Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Was ist eigentlich in Amerika los?

| 7 Lesermeinungen

Die amerikanische Wirtschaft befindet sich in einem ungewöhnlich langen Konjunkturaufschwung. Dennoch entfaltet die Wirtschaft im historischen Vergleich keine große Dynamik.

Die Gründe für die nachlassende wirtschaftliche Dynamik beschäftigen viele Ökonomen und waren auch in FAZIT schon mehrfach ein Thema (zum Beispiel hier und hier und hier.) Um die Debatte ein wenig einzuordnen, haben Ufuk Akcigit und Sina T. Ates nun eine Übersicht der auffallendsten Phänomene und der wichtigsten modernen Arbeiten in Ökonomen zusammengestellt.

Was kennzeichnet die amerikanische Wirtschaft in unseren Tagen? Hier sind zehn Trends:

  • In vielen Branchen hat die Konzentration zugenommen. Dieser Prozess ist spätestens seit dem Jahre 1980 beobachtbar; seit dem Jahre 2000 hat er sich beschleunigt. Er lässt sich für viele Branchen in wachsenden Marktanteilen der führenden Unternehmen nachweisen; auch zeigt er sich in einer Analyse der Neuanmeldung von Patenten.
  • Zahlreiche Studien zeigen, nicht nur für die Vereinigten Staaten, eine Zunahme der Handelsspannen („markups“) von Unternehmen, was als Indiz für eine Zunahme von steigender Preissetzungs- und Marktmacht gilt. In jüngerer Zeit wird die Methodik bei der Berechnung von Handelsspannen allerdings in Frage gestellt.
  • Der Anteil der Unternehmensgewinne an der Wirtschaftsleistung (BIP) ist gestiegen. Begleitet wird diese Entwicklung durch eine Schwäche der Investitionstätigkeit.
  • Umgekehrt ist der Anteil der Arbeitseinkommen an der Wirtschaftsleistung (BIP) gesunken. Dieser Trend ist besonders stark in der Industrie zu beobachten und er beschränkt sich nicht auf die Vereinigten Staaten.
  • Es existiert ein empirischer Zusammenhang zwischen der wachsenden Konzentration in der Wirtschaft und dem rückläufigen Anteil der Arbeitseinkommen am BIP.
  • Die Abstände in der Arbeitsproduktivität zwischen den innovativsten Unternehmen und den Nachzüglern nimmt zu. Dabei fällt auf, dass die durchschnittliche Produktivität eines Wirtschaftszweigs umso niedriger ausfällt, je größer die Produktivitätsunterschiede zwischen den einzelnen Unternehmen in der jeweiligen Branche sind.
  • Die Zahl neuer Unternehmen nimmt ab. Diese Beobachtung gilt als ein sehr starker Beleg für die These einer nachlassenden Dynamik in der amerikanischen Wirtschaft.
  • Mit der vorherigen These zusammenhängend ist die Beobachtung, dass der Anteil junger Unternehmen an der Gesamtheit der Unternehmen rückläufig ist.
  • Der Arbeitsmarkt wird weniger dynamisch. Das Tempo der Schaffung wie der Zerstörung von Arbeitsplätzen hat nachgelassen.
  • Vor allem seit dem Jahre 2000 hat die Streuung der Wachstumsraten von Unternehmen nachgelassen. Dies dürfte mit der nachlassenden Bedeutung junger Unternehmen unter anderem in der Technologiebranche zusammenhängen: Die großen amerikanischen Internetkonzerne sind keine jungen Unternehmen mehr.

 

Während diese Trends weitgehend unumstritten sein dürften, bleiben ihre Ursachen und ihre Folgen ein sehr aktives Betätigungsfeld für Ökonomen.

Wir schauen heute kurz auf drei Erklärungsansätze aus der aktuellen Forschung, die zumindest mehrere der oben genannten Trends erklären und einordnen wollen:

 

  • Eine Arbeit von Philippe Aghion und vier Co-Autoren stellt auf die fundamentale Rolle des Einsatzes von Informationstechnologie ab. Ihre Kernthese lautet, dass große Unternehmen, als Beispiele nennen sie Amazon oder Walmart, durch den Einsatz von IT die Möglichkeit erhalten haben, einerseits Kosten zu senken und ihre interne Organisation effizienter zu machen und andererseits in neue Märkte vorzustoßen. „Weil ihre Effizienz schwer zu imitieren ist, finden es weniger effiziente Unternehmen schwer, in diese Märkte einzudringen. Daher werden sie weniger innovativ.“ In der Folge werden aber auch die effizienten Riesen wie Walmart und Amazon weniger innovativ, weil sie nicht unmittelbar miteinander konkurrieren wollen und ihren Expansionsdrang in neue Märkte nach einiger Zeit beenden.
  • Akcigit und Ates stellen in ihrer Erklärung auf eine nachlassende Verbreitung von Wissen über Innovationen in der Wirtschaft ab. Im Unterschied zu früher sei es heute schwieriger, die Verbreitung von Wissen von innovativen Unternehmen zu anderen Unternehmen im Laufe der Zeit festzustellen. Die Autoren sehen verschiedene Ursachen wie die Vorteile, die aus der Nutzung exklusiver Daten für innovative Unternehmen entstehen. Viele dieser Daten werden nicht an andere Unternehmen weiter gegeben. Eine Rolle für die langsamere Verbreitung von Wissen mag auch eine lasche Wettbewerbspolitik spielen, die große Unternehmen bevorzugt – Unternehmen, in deren Besitz sich ein immer größerer Teil der Patente befinden.
  • Schon einmal kurz vorgestellt hatten wir in FAZIT eine Arbeit von Ernest Liu, Atif Mian und Amir Sufi, die sich mit der Bedeutung des niedrigen Zinsniveaus für die Abnahme des Wettbewerbs in der amerikanischen Wirtschaft befasst haben. Wir zitieren aus unserem früheren Artikel: „Grundsätzlich sind die Folgen niedriger Zinsen für den Wettbewerb nicht klar. Sie können ebenso positiv wie negativ sein. Man braucht daher empirische Tests – und man kann das mangels Daten möglicherweise nur indirekt testen. So haben sich die drei Autoren unter anderem angeschaut, wie sich bei unterschiedlichen Zinsniveaus die Aktienbewertungen von amerikanischen Unternehmen mit unterschiedlichen Marktpositionen entwickelt haben. Demnach haben sich die Bewertungen von Unternehmen mit großen Marktpositionen bei niedrigen Zinsniveaus so vorteilhaft entwickelt, dass die Autoren den Schluss ableiten, dass ein niedriges Zinsniveau in Amerika in der Tendenz nicht gut, sondern schlecht für den Wettbewerb ist. Das ist ein wichtiges Resultat – aber da die empirischen Testmöglichkeiten schwierig sind, sollte es mit einer gewissen Vorsicht behandelt werden. Ergänzende Tests wären nicht schlecht.“

In der Literatur finden sich noch eine ganze Reihe anderer Erklärungsansätze wie zum Beispiel die Demografie oder die Transformation von Industrie- zu Wissensgesellschaften mit der Folge wachsender immaterieller Investitionen (Patente, Software). Man darf vermuten, dass die säkularen Veränderungen in der amerikanischen Wirtschaft nicht nur auf eine Ursache zurückzuführen sind und in den kommenden Jahren noch viele weitere Untersuchungen erscheinen werden. Arbeiten für Europa sind bisher leider noch etwas dünn gesät; immerhin aber ist der in Amerika beobachtbare Rückgang des Wettbewerbs in Europa nicht so leicht zu konstatieren.


7 Lesermeinungen

  1. Finanzinvestitionen anstelle produktiver
    Das „Heuschrecken“-Modell wäre ohne besonders niedrige Zinsen kaum möglich: Firmen umstrukturieren, wobei diese die Übernahme selbst finanzieren. Wenn Kundenbindungen, Investitionen, Produkt- und Servicequalität dabei in den Keller gehen, spielt das keine Rolle. Genausowenig, wenn sich die Angestellten wegen fallender Produktqualität, Streichung von Investitionen und personeller Überlastung die Haare raufen.

    Das eigentlich interessante ist, dass sich nicht nur reine Finanzinvestoren so benehmen, sondern dass es bereits Firmen aus dem Industrie- oder Dienstleistungsbereich gibt, die ausschließlich per Übernahme wachsen. Mir ist eine US-Gesellschaft aus dem Kommunikationssektor bekannt, die ca. 25 Übernahmen von 2012-2019 gestemmt hat und auf die alle genannten Merkmale zutreffen. Die Bonds der Firma sind inzwischen so stark gefallen, dass eine Umschuldung schwierig wäre, falls eine direkt anstände, was allerdings nicht der Fall ist. Der Aktienkurs ist wegen des steigenden Risikos um die Hälfte gefallen. Vermutlich wird seitens des Managements und der Eigentümer auf einen Bailout durch eine Fremdübernahme oder auf hilfreiche Zinssenkungen und/oder QE spekuliert.

  2. Was los ist
    Angeblich versagt ja die volkswirtschaftliche Theorie, dass die Preise aufgrund der Zölle steigen müßten und mit ihnen die Zinsen. Sie stimmt dennoch, weil diese These-wie viele- von „ceteris paribus“ ausgeht, also davon, dass sich keine anderen Faktoren ändern. Bautz. Das tun sie aber: Das Genie Trump hat die Steuern gesenkt und damit den Unternehmern ermöglicht, alle Zollerhöhungen zu kompensieren oder zu überkompensieren, weil ihre Gewinne ohne Preiserhöhung erhalten bleiben und die Usätze dazu. Dafür sinken die Staatseinnahmen und die USA türmen gewaltige Staatsschulden auf. Um 1 Billion im Jahr zusätzlich. Das wiederum kann nicht lange gutgehen. Um die Umsätze und Gewinne zu halten, also die Börsenstimmung, verzichten die Unternehmen auf Investitionen- ein zusätzliches Manko. Nur solange die Gläubiger Vertrauen haben und Umsätze und Gewinne samt Börse weiter brummen läuft die Wirtschaft. Werden sie aber kaum und dann wird es brenzlig, die Währung knickt ein und die Börse, weil die Zentralbank nicht mehr steuern kann;Höhere Zinsen bei Preissteigerungen gehen nicht, weil nicht bezahlbar, nach unten ist keine Luft mehr, die Notenpresse wird angeworfen, Inflation und dann haben wir den Kladderadatsch:Die nächste Weltwirtschaftskrise.
    Fazit: Dieser „Erfolg“ ist verdammt teuer erkauft und ist niemals nachhaltig.

  3. Alles gut und schön (und recht abstrakt)
    1. die weißen amerikanischen Arbeiter verlieren stetig an (auch gewerkschaftlich organisierten) Arbeitsplätzen und damit auch ihren ehemaligen Mittelklassestatus;
    2. die Trump-Regierung posaunt Propaganda für diese „Verlustklasse“, tut nix in Sachen Umstrukturierung, Umschulung, Fortbildung; dass diese ehemalige „Arbeiterklasse“ vom Aktienmarkt und „BOOM“ der Konzerne nicht profitiert, das weiß doch jede/r;
    3. die berühmten 12 Mill. „Illegalen“/“undocumented“ sind schon lange in den Berufen/Drecksarbeiten integriert, für die die Weißen sich zu schade sind, vor allem im Schwerarbeit-Baugewerbe;
    4. die erwähnte Konzentration der Konzerne (z.B. Walmart, Amazon) führt (durch Ausschaltung der Gewerkschaften) zu Lohndruck und recht miesen Arbeitsbedingungen. Verdi bestreikt in D. das Monster Amazon. Gewerkschaften sind von den Republikanern seit Jahrzehnten schlecht geredet worden und viele glaubten, sich die Beiträge sparen zu können und doch von den Gewerkschaftserfolgen profitieren zu können. Trittbrettfahrer, die aber mitschuldig sind, dass immer weniger Erfolge sich einstellen;
    5. so viele Familien müssen zwei drei Jobs arbeiten, um es einigermaßen zu schaffen. Das bläht die Statistiken, aber nicht wirklich unteren Wohlstand;
    6. so viele der „Abgehängten“ haben jedes Selbstwertgefühl verloren, sind anfällig für die gepuschte Ressentimentspolitik/den Rassismus und so viele sind mit Opiaten auf dem Weg der Selbstzerstörung. Es ist erschütternd, wie oft die Kinder dieser Süchtigen mit ihren Vätern/Eltern um Einhalt und das Überleben kämpfen;
    7. dieser Präsident ist ein Einpeitscher der Vorurteile, Scheinlösungen und des Selbstbetrugs. Es ist grauenhaft, wie diese gespaltene, zerrissene Nation vor die (republikanischen) Hunde geht. Und wem’s (unter den Nichtweißen) nicht passt, der/die kann dahin gehen, wo sie/die Vorfahren herkamen, sagt der Mann im WH. Eine totale Zweiteilung nach Hautfarbe zeichnet sich ab, und wird das zu einem neuen Bürgerkrieg führen? Jedenfalls wird (Panzer am 4.ten Juli !) Trump alles tun, an der Macht zu bleiben. Er braucht Macht, dient der Macht der Konzerne und sein Opiat ist Machtbesitz.

  4. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Schlechte liegt so nah?
    Wie wäre es mit einer Analyse zum Thema: „Was ist eigentlich in Deutschland los?“. Denn was kümmert uns die angeblich nachlassende Wirtschaftsdynamik der USA, wenn deren Wirtschaft „sich in einem ungewöhnlich langen Konjunkturaufschwung“ befindet? Sollte man sich nicht eher um die nachlassende Wirtschaftsdynamik in Deutschland kümmern? Wenn unsere Volkswirtschaft auf einen ideologischen Kollisionskurs zur Wand gesteuert wird? Die Autoindustrie als Schlüsselindustrie langsam abgewürgt wird? Unser Wohlstand der Klimahysterie geopfert wird? Können wir uns da noch den Luxus akademischer Diskussonen um die nachlassende Wirtschaftsdynamik der USA leisten?

    • Sie schreiben:
      „Denn was kümmert uns die angeblich nachlassende Wirtschaftsdynamik der USA, wenn deren Wirtschaft…“

      1. Die Entwicklung in den Vereinigten Staaten ist für die Weltwirtschaft von großer Bedeutung, jedenfalls von größerer als die Entwicklung in Deutschland.
      2. Wirtschaftliche Trends, die in den Vereinigten Staaten entstehen, breiten sich häufig mit Verzögerung in anderen Regionen und damit auch in Europa aus.

      Gruß
      gb

    • Ja, Herr Rampe, das vorgelegte Thema ist nun mal die US-Situation,
      wir haben in unserem Buchklub auch große ökonomische Sorgen, das Papier wird knapp, können wir uns das noch leisten? Meine Frau sorgt sich um die Ideologen, die in ihrem Taubenzüchterverein Gift ausstreuen wollen. Wie war das Thema noch ?

  5. Wir leben auch die USA zu sehr von der Substanz
    Der russische Ökonom Inosemzew beschrieb vor ein paar Jahren einmal die Probleme der russischen Wirtschaft. Einer der Kernpunkte war die zu geringe Investitionstätigkeit und die zu hohe Konsumneigung. Man lebt von der Substanz und schafft zu wenig Neues. Das würde den zweiten und den dritten Punkt der Liste ganz gut erklären. Durch zu geringe Investitionen, fällt der Abschreibungsbedarf. Weniger Abschreibungen = mehr Gewinne. Diese Gewinne entstehen dadurch, dass man von der Substanz zehrt. Das erklärt auch, warum die Beschäftigung sinkt, obwohl die Gewinne dadurch steigen. Wer nicht investiert, braucht auch keine neuen Arbeitskräfte. Vorübergehend geht es einigen dadurch besser, sogar sehr gut. Das Gros der Arbeitskräfte hat nichts davon.
    Hier der Artikellink: https://zeitschrift-ip.dgap.org/de/ip-die-zeitschrift/laenderportraet/ip-laenderportraet-archiv/laenderportraet-russland-2-2014/die
    Will man verstehen, was da eigentlich abläuft, muss man besser lernen, warum Unternehmen es nicht mehr als notwendig erachten mehr zu investieren oder neue Unternehmen zu gründen.

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