Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Großstädter werden überschätzt

| 1 Lesermeinung

Viele Singles in den Metropolen halten sich für etwas Besonderes. Zu Unrecht. Von Jürgen Kaube

Dem Kapitalismus wird oft vorgeworfen, dass er die Unterschiede zwischen Arm und Reich größer werden lässt. Das ist richtig oder falsch, je nachdem, welche historischen Vergleiche man zieht, je nachdem, welche Güterkörbe verglichen werden (ob beispielsweise medizinische Versorgung oder Alphabetisierung berücksichtigt wird), und je nachdem, ob innerhalb von Ländern oder zwischen Ländern verglichen wird. Viele Chinesen würden der Behauptung, Märkte seien ungleichheitsverstärkend, nicht mehr zustimmen.

Ungleichheit hat also viele Dimensionen. In seinem gerade auch auf Deutsch herausgekommenen Buch „Sozialer Kapitalismus!“ (F.A.S. vom 24. Februar) hat der in Oxford lehrende Ökonom Paul Collier auf einen Unterschied hingewiesen, der in den vergangenen vierzig Jahren tatsächlich größer wurde: den zwischen Stadt und Land. Bis in die späten siebziger Jahre verringerten sich die Einkommensabstände zwischen der Land- und der Stadtbevölkerung in vielen westlichen Ländern. Seitdem aber ziehen die Gehälter in den Metropolregionen davon. Provinzstädte steigen ab, und die Arbeitslosigkeit zwischen Land und Stadt ist stärker ungleich verteilt. Vor allem in Ländern, die seit je stark zentralisiert sind, wachsen die Hauptstädte massiv. Ganz Großbritannien hatte 1997 eine Wirtschaftsleistung, die mehr als viermal so hoch war wie diejenige Londons – heute beträgt sie nur noch das gut Dreifache.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Organismen, die doppelt so groß sind wie andere, verbrauchen nur 75 Prozent mehr Energie. Städte sind in diesem Sinne effizient. Je größer sie sind, desto weniger Tankstellen, Straßen, elektrische Kabel und Wasserleitungen pro Kopf benötigen sie. Andere Kennzahlen hingegen steigen in Städten nach einer Studie des portugiesischen Physikers Luís Bettencourt „supralinear“: die Zahl der Innovationen, der Restaurants, der Schulen, der Verbrechen, der ansteckenden Krankheiten und eben auch die Höhe der Löhne.

Denn wenn die Einwohnerzahl einer Metropole zunimmt, geschieht das weniger aufgrund der Vermehrung der Ortsansässigen als durch Zuzug. In Städten leben also viele Bewohner nicht, weil ihre Eltern auch schon dort gewohnt haben, sondern weil sie in der Stadt etwas suchten und fanden: einen Studienort, einen Job oder eine Lebensform. Zugleich bieten sie Unternehmen nicht nur einen Pool von spezialisierten Arbeitskräften, sondern auch die Nähe anderer Unternehmen, auf deren Leistungen sie zurückgreifen können.Dabei handelt es sich, Collier zufolge, immer mehr um Dienstleistungen der Wissensökonomie. Je stärker wirtschaftliches Wachstum von Forschung, Expertise und kognitiver Spezialisierung abhängt, desto entscheidender sei die räumliche Verdichtung der Spezialisten.

In der Londoner City könne sich mittels der U-Bahn jeder Arbeitnehmer innerhalb von einer Dreiviertelstunde mit jedem der anderen 2,5 Millionen Arbeitnehmer treffen. Wenn sich die Produktion auf diese Weise räumlich verdichtet, expandiert der Konsum. Anhand seiner Heimatstadt Sheffield, einer jahrhundertelang der Stahlverarbeitung zugewandten Industriestadt, skizziert Collier, wie die internationale Arbeitsteilung den Niedergang mancher Provinzstädte verursacht hat. Andernorts wurde kostengünstiger produziert, und binnen weniger Jahrzehnte zerfielen Standorte wie Detroit, Stoke oder Gelsenkirchen.

Und zwar immer nach dem gleichen Muster. In der Folge der Deindustrialisierung brechen als Erstes die Preise für Immobilien ein. Hausbesitzer sind auf einmal überschuldet, was sie oft hindert, in bessere Städte umzuziehen. Außerdem konnten die Stahlexperten aus Sheffield schlecht nach Südkorea auswandern, wo jetzt das Weltzentrum der Stahlindustrie lag. Die niedrigen Grundstückspreise der verlassenen Regionen wiederum ziehen nur Speditionsunternehmen, Lager, Call-Center und andere Unternehmen mit niedriger Produktivität und geringen Qualifikationsanforderungen an. Die Städte jenseits der Metropolen veröden also auch in dieser Hinsicht.

Collier weist darauf hin, dass in solchen niedergehenden Regionen die Wählerschaft von populistischen Parteien sitzt. In den Metropolen stimmt man gegen den Brexit, auf dem Land für Le Pen und Trump. Man könnte auch sagen: In den Metropolen wird Politik vor allem für die Bewohner von Metropolen und von ihnen gemacht. Die Erwartung jedoch, protektionistische Maßnahmen führten in die gute alte Zeit zurück, sei trügerisch. Es der City mittels des Brexits heimzuzahlen, heiße, die goldene Gans aus verständlichem Ärger über ihre falschen Globalisierungsversprechungen und ihr arrogantes Verhalten gegenüber der Provinz zu schlachten. Besser wäre es, die Metropolen zu besteuern und in die Provinz zu investieren.

Collier denkt dabei, in Anlehnung an den amerikanischen Ökonomen Henry George, der seine Einsichten während des ersten Urbanisierungsschubs im neunzehnten Jahrhundert formuliert hatte, vor allem an eine Besteuerung von Agglomerationsgewinnen. Auf den ersten Blick entsprechen diese Gewinne nur den Produktivitätszuwächsen in der Stadt. Doch sie landen nicht bei den Produzenten. Die höheren Einkommen ziehen nämlich höhere Mieten nach sich. Die Stadt wächst so lange, solange die Differenz von „zusätzlicher Lohn minus höhere Miete“ positiv ist. Die Agglomerationsgewinne fließen also über kurz oder lang als arbeitsloses Einkommen zu hohen Anteilen den Grundstückseigentümern zu.

Aber nicht nur ihnen. Zu den anderen Gewinnern der Agglomeration gehören hochqualifizierte Arbeitskräfte mit geringem Raumbedarf, gebildete Singles also, die nur einen kleineren Teil ihres in der Stadt höheren Einkommens für Miete ausgeben. Rund die Hälfte aller Produktivitätsgewinne der Stadt landen bei solchen Personen. Sie leben dabei, meint Collier, in der Illusion, dass ihnen diese Gewinne auch zustehen, schließlich seien sie ja hochqualifizierte, hart arbeitende Leute. Dabei unterschätzen sie, dass die Produktivität ihrer Arbeit stark von öffentlichen Gütern wie Rechtsstaatlichkeit, Infrastruktur, Bildungseinrichtungen abhängt. „Agglomerationsgewinne“, so Collier, „werden ihrem Wesen nach kollektiv erarbeitet. Sie sind das Ergebnis der Interaktion von Millionen Erwerbstätigen, nicht bloß das Ergebnis der individuellen Anstrengung einer jeden hoch bezahlten Arbeitskraft.

„Die Besteuerung der Agglomerationsgewinne würde demzufolge zwei Gruppen betreffen: Vermieter und Hochverdiener in der Großstadt. Für die Höhe der Einkommensteuer wäre folglich nicht nur die Höhe des Einkommen, sondern auch der Wohnort des Steuerzahlenden relevant. Die zusätzlichen Steuereinnahmen müssten Collier zufolge der Provinz zufließen. Und sie wären nicht in Sozialleistungen für Landbewohner zu stecken, sondern in Risikokapital für Pioniere, die sich außerhalb von Metropolen ansiedeln, in die Infrastruktur der Provinz und in Hochschulen auf dem Land.

Paul Collier: Sozialer Kapitalismus! Mein Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaft, Siedler Verlag, Berlin 2019 


1 Lesermeinung

  1. Innovationsförderung
    Es trifft sicherlich zu, dass mit der Emergenz der Wissensgesellschaft die ökonomischen Unterschiede zwischen den Regionen eines Landes immer stärker zunehmen. Doch es wäre m. E. eine unzulässige Vereinfachung, diese Entwicklung auf einen wachsenden Gegensatz zwischen Stadt und Land zu reduzieren. Es gibt durchaus große, einst bedeutende Städte, die wirtschaftlich abgestiegen sind. Auf der anderen Seite haben sich ursprünglich ländliche Regionen in ökonomisch blühende Landschaften verwandelt.

    Mit dem Niedergang der amerikanischen Autoindustrie wurde die Millionenstadt Detroit zum sozioökonomischen Notstandsgebiet, weite Teile der Innenstadt sind heute verslumt. Zugleich entstand südlich von San Francisco das Weltzentrum der Informationstechnologie, in einer Region, in der es noch vor einem Menschenalter nicht viel mehr gab als Landwirtschaft, Wüste und ein paar Kleinstädte.

    In der Nachkriegszeit war das Rhein-Ruhrgebiet das Kraftwerk der westdeutschen Wirtschaft. Heute liegen die wichtigsten Industriezweige der Region in Trümmern, die letzte Zeche wurde 2018 stillgelegt, die Stahlindustrie schrumpft, die Chemie wandert in Niedriglohnländer mit laxeren Umweltvorschriften aus.

    Auf der anderen Seite siedelten sich Zukunftsindustrien in kleineren und mittelgroßen Städten an. Siemens errichtete in Erlangen einen riesigen Forschungspark. Vor den Toren von Heidelberg sitzt die SAP, Europas größtes Softwarehaus. Dresden entwickelte sich zum europäischen Zentrum für Mikroelektronik.

    Solche Entwicklungen sind nicht zufallsbestimmt. Alleinentscheidend sind ebenfalls nicht Skaleneffekte (die natürlich nicht zu bestreiten sind). Vielmehr kann der Staat mit gezielter Innovationsförderung regionale wie globale Hubs für die Wissensgesellschaft schaffen.

    Das klappt natürlich nicht immer; ein zweites Silicon Valley lässt sich nicht einfach aus dem Boden stampfen. Es gibt zahllose Beispiele, wie der Versuch, ein neues Technologie-Cluster herbei zu zaubern, grandios gescheitert ist.

    Wenn die öffentlichen Hände es jedoch geschickt anstellen, können sie durchaus wissensintensive Unternehmen ansiedeln. Ein gutes Beispiel ist die Finanzindustrie. Noch vor fünfzig Jahren saß die weitaus größte Aktienbörse des Landes in Düsseldorf; gleich mehrere Großbanken, darunter die Commerzbank und die West LB, hatten ihren Sitz in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt.

    Doch Frankfurt entführte die Commerzbank und andere Institute mit günstigeren regulatorischen Auflagen; die West LB wurde zerschlagen. Die Rheinisch-Westfälische Börse investierte nicht rechtzeitig in moderne Technologien; sie ist heute völlig bedeutungslos.

    Auch in der Industrie stellte die Politik in NRW die völlig falschen Weichen. Im Verein mit Montankonzernen behinderten die Kommunen im Ruhrgebiet systematisch die Ansiedelung moderner Fertigungsbetriebe. Opel, Ford und Volkswagen waren in den 1960er brennend daran interessiert, an Rhein und Ruhr neue Autofabriken zu bauen, allein Opel kam zum Zuge.

    Das Auseinanderdriften der Regionen ist also keineswegs unvermeidlich. Die Politik kann diesen Trend mit den richtigen Entscheidungen durchaus bremsen oder sogar umkehren.

    Wenig hilfreich scheinen mir jedoch neue Steuern auf die Einkommen von Singles und die Gewinne von Vermietern, wie sie laut dem Beitrag Paul Collier vorschlägt. Weitaus wirksamer (und sehr viel billiger!) erscheinen mir regulatorische Erleichterungen und eine gezielte Innovationsförderung.

Kommentare sind deaktiviert.