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Die Statistik – Hand in Hand mit der Religion

06.05.2013, 14:22 Uhr  ·  Aktuell interessieren sich Sozialwissenschaftler wieder mehr für die Determinanten und den Einfluß von Religion – tatsächlich hat diese Verbindung aber auch eine mehr als 500-jährige Geschichte.

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Nachdenkliche, reflektierte und angemessen selbstkritische Forscher erinnern sich sporadisch daran, daß wir – der Westen – nicht der Nabel der Welt sind. Die USA sind dafür bekannt, diesem Irrglauben dauerhaft chronisch verfallen zu sein; wir auf der anderen Seite des Atlantik wähnen uns gerne aufgeklärter in solchen Fragen, ziehen dabei jedoch den Stachel aus dem Auge unseres Nächsten, ohne den eigenen Balken zu bemerken.

Besonders augenfällig ist dies, wenn es um Religion geht. Für viele aufgeklärte Europäer ist Religion ein Seitenthema, und die evangelikalen Bewegungen in den USA rufen bei Europäern  oft Befremden hervor. In den Sozialwissenschaften (und besonders Wirtschaftswissenschaften) wiederum ist Religion als wesentlicher Bestimmungsfaktor menschlichen Handelns auch eher eine Nische, spätestens seit Säkularisierung und die Vorstellung vom laizistischen Staat mit dem Einfluß der Kirche aufgeräumt haben und die Zunft vor allem mit dem homo oeconomics ringt.

Zweifellos hat früher das Kirchenrecht den wirtschaftlichen Alltag vielseitig beeinflußt – man denke nur an Zünfte und Handwerk und Bankwesen – , aber das ist lange her. Umso überraschender, daß es tatsächlich bis heute Einkommensunteschiede zwischen Protestanten und Katholiken in Deutschland gibt. Zur Erklärung wird heute allerdings nicht mehr Max Webers Hypothese vom protestantischen Arbeitsethos bemüht, welche bereits in den 90er Jahren vielfach kritisiert wurde [Edit]. Zum Beispiel gingen entscheidende Innovationen – wie etwa im Bankwesen – der Reformation voraus, während es umgekehrt reichlich wesentliche Entwicklungs- und Industrialisierugsschübe in katholischen Regionen, wie zum Beispiel dem Rheinland gab.

© Eigenes Bild 

Erst neuere Forschung in diesem Themengebiet hat gezeigt, daß es offenbar doch Unterschiede gibt, und Protestanten bis heute im Durchschnitt in Deutschland höhere Einkommen erzielen als Katholiken. Die Autoren der fraglichen Studie sehen die Ursache allerdings eher in der von Protestanten höher geschätzten Individualbildung. Da diese Wert darauf legten, die Bibel selber lesen zu können und jedem Individuum ohne Vermittlung von Priestern zugänglich zu machen, mußten guten Protestanten lesen lernen – und das eröffnete wiederum den Zugang zu vielen Arten von Bildung. Ob das tatsächlich die Ursache für die bestehenden Unterschiede ist, darüber kann man sich streiten, aber die Unterschiede sind nun einmal da – und offenbar persistent, bedenkt man, daß die Reformation mehr als 500 Jahre zurückliegt.

In anderen Ländern spielt die Kirche noch immer eine enorme Rolle, zum Beispiel in Südostasien, wo wesentliche Teile des Bankensektors darauf spezialisiert sind, Bankgeschäfte ohne die im Islam verbotenen Zinssätze zu entwickeln, während in den USA das “In God we Trust” bis heute den Alltag in vielen kleinen Dingen – und nicht nur pro Forma auf Geldscheinen – dominiert. Die USA verfügen über eine hervorragende Datenbasis und tatsächlich ist die Anzahl der Geistlichen pro Kopf um die Jahrtausendwende sogar über das Niveau von 1860 hin angestiegen, während die Ausgaben für kirchliche Belange – die in den USA freiwillig sind zugunsten der Kirche oder Kongregation, bei welcher man Mitglied ist – fast unverändert seit Jahrzehnten bei ungefähr 1 % des BNP liegen. Jenseits solcher Grundzusammenhänge fischen Forscher allerdings schnell in trüben Wassern: religiöse Menschen sind zum Beispiel seltener kriminell, aber kausale Zusammenhänge sind angesichts der Vielzahl möglicher sozio-ökonomischer Einflußfaktoren kaum klar zu beweisen. Ähnliches gilt für Effekte auf die Gesundheit jenseits von diätetischen Vorschriften: Wer nicht raucht, trinkt, und sich nicht der Völlerei hingibt, lebt logischerweise gesünder.

© Eigenes Bild 

So gesehen ist es ermutigend, daß die Religion in der quantitativen sozialwissenschaftlichen Forschung aktuell wieder wichtiger, oder zumindest wieder öfter berücksichtigt wird. Nicht zuletzt ermöglichen weltweite „Value Surveys“ zum ersten Mal, religiöse Einstellungen jenseits von Mittelmeer und Ural systematisch zu untersuchen.

Darüber hinaus stehen heutige Sozialwissenschaftlicher nicht nur generell auf den Schultern von Riesen, sondern vor allem auch auf den Schultern von Geistlichen. Kirchliche Statistiken und die innerkirchlichen Diskurse waren der Ausgangspunkt jeder sozialwissenschaftlichen Statistik. Es waren Pfarrer wie Caspar Neumann und Johann Peter Süßmilch, die in ihren Gemeinden die ersten Bevölkerungsstatistiken erhoben und daraus systematisch Geburten- und Sterberaten ableiteten, und damit die moderne Demographie begründeten.

Zugegebenermaßen dienten ihre Arbeiten vor allem dem Zweck, Gottes planmäßiges Wirken in größerem Maßstab nachzuweisen und dadurch zur Theologie beizutragen. Diese Abeiten wären nicht denkbar gewesen in der vorreformatorischen Zeit. Es gibt Quellen, die das tridentinische Konzil von 1545 bis 1563 als zentralen Ausgangspunkt sehen, nach welchem auch theologische Diskurse sich in ihrer Qualität veränderten. Zum Beispiel scheint die Debatte darüber, ob und inwieweit der Mensch sündenfrei leben kann, tatsächlich entsprechende Ideen widerzuspiegeln. Die – offenbar im 17. Jahrhundert von Theologen vieldiskutierte – Idee, daß unter 1000 Menschen oder generell einer hineichend großen Anzahl immer einer sündigen würde, ist tatsächlich zutiefst probabilistisch und statistisch. Zwar wäre es theoretisch möglich, daß 1000 Menschen sündenfrei leben, so wie man auch 1000 Mal hintereinander eine sechs würfeln könnte – aber es ist doch reichlich unwahrscheinlich. Der Mensch war also durchaus dank freien Willens in der Lage, anständig zu leben – aber realiter, in großer Zahl, über lange Zeit, dann doch nicht – dank des Gesetz der großen Zahl und Durchschnittseffekten. Umso praktischer, daß man dennoch mit Beichte oder Gnade erlöst werden kann. Protestanten haben es da leichter .

© Eigenes Bild 

Gleichzeitig wurde damit menschliches Handeln nicht mehr nur im Einzelfall und qualitativ-moralisch betrachtet, sondern das Element des Zufälligen stärker betont, ebenso wie das Konzept des rationalen, also interessengeleiteten Handelns, welches Verhaltensweisen vorhersehbar macht. Alles zusammen wiederum war Voraussetzung für die Arbeiten von Wissenschaftlern wie Adolphe Quételet, die von „social physics“ träumten, also einer Sozialwissenschaft, die ähnlich den Naturwissenschaften deterministische Gesetmäßigkeiten würde zeigen können. Quételet sammelte er in der erste Hälfte des 19. Jahrhunderts unzählige sozioökonomische und anthropometrische Daten, um einen „durchschnittlichen Menschen“ definieren zu können, und trug damit maßgeblich zur Weiterentwicklung der Wissenschaft bei. Die Idee von deterministischen Gesetmäßigkeiten im menschlichen Handeln war allerdings weniger erfolgreich und ist bis heute – mindestens, bestenfalls – umstritten.

Andererseits ist es gerade diese Tatsache, welche die Disziplin bis heute so spannend macht, daß ich seit drei Jahren immer wieder neue Themen finden kann, neue Aufsätze, und neue Phänomene. Wären Sozialwissenschaften tatsächlich deterministisch – wieviel langweiliger ginge es hier zu.

Für die Anregung, in diese Richtung zu recherchieren, Dank an Paul Bademeister!

 

Veröffentlicht unter: Alltag, Diskurs, Forschung, Bildung, Religion, Geschichte

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (31)
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2 Matthias Mersch 06.05.2013, 16:01 Uhr

Heute hat man aber allzu flüchtig gearbeitet, werthe Sophia!

Danke aber für den Hinweis auf Adolphe Quetelet, der mir noch sehr nützlich sein wird.

Folgendes Zitat aus Ihrem Blog-Eintrag hingegen legt meine Stirn in Falten (Max Weber hat ähnlich auf gewisse Wortbeiträge von Ernst Bloch reagiert) und wirft Fragen auf. Vor allem lässt es mich ernstlich daran zweifeln, dass Sie ausreichend Zeit dafür gefunden haben, um die entsprechenden Texte Max Webers aufmerksam zu lesen:

"Zur Erklärung wird heute allerdings nicht mehr Max Webers Hypothese vom protestantischen Arbeitsethos bemüht, welches bereits in den 90er Jahren gründlich dekonstruiert wurde. Die entscheidenden institutionellen und wirtschaftlichen Entwicklungen wie etwa im Bankwesen, gingen der Reformation voraus, während es umgekehrt reichlich wesentliche Entwicklungs- und Industrialisierugsschübe in katholischen Regionen, wie zum Beispiel dem Rheinland gab. Davon abgesehen habe ich ohnehin nie verstanden, wie das eher katholische Konzept der “guten Werke” mit Webers Arbeitsethos zu vereinbaren war."

Das ist - mit Verlaub - eine Ansammlung von Kraut und Rüben, die mit Webers These nichts zu tun hat.

Dankbar wäre ich für die Nennung von Namen der eifrigen Dekonstrukteure, oder finden sich die im Aufsatze von Laurence Iannaccone?

Man muss Weber natürlich nicht beipflichten, lohnend ist seine Lektüre allemal und seine These zum Verhältnis zwischen Kapitalismus und protestantischer Ethik gar nicht schwer zu verstehen.

0 Sophia Amalie Antoinette Infinitesimalia 06.05.2013, 16:35 Uhr

Matthias Mersch, "Heute hat man aber allzu...

Matthias Mersch, "Heute hat man aber allzu flüchtig gearbeitet, werthe Sophia!" - Sie dürfen gerne bezüglich Weber anderer Meinung sein, das ist alledings nur ein kleiner Teil des Beitrags, insofern scheint mir eher Ihre Lektüre allzu flüchtig? Die gewünschten Verweise auf Kritiker finden Sie tatsächlich im Aufsatz von Iannaccone. Davon abgesehen haben Sie natürlich Recht (und ich habe meine pauschale Formulierung angepasst): Webers Ideen gingen deutlich über den simplen, monokausalen Zusammenhang hinaus, der üblicherweise auf Cocktailparties diskutiert wird - aber ich kann hier ja nicht Weber en détail sezieren, ich fand nämlich die historischen Hintergünde der Sozialwissenschaften spannender. Davon abgesehen, hier noch die vermutlich aktuellste empirische Studie, die Webers Grundzusammenhang eher widerlegt: http://www.people.fas.harvard.edu/~cantoni/cantoni_jmp_2_7_1.pdf.

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falsch

"religiöse Menschen sind zum Beispiel seltener kriminell"

Das ist falsch, das Gegenteil ist der Fall. Die Gefängnisse sind unterproportional mit Atheisten besetzt, nicht-religiöse Menschen sind beiweitem weniger kriminell.

0 Sophia Amalie Antoinette Infinitesimalia 06.05.2013, 18:09 Uhr

Cimpoler, ich kann da nur auf in Iannaccone...

Cimpoler, ich kann da nur auf in Iannaccone zitierte Studien verweisen, die zeigen, daß religiöse Menschen seltener kriminell sind (wobei der kausale Zusammehang, wie bereits gesagt, kaum nachweisbar ist, es handelt sich also nur um eine Korrelation). Wobei das natürlich vom Studiendesign abhängt, sowie der Definition von "religiös" und "atheistisch". Ich will nicht ausschließen, daß sich gegenteilige Belege finden lassen - woher stammt denn Ihre Information?

0 Der noch bei Trost ist 06.05.2013, 18:25 Uhr

Zeilenschinderei

Stünden Sozialwissenschaftler nicht allein auf den Schultern von Riesen, sondern vor allem auf denen von Geistlichen, gäbe es keine Eigenständigkeit in modernen Gesellschaften und alles löste sich im Elend einseitiger Abhängigkeiten auf. Dass eine solche Beschreibung allein fiktiven Charakter haben kann und niemals wahre Aussagen zur Realität des Einzelnen liefert, liegt auf der Hand. Fraglich daher, wessen höchst verbotswidrig in Szene gesetztes Werk besagte Zeilenschinderei erfüllt.

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2 Wolfram Jäger 06.05.2013, 22:14 Uhr

Wahrscheinlich keine Korrelation, außer bei Drogenmissbrauch ...

Darf man hier Links einbauen? (bitte www ergänzen:)
iguw.de/uploads/media/hermann_.pdf

Der Vortrag von Hermann aus dem Jahre 2000 wertet bis dahin vorliegende statistsiche Studien zum Zusammenhang zwischen Religiosität und Kriminalität aus.
Anscheinend gibt es nur die Relevanz, dass religiöse Jugendliche seltener Drogen- und Alkohol-Delikte begehen, Nur eine Studie glaubt nachweisen zu können, dass religiöse Menschen wirklich weniger Straftaten begehen (nämlich die letzte in der Darstellung, von 1996).

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1 JOhn_Sozialwissenschaften 07.05.2013, 07:53 Uhr

PEW Studien sagen das genau Gegenteil über die USA

Der langfristige Trend zeigt wer langfristig zunimmt und wer abnimmt.
http://www.pewforum.org/Unaffiliated/nones-on-the-rise.aspx

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0 Peter Mohler 07.05.2013, 18:05 Uhr

es geht nicht nur ums Geldverdienen

Weber ist mit ziemlicher Sicherheit ebenso wie viele soziologische Theoretiker nicht falsifizierbar im Sinne moderner statistischer Methoden. Und wenn es so sein sollte, dann läßt sich über deren Thesen so trefflich streiten.
Re Religionsuntersuchungen, dazu gibt es z.B. die Untersuchungen des International Social Survey Programme (ISSP) mit drei vergleichenden Umfragen zu Religion (1991, 1998 und 2008), die Daten etc. sind frei zugänglich via www.issp.org.
Re Kirche und Entwicklung quantitativer Methoden, mit die ersten quantitativen Inhaltsanalysen sollen schwedische Kleriker angestellt haben, um häretische Texte zu identifizieren.

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0 Weber-Fan 07.05.2013, 18:28 Uhr

flüchtig...

Hat die Autokorrektur heute ihren freien Tag?

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0 Gabi Heintz 10.05.2013, 16:46 Uhr

Leider muß ich mich der Kritik am "flüchtigen Arbeiten" anschließen

Die theologischen Aussagen sind oft schief und /oder unzulässig vereinfachend wiedergegeben.

"Theoretisch" sei es möglich, daß 1000 Menschen "sündenfrei leben" könnten - ? Praktisch sei aber unter 1000 Menschen immer mindestens einer, "der sündigt" - ?

Das muß aber wirklich ohne großes Nachdenken einfach so in die Tasten geflossen sein, liebe Sophia ...

Wenn es auch nur einen einzigen Menschen (nicht nur „unter 1000“, sondern überhaupt) gäbe, der NICHT sündigt, hätte Gott nicht Mensch werden müssen, um uns zu erlösen.

Vermutlich ist beim „Sündigen“ der Verstoß gegen eines der 10 Gebote gemeint.

Und daß Protestanten deshalb höhere Einkommen erzielten, weil sie die Individualbildung "höher schätzen" würden (und das mit dem individuellen Bibellesen in Zusammenhang stünde), scheint mir doch eine weit hergeholte Interpretation.

Wie viel näher liegt da die Calvin'sche Theologie des wirtschaftlichen Erfolgs, der ein Zeichen für Gottes Segen sei?

Vielleicht hat es zu einer entspannteren Sicht der Katholiken auf Geld und Arbeit geführt, daß diese beiden sein und bleiben können, was sie sind - und nicht auch noch zur Selbstvergewisserung des eigenen Seelenheils gebraucht werden?

(Und vielleicht sind auch ganz banale klimatische Unterschiede mit daran beteiligt, in den überwiegend katholischen Südländern das dolce far niente gefahrloser leben zu können als im Norden, wo man z 80 - 90% des Jahres mit widerigen Witterungsbedingungen - um's Überleben - zu kämpfen hat?)

Und was haben Sie sich bei folgendem gedacht:

"Umso praktischer, daß man dennoch mit Beichte oder Gnade erlöst werden kann. Protestanten haben es da leichter ."

Glauben Sie, die Katholiken wären nicht durch Gnade erlöst?

Die Vergebung innerhalb der Beichte ist doch auch Gnade - oder denken Sie, das wäre irgendwie etwas Magisches oder ein Automat "Oben Sünde rein - unten Vergebung raus"?

Und welcher, glauben Sie, ist der schwerere Weg, um mit etwas Bösem, das man getan hat, das einem auf dem Gewissen liegt, das einen belastet und quält, das man gerne ungeschehen machen würde, fertig zu werden:

"Einfach so" per Vernunft "in den leeren Raum hinein" daran zu glauben, daß mir vergeben ist, ganz für mich allein?

Oder:

Einen Ritus zu absolvieren, der ein Aussprechen des "Unaussprechlichen", Gesten, das Bekennen aufrichtiger Reue und des festen Vorsatzes, so etwas nie im Leben wieder zu tun, Formeln, eine Buße (die immer ein Gebet, oft auch eine Wiedergutmachung umfaßt, in strafrechtlich relevanten Fällen auch eine Selbstanzeige beinhalten kann, manchmal muß) etc. verlangt und der mit der festen (und von Jesus autorisierten) Zusicherung des Priesters schließt, daß mir Gott vergeben hat - ?

Es gibt Psychotherapeuten, die sagen, daß die Wartezeiten bei ihnen weniger lang wären, wenn die Leute wieder mehr zur Beichte gingen.

Aber ansonsten - Sie haben vollkommen recht: die Sozialwissenschaften werden niemals langweilig.

Antworten (1) auf diese Lesermeinung

0 Wolfgang Hennig 11.05.2013, 23:03 Uhr

Zitate

Zu wissen, was man weiß, und zu wissen, was man tut, das ist Wissen.
Konfuzius

Besser schweigen und als Narr scheinen, als sprechen und jeden Zweifel beseitigen.
Abraham Lincoln

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wurde schon frühzeitig von einem Magister der Mathematik bescheinigt, sie möge ob ihrer Unfähigkeit im Umgang mit Zahlen und Formeln nicht allzu betrübt sein, es gebe reichlich schöne Berufe ohne dieselbe, insbesondere ein Broterwerb als Kammerjungfer oder Hausfrau wurde ihr nahegelegt.