Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Vermächtnis eines Stars

| 12 Lesermeinungen

Die Wirtschaftswissenschaften haben eines ihrer größten Talente verloren: Im Alter von nur 41 Jahren ist am vergangenen Donnerstag der französische Ökonom Emmanuel Farhi völlig unerwartet verstorben. Farhi hatte innerhalb von 15 Jahren auf unterschiedlichen Gebieten der Volkswirtschaftslehre tiefe Spuren hinterlassen; nicht nur die Chefökonomin des Internationalen Währungsfonds, Gita Gopinath, sah in ihm einen „künftigen Nobelpreisträger“.

Emmanuel Farhi war Professor in Harvard und ein ausgesprochen fleißiger und belesener Wissenschaftler. Aus seinen zahlreichen Arbeiten können hier nur wenige betrachtet werden. Profitiert hat seine Vielseitigkeit sicherlich von seiner Unvoreingenommenheit. „Ich sehe meine Arbeit nicht in einer bestimmten Tradition“, sagte er einmal. „Ich suche Inspirationen aus unterschiedlichen Quellen und unterschiedlichen Traditionen.“

Sichere Kapitalanlagen, Zinsen und Besteuerung

Zusammen mit seinem Kollegen Ricardo Caballero hatte sich Farhi intensiv mit den wirtschaftlichen Folgen der seit langem beobachtbaren starken Nachfrage nach sicheren Kapitalanlagen befasst. Diese Nachfrage gilt als eine wichtige Ursache für den langfristigen Rückgang der Zinsen für sichere Kapitalanlagen. Caballero und Farhi haben die These aufgestellt, dass diese starke Nachfrage eine Rezession begünstigen kann, wenn der Zins auf Null fällt; dieses Phänomen bezeichneten sie als „Sicherheitsfalle“. Seines Erachtens seien die Vereinigten Staaten auf die Dauer mit der Rolle des wichtigsten Produzenten sicherer Kapitalanlagen überfordert, da sich ihr wirtschaftliches Gewicht in der Welt verringert, sagte Farhi in einem Interview. Wie nicht wenige französische Ökonomen war er an Fragen eines internationalen Währungssystems und der Rolle des Dollars als Weltwährung interessiert. „Es gibt hierzu heute wenige akademische Arbeiten“, sagte er im vergangenen Jahr. „Ich denke, das ist ein Fehler.“

Der Franzose warnte auch davor, dass eine Knappheit an sicheren Kapitalanlagen in Form von Staatsanleihen bonitätsstarker Länder Versuche begünstigen würde, private Kapitalanlagen als sicher zu betrachten, die sich im Nachhinein als unsicher herausstellen würden. Das Thema Finanzstabilität hatte Farhi sehr bewegt; hierzu hat er unter anderem mehrere Arbeiten mit dem Nobelpreisträger Jean Tirole veröffentlicht (zuletzt diese).

Die auch von deutschen Ökonomen diskutierte Frage, warum die Zinsen auf sichere Kapitalanlagen sinken, die Renditen auf Eigenkapital in den vergangenen Jahren aber weitgehend konstant geblieben sind, hat Farhi beschäftigt (zum Beispiel hier). „Es gibt eine Menge Vermutungen, was sich hinter diesem langfristigen Fall der Renditen für sichere Anlagen verbirgt“, sagte er. „Eine Sache, die ich für wichtig halte, aber manchmal in diesen Diskussionen übersehen wird, ist die Tatsache, dass nicht alle Ertragsraten parallel gesunken sind… Bei sicheren Kapitalanlagen spielt sich etwas Besonderes ab.“

Er sah in den Eigenkapitalrenditen in den Vereinigten Staaten auch einen wachsenden Anteil von Unternehmensgewinnen, die nicht aus wirtschaftlicher Leistung, sondern aus wachsender Marktmacht entstehen. Dieses in Amerika verbreitete Thema schwappt allmählich nach Europa über. Der Franzose war zudem Verfasser mehrerer Arbeiten zur Frage einer optimalen Besteuerung, wenn man die Annahme fallen lässt, dass sich Unternehmen und Private Haushalte immer völlig rational verhalten.

Fundamente einer neuen Makroökonomik

In den vergangenen Jahren wandte sich Farhi, der ursprünglich einmal Mathematiker werden wollte, der reinen ökonomischen Theorie zu, die er angesichts neuer mathematischer Verfahren und einer Vielzahl früher nicht verfügbarer Daten aus dem Wirtschaftsleben in vielerlei Hinsicht für nicht mehr zeitgemäß hielt. Zusammen mit seinem Kollegen David Baqaee verschrieb er sich einem weit in die Zukunft reichenden Forschungsprogramm, in dem er sich unter anderem mit der Frage befasste, ob die seit langem gebräuchlichen gesamtwirtschaftlichen Produktionsfunktionen überhaupt ein theoretisches Fundament besitzen. In diesen in Lehrbüchern verbreiteten Funktionen ergibt sich, vereinfacht ausgedrückt, die Herstellung von Gütern und Dienstleistungen durch die Kombination der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital unter Berücksichtigung der Produktivität.

Vor über einem halben Jahrhundert hatten Ökonomen der britischen Universität Cambridge in der sogenannten „Kapitalkontroverse“ gezeigt, dass diese Funktionen nur unter sehr eingeschränkten Bedingungen verwendbar sind, was den ökonomischen Mainstream allerdings nicht sonderlich interessierte. „Cambridge (UK) hatte gewonnen, aber die Kontroverse war zu exotisch und zu kompliziert“, urteilte der Franzose im Rückblick. „Sie führte nirgendwo hin.“ Farhi, der sich intensiv auch mit Arbeiten heute vernachlässigter Altmeister befasst hat, und Baqaee zeigen, wie man sich auf dem Stand der Kenntnisse unserer Zeit mit diesem Thema in modernen Netzwerkökonomien fruchtbar beschäftigen kann.

Hinter dem Forschungsprogramm von Farhi und Baqaee, das Farhi als „Macro as explicitly aggregated Micro“ bezeichnete, verbergen sich grundlegende Fragen. Die alte makroökonomische Theorie hatte früh sehr eingehende, aber auch sehr unkritisch zusammengestellte Aggregate wie die den gesamtwirtschaftlichen Konsum, die gesamtwirtschaftlichen Investitionen oder den gesamtwirtschaftlichen Kapitalbestand verwendet und es wurden meist sehr einfache Annahmen über das Verhalten dieser Größen („Die Veränderungen der privaten Investitionen hängen vor allem von Veränderungen des Zinses ab“) getroffen.

Vor knapp einem halben Jahrhundert begann, vorangetragen vor allem durch Robert Lucas, die Kritik an simplen Aggregationen einzelwirtschaftlichen Verhaltens zu gesamtwirtschaftlichen Größen einzusetzen, die das Ende der alten Makro einläutete. Das nächste Problem bestand allerdings darin, dass die neue gesamtwirtschaftliche Analyse lange Zeit auf Modellen aufbaute, in denen ein repräsentatives Individuum im Zentrum stand.

Die Kritik an dieser neuerlichen Simplifizierung führte vor allem in der Behandlung von Konsumentscheidungen zur Berücksichtigung von mehr Heterogenität; nunmehr verhalten sich nicht alle Menschen in der Wirtschaft wie ein „repräsentatives Individuum“. Dieses Prinzip wollte Farhi noch stärker und noch grundlegender auf gesamtwirtschaftliche Modelle anwenden und dabei unter anderem hinterfragen, wie heute der Produktivitätsbegriff verwendet wird. „Davis Baqaee und ich haben eine neue Messung von Produktivität hergeleitet für den Fall, dass es keinen vollkommenen Wettbewerb gibt, sondern Marktmacht“, erläuterte Farhi.

Für moderne Netzwerkökonomien ist ein solcher Ansatz auch wegen der vielen Daten, die über Unternehmen vorliegen, sehr reizvoll, zumal Unternehmen sehr heterogen sind und Marktmacht zunehmend wieder zu einem Thema wird. Aber dieser Ansatz stellt auch hohe Anforderung an die Modellierung – schon alleine deshalb dürften viele Ökonomen mit solchen Themen überfordert sein.

Corona

Zuletzt war der Franzose an mehreren Arbeiten über die Corona-Krise beteiligt. In einer Arbeit für Brookings vertrat er die These, dass die Politik auf eine zweite Welle nicht mit einem zweiten Lockdown reagieren sollte, dessen wirtschaftliche Konsequenzen verheerend sein könnten. Die Autoren begnügen sich aber nicht mit einer Gesamtbetrachtung der amerikanischen Volkswirtschaft, sondern zerlegen sie in 66 verschiedene Branchen, die untersucht werden. Die Autoren empfehlen keineswegs, gar keine Maßnahmen gegen das Virus zu unternehmen; sie stellen aber vor allem auf Vorsichtsmaßnahmen im Privatleben ab, die eine Verbreitung des Virus verhindern sollen.

Stärker theoretisch ausgerichtet ist eine andere Arbeit, in der wiederum die amerikanische Volkswirtschaft mit dem Blick auf einzelne Zweige betrachtet wird und in der die Autoren interessante Simulationen anstellen. So leiten sie aus den virusbedingten Angebotsbeschränkungen ein Inflationspotential von immerhin 10 Prozentpunkten her, das allerdings durch die erheblichen Nachfragebeschränkungen neutralisiert wird. Interessant, wenn auch sicherlich kontrovers, fallen ihre Schlussfolgerungen für die optimale Wirtschaftspolitik aus. Denn eine Stimulierung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage ist nur etwa ein Drittel so wirksam wie in einer „normalen“ Rezession.

Farhis Leben

Emmanuel Farhi hatte in seiner Jugend mehrere Elitehochschulen in  Frankreich besucht, war dann aber in die Vereinigten Staaten gewechselt, wo er seine Doktorarbeit am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) schrieb und schon mit 31 Jahren eine Professur an der berühmten Harvard University erhielt. Er war auch in der Politikberatung tätig. Ebenso gehörte er einer deutsch-französischen Ökonomengruppe an, die vor wenigen Jahren Vorschläge zur Weiterentwicklung der Eurozone unterbreitet hatte.

Farhi war ein Ökonom, der sich der Entwicklung möglichst leistungsfähiger Modelle auf die Fahnen geschrieben hatte; seine Ideen bezog er aber nicht selten aus der Wirtschaftspraxis. Einem Studenten sagte er einmal: „Modelle sind wie Magie. Du möchtest den Leuten den Eindruck vermitteln, dass Du ein Kaninchen aus dem Hut zaubern kannst, aber Du möchtest sie nicht wissen lassen, wie Du es hinein tust. Du musst sie überraschen!“ Auch versierte Ökonomen hat Farhi mit seinem Reichtum an Ideen immer wieder überrascht. Nachdem sich die Todesnachricht am Wochenende auf Twitter verbreitet hatte, herrschte dort große Betroffenheit. „RIP Emmanuel Farhi, ein Shooting Star. Super brillant, super nett, super bescheiden. Wir liebten Dich und hätten es häufiger sagen sollen“, schrieb Olivier Blanchard. Erik Berglof von der London School of Economics hielt fest: „Ein gewaltiger Verlust für das Fach – und für die Welt. Erdachte größer und mutiger als die meisten. Er hätte uns an neue Orte führen können – und vielleicht wird er das, wenn wir zu ihm aufschließen.“


12 Lesermeinungen

  1. Gerald Braunberger sagt am 31. Juli 2020 um 13:24 Uhr
    „Der Herr Bodo ist seit Jahren hier Gast mit diesem Programm … >Schmähung<“
    … das ist nun wirklich nicht satisfaktionsfähig. Blog ist ein Dialog. Aber nun gut.

    Zur Erinnerung:
    „FAZ-gb sagt:
    21. August 2012 um 08:21 Uhr
    Mathematik brauchen Sie in…
    Mathematik brauchen Sie in der VWL für Theorie und Empirie. Allerdings ist die Mathe, die man für ein normales Studium braucht, nicht sehr schwierig – wer die nicht meistert, hat in einem VWL-Studiengang nichts zu suchen.
    Und:
    FAZ-gb sagt:
    21. August 2012 um 11:29 Uhr
    Es kann für Studenten…
    Es kann für Studenten vorteilhaft sein, früh zu scheitern, anstatt nach 6 oder 7 Semestern endlich festzustellen, dass sie im falschen Fach sind. Wie gesagt: Wer in VWL an der Mathe scheitert, hat in VWL nichts zu suchen.“
    Genau. Wenn die Neoklassik zwei Bananen und zwei Äpfel addiert und eine dimensionslose 4 als Resultat präsentiert, dann ist es ein „normales Studium“
    Frage: Was ist die Neoklassik, wenn sie sich „weiß Gott nicht auf DSGE-Modelle beschränkt“? Man befrage (auch hiesige) Lehrbücher um – für eine Antwort in zwei Sätzen, ohne Verlinkungen, wäre ich dankbar.

    „FAZ-gb sagt:
    3. September 2012 um 21:59 Uhr
    „Die vielen sich auf die…
    „Die vielen sich auf die neoklassische gesamtwirtschaftliche Produktionsfunktion stützenden Makromodelle versagen verständlicherweise, da es eine neoklassische gesamtwirtschaftliche Produktionsfunktion nicht gibt. Da mogelt die damit verbandelte Lehrbuchliteratur liebenswürdig unverdrossen weiter.“
    Die Cambridge-versus-Cambridge-Kontroverse ist in der Tat Bestandteil der Dogmengeschichte, was immer man davon hält und ob es einem gefällt. Und die Ökonomen, die im Geiste Sraffas arbeiten (von denen ich ein paar kenne und sehr schätze), haben ihren Ansatz nicht in den Mainstream bringen können.“
    Tatsache ist, dass Sraffa in der gelehrten und von „der“ Neoklassik dominierten VWL mit keiner Silbe mehr erwähnt wird. Cui bono?

    „Gerald Braunberger sagt:
    31. Juli 2020 um 13:24 Uhr
    „Was als Tradition von Keynes vermarktet wurde, war überwiegend (von ein paar Arbeiten zum Zins abgesehen) Tradition von Kalecki. Der Name Kalecki ließ sich allerdings schlechter vermarkten als der Name Keynes – das gilt auch für jene deutschen „Postkeynesianer“, die heute Modelle in der Tradition Kaleckis verwenden.“
    Das ist ein Durcheinander: Kalecki war Stagnationstheoretiker (wie Steindl), wobei er einen Gedankengang von Keynes einfach weiterspann (das Problem „Disinvestment“). Das fehlt übrigens auch in Ihrem Buche https://fazbuch.de/produkt/keynes-fuer-jedermann/
    Für „Postkeynesianer“, welche mir bekannt sind, ist das lediglich ein einfältiges Einfallstor für mehr Staatinvestitionen. Sicher kennen Sie andere.

    Amüsierter Gruss
    B.B.

  2. Sg. Herr Braunberger,
    ich kann keinerlei Schmähung in meinen Argumenten finden.
    Etwas Humor hat hingegen, selbst in hochernsten geistigen Angelegenheiten noch nie geschadet.
    Dazu fand ich auch einmal eines schönen Ausspruch, eines verstorbenen Kollegen von Ihnen, Herrn Henri Nannen: „Humor ist Liebe. Er macht die Unzulänglichkeiten etwas zulänglicher, den Schaden etwas leichter, den Schmerz etwas erträglicher. Nur die Überheblichkeit macht er lächerlich, die lacht er aus.“
    Und was die neoklass. quasi ‚Monopol‘-Theorie, DSGE usw. betrifft, nehme ich außerordentlich viel Überheblichkeit wahr! -> Im Abgleich mit realwirtschaflichen globalen Schwierigkeiten, Herausforderungen (ganz ohne Spezial-Krisen-Umständen, wie einer Pandemie).
    Also wäre ‚dazu, im Sinne von Herrn Nannen wohl noch viel mehr Humor angebracht.
    Wobei ‚Magie‘ im wissenschaftlichen Kontext verwendet, ansonsten und üblicherweise in jeder Fach-Community für entsprechende Lächerlichmachung (oder Empörung) sorgen würde. Z.B. Medizin und Homöopathie. Wobei dort ein Glaube an ‚Magie‘ nicht einmal unwirksam sein muss (Placebo-Effekt).
    ….
    Man kann sich auch an Keynes orientieren, welcher für mich, nach Teil-Studium seiner Schriften, offensichtlich keinerlei Dogmatiker war (Wie vielleicht jedoch, einige seiner posthum-Anhänger?):
    „If the facts change, I change my mind, what do you do, sir?“
    Und die Fakten haben sich über die letzten ~30 Jahre im ökologisch-physikalischen Sinne (= an der Basis jeden wirtschaftlichen Wohlstands) am weitreichendsten – seit Beginn der industriellen Revolution – ins Unangenehme verschoben. Ein wachsender Markt ist sicherlich auch unter nicht-Zerstörung der Grundlagen möglich. Nur die Geldsummen, Geldschöpfungs-Gewinne, könnten dabei weder exponentiell rascher, und für die Finanz-Industrie, gewisse ReGIERungen nicht genug, weiterwachsen!?
    Reagieren die dekorierte(re)n Vertreter der Basis-Theorie angemessen, außer ein paar weitere (Neben-)Ergänzungen ‚irgendwo‘ dranzuhängen?
    Man kann neben Keynes‘ ‚Geld-Kritik‘; bspw. auch und ‚jüngeren‘ Datums N. C.-Roegen, und was er als ‚Bioökonomie‘ vorschlug, heranziehen (kein fertiger Ansatz, und sehr beachtenswert); und was heute darunter ‚praktisch‘ verstanden wird! Ob speziell, akademische, international beachtete Neoklassiker diesen Begriffsrahmen überhaupt (mit) berücksichtigen, weiß ich dabei nicht. ‚Besonderes‘ gefunden habe ich bislang nicht.
    MfG
    PS: Ich forsche aktiv und habe in puncto Nachhaltigkeits-Ratings & ökonomische Basis-Rechnungen, 2012/13 als auch 2015/16 zwei ernsthafte Forschungsprojekte angestoßen. Beides war aus Mangel an Kooperation (universitär, außeruniversitär), für mich als freiem Forscher ‚in Teil-/Freizeit‘, nicht bis zu einem zufriedenstellendem Ergebnis durchzuhalten. Ich halte weiterhin Ausschau, und bilde mich weiter. Inzwischen erscheinen mir die bio-physikalisch tw. irreleitenden CO2-Handels-Ansätze, in Zusammenhang mit den optimistischen Energie-Nutzungs-Wachstums-Prognosen, am Dringlichsten.

    • Der Vorwurf der Schmähung bezog sich nicht auf Sie. Der Herr Bodo ist seit Jahren hier Gast mit diesem Programm.

      Die Neoklassik beschränkt sich nun weiß Gott nicht auf DSGE-Modelle und über Keynes habe ich selbst einmal ein Buch geschrieben: https://fazbuch.de/produkt/keynes-fuer-jedermann/. Bekanntlich hat jeder Autor seinen eigenen Keynes; ich würde aber zu der Ansicht tendieren, dass Keynes durch die Cambridger Postkeynesianer nach dem Zweiten Weltkrieg mehr verzerrt worden ist als durch Hicks und die ISLM-Keynesianer (die aber auch wichtige Aspekte von Keynes nicht berücksichtigt hatten). Das gilt speziell für Joan Robinson, nachdem sie sich mit den Arbeiten von Kalecki und, in der Folge, Marx beschäftigt hatte. Was als Tradition von Keynes vermarktet wurde, war überwiegend (von ein paar Arbeiten zum Zins abgesehen) Tradition von Kalecki. Der Name Kalecki ließ sich allerdings schlechter vermarkten als der Name Keynes – das gilt auch für jene deutschen „Postkeynesianer“, die heute Modelle in der Tradition Kaleckis verwenden.

      Wie auch immer: Farhi gehörte nun allerdings zu jenen jüngeren Ökonomen, die sehr viel und sehr unvoreingenommen Altmeister unterschiedlicher Schulen gelesen haben und der sich bewusst nicht als Vertreter einer Schule verstanden hat.

      Gruß
      gb

  3. Ein Nachruf von Jean Tirole
    Hier ist ein bewegender Nachruf des Nobelpreisträgers Jean Tirole auf Emmanuel Farhi in französischer Sprache:

    https://www.lemonde.fr/disparitions/article/2020/07/30/emmanuel-farhi-economiste-et-professeur-a-harvard-est-mort_6047745_3382.html

    Gruß
    gb

  4. @ Reinhold Haidinger: "Ökonomie mit Realitäts-Bezug?"
    „The Sveriges Riksbank Prize in Economic Sciences in Memory of Alfred Nobel 1975 was awarded jointly to Leonid Vitaliyevich Kantorovich and Tjalling C. Koopmans „for their contributions to the theory of optimum allocation of resources.“
    Koopmans hat in seinem Buch „Three Essays on the State of Economic Science“ vor der freihändigen ökonomischen Interpretation der Mathematik gewarnt (z.B. die Verwechslung von Rente mit Profit). Dieses Problem ist ein noch nicht ausreichend transparentes Erbe des Fachs Operation Research/Ökonometrie in den USA der 1942ff Jahre.

    Als Mitherausgeber der FAZ hat Herr Braunberger
    ja auch andere Funktionen denn die Verfolgung neoklassischer Solidität.

    Maurice Alais hat ebenfalls u.a. in PUISSANCE ET DANGERS DE L’UTILISATION DE L’OUTIL MATHEMATIQUE EN ECONOMIQUE auf das Problem der Substitution ökonomischer Erkenntnisse durch Mathematik hingewiesen.

    Alles Déjà vu. Also schon die Ebene „Deutschland Sucht Den Superstar (DSDS)“, nicht „Star“ und „Sternchen“ ;-))

    Gruss

    B.B.

    • Wir wollen jetzt aber nicht behaupten, dass die Anwendung von Mathematik ein Alleinstellungsmerkmal der Neoklassik ist, oder? Die Kapitalkontroverse ist nicht mit Boxhandschuhen ausgetragen worden und die Arbeiten Bertram Schefolds aus den vergangenen Jahren dürften Ihnen vertraut sein. Diese Arbeiten profitieren ja geradezu von Techniken (Zufallsmatrizen im konkreten Fall), die früher Ökonomen nicht bekannt waren. (Die Ergebnisse dürften allerdings nicht allen Gegnern der Neoklassik gefallen, besonders nicht, was das famose Reswitching betrifft…)

      Joan Robinson konnte noch damit kokettieren, dass sie keine Mathematik beherrschte, aber schon Kaldor hätte ohne die Unterstützung seines mathematisch versierten Kollegen Champernowne so manches Papier nicht zustande gebracht. Und die neueren, an Kalecki angelehnten postkeynesianischen Modelle kommen auch nicht ohne Mathematik aus. Aber auch das ist Ihnen etwa aus den Berliner Konferenzen der Postkeynesianer hinreichend bekannt.

      Gruß
      gb

    • ein kleiner Nachtrag ergänzt, betreffend 'Star-Ökonomie'
      Sehr geehrte Herren, danke für die erweiterten Einblicke. Was einen Anreiz ergab, nun ein paar weitere Gedanken zu teilen.
      Keine seriöse Ökonomie kommt ohne Unmengen von Zahlen-Informationen aus, korrekt.
      Doch die Neoklassik ist die einzige Richtung, die sich mit einem ‚Total-Modell’ positioniert, mit nach Quellen-Einschätzungen ca. ~80% Anhängerschaft im gesamten Fach. (Abgesehen von der sowjetischen Ära vielleicht. Dort waren angeblich die meisten (theoretischen) Ökonomen aller Zeiten – mit einem fixem Modell -beschäftigt.)
      Als Sustainability überzeugter Real-Wirtschafts-interessierter Ökonom (Geldwirtschaft als wesentliches Assistenzsystem, und nicht absolut dominierend) entnehme ich z.B. der Stützel’schen Saldenmechanik mehr Grund-Aufschlussreiches über die Bilanzierungs-Welt, Kredit-Schulden-/Vermögensrechnungen, als auch nur im Ansatz von der mir als Nicht-Mathematiker sowieso weithin verschlossenen ‚Magie‘ gesamt-neoklassischer Modell-Theoreme. Der Verständnis-Zeitaufwand lohnt sich dort für Realwirtschaftler auch nicht, mehrmals ausprobiert.
      Das Bilanzwesen und seine Verknüpfungen halte ich schließlich für das System-Kernelement des Kapitalismus, mit absichtlichen? Lücken (keine Vermögensbilanzen von Staaten (nur Schulden?), keine bilanzierten Naturwerte (auch nicht für Rohstoffe).
      Und selbst Keynes wurde von der Neoklassik posthum noch zur quasi ‚Unkenntlichkeit‘ vermixed (IS-LM-Modell). Erstaunlich immer wieder, auf welch fundierte Einsichten/Erläuterungen man noch stößt, wenn man aufmerksam nach Grundlegendem forscht.
      Die aller-komplexesten mathematischen Modelle findet man in der Finanzwelt. Top-Hedgefonds-Manager wurden schon zitiert, dass sie manchmal ihre eigenen (Risiko?)Modelle nicht mehr ausreichend verstünden. Wie ‚lustig‘ wird es erst mit (noch) mehr KI? Vollkommener Blindflug und ‚aus‘.
      Erinnerungswürdig dabei auch die Geschichte einer ‚kleineren‘ Finanzkrise, 1998 ausgelöst durch den Kollaps des LTCM-Fonds, einer Finanz-Technologie-Gründung von Nobelpreisträgern für spezielle mathematische Formeln/Modelle. Soeben auch als FAZ-Geschichte ergoogelt.
      beste Grüße
      danke für die humorvolle DSDS-Analogie ;)

    • Ich habe auch noch einen Nachtrag.

      „Andererseits muss auch gesagt werden, dass der Postkeynesianismus in der Tat überaus kritisch mit dem Mainstream umgeht (was natürlich auch seiner diskriminierten Situation geschuldet ist). Die Möglichkeiten, mit dem innovativeren Rand des Mainstream zusammenzuarbeiten, bleiben weitgehend ungenutzt. Von Seiten der Postkeynesianer gibt es nur relativ wenige Versuche, mit diesen Strömungen zu kommunizieren.“

      Geschrieben 2009. Da hat sich nicht viel geändert, oder? Man kann schlecht gleichzeitig auf dem Spielfeld mitmischen wollen und von der Seitenlinie Schmähungen auf das Spielfeld rufen…

      Quelle: file:///C:/Users/braun/Documents/2009_35_3_0329.pdf

      Gruß
      gb

  5. Ökonomie mit Realitäts-Bezug?
    Nachrufe sind zurecht meist menschlich ehrerbietend.
    Als Ökonomie-Kenner muss man jedoch den berechtigten Einwand setzen: ‚Stars‘ oder ‚Sternchen‘?
    „Modelle sind wie Magie …“, dies klingt vorrangig ‚nach‘.
    Mit ‚Magie‘ und/oder (Finanz)‘Alchemie‘ ist in einer real auf ökologisch-physikalischen Gesetzmäßigkeiten gegründeten Welt, jedoch gar wenig angefangen
    Sollte eine Zeit gemäße Wissenschaft vom/über das Wirtschaften nicht fortschrittliche Erkenntnisse anbieten, wie man NICHT um des Fiat-Geldes (‚aus dem Nichts‘) willen, systematisch (doch systemisch unaufgeklärt?) brutal beschleunigt auf die ökologisch-physikalische Grenz-Wand zusteuert?
    Mit Realitätsbezug und zur Seriosität ökonomisch-mathematischer Fabulierkunst, ist vor allem Nicolas G. Roegen (1906-1994) als geistiger Gegenbeweis empfehlenswert: Zu mathematischen Modellen in der Ökonomie, meinte der ebenso promovierte Mathematiker, dass „ökonomische Phänomene nicht mit einem mathematischen System beschrieben werden können“, bzw. die Verkürzung wirtschaftlicher Abläufe auf mathematische Formeln halte er für falsch, weil dabei alle qualitativen Unterschiede verloren gehen und weil diese Abläufe – anders als die Formeln nahelegen – nicht umkehrbar sind. Stattdessen forderte er eine Analysemethode, die den entropischen Charakter des Wirtschaftsprozesses erfasst, den die Ökonomen bis dahin völlig übersehen hatten. (Quelle: weltsichten-org; Roegen ‚The Entropy Law and the Economic Process‘, 1971).
    Sehr klare Einsichten zur Gegenwart ökonomischer Theorie-Qualitäten liefert ebenfalls der bemerkenswerte Ökonomen-Kopf James K. Galbraith, welcher als Fach-Außenseiter, in seinem Werk ‚The End of Normal. The Great Crisis and the Future of Growth‘, 2014, u.a. folgendermaßen Stellung bezieht: Aus seiner Sicht verdingen sich die allermeisten High Class-Kollegen als Süß- oder Salzwasser-Ökonomen. Sie verwenden dabei dieselben Modelle, fühlen sich erfüllt/berauscht von deren ‚mathematischer Schönheit‘, und zanken sich, Sinn gemäß zitiert: rundum wohlversorgt, höchstens um des ‚Kaisers Bart‘, zB mit am Liebsten – um ‚mehr oder weniger Staat‘. Die mathematische Formal-Komplexität schütze, seiner nicht alleinigen Ansicht nach, zuvorderst vor unangenehmer Realitäts-bezogener Fundamental- Kritik.
    Da kann man dann wohl ganz getrost auch den Begriff ‚Magie‘ ins Spiel bringen. Als einzig ehrlichem Selbst-Reflexions-Anteil?
    Aus Zeit-Zeugen-Sicht kann man ebenso das ‚auf modern‘ getrimmte, neoklassische Standard-Modell hinweisen: Dynamic-Stochastic General Equilibrium Model, in sprachlicher Deutlichkeit: dynamisches vom Zufall abhängiges allgemeines Gleichgewichts Modell. Noch beliebiger geht’s wohl schwer, egal welch ‚coole Mathematik‘ da mit rein oder dran gepackt wird. Clevere Form-Sprache überdeckt dabei die inhaltliche Leere.
    Last but not least zitiere ich Charles Hall (Hall recently co-authored a book on the biophysical perspective, with economist Kent Klitgaard: Energy and the Wealth of Nations: Understanding the Biophysical Economy (2011). …. How do these economic arguments relate to people’s day-to-day lives?
    Doesn’t it mean food on the table, a roof over your head, gas in your car—a car itself? So economics isn’t really about money. It’s about stuff. We’ve been toilet trained to think of economics as being about money, and to some degree it is. But fundamentally it’s about stuff. And if it’s about stuff, why are we studying it as a social science? Why are we not, at least equally, studying it as a biophysical science?
    MfG

  6. Fiskalunionen
    Christian Odendahl hat auf Twitter an eine Arbeit von Farhi/Werning über Fiskalunionen erinnert, die gerade in diesen Tagen von besonderem Interesse sein mag.

    Hier ist der Link:

    https://scholar.harvard.edu/farhi/publications/fiscal-unions

    Danke für den Hinweis!
    Gruß
    gb

  7. Ich kenne Farhi nicht, deshalb maße ich mir auch nicht an, ein Urteil über ihn fällen zu können
    Allerdings sind die Zinsen auch für unsichere Staatsanleihen nahe Null. Meines Erachtens sich wohl die Eingriffe der Politik in die Zentralbanken bzw. die Bestellung genehmer Zentralbankpräsidenten viel stärker für die niedrigen Zinsen verantwortlich.

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