Fazit – das Wirtschaftsblog

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Ordoliberalismus ohne Währungsordnung?

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Der Niedergang des Ordoliberalismus und die Möglichkeiten einer Renaissance. Anmerkungen zu einem Diskussionsbeitrag von Tim Krieger und Daniel Nientiedt

 

Das Interesse an einer Debatte über die Zukunftsfähigkeit des Ordoliberalismus beziehungsweise der Sozialen Marktwirtschaft nimmt in Deutschland wieder etwas zu, wie unter anderem Konferenzen bezeugen (hier und hier). Nach einer bekannten These ist indes seit Jahrzehnten ein Niedergang des Ordoliberalismus zu verzeichnen (siehe etwa hier). Demgegenüber sprechen Tim Krieger und Daniel Nientiedt in einem aktuellen Diskussionspapier von einer vorübergehenden Renaissance des Ordoliberalismus in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Diese Renaissance überprüfen sie anhand von Arbeiten zu den Themen Unterbeschäftigung, Reform der sozialen Sicherung, Wettbewerbspolitik, öffentliche Dienstleistungen und europäische Integration. Sie konzedieren eine nur vorübergehende Renaissance, da es dem Ordoliberalismus nicht gelungen sei, eine internationale Anschlussfähigkeit herzustellen. 

Den grundsätzlichen Thesen der beiden Autoren soll gar nicht widersprochen werden. Mir erscheinen ihre Ausführungen allerdings in mehrfacher Hinsicht unvollständig.

 

  1. Die Währungsordnung spielte nicht nur für Walter Eucken eine dominierende Rolle. In den sechziger Jahren begann in den USA eine Debatte über eine Ordnung flexibler Wechselkurse, die im deutschsprachigen Raum nicht zuletzt von Herbert Giersch (auch im Sachverständigenrat) und Egon Sohmen geführt wurde. Dieses Thema erfuhr mit dem Zusammenbruch des Währungssystems von Bretton Woods in den frühen siebziger Jahren einen weiteren Schub, was in Deutschland gerade unter liberalen Ökonomen für Zündstoff sorgte. Denn prominente marktwirtschaftliche Ökonomen wie Wolfgang Stützel, Wolfram Engels und Olaf Sievert sprachen sich für feste Wechselkurse aus und die unterschiedlichen Sichtweisen zur Währungsordnung prägten spätere Auseinandersetzungen über die europäische Währungsintegration. Man findet auch ein Interesse deutscher Autoren an Fragen internationaler Währungskooperation, die damals angesichts des Plaza-Accords und des Louvre-Accords diskutiert wurden. Erwähnt sei nur ein Lehrbuch von Manfred Wilms. Unterschätzt werden sollte auch nicht der Beitrag der Deutschen Bundesbank zum Denken über die Währungsordnung seit dem Schwenk der Bundesbank zum Monetarismus in den siebziger Jahren. Der Bundesbank ging es dabei nicht nur um Makroökonomik. 
  2. Ebenfalls zur Währungsordnung: Die Inflation der siebziger Jahre veranlasste deutsche Marktwirtschaftler unter anderem zur Beschäftigung mit dem Thema Nominalismus; hier sei nur an eine Schrift von Wolfgang Stützel erinnert. Friedrich von Hayeks “Denationalisation of Money” motivierte unter anderem zur Beschäftigung mit Parallelwährungen; auf diesem Gebiet hat nicht zuletzt Roland Vaubel gearbeitet  (zum Beispiel hier). In der deutschen Debatte über die Europäische Währungsunion tauchte der Parallelwährungsgedanke gelegentlich auf. Ein auch von Hayek inspirierter Vorschlag für eine radikal neue Währungsordnung stammte von Wolfram Engels.
  3. Mir erscheint es schwierig, über Ordnungsdenken in den siebziger und achtziger Jahren zu schreiben, ohne Herbert Giersch und seine “Kieler Schule” prominent zu erwähnen. Ja, man kann “Begriffsnationalökonomie” (Eucken) betreiben und sagen, Kiel sei nicht Freiburg und der junge Giersch hatte sich selbst abfällig über Freiburg geäußert. Aber Kiel und Freiburg (und Köln) einten viele Überzeugungen, selbst wenn Giersch stärker von Hayek und Schumpeter beeinflusst war als von Eucken. Vereinfacht ausgedrückt: Die “Kieler” dachten mehr an Evolution als die “Freiburger”, die Marktformenlehre Euckens und die daraus folgenden Ableitungen für die Wettbewerbspolitik standen den von Hayek beeinflussten “Kielern” nicht nahe. Wichtig auch: Giersch war nicht nur ein sehr guter Ökonom, sondern auch ein begnadeter Netzwerker und seine Schüler fanden/finden sich in vielen Bereichen. Manche sind sogar, in makroökonomischer Hinsicht längst eher Keynesianer, in prominenten Positionen in internationalen Finanzunternehmen tätig. Und nicht zuletzt: Giersch und nicht wenige seiner Schüler hatten auch viele internationale Kontakte; sie waren zudem mit den jeweils aktuellen Arbeitstechniken der Zunft vertraut. Und Giersch war sich der Bedeutung einer breiteren Öffentlichkeit für die Popularisierung ökonomischer Inhalte bewusst. 
  4. Es gehört nicht direkt zum Thema, aber: Von Paul Samuelson kann man viel über die Wirkungsmacht eines guten und erfolgreichen Lehrbuchs lernen. 

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