Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Die Entdeckung der Langsamkeit

In der Pandemie ist die Zeit aus dem Takt geraten. So kann es nicht bleiben. Von Jürgen Kaube

 
In seinen Thesen über den Begriff der Geschichte hat der Philosoph Walter Benjamin das Bestreben von politischen Revolutionen festgehalten, eine neue Zeitordnung zu etablieren. In ihr symbolisiert sich der jeweils angestrebte Bruch mit dem historischen Kontinuum. Die Französische Revolution etwa führte einen neuen Kalender ein, der dreizehn Jahre lang, bis zu Sylvester 1805, galt. Das Kalendergesetz vom vierten Frimaire des Revolutionsjahres 2 legte überdies fest, der Tag habe von nun an zehn Stunden à 100 Minuten zu 100 Sekunden. Diese Anordnung trat nie in Kraft, weil es zu teuer gekommen wäre, alle Uhren zu ändern. Noch in der Juli-Revolution von 1830 aber, notiert Benjamin, sei an mehreren Stellen von Paris nach den Turmuhren geschossen worden.
 
Inzwischen erscheint vielen das wichtigste Merkmal der Gesellschaft weniger die Kontinuität ihrer Abläufe als vielmehr ihre Angewiesenheit auf Wachstum. Die Uhren und Kalender dienen nicht nur dazu, Handlungen synchronisieren zu können. Sie erlauben auch Messungen und Vergleiche. Das macht sie für die moderne Wirtschaftsweise so wichtig wie das Geld, mit dem die homogene Zeit im Zins verbunden ist. Dem Kapitalismus wird dabei die Eigenschaft zugeschrieben, Zeit und Geld zu identifizieren, um in jeder Zeiteinheit die Möglichkeit ihrer ökonomischen Nutzung zu erkennen. Zeitvergeudung, so Max Weber, sei für den Kapitalisten die erste und prinzipiell schwerste aller Sünden.
 
Das führt, sofern der Absatz gesichert ist, zu einer ständig zunehmenden Produktion an Gütern, Innovationen, Rechtsnormen und Terminen. Etwas bei gleichen Kosten schneller zu machen als zuvor oder in einer gegebenen Zeitspanne mehr von etwas herzustellen gilt als Inbegriff von Produktivität. Die eingesparte Zeit wird dann häufig zusätzlicher Produktion zugeführt – oder seit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in gesetzlich verankerte Freizeit umgesetzt, auf die dann ihrerseits Industrien warten, um sie zu bewirtschaften. Auch andere Merkmale der gesellschaftlichen Zeitordnung, etwa die Verrentungsgrenzen, die Verkürzung der Schul- und Studienzeit, die Sperrstunden, Nachtflugverbote und “einkaufsfreien” Sonntage oder die sogenannte Flexibilisierung der Arbeitszeit sind von Kämpfen um produktiv oder konsumtiv nutzbare Zeitspannen bestimmt.
 
Insofern wäre heute weniger der Angriff auf die Uhren selbst als vielmehr ihre Verlangsamung das Bild für eine andere Zeitordnung. Womit wir nicht bei einer Revolution, sondern bei der Pandemie wären. Denn auf bislang beispiellose Weise ist in ihr durch gesundheitspolitische Entscheidungen in vielen Sektoren eine solche Verlangsamung durchgesetzt worden. Die Wirtschaftsaktivität wurde in Produktion wie Konsum erheblich eingeschränkt. Der Flugverkehr schrumpfte um 50 Prozent, das Straßenverkehrsaufkommen ging in der ersten Pandemiewelle um die Hälfte zurück. Der Schulunterricht wurde ausgesetzt. Veranstaltungen im Bereich von Sport und Kultur durften nicht oder nur stark eingeschränkt stattfinden. Weltweit, wird geschätzt, wurden 2020 knapp neun Prozent weniger Arbeitsstunden erbracht als im vorangegangenen Jahr. Die täglichen CO2-Emissionen reduzierten sich um etwa 17 Prozent.
 
Die Kölner Soziologin Lisa Suckert vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung nennt den Normalzustand der gesellschaftlichen Zeitordnung “zeitlichen Ordoliberalismus”. Der Staat gibt nur einen Rahmen vor, innerhalb dessen es den Organisationen und ihren Mitgliedern sowie den Individuen je nach ihren Verhandlungsspielräumen und Ambitionen überlassen bleibt, welche Regelungen sie über ihre Zeitverwendung treffen. Davon weicht die Politik in der Pandemie mit ihren Leitmetaphern der “Notbremse” und des “Lockdowns” ab. Die Leute wurden zum Warten – auf Termine, Nothilfebescheide, Testgelegenheiten, Geschäftsöffnungen – gezwungen. Zugleich, notiert Suckert, vervierfachten sich in der ersten Welle die Internetsuchanfragen zu Stichworten wie “Langeweile” und “selber machen”. Die Absatzzahlen auf dem Markt für digitale Unterhaltungselektronik stiegen.
 
Da sich für viele zugleich das Einkommen reduzierte, kann aber nicht oder nur für sehr privilegierte Gruppen von einem beglückenden Überfluss an Zeit gesprochen werden. Nicht einmal der Zusammenhang von Pandemie und Verlangsamung ist über alle Berufsfelder hinweg eng. In der Verwaltung, bei der Polizei und in den Gesundheitsdiensten, aber auch im Bausektor und bei den Zustelldiensten kam es 2020 zu einer Ausweitung der Arbeitszeiten. In den Familien wurde, vor allem für Mütter, angesichts der Schulschließungen die Zeit eher knapper als zuvor. Die alleinerziehende Frau wird das Jahr 2020 wohl kaum als “entschleunigt” beschreiben. Die Zeit war für viele eher aus den Fugen als in einen entspannten Zustand übergegangen.
 
Das zeigen auch Statistiken zu den Geschäftserwartungen von Unternehmen. Der gängige Zugriff auf die Zukunft, Planung, geriet während der Pandemie in Schwierigkeiten. In der Krise schien es den Firmen immer weniger möglich, überhaupt eine Zukunftsprognose abzugeben. Diese Ungewissheit ergab sich zu Teilen aus der Unabsehbarkeit des Pandemieverlaufs, vor allem aber aus dem kurvenreichen politischen Handeln, das darauf reagierte.
 
Suckert warnt allerdings vor der Beschreibung, der Staat habe die verlangsamte Zeitordnung gegen den Kapitalismus oder auf seine Kosten durchgesetzt. Zwar wurde in starkem Maße reguliert, welche Wirtschaftssektoren “wann, unter welchen Bedingungen und mit welcher Auslastung öffnen durften, wer vorrangig Zugang zu Tests bekommen sollte, wer zuerst geimpft werden konnte oder länger auf den befreienden Schutz warten musste”. Dabei spielten ökonomische Aspekte aber durchaus eine große Rolle, wenn etwa Bundesligafußball möglich war, während Sportstätten für Kinder geschlossen blieben oder wenn die dominierende Fluglinie mit 9 Milliarden Euro unterstützt wurde, wohingegen die Überbrückungshilfen für Selbständige sich in Grenzen hielten. Kurzarbeitergeld – eine Art Subvention des Abwartens -, die Verpflichtung für Unternehmen, Heimarbeit zuzulassen, die Gewähr zusätzlicher Kinderkrankentage, die Stundung von Steuerzahlungen, das Aussetzen der Antragspflicht für Insolvenzen – das alles sind nicht nur Beispiele für eine Strategie der Vertagung, sondern belegen auch, dass ins Leere greift, wer sich Staat und Markt in der Pandemie als antagonistische Instanzen vorstellt.
Vielmehr hat der Schiedsrichter das Spiel nicht abgebrochen, sondern nur angehalten. Nicht, um seine Macht – “Rückkehr des Staates” – zu demonstrieren, sondern um die Bedingungen dafür zu schaffen, dass es in seiner dann wieder beschleunigten Normalität so bald als möglich fortgesetzt werden kann. Niemand hat auf die Uhren geschossen.
 
Literatur:
Lisa Suckert: “Von der Pandemie zu einer Neuordnung der Zeit? Zeitsoziologische Perspektiven auf das Verhältnis von Zeitlichkeit, Wirtschaft und Staat”; Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Discussion Paper 21/7.