Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Es geht nicht um Gesundheit oder Wirtschaft

| 14 Lesermeinungen

In der öffentlichen Debatte wird zunehmend die Frage aufgeworfen, ob ein Interessengegensatz zwischen der Sicherung der Gesundheit der Menschen und der Sicherung der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft existiert. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Dieser Interessengegensatz existiert nicht.Wir hatten dieser Tage zwei aktuelle Arbeiten von Ökonomen vorgestellt, die sich mit den wirtschaftlichen Folgen von Epidemien befassen. Hier ist eine weitere Arbeit, die erst gestern in einer vorläufigen Version veröffentlicht wurde, aber auf Twitter bereits großes Lob von verschiedenen Fachleuten erhalten hat.

Darin befassen sich Sergio Correia, Stephan Luck und Emil Verner mit der „Spanischen Grippe“, die von 1918 bis 1920 in vielen Ländern wütete und vermutlich rund 40 Millionen Menschenleben kostete. Die Autoren interessiert die Frage, wie sich diese Pandemie im Jahr 1918 in den Vereinigten Staaten ausbreitete und welche ökonomischen Folgen dieser Ausbruch besaß. Wie heute waren damals nicht alle Regionen der Vereinigten Staaten gleichermaßen betroffen.

Das gestattet interessante Erkenntnisse: Demnach waren jene Regionen, die unter der Spanischen Grippe besonders stark litten, auch besonders stark von einer anschließenden Rezession betroffen. Das ist sicherlich nicht erstaunlich, wichtig ist aber eine weitere Erkenntnis: Frühe und weitreichende Beschränkungen des öffentlichen Lebens haben die Wirtschaft nicht überdurchschnittlich stark belastet: „Im Gegenteil verzeichneten Städte, die früher und aggressiver einschritten, eine vergleichsweise Zunahme der wirtschaftlichen Aktivität nach der Pandemie.“

Auch damals schlossen unter anderem Theater und Arbeitsstätten. Mit anderen Worten: Einschränkungen des öffentlichen Lebens im Zuge einer Pandemie empfehlen sich nicht nur aus medizinischen Gründen; sie besitzen auch ökonomische Meriten.

Die ökonomischen Folgen der „Spanischen Grippe“ in den Vereinigten Staaten waren beträchtlich: Nach den Berechnungen der Autoren kam es im Durchschnitt der Bundesstaaten zu einem Rückgang der Produktion im verarbeitenden Gewerbe um 18 Prozent. In den Staaten, in denen die Wirtschaft stark schrumpfte, gingen auch die Bilanzsummen der Banken deutlich zurück. Wie in der heutigen Zeit ist es nicht immer einfach, einen Angebots- von einem Nachfrageeffekt zu unterscheiden. Möglicherweise haben die Banken unter dem Eindruck der Krise ihr Kreditangebot zurückgefahren. Es kann auch sein, dass die Kredite gesunken sind, weil die Unternehmen weniger Kredite nachgefragt haben. Und es können natürlich auch beide Effekte gleichzeitig eine Rolle gespielt haben.

Einschränkend muss vermerkt werden, dass den Autoren keine Daten für die gesamten Vereinigten Staaten vorlagen, sondern nur für 30 Bundesstaaten und auch die Daten für das Verarbeitende Gewerbe sind nicht komplett. Und auch eine zweite Einschränkung nennen die Autoren: Unsere Welt ist heute angesichts globaler Lieferketten, einer größeren Bedeutung von Dienstleistungen anstelle des verarbeitenden Gewerbes und angesichts einer sehr viel besseren Kommunikation nicht vollständig mit der Welt von 1918 vergleichbar.

Damals wie heute könnte aber der Titel der Arbeit zutreffen: Die Pandemie richtet wirtschaftlichen Schaden an, nicht ihre Bekämpfung.


14 Lesermeinungen

  1. Anleihenaufkäufe der EZB als Altpapier entwerten.
    Was hindert die EZB daran, aufgekaufte Anleihen einfach wertlos zu stellen und abzuschreiben, quasi auf diese Art einen Schuldenerlass vorzunehmen.
    Ob die EZB frisches Geld sofort im Feuer verbrennt oder gekaufte Anleihen im Feuer verbrennt macht doch keinen Unterschied.
    Es nützt nichts, auf Anleihen zu sitzen, die nur durch neue Anleihen getilgt werden.
    Das Geldsystem würde dadurch nicht zerstört werden.
    Buchhalterisches Kleindenken und Centfuchserei ist auf Dauer nicht zielführend und schädlich für das Geldsystem.

    • Das Geld folgt der Wirtschaft, nicht die Wirtschaft dem Geld
      Wenn Ressourcen brachliegen, Leistungen, die verfügbar wären nicht abgerufen werden, weil es an Liquidität mangelt, dann ist der Schaden ungleich größer, als wenn man ein paar faule Kredite abschreibt.
      Dies ist übrigens eine der bleibenden Lehren, die man aus der Weltwirtschaftskrise gezogen hat. Nicht immer gilt: dem schlechten Geld kein gutes hinterherwerfen.
      Wenn jemand mehr verbraucht als er leistet, dann hat man zwei Möglichkeiten: 1. man stellt fällig und der Schuldner geht pleite 2. Man saniert ihn und bekommt mehr Geld zurück als ohne die Sanierungsmaßnahme.
      Statt die Probleme zu lösen, wollen sich hier viele darauf beschränken den Verursacher zu bestrafen. Das ganze möglichst hart, damit ihm dies und etwaigen Nachahmungstätern eine Lehre ist. Was soll das bringen?

  2. Niemals darf eine »moralisch richtige« Einstellung über die Verfassung gestellt werden.
    Ferdinand von Schirach schreibt in „Die Würde ist unsere Antwort“:
    „Wir machen Fehler, wir machen sie immer wieder, es ist unsere Natur – wir können gar nicht anders. Moral, Gewissen, gesunder Menschenverstand, Naturrecht, übergesetzlicher Notstand – jeder dieser Begriffe ist anfällig, sie schwanken, und es liegt in ihrer Natur, dass wir uns nicht sicher sein können, welches Handeln heute richtig ist und ob unsere Überlegungen morgen noch genauso gelten.
    Wir brauchen also etwas Verlässlicheres als unsere spontanen Überzeugungen. Etwas, wonach wir uns jederzeit richten und an dem wir uns festhalten können. Etwas, was uns Klarheit im Chaos verschafft – eine Richtschnur, die auch in den schwierigsten Situationen gilt. Wir brauchen: Prinzipien.
    Diese Prinzipien haben wir uns selbst gegeben. Es ist unsere Verfassung. Wir haben uns entschlossen, jeden Einzelfall nach ihr zu entscheiden. Jeder Fall ist an ihr zu messen und an ihr zu prüfen. An ihr – nicht an unserem Gewissen, nicht an unserer Moral und schon gar nicht an einer anderen, höheren Macht. Recht und Moral müssen streng voneinander getrennt werden.

    Niemals darf eine »moralisch richtige« Einstellung über die Verfassung gestellt werden. Das gilt jedenfalls in einem funktionierenden demokratischen Rechtsstaat.

    Unsere Verfassung ist also eine Sammlung von Prinzipien, die unbedingt und immer der Moral, dem Gewissen und jeder anderen Idee vorgehen muss. Und das höchste Prinzip dieser Verfassung ist die Würde des Menschen.“

    • Der Sabbath ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbath
      heisst es schon so schön in der Bibel. Wer sich an die Vorschriften hielt wäre niemals auf die Idee gekommen einen Kranken am Sabbath zu heilen.

  3. Viele Fehler in den Studien
    Es gibt viele Fehler in den Studien und Vergleichen, da diese m.E. tendenziös – je nach Ansicht der Verfasser – sind.
    So geht es z.B. laut Ausssage unserer politisch Verantsowrtlichen nicht um die Bekämpfung der Erkrankung ( was aktuell ja auch medizinisch (noch) nicht möglich ist), sondern den Schutz der Überlastung der Gesundheitssysteme. Die Auswirkungen lassen sich schon deshalb nicht vergelcihen, weil die Gesundheitsversorgung mit damals nicht einmal im Ansatz vergleichbar ist.

    Die Frage die wir uns stellen müssen, wie wollen wir mit solchen Krisen umgehen. Welche Risiken für den Einzelnen nehmen wir in Kauf, bevor wir als Gesellschaft reagieren.

    So hinkt der Vergleich zwischen der COVID 19 Pandemie und der Grippewelle 2017/2018. Dennoch haben wir die bestätigten 1674 Toten dieser Grippewelle (https://influenza.rki.de/Saisonberichte/2017.pdf) hingenommen. Es war ja auch im wesentlichen die „Fehlentscheidung“, dass auch aus Kostengründen damals nur ein dreifach Impfstoff verwendet wurde.

    Wir leben mit ca. 70.000 Toten ( https://www.mopo.de/ratgeber/gesundheit/74-000-tote-jedes-jahr-alkohol-bleibt-teufelsdroge-nr–1-in-deutschland—862408), die auf Alkoholmissbrauch zurück zu führen sind. Dennoch kann ich an jeder Supermarkt Kasse und jeder Tankstelle Schnaps kaufen ?

    Aktuelle Diskussion – Tempolimit. Tempo 100 auf Autobahnen schont die Umwelt und rettet Leben. Aber wird brauchen „Freie Fahrt für Freie Bürger“.

    Welche Risken müssen wir hinnehmen, weil sie u.U. gar nicht reduzieren oder verhindern müssen. Wir müssen genau hinschauen und darauf achten, dass wir die Realtionen nicht verlieren.

    Warum darf ich jetzt bei Sonne (Vitamin D – mal nachlesen !) in Sachsen nicht auf einer Parkbank verweilen, auch wenn sich der nächste Mitbürger mehrere Meter entfernt aufhält. Müssen wir alle Baumärkte schliessen, weil man über Internet bestellen kann. Wer verfolgt die „Online“ Infektionsketten durch den Paketboten u.v.m.!

    Die Diskussion hat gerade erst begonnen, aber Bitte nicht mit Daten von vor über 100 Jahren.

    • Ja, Vergleiche sind schwierig: So hat es keinen Sinn, ein Virus mit der Alkoholkrankheit und hoher Geschwindigkeit im Straßenverkehr vergleichen zu wollen. Die Ansteckungsgefahr macht das Virus anders.
      Gruß
      gb

  4. Alter der Hauptrisikogruppe
    War den Autoren auch bewusst, dass die Spanische Grippe die meisten Opfer in der Altersgruppe von 20 bis 40 forderte, also vor allem im Erwerbsleben stehende Menschen? Zusammen mit den Einwänden aus den vorherigen Kommentaren kommen hier so viele Faktoren zusammen in denen sich beide Epidemien unterscheiden, dass mir ein Vergleich von Äpfeln und Birnen noch aussagekräftiger erscheint.

  5. Titel eingeben
    Sehr geehrter Herr Braunberger,
    obwohl kein direkter Bezug zum Thema besteht, fände ich es interessant zu erfahren, welcher Meinung Sie bezüglich der Staatsverschuldung bei Zentralbanken und der Auswirkungen bzw. der Risiken einer solchen Politik, wie sie bereits seit längerem vor allem in Japan, aber auch in Europa und den USA zu beobachten ist, sind.

    MfG

    • Dazu habe ich im Laufe der Jahre hier im FAZIT-Blog, aber auch in der F.A.Z. viele Beiträge geschrieben.
      In aller Kürze und mit der damit verbundenen Vereinfachung:

      Ich halte Anleihekaufprogramme von Zentralbanken für ein aus geldpolitischer Sicht völlig legitimes Instrument – mit drei Einschränken:

      1. Anleihekaufprogramme sollten nur in Krisen betrieben werden. Daher hatte ich die Wiederaufnahme des EZB-Programms im Herbst vergangenen Jahres seinerzeit kritisiert, die Ankündigung des jüngsten Kaufprogramms aber nicht.
      2. Die Wirkungen von Anleihekaufprogrammen werden von Befürwortern wie von Gegnern häufig (und zum Teil grotesk) überschätzt. Wenn eine staatliche Zentralbank Staatsanleihen kauft, ist das aus der Sicht der privaten Wirtschaft in erster Linie ein Tausch staatlicher Vermögensgüter: Es werden Staatsanleihen aus dem Umlauf genommen, aber in gleicher Menge Guthaben bei der Zentralbank geschaffen. Staatsanleihen und Zentralbankguthaben sind nicht völlig identisch, aber in vielerlei Hinsicht ähnlich. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die Wirkungen weniger drastisch sind als oft vermutet.
      3. In einer Währungsunion mit souveränen Staaten hat man spezielle Aspekte (unter anderem rechtlicher Natur, aber auch mit Blick auf Anreiz- und Haftungswirkungen und mit Blick auf die Wirksamkeit, wenn sich die nationalen Finanzsysteme unterscheiden), die man im Nationalstaat nicht hat. Daraus leitet sich aus meiner Sicht nicht die Position ab, Anleihekaufprogramme wären in einer Währungsunion grundsätzlich unzulässig, aber es hat Folgen für die Ausgestaltung. Das ist aber ein weites Feld.

      Meine Position ist in keiner Weise originell. Ich denke, dass sie im Grundsatz von vielen Ökonomen geteilt wird.

      Gruß
      gb

  6. Titel eingeben
    Der wichtigste Unterschied zu den wirtschaftlichen Auswirkungen früherer Seuchen oder Pandemien bleibt hier völlig unberücksichtigt. Es sind weder die globalen Lieferketten noch der ausgedehnte Dienstleistungssektor noch veränderte Kommunikationstechniken. Es ist eine völlig aus dem Ruder gelaufene globale Finanzwirtschaft, auf die die Corona-Krise trifft. Die Erzählung, die Finanzbetrügereien aus der Zeit vor 2008 seien mit wahnwitzigen Geldmengen und Abschaffung der Zinsen zu einem „smooth landing“ gebracht worden, wird sich nun endgültig als Irreführung erweisen. Der Blick auf die nächtens und am Wochenende von den westlichen Zentralbanken in den letzten 10 Tagen als „Rettungsanker“ ausgeworfenen Maßnahmen, die in der Finanzgeschichte ohne Beispiel sind, hat einen gemeinsamen Nenner. Es ist die reine Panik und Verzweiflung. Leider ist das Gefühl begründet.

    • Mit Verlaub: Haben Sie sich schon mal mit der Entwicklung von Geldmengen, Staatsverschuldung und Realzinsen in der Zeit des Ersten Weltkriegs zum Beispiel in den europäischen Ländern befasst, in denen die Spanische Grippe ja auch wütete?

      Gruß
      gb

  7. Weltkriegsende fällt auch in diese Zeit
    Wird hier beachtet, daß sich die USA im genannten Zeitraum in der Umstellung ihrer Wirtschaft vom weltweit wichtigsten Lieferanten für kriegswichtige Güter zurück zu einer zivilen Wirtschaft befanden? Auch diese Umstellung hat m.E. zum Rückgang der Produktion geführt.

    • Das ist den Autoren bewusst. Sie haben versucht, den Einfluss der Spanischen Grippe in den Daten zu isolieren.

      Gruß
      gb

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