammen, wie sie unter anderem der neue EU-Fonds vorsieht. Aber die kurzfristigen und die langfristigen Wirkungen einer solchen Strategie sind sehr schwer in Einklang zu bringen.

Projekte, die langfristig das Wachstumspotential der Wirtschaft steigern sollen, taugen als kurzfristige Konjunkturstimulans nicht viel. Umgekehrt leistet eine Politik, die vor allem auf eine kurzfristige Belebung der Konjunktur setzt, wenig bis nichts zur langfristigen Förderung des Wirtschaftswachstums. Zu diesen Ergebnissen gelangt eine aktuelle Untersuchung der amerikanischen Ökonomin Valerie Ramey. Sie beruhen vor allem auf Analysen für die Vereinigten Staaten; aber im Grundsatz gelten die Resultate auch für andere Industrienationen.

Ramey zeigt anhand mehrerer theoretischer Modelle, dass eine auf kurzfristige Konjunkturstimulierung in einer Krise angelegte expansive Finanzpolitik eher auf staatliche Konsumausgaben als auf staatliche Investitionen setzen sollte, weil der Staats schneller den Konsum anregen kann und weil staatlicher Konsum keine privaten Investitionen verdrängt. In einer Situation, in der es auf eine schnelle Stimulierung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage ankommt, wären im Zweifel sogar unproduktive Investitionen, über deren Implementierung rasch beschlossen wird, wirkungsvoller als Projekte, über deren langfristigen Nutzen die Politik erst noch lange nachdenkt. Dieser schon vor Jahrzehnten von dem Ökonomen John Maynard Keynes formulierte Gedanke gilt auch noch in unserer Zeit. „Ich ziehe den Schluss, dass Infrastrukturinvestitionen nicht der mächtigste kurzfristige Stimulus sein müssen“, schreibt Ramey.

Ganz anders sieht es aus, wenn mit staatlichen Investitionen die längerfristigen Wachstumsmöglichkeiten einer Volkswirtschaft verbessert werden. Diesem Ziel sollen Investitionsprojekte im Rahmen des neuen EU-Fonds dienen, aber das Problem besteht darin, wirtschaftliche sinnvolle Projekte zu definieren, das das Wachstumspotential steigern und zur Produktivitätsentwicklung beitragen. Damit soll nicht gesagt sein, öffentliche Investitionen wären grundsätzlich sinnlos. So zeigen Studien für die Vereinigten Staaten, dass Investitionen in sauberes Wasser und die Stromversorgung sowohl die Lebenserwartung der Bevölkerung als auch die Produktivität gesteigert haben. Zu ähnlichen Ergebnissen gelangen Studien über die Wirkung des Baus von Fernstraßen und Eisenbahnstrecken.

Es ist aber vielleicht kein Zufall, dass es sich in diesen Fällen um Investitionen in für eine erfolgreiche Wirtschaft grundlegende Projekte wie die Strom- und die Wasserversorgung sowie um Transportwege handelt, die zum Teil schon vor 50 Jahren und mehr vorgenommen worden sind. Die Frage ist, ob es heute leicht fällt, ähnlich offensichtlich nützliche staatliche Projekte wiederum zu definieren. Denn eines ist klar: “Die langfristigen Multiplikatoren sind höher, wenn sich die Wirtschaft in einer Situation der Unterversorgung mit öffentlichem Kapital befindet.”

Das Problem ist: Ausgabefreudige Politiker und Ökonomen, die ganz grundsätzlich der Ansicht sind, es herrsche immer ein Bedarf an öffentlichen Investitionen, werden schnell Projekte für sinnvoll erklären, wenn sich ihnen ein modisches und im Publikum beliebtes Label wie “ökologisch” oder “nachhaltig” aufkleben lässt. Dabei sind produktive staatliche Investitionen vor allem auf der Ebene eine Zentralstaats nicht leicht zu finden. Auf regionaler und lokaler Ebene beschlossene Projekte böten eher die Aussicht auf langfristigen wirtschaftlichen Nutzen, schreibt Ramey. Andererseits können lokale Widerstände und sehr lange Genehmigungsverfahren mutmaßlich wirtschaftlich sinnvolle Projekte über Jahrzehnte verschleppen. Das lässt sich gerade in Deutschland beobachten.

Zum Schluss ist ein Effekt zu bedenken, der gerne in den Hintergrund gedrängt wird. Staatliche Investitionen gibt es nicht umsonst. Zwar werden in einer schweren Krise staatliche Investitionen sehr wahrscheinlich die Finanzierung privater Investitionen nicht erschweren, aber aus den Vereinigten Staaten sind andere Verdrängungseffekte beobachtet worden: Hier lässt sich zeigen, wie Investitionen in Verkehrsinfrastruktur sogar in der Nähe der Nullzinsgrenze auf Jahre keine positiven Wirkungen bei der Beschäftigung hinterlassen. Ramey findet das Ergebnis “erstaunlich” und weiterer Analysen wert.


9 Lesermeinungen

  1. Gerald Braunberger sagt:

    Kurzfristige Wirkungen und Corona
    Hierzu gibt es eine neue Arbeit aus den Vereinigten Staaten:

    https://www.nber.org/papers/w27576.pdf

    Gruß
    gb

  2. bodo3000 sagt:

    Gerald Braunberger sagt: 6. August 2020 um 17:28 Uhr: "...aber keinen Kapazitätseffekt ..."
    … na ja , der meister sah das anders:

    „Oder betrachten wir die Sache so: Der Verbrauch wird teilweise durchlaufend erzeugte Gegenstände und teilweise durch früher erzeugte, d. h. durch Desinvestition, befriedigt. Im Maße der Befriedigung des Ver-brauchs durch diese wird es eine Schrumpfung in der laufenden Nach-frage geben, weil insoweit ein Teil der laufenden Ausgaben nicht ihren Weg als ein Teil des Nettoeinkommens zurückfinden kann. Umgekehrt, wenn immer ein Gegenstand innerhalb des Zeitabschnittes erzeugt wird mit der Absicht, späterem Verbrauch zu dienen, wird eine Ausdehnung der Nachfrage geschaffen. Alle Kapitalinvestition ist nun dazu bestimmt,sich früher oder später in Kapitaldesinvestition aufzulösen. Die Aufgabe, dafür zu sorgen, daß die neue Kapitalinvestition immer die Kapitaldes-investition genügend übersteige, um die Spanne zwischen Nettoein-kommen und Verbrauch zu füllen, stellt uns somit vor ein Problem, dessen Schwierigkeit mit der Zunahme des Kapitals wächst. Neue Kapital-investition kann die laufende Kapitaldesinvestition nur übersteigen, wenn eine Zunahme der zukünftigen Ausgaben für den Verbrauch erwartet wird. Jedesmal, wenn wir das heutige Gleichgewicht durch vermehrte Investitionen sichern, verschärfen wir die Schwierigkeit, das Gleichgewicht von morgen zu sichern.”

    diesmal verärgert.
    gruss
    b.b.

    • Gerald Braunberger sagt:

      Tja, weil der Meister Kapazitätseffekte so schön modelliert hat, ist Harrods Analyse von Kapazitätseffekten eine reine Dublette, oder? (Die ist Ihnen aber vermutlich zu neoklassisch…) Und Robinson und Kahn waren völlig neben der Spur, als sie nach dem Zweiten Weltkrieg die Analyse von Keynes um die Analyse von Kapazitätseffekten ergänzen wollten? Die Erwähnung eines Kapazitätseffekts bei Keynes ist nicht identisch mit einer Analyse desselben. Übrigens verschwindet das Thema endgültig in Kapitel 16 der GT und wird, soweit ich mich erinnere, auch in der Zusammenfassung im 17. Kapitel der GT nicht mehr erwähnt (Das habe ich jetzt aber nicht mehr nachgelesen.)

      Hier ist für einen anderen Leser die Passage über das Buddeln von Löchern aus dem 10. Kapitel der GT: “If the Treasury were to fill old bottles with banknotes, bury them at suitable depths in disused coalmines which are then filled up to the surface with town rubbish, and leave it to private enterprise on well-tried principles of laissez-faire to dig the notes up again (the right to do so being obtained, of course, by tendering for leases of the note-bearing territory), there need be no more unemployment and, with the help of the repercussions, the real income of the community, and its capital wealth also, would probably become a good deal greater than it actually is. It would, indeed, be more sensible to build houses and the like; but if there are political and practical difficulties in the way of this, the above would be better than nothing.”

      Wird hier ein Kapazitätseffekt analysiert? Und – shocking, wer das machen soll: “leave it to private enterprise on well-tried principles of laissez-faire to dig the notes up again..” “Well-tried principles of laissez-faire”!

      Gruß
      gb

  3. tricky1 sagt:

    Wenn in einem Land die Infrastruktur marode ist, wie z.B.
    in Deutschland Schulgebäude, Brücken usw., so wäre es auch ohne Bedarf an Konjunkturprogrammen sinnvoll, solcher Verlotterung entschlossen entgegen zu wirken.

    Wenn allerdings die dafür eingesetzten Arbeiter vorwiegend aus Ländern mit Niedriglöhnen als Leiharbeiter arbeiten, fliesst eigentlich ein zu grosser Teil des Geldes ins Ausland ab.

  4. Lupo56 sagt:

    Keynes
    Keynes warb dafür, Arbeitslosen eine Schaufel in die Hand zu drücken, um Löcher zu graben und diese dann wieder zuzuschütten. Und natürlich sollten sie dafür bezahlt werden. Das wäre das richtige Mittel in einer Rezession. Staatliche Infrastrukturinvestitionen sollten sowohl einen Angebots- als auch einen Nachfrageeffekt haben. Während der Nachfrageeffekt offensichtlich ist, muss sich der Potential- oder Wachstumseffekt erst auf Dauer erweisen

    • tricky1 sagt:

      Können Sie dies belegen?
      Ich kann mir nicht vorstellen dass Keynes tatsächlich ernsthaft einen derart sinnlosen Vorschlag gemacht hat.

    • Gerald Braunberger sagt:

      Keynes hat auch alternativ den Pyramidenbau erwähnt als Beispiel, dass es für den reinen kurzfristigen Nachfrageeffekt über den Einkommensmultiplikator nicht auf die langfristigen Angebotswirkungen ankommt. In seinen Analysen in der GT haben Investitionen ja nur einen Einkommens-, aber keinen Kapazitätseffekt. Er hat allerdings hinzugefügt, dass es jenseits dieser Überlegungen schon sinnvoller ist, sich wirtschaftlich nützliche Investitionsobjekte zu suchen.
      Gruß
      gb

  5. beat126 sagt:

    "Investitionen in Verkehrsinfrastruktur" - einmal anders erklärt
    Herr Braunberger, kennen Sie Louis Favre?

    Natürlich, er war Unternehmer und hat 1872 den Zuschlag für den Bau des Gotthardtunnels erhalten. Die Bedinungen der Eidgenossenschaft waren enorm, aber das Risiko des Unternehmers.

    Auszug aus Wikipedia der in den Fakten mit dem Vertrag übereinstimmen:

    “Das Unternehmen von Favre siegte über sechs Mitbewerber und erhielt trotz verspäteter Angebotsabgabe den Zuschlag für den Bau des Gotthardtunnels, dem damals längsten Eisenbahntunnel der Welt. Er sicherte im Vertrag vom 7. August 1872 eine Bauzeit von acht Jahren statt neun der nächstliegenden Angebote, sowie bei einem Angebotspreis von 56 Mio. Franken ein um 12½ Mio. Franken günstigeres Angebot. Sollte die Bauzeit kürzer sein, war ihm eine Prämie von 5000 Franken pro Tag zugesagt, sollte sich die Bauzeit verzögern, müsste Favre eine Strafe von ebenfalls 5000 Franken bezahlen. Bei mehr als sechs Monaten Fertigstellungsverzug sollte sich die Verzugsstrafe auf 10’000 Franken pro Tag erhöhen.”

    Favre hat noch nicht einmal den Durchstich erlebt – er verstarb auf der Baustelle. Die Arbeitsbedingungen waren katastrophal und die Familie Favre wurde ruiniert. Die Bauzeit hat sich um 10 Monate verlängert.

    Der Bau des derzeit längsten Bahntunnels der Welt (eingeweiht: 2016) auch durch den Gotthard, waren innerhalb der Kosten, die Fertigstellung sogar eher als geplant und die Arbeitsbedinungen rechtskonform.

    Das Volk hat dazu in verschiedenen Abstimmungen 6 Mal Ja gesagt.
    Die Schweiz hat lange, zu lange, auf die Verlängerung in Deutschland mit der Rheintalstrecke gewartet, die in einem Staatsvertrag niedergeschrieben steht. Die Strecke wird jetzt westlich der Vogesen über Frankreich geführt.

    Entschuldigen Sie, aber das was Sie beschreiben, wird in der Schweiz Planwirtschaft genannt.

  6. LudwigErhard1958 sagt:

    Diesem Artikel kann ich voll und ganz zustimmen
    Danke für die Veröffentlichung.
    Allerdings sind die Weisheiten nicht neu. Diese habe ich selbst schon öfters hier geschrieben, auch ohne diese neue Studie. Und die Erkenntnisse stammen natürlich auch nicht von mir, sondern von Studien anderer wichtiger nationaler und internationaler Ökonomen.

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