Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Kaufen & killen

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Wenn ein Konzern ein Start-up kauft, werden die Ideen der Gründer danach häufig plattgemacht. Das hat System. Von Winand von Petersdorff
 

Eines Tages im Jahr 2017 saß Florian Ederer zusammen mit seinem Forscherkollegen Song Ma in dessen Büro an der Yale Universität und diskutierte darüber, ob High-Tech-Konzerne durch die Übernahmen von aufstrebenden Silicon-Valley-Firmen künftige Konkurrenz im Keim ersticken, statt deren Innovationen zu beflügeln. Ökonomen haben traditionell Sympathie für die Übernahme junger innovativer Unternehmen durch große Konzerne. Übernahmen ermöglichen Synergien. Sie befreien überdies innovative Unternehmer von administrativen oder vertrieblichen Aufgaben und geben ihnen damit Raum, ihre Kreativität der Entwicklung neuer Produkte zu widmen zum Nutzen der Allgemeinheit.

Der Verdacht, dass Übernahmen das Ziel haben, aufkeimende Konkurrenz unterzupflügen, liegt allerdings auch nicht fern. Instagram und Whatsapp beispielsweise gibt es zwar noch. Sie hätten sich aber zu starken Netzwerkplattformen in Konkurrenz zu Facebook entwickeln können, wären sie nicht von Facebook 2012 und 2014 gekauft worden. Facebook-Chef Mark Zuckerberg hatte die Gefahr gesehen, wie er bereits 2012 deutlich machte. Er sagte damals, dass Instagram sich zu einen Wettbewerber mausern könnte.

Für ernsthafte Forscher stellt sich stets die Frage, wie man einen intuitiv plausiblen Verdacht empirisch belegen kann. Ederer und Ma stellten schnell fest: Die Vermutung, dass sich die High-Tech-Konzerne künftiger Konkurrenz entledigen, indem sie vielversprechende Start-ups kaufen und deren Produkte stoppen, ließ sich mangels öffentlich zugänglicher Daten nicht seriös überprüfen. Die Forscher erwogen schon, ihre Forschungsidee aufzugeben. Ma wollte sich allerdings noch einmal mit der in London forschenden Innovations- und Gesundheitsspezialistin Colleen Cunningham beraten. Mit ihr kam der Durchbruch.

Sie machte laut Ederers Darstellung die entscheidenden Vorschläge. Cunningham bekräftigte die Forscher in dem Gedanken, die Pharmabranche als Untersuchungsobjekt zu wählen. Und sie kannte die entscheidenden Datenbanken. Die enthielten 16 000 Arzneien von 4000 Unternehmen mit ihren jeweiligen Lebensläufen. Aus ihnen ließ sich ablesen, welche Medikamente auf den Markt kamen und welche Entwicklungen eingestellt wurden. Durch den Vergleich mit Daten zu Firmenübernahmen konnten die Forscher zeigen, dass die Entwicklung von Medikamenten der übernommenen Firmen mit größerer Wahrscheinlichkeit gestoppt wurden, wenn diese Medikamenten ähnelten, die der Käufer im eigenen Portfolio hatte.

Das galt umso mehr, wenn der Käufer große Marktmacht hatte durch ein Patent mit langjähriger Geltungsdauer oder durch schwache Konkurrenz. Nach konservativen Berechnungen der Forscher waren sechs Prozent der Unternehmenskäufe sogenannte “Killerakquisitionen”: Übernahmen mit der Absicht, sich künftige Konkurrenz vom Hals zu schaffen. Das Forschertrio entdeckte auch, dass diese Killerakquisitionen regelmäßig auf besondere Weise dimensioniert worden waren. Sie blieben unterhalb bestimmter Meldepflichtgrenzen des amerikanischen Kartellrechts.

Dazu muss man wissen: Wenn neue Medikamente zugelassen werden, haben sie zuvor drei Testphasen überstanden, in denen Sicherheit und Wirksamkeit an menschlichen Probanden überprüft wurden. Für Entwicklungsprojekte, die ein Pharmakonzern mit dem Kauf eines Wettbewerbers übernommen hat, sank die Wahrscheinlichkeit, von der ersten in die zweite Phase gebracht zu werden, im untersuchten Datensatz um 46,6 Prozent im Vergleich zu Medikamenten, die nicht durch eine Übernahme ins Unternehmen gekommen waren. Insgesamt schrumpfte die Wahrscheinlichkeit, dass übernommene Arzneimittelkandidaten weiterentwickelt wurden, um 28,6 Prozent, wenn sie bereits zugelassenen Arzneien aus dem Portfolio des Käufers Konkurrenz zu machen drohten.

Die Möglichkeit, dass die Käufe zwar mit der Einstellung von Innovationsprojekten endeten, aber keine strategische Absicht dahinter stand, konnten die Forscher ausschließen: Übernahmen waren deutlich wahrscheinlicher, wenn potentiell konkurrierende Medikamente das Ziel waren. Zudem versuchten die Käufer die Übernahmen dieser Konkurrenzprodukte vor den Kartellbehörden zu verbergen, indem die Meldepflichtgrenzen knapp unterschritten wurden. Bei der Übernahme von Firmen mit Medikamenten-Projekten, die keine Bedrohung waren, zeigte sich dieses Muster nicht.

Die Forscher haben weitere alternative Deutungen untersucht. Wurden die Start-ups vor allem übernommen, um sich deren Humankapital und Innovationsträger zu sichern, während die Medikamente nur sekundär waren? Das würde voraussetzen, dass jene begehrten kreativen Köpfe in das Käufer-Unternehmen wechseln, um ihre Fähigkeit dort Projekten zu widmen, die möglicherweise sogar größeren Nutzen stiften als die Innovationen in der alten Firma. Es wechselt aber nur ein Fünftel der Erfinder tatsächlich in die aufnehmende Firma. Hier könnten allerdings Branchenspezifika ein wichtiger Faktor sein. Bei Silicon-Valley-Firmen könnte das Motiv, durch Übernahmen besonders talentierte Entwicklerteams zu gewinnen, eine größere Rolle spielen, vermutet Ederer.

Vorsichtig berechnet, sind den Forschern zufolge in der Pharmabranche sechs Prozent oder 45 Übernahmen im Jahr Killerakquistionen. Dadurch sinkt, für sich betrachtet, die Entwicklungsleistung dieses Wirtschaftszweiges. Aber sind Übernahmen dieser Art eindeutig negativ für die Allgemeinheit, weil sie Arzneimittelinnovationen verhindern und den Menschen bessere Therapiemöglichkeiten vorenthalten? Die Antwort ist nicht ganz so einfach. Darauf lässt jedenfalls eine Umfrage unter Gründern im Silicon Valley schließen. Sie wurden nach dem Ziel ihrer Unternehmensgründungen gefragt. Eine knappe Mehrheit gab an, eine Übernahme durch ein Unternehmen sei das Ziel. Das lässt den Rückschluss zu, dass Innovationen und Firmen ihre Existenz auch dem Wunsch von Gründern verdanken, Kasse durch einen Verkauf zu machen. Eine rechtliche Einschränkung von Übernahmen würde damit womöglich Innovationen erst recht verhindern.

Die Marktmacht großer Konzerne in Branchen wie der Pharmazie oder der Informationstechnik macht Kartellwächter zunehmend nervös. In der EU-Kommission gibt es Erwägungen, die Meldeschwelle für Übernahmen herabzusetzen, um Fälle zu identifizieren, in denen kleine vielversprechende Firmen durch Übernahmen stillgelegt zu werden drohen. Der Yale-Ökonom Ederer liefert kein Patentrezept, begrüßt aber Vorhaben, die Kartellwächtern besseren Einblick in Übernahmetransaktionen verschaffen, selbst in scheinbar kleine.
 
 
Colleen Cunningham, Florian Ederer, Song Ma: Killer Acquisitions, April 2020. Bisher nur Im Internet unter https://ssrn.com/abstract=3241707 veröffentlicht.
 


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