Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Die Macht der Monopole

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In den USA stirbt der Wettbewerb, fürchtet die Regierung. Doch es gibt Widerspruch. Von Winand von Petersdorff

 
Präsident Joe Biden hat kürzlich per Dekret einen Wust an Einzelmaßnahmen verkündet mit dem großen Ziel, den Wettbewerb in den Vereinigten Staaten zu stärken. Wachsende Konzentration in vielen Branchen zwinge Verbraucher, zu hohe Preise zu zahlen. Arbeitnehmer müssten niedrige Löhne hinnehmen, und wirtschaftliche Dynamik gehe verloren, klagte der Präsident.
 
Seine Situationsanalyse fußt unter anderem auf Forschungsarbeiten von Jan Eeckhout und seinen Kollegen Jan De Loecker und Gabriel Unger. Sie wollen herausgefunden haben, dass die Handelsspannen amerikanischer Unternehmen sich seit 1980 verdreifacht haben, von 21 auf mittlerweile 61 Prozent. Die Gewinnquote stieg ihrer Berechnung zufolge im gleichen Zeitraum von einem Prozent auf acht Prozent.
 
Die Handelsspanne beschreibt die Differenz zwischen den Grenzkosten eines Produktes und dem Verkaufserlös, während die Gewinnquote die gesamten Kosten berücksichtigt, also auch die fixen Kosten, die unabhängig von der Produktionsmenge entstehen. In dem Szenario mit vollkommenem Wettbewerb und kompletter Information liegen Gewinne bei null, weil jedes Produkt mit lohnender Gewinnspanne unverzüglich durch ein konkurrierendes Produkt preislich unterboten wird. Dieser Prozess geht so lange, bis die Erlöse den Grenzkosten entsprechen. So weit die Theorie, auf deren Grundlage die Ökonomen argumentieren.
 
Für sie sind steigende Handelsspannen und Profitraten ein Anzeichen einer wachsenden Konzentration und eines schrumpfenden Wettbewerbs. Dieser wiederum ist der Deutung zufolge verantwortlich für wichtige makroökonomische Trends: stagnierende Löhne, wachsende Ungleichheit, geringere Mobilität und weniger Gründungen.
 
Nach Darstellung der Forscher waren die Handelsspannen der amerikanischen Unternehmen zwischen 1955 und 1980 mehr oder weniger stabil, bevor sie nach oben schossen. Wichtiger noch als die Entwicklung der aggregierten Handelsspannen ist aber ihre Verteilung. Der Studie zufolge vergrößerte sich die Handelsspanne bei wenigen großen Unternehmen besonders stark, während der Rest keine Zugewinne verzeichnete und zudem Marktanteile verlor.
 
Eeckhout fasste die Erkenntnis jüngst populär auf Twitter zusammen: “Die Dominanz von wenigen Hundert extrem großen Unternehmen erstickt die Wirtschaft. Kunden zahlen zu viel für alles, vom Herzschrittmacher bis zu Kleidung.” In einer weiteren Untersuchung kommen Eeckhout und Kollegen zum Ergebnis, dass der mangelnde Wettbewerb Kosten in Höhe von neun Prozent des Bruttoinlandprodukts produziert. Sie sehen in den dramatischen Börsenwertsteigerungen einiger großer Konzerne eine Bestätigung ihrer Konzentrationsthese: In den Börsenwerten spiegeln sich künftige Gewinne wider, die umso höher sind, je schwächer der Wettbewerb ist.
 
Die Untersuchungen munitionieren aktuell Politiker aus beiden großen Parteien in den USA, die großen Konzernen Einhalt gebieten wollen. Sie speisen das generelle Gefühl, dass einige Konzerne in den Vereinigten Staaten zu mächtig geworden sind.
 
Allerdings bleiben die Ergebnisse nicht unwidersprochen. Ein Kritikpunkt lautet, dass die Forscher alternativen Erklärungen für wachsende Handelsspannen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hätten. Tatsächlich sind Unternehmen mit hohen Fixkosten auf hohe Handelsspannen angewiesen und können trotzdem eine schwache Profitabilität aufweisen. Die Forscher kontern das Argument mit dem Hinweis, dass ja auch die Gewinnspannen deutlich größer geworden seien.
 
Allerdings berufen sie sich nach Angaben des Ökonomen Tyler Cowen auf veraltete Daten, die in revidierter Version keine nennenswerte Gewinnentwicklung mehr zeigten. Das Argument, dass hohe Börsenbewertungen für ausgewählte Großkonzerne die These des schrumpfenden Wettbewerbs untermauern, weist Cowen ebenfalls zurück. Er vermute eher, dass die Konzerne die Erfolge ihrer Globalisierungsstrategien ernteten, statt davon zu profitieren, dass sie ihre US-Kunden und Arbeitnehmer erfolgreich ausbeuteten. Und schließlich sieht er eine Diskrepanz in der durch zahlreiche Studien erhärteten These, dass globale Konkurrenz vor allem aus China Amerikas produzierendem Gewerbe das Leben schwer mache, und der Feststellung von Eeckhout und Kollegen, dass die Handelsspannen in allen Branchen gewachsen seien.
 
Eine alternative, weniger bedrohliche Erklärung für die Entwicklung von Unternehmen zu mächtigen Playern liefern die Forscher Chang-Tai Hsieh und Esteban Rossi-Hansberg. 1980 waren demzufolge Amerikas größte Unternehmen oft Konglomerate wie ITT, zu deren Portfolio die Autovermietung Avis, die Sheraton-Hotels und eine Großbäckerei gehörten. Die Konglomerate konnten nicht überleben gegen fokussierte Unternehmen, die sich auf wenige Produkte konzentrierten und sich zugleich in globale, aber auch lokale Märkte ausdehnten.
 
Eine wichtige Triebkraft dahinter war nach Darstellung der Forscher die industrielle Revolution im Dienstleistungssektor, die sich selbst auf lokale Dienste auswirkt. Als Beispiel führen sie die Cheesecake Factory an, eine expansive Restaurantkette, die inzwischen mit ihren Filialen auch in kleinere Städte vordringt. Die Kette hat mit ausgefeilter Technik ihr Menü so stark standardisiert und zugleich den Eindruck aufrechterhalten, große Abwechselung zu liefern. Sie brachte die Massenproduktion in die klassische Gastronomie. Die Cheesecake Factory hat aufs ganze Land gesehen einen höheren Marktanteil erworben, weil sie in neue lokale Märkte vorgestoßen ist. In diesen lokalen Märkten aber hat sie den Wettbewerb eher verschärft. Gaststättenketten, Krankenhäuser, Fitnesscenter oder Supermärkte liefern Beispiele für eine vergleichbare Expansion in lokale Märkte.
 
Hsieh und Rossi-Hansberg generalisieren die Entwicklung: Die Topunternehmen machen weniger als früher, dafür aber deutlich effizienter und mit höheren Fixkosten für Technologie und Forschung. Das erklärt höhere Handelsspannen. Zudem haben sie den Vertrieb deutlich ausgeweitet. Damit haben sie einen höheren Marktanteil ergattert, was der These der wachsenden Konzentration entspricht. Zugleich spüren die Firmen aber schärfere lokale Konkurrenz, was der These schrumpfenden Wettbewerbs widerspricht. Die Autoren weisen darauf hin, dass die Topunternehmen in lokalen Märkten zum Ausbau der Beschäftigung beitragen und zudem abgelegene Regionen mit Diensten beliefern, die es dort früher nicht gab.


Literatur:
Jan De Loecker/Jan Eeckhout/Gabriel Unger: The Rise of Market Power and the Macroeconomic Implications, 2019
Jan De Loecker/Jan Eeckhout/Simon Mongey: Quantifying Market Power and Business Dynamism, 2020
Chang-Tai Hsieh/Esteban Rossi-Hansberg: The Industrial Revolution in Services, 2020
 

 


1 Lesermeinung

  1. atweber sagt:

    Wirtschaftswissenschaften mit auf Vermutungen basierenden Theorien
    vielleicht im wissenschaftlich Kontext ein bißchen wenig, möchte man dem Kritiker entgegnen. Man weder in die USA noch sich Monopole anschauen, Oligopole reichen schon aus, um Marktbehrrschung darzustellen z.B. bei Personenaufzügen und deren Serviceleistungen. Wir werden uns noch wundern, über den Wettbewerb, und dessen Abschaffung durch die Anbieter.

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