Fazit – das Wirtschaftsblog

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AEA-Meeting (2): Amerika und Deutschland erholen sich von der Finanzkrise am besten

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Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff vermessen die Schäden der Finanzkrise: Unter den Krisenstaaten haben nur die Vereinigten Staaten und Deutschland im Pro-Kopf-Einkommen das Vorkrisenniveau erreicht.

 

© Rainer WohlfahrtKenneth Rogoff bei einem F.A.Z.-Interivew

Ein halbes Jahrzehnt nach der Finanzkrise haben von zwölf Ländern, die besonders stark von der Krise betroffen waren, gerade mal zwei im Pro-Kopf-Einkommen das Vorkrisenniveau erreicht: die Vereinigten Staaten und Deutschland. Zu diesem Ergebnis kommen die Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff in einer Studie, deren Entwurf sie auf der Jahrestagung der American Economic Association in Philadelphia vorgestellt haben.

Niedriger als das Vorkrisenniveau lag das Pro-Kopf-Einkommen zuletzt in Frankreich, Island, Irland, Ukraine und im Vereinigten Königreich. Schlimmer noch sind Griechenland, Italien, Niederlande, Portugal und Spanien dran. Dort schrumpfte das Pro-Kopf-Einkommen im vergangenen Jahr sogar immer noch. In Griechenland liegt es 24 Prozent niedriger als vor der Krise. All diese Länder werden nach Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF) erst in den Jahren bis 2018 den Tiefpunkt hinter sich gelassen haben. Rogoff, der früher selbst Chefvolkswirt des IWF war, merkte dabei in Philadelphia ungerührt an, dass die Prognosen des Fonds aufgrund politischen Drucks der Tendenz nach eher zu optimistisch seien.

Die Ergebnisse verdeutlichen so oder so, dass die wirtschaftlichen Folgen der Finanzkrise noch bei weitem nicht überstanden sind. Selbst für Amerika und Deutschland gilt, dass sie – gemessen am verlorenen potentiellen Wachstum während der Krisenjahre – noch deutlich aufzuholen haben. Nur relativ zum Vorkrisenstand stehen sie schon gut da. Reinhart und Rogoff fokussieren in ihrer Studie dabei auf das Pro-Kopf-Einkommen (Bruttoinlandsprodukt je Einwohner), weil damit im historischen Vergleich auch die Auswirkungen wachsender oder stagnierender Bevölkerungen erfasst werden.

Mit der Dauer der Erholung verschieben sich die Vergleichsmaßstäbe. 2007/08 war allgemein von einer Jahrhundertkrise die Rede und von der schwersten Krise seit der sogenannten Großen Depression in den dreißiger Jahren. Nach dem jetzigen Zwischenstand war die jüngste Krise für Griechenland, Italien und das Vereinigte Königreich indes schon schlimmer als die Wohlstandsverluste in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, analysieren die beiden Ökonomen.

Rogoff betonte, dass seine Koautorin und er mit der Studie keine politischen Empfehlungen abgeben wollten. Dennoch konnten die beiden sich den Hinweis nicht verkneifen, dass ohne Ent- und Umschuldung in den Krisenländern die Verwerfungen nur noch länger andauern würden.

Eine interessante Frage ließen beide leider unbeantwortet. Wie kommt es, dass in der untersuchten  Ländergruppe ausgerechnet Amerika und Deutschland die Rangliste der wirtschaftlichen Erholung nach der Krise anführen? Beide verfolgen doch so unterschiedliche Wirtschaftspolitiken. Die Amerikaner erzählen ständig, dass die deutsche Regierung zu sehr auf eine solide Haushaltspolitik achte und fiskalisch zu streng sei. Und die Deutschen halten im Gegenzug den Amerikanern vor, zu viele Schulden zu machten. Deutet das Ergebnis der Reinhart-Rogoff-Studie an, dass keine dieser Vorhaltungen alleinige Gültigkeit beanspruchen darf?

 

PS: Reinhart und Rogoff waren im vergangenen Jahr wegen eines Rechenfehlers scharf unter Kritik geraten. Davon war in Philadelphia nur noch ganz am Rande die Rede. Beide traten während der Jahrestagung der AEA auf mehreren Panels auf, was die ungebrochene Wertschätzung für ihre Arbeit zeigt. Der jetzige IWF-Chefvolkswirt Olivier Blanchard lobte in einer Veranstaltung ausdrücklich die Arbeit der beiden Ökonomen und merkte an, dass die Kritik an einzelnen Zahlen nicht ins Gewicht fiele.

 

Weitere Berichte von der Jahrestagung der AEA:
Ben, willst Du heute Nacht nicht die Welt retten?
Dr. Summers versus Dr. Taylor – wenn Ökonomen aneinander geraten
Amerikanische Ökonomen fordern eine neues Konjunkturpaket

 

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4 Lesermeinungen

  1. Haben die auch die Immobilienblase berücksichtigt?
    In Deutschland wächst doch nur noch eine Immobilienblase, von denen nur Amerikaner etwas haben. Zählt das dann auch zum BIP pro Kopf?

    • Bestands- versus Stromgrößen
      Alle bestehenden Immobilien werden samt Wertveränderungen in der Vermögensrechnung berücksichtigt.
      In der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (Bruttoinlandsprodukt, usw.) werden die Bauinvestitionen des jeweiligen Jahres berücksichtigt. Wenn deren Preise steigen, geht das natürlich ein. In der Regel ist eine Immobilien“blase“ aber einer Wertsteigerung bestehenden Vermögens geschuldet und geht damit nicht in das BIP ein.

  2. Auffallend offene Selbstkritik
    Es erscheint mir schon bemerkenswert wenn Rogoff zugibt, dass die Prognosen seines Fonds aufgrund politischen Drucks der Tendenz nach eher zu optimistisch seien.
    Mich würde interessieren wie er das genau formuliert hat. Gibt es irgendwo eine wörtliche Mitschrift dieses Statements?

  3. Vorsichtiger Erklärungsversuch
    Der Einbruch des BIPs war in der BRD vor allem im Export und in den Bruttoinvestitionen. Der private Konsum blieb dagegen stabil und wuchs sogar leicht von 08 auf 09. Die Staatausgaben stiegen ebenafalls an, wahrscheinlich auch wegen des Kurzarbeitergeldes und der Abwrackprämie. Die Einflüsse der „Bilanzrezession“ blieben in der BRD eher gering.
    Die BRD Exporte erholten sich aber schnell, weil die sich industrialisierenden Schwellenländer als Nachfrager von der „Finanzkrise“ weniger beeinflußt wurden, als Länder mit großem Finanzsektor, wie GB und IRL. Die BRD profitierte von ihrem relativ großen industriellen Sektor, so wie sie darunter litt, als der Export zusammenbrach.

    In den USA brach vor allem der private Konsum und Investitionstätigkeit ein, während der Export der USA zwar auch zurück ging aber ein geringes Gewicht in der Gesamtnachfrage hat.
    Die USA hat dann – im Unterschied zu GB – keine Austeritätspolitik verfolgt, sondern expansive Geld- und Fiskalpolitik betrieben, deren positive Effekte sich zeigen. Das Problem bleibt, die Staatsschulden langfristig wieder zu reduzieren und die Liquidität aus dem Kreislauf zu entziehen, wenn Blasenbildung oder Inflation sich entwickeln.

    GB ist durch die Finanzkrise in eine „Bilanzrezession“ geraten und hat mittels fiskalischer Austerität die Gesamtnachfrage geschwächt, allerdings über eine lockere Geldpolitik versucht, die durch die staatliche Sparpolitik erzwungene Nachfragereduktion zu kompensieren. So richtig gut ist das nicht gelungen. Damit hat GB noch einen längeren Weg vor sich als die USA und die BRD.

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