Deus ex Machina

Deus ex Machina

Über Gott und die WWWelt

Punkt, Punkt, Komma, Strich

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Facebook hat seine lang erwartete Gesichtserkennung gestartet. Datenschützer hyperventilieren, finden aber keinen Ansatzpunkt, um gegen diese Anwendung aktiv einzuschreiten.

Sicher, so richtig überraschend kam es nicht, als Facebook seine Gesichtserkennung vorige Woche auch in Deutschland startete. Heißt ja schließlich nicht umsonst Facebook, wie manch ein oberschlauer Kommentator dazu vermerkte. Und basierte nicht auch schon der von Mark Zuckerberg zu seinen Uni-Zeiten entwickelte Facebook-Vorgänger Facemash auf Personenfotos? Über deren Attraktivität durften die User im Internet abstimmen – und die abgebildeten Personen wurden nicht vorher gefragt, ob sie ihr Konterfei für diesen Attraktivitäts-Contest hergeben.

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Gemessen daran kommt die Personenerkennung von Facebook als deutlich kleineres Übel daher. Die Social-Media-Plattform preist ihr Feature nachgerade als Erleichterung für die vielen Benutzer, denen es zu lästig wird, beim Hochladen von Fotos die Namen der Abgebildeten immer wieder neu von Hand einzugeben. Jetzt gleicht die Software jedes hochgeladene Bild mit Gesichtern aus der Freundesliste ab. Glaubt die Software einen der Freunde auf dem Bild zu erkennen, etwa anhand von früher von Hand eingetragenen Markierungen, schlägt sie vor, auch das neue Bild mit dessen Namen zu markieren, also zu „taggen“. Mehrere Bilder, in denen das Programm die gleiche Person zu erkennen meint, werden so nebeneinander gruppiert, dass der Benutzer sie einfacher in einem Aufwasch markieren kann.

Dass diese bahnbrechende Neuerung von der Nutzerschaft frenetisch bejubelt wird, wäre indes gelogen. Was Wunder – wenn schon nicht wenige Zeitgenossen bei der Abbildung ihrer Hausfassade im Internet ein mulmiges Gefühl verspüren, löst die automatische Verknüpfung eines Personenfotos mit dem dazugehörigen Namen bei vielen noch ganz andere Horrorvorstellungen aus. Etwa die Sorge, sich vielleicht bald gar nicht mehr unerkannt im öffentlichen Raum bewegen zu können – so wie in dem beklemmenden Hollywood-Film „Minority Report“ mit den allgegenwärtigen Iris-Scannern. Oder ganz simpel: Ein Unbekannter hält sein Handy in meine Richtung, und schon liefert ihm eine Erkennungssoftware meinen Namen und was die Suchmaschine alles dazu noch ausspuckt. Googles Handy-Betriebssystem Android kann das im Prinzip schon, allerdings hat der Suchmaschinenriese diese Funktion aufgrund zu erwartender massiver Proteste nicht freigeschaltet.

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Aber auch an der entschärfteren Facebook-Gesichtskontrolle entzündet sich Kritik. Da ist mal wieder die notorisch schlechte Informationspolitik des Social Networks: Änderungen werden einfach implementiert ohne große Ansage. Nun hat ein Sprecher gegenüber der BBC eingeräumt, das Unternehmen hätte da vorher besser informieren sollen. Aber sonderlich glaubhaft klingt diese Zerknirschung nicht, ist es doch seit Jahr und Tag der übliche modus operandi, erst mal ungefragt neue Einstellungen vorzunehmen und es dann dem Benutzer zu überlassen, wie er die Änderungen wieder aus der Welt schafft, wenn er denn überhaupt merkt, dass jetzt gewisse Dinge anders funktionieren.

Und dann – man ahnt es bereits – ist da natürlich noch der Datenschutz-Aspekt. Gegenüber dpa bezeichnete der Hamburger Datenschützer Johannes Caspar die Sammlung von biometrischen Merkmalen von Millionen Menschen als „hochbrisant“. Für dieses Feature müsse bei Facebook permanent eine gigantische Datenbank im Hintergrund laufen. Hier bestehe erhebliche Missbrauchsgefahr. Zudem habe es Facebook versäumt, die Nutzer ausdrücklich in Kenntnis zu setzen. Wer nicht mitmachen wolle, sei gezwungen, die Funktion zu deaktivieren.

Freilich muss der Datenschützer auch einräumen: Ob der Facebook-Gesichtserkennung mit deutschen Datenschutzbestimmungen überhaupt beizukommen ist, bleibt die große Frage. Facebook vertritt den Standpunkt, dass die Nutzungsverhältnisse aller europäischen Nutzer nach Irland umgestellt wurden. Das hätte, wenn man sich dieser Rechtsauffassung anschließt, die kurios anmutende Konsequenz, dass deutsche Datenschützer angehalten wären, auf die Einhaltung irischer Spielregeln zu pochen, auch wenn diese von deutschen Bestimmungen abweichen. Zwar würde man die rechtlichen Möglichkeiten derzeit prüfen, sagt Caspar, „aber unser Einfluss ist da begrenzt.“

Facebook-Verantwortliche hingegen betonen, jeder Nutzer könne die Erkennungsfunktion für sein Gesicht jederzeit abschalten und bereits vorhandene Namens-Tags löschen. Zudem erzeuge da Feature streng genommen ja gar keine neuen Daten. Und unterm Strich bringe das Markieren den Nutzern mehr Kontrolle als vorher: „So sehe ich wenigstens sofort, wenn jemand ein Foto von mir hochlädt“, so Facebook-Sprecherin Tina Kulow gegenüber Focus Online. Mit welchen Klicks in welchen arkanen Untermenüs die Einstellungen zu ändern sind, damit das eigene Gesicht möglichst unmarkiert bleibt, ist inzwischen auf fast allen relevanten Sites beschrieben worden. Allerdings sollte sich der Nutzer damit nicht in falscher Sicherheit wiegen, er hätte das Thema Gesichtserkennung vom Hals. Das Programm versucht auch weiterhin, Namen und Gesichter möglichst umfassend zu verknüpfen, und bisher gesammelte Tags zu einem Gesicht werden auch nicht gelöscht durch das Deaktivieren der Funktion. Dazu muss der Nutzer eigens eine Mail an den Facebook-Support schreiben und um Löschung der bereits gespeicherten Daten ersuchen. Und wird man erneut markiert von einem Freund, muss man dieses Procedere wiederholen, wenn einem die Löschung der neuerlichen Tags wichtig ist. Eine Möglichkeit, seine Profileinstellungen so zu ändern, dass man generell nicht mehr markiert werden kann, gibt es bei Facebook nicht, resümiert der Blogger Richard Gutjahr und gibt den Nutzern daher den nicht ganz ernst gemeinten Rat: „Immer schön lächeln!“

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Was bleibt auch anderes übrig, solange der Leidensdruck nicht groß genug ist, der Plattform endgültig den Rücken zu kehren? Man muss das neue Feature für sich betrachtet tatsächlich nicht für eine Geißel der Menschheit halten, auch wenn es – konsequent weitergedacht und in einem größeren gesellschaftlichen Kontext betrachtet durchaus problematische Implikationen hat. Es bleibt mal wieder das blöde Gefühl, man säße wie der sprichwörtliche Frosch im Kochtopf, und die Temperatur der Herdplatte wird immer nur so weit erhöht, dass dem Frosch zwar heißer wird, aber nicht so viel heißer, dass er aus dem Kochtopf spränge. Und am Ende ist er doch gut durchgekocht, der Frosch.

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  1. Ich glaube, die Zahl der FB...
    Ich glaube, die Zahl der FB Nutzer, die sich tatsächlich Gedanken macht, ist doch sehr gering.
    Und das wird leider von diesen skrupellosen Datensammlern und -verknüpfern ausgenutzt.
    Man will den Frosch auch garnicht kochen, sondern ihm vermeintlich zielgerichtet einreden, dass er Krönchen und anderes kaufen soll, weil er ein Prinz sei.

  2. "...ist es doch seit Jahr und...
    „…ist es doch seit Jahr und Tag der übliche modus operandi, erst mal ungefragt neue Einstellungen vorzunehmen und es dann dem Benutzer zu überlassen, wie er die Änderungen wieder aus der Welt schafft,…“

    So abartig diese Vorgehensweise auch ist-schliesslich machen sich die wenigsten Nutzer darüber Gedanken und spenden unfreiwillig Informationen- mit welchem Druckmittel soll dieses verhindert werden, wenn selbst bei der Neuausstellung eines Personalausweises erst einmal alle Funktionen aktiviert werden. Diese muss man, sofern man es wünscht, was wiederum das Wissen um diese Funktionen voraussetzt, bei Abholung sperren lassen.

    Tolles Vorbild

  3. Sagt der Geselle Jupp zum...
    Sagt der Geselle Jupp zum Meister Tebbe: „Meister, wat soll ich denn nu machen, de Brötchen sin alle gebacken?“
    Meister Tebbe: „Dann trek di doch de Bux runter und lass din Arsch zum Fenster raushängen!“ (Geselle begibt sich zum Fenster der Backstube und lässt seinen nackten Hintern zum Fenster raushängen.)
    Feierabend. Meister Tebbe zum Gesellen, bevor er ihn nach Hause schickt:
    „Un Jupp, haste gemacht wat ich di gesacht hab?“ (Geselle nickt.) „Un, wat ham die Leute gesacht?“ Geselle: „Moin Herr Tebbe, haben se gesacht.“
    .
    Punkt, Punkt, Komma, Strich… wie sehr ich mir das wünschen würde für Gesichtsbuch… Marco, wollen Sie nicht vielleicht den Anfang machen?

  4. @Don Ferrando: Ja, so in etwa...
    @Don Ferrando: Ja, so in etwa meinte ichs auch – also im Sinne von weichgekocht. ;-)
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    @ego: Stimmt, die Verwaltung liefert da auch nicht gerade best-practice-Beispiele. Und man muss tatsächlich sehen, dass sich die meisten Nutzer da keinen großen Kopf machen. Die Aussage von Facebook, pro Tag würden 100 Millionen Fotos getaggt, steht im Raum. Wobei ich nicht so genau weiß, ob da Schlagworte wie „Eiffelturm“ oder „Strandimpressionen“ auch mitzählen. Wie auch immer: Für großes Problembewusstsein spricht diese Zahl jedenfalls nicht.

  5. @muscat: Hihi, auf Platt...
    @muscat: Hihi, auf Platt entbehrt der alte Witz in der Tat nicht einer gewissen Komik. ;-)
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    Und zum „Anfang machen“: Zu spät, bin ja auch schon ein Stück weit assimiliert im FBorg-Würfel (siehe drittes Bild). Aber Profilbilder werden von der Gesichtserkennung eh nicht berücksichtigt, ließ sich eine Sprecherin irgendwo vernehmen, von daher hätte ich mir die Sonnenbrille im Prinzip auch sparen können.

  6. Man weiß doch langsam, wie...
    Man weiß doch langsam, wie Facebook tickt. Acheslzuck.
    Soll man halt raus, wenn einem so etwas nicht gefällt.
    Heute ist es die Gesichtserkennung, morgen ist es irgendein anderes Gemogel.
    Es hört doch bei fb nicht auf, es ist Prinzip.

  7. @ Marco Settembrini di Novetre...
    @ Marco Settembrini di Novetre
    „Es bleibt mal wieder das blöde Gefühl, …“
    Stimmt, bleibt es. Ich gebe aber unumwunden zu, dass ich dieses Gefühl auch früher schon hatte – und vermutlich fälschlicherweise. Trotzdem verweist Ihr Gefühl auf einen tatsächlich existierenden Mechanismus – gesellschaftliche Umschwünge (insbesondere radikale) haben häufig eine seeehr lange Vorlaufzeit, in der sich die Temperatur – durch die Zuführung (isoliert betrachtet) kleiner Mengen von Brennmaterial – kurzfristig jeweils nur sehr wenig erhöht, bis plötzlich Wasserdampf in enormen Mengen aufsteigt und jeder verblüfft fragt, wo der denn herkommt.
    Gruss,
    Thorsten Haupts

  8. @Vroni: Naja, sooo...
    @Vroni: Naja, sooo unterkomplex ist diese Güterabwägung ja nun auch wieder nicht. Ich bin gar nicht mal sonderlich aktiv auf FB und pflege da auch keine hunderte Kontakte, aber um mit paar Leutchen, die sich sonst recht rar machen, bisschen Ellbogen zu reiben, hats schon seinen Nutzen für mich. Und ob der jetzt dahin ist wegen dieses Fotofeatures (das mich mangels bildlicher Präsenz wahrscheinlich selber gar nicht groß betreffen wird), kann ich so nicht sagen. Ich wandere ja auch nicht gleich aus der Bunzrepublik aus, wenn ich mal Kritik am politischen System oder seinen Akteuren übe.
    .
    @ThorHa: Ja, da ist was dran. Aber von „fälschlicherweise“ würde ich gar nicht reden. Nur weil es heute im Topf wesentlich heißer ist, war das frühere Empfinden von Temperaturerhöhung ja nicht falsch. Es relativiert sich halt nur aus der Ex-post-Perspektive.

  9. "...nachgerade als...
    „…nachgerade als Erleichterung für die vielen Benutzer, denen es zu lästig wird, beim Hochladen von Fotos die Namen der Abgebildeten immer wieder neu von Hand einzugeben. …“
    Viel zu selten wird von Kritikern erwähnt, dass es diese BEQUEMLICHKEIT ist, die viele – langfristig schädliche oder teure – Dinge erst ermöglichen: Alles ist machbar, also machen wir alles, PLUS: alles wird bequemer, also kaufen wir’s. Ob Kreditkartenwedeln an der Supermarktkasse, oder eben dieses „lästige“ oben erwähnte Eintippen.
    Natürlich sind dafür die Jüngeren eher zu kriegen als die Alten. Denn zur Bequemlichkleit kommt noch der Reiz des „Neuen“, dem natürlich eher junge Leute verfallen, wie man an der Mode – inkl. Musik – gut sehen kann.
    Bis die kapieren, was Facebook eigentlich ist: eine Datensammel- und verhöker-Firma, (falls sie’s überhaupt kapieren) … ach, es ist…
    „Alle sind so doof und ich bin ihr Chef“ (aus: Asterix).
    Oder: „They trust me – Dumb fucks.“ (von: Zuckerberg)
    .

  10. Doch, lieber Marco S.,
    fb ist...

    Doch, lieber Marco S.,
    fb ist genaus das: eine Bunzrepublik.
    Aus der man locker auswandern könnte.
    Die paar Kontakte kann man auch anders halten.
    .
    Nur ein Beispiel:
    Mir wollte kürzlich ein Illustrator fb schmackhaft machen. Er sagte, er verstehe nicht, weshalb Agenturen das so wenig nutzten, bei ihm wäre das toll und es kämen viele Anfragen rein.
    Gehe ich auf seinen Account und ich sah nur Grabesruhe, keine Status-Meldungen (weder fremde noch eigene) keine Diskussionen, Arbeiten auch nicht. Sehr dünn.
    Ähm. Der kriegt über fb nix rein. Allein die Hoffnung war Vater des Gedankens, aber nur.
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    Kann es sein, dass es einen brain-shift geben hat, der jedem (privat oder geschäftlich) suggeriert, es wäre das big thing? Auweia.

  11. @jeeves: Und ich dachte schon,...
    @jeeves: Und ich dachte schon, ich hätte altsackige Ansichten. ;-) Aber Sie haben ja so recht, das unreflektierte machen, weil mans kann, das ist das eine Übel. Und die Straße zur Hölle ist bekanntlich mit lauter Bequemlichkeiten gepflastert. Das predige ich ja auch immer den Vögeln und den Tieren im Walde wie der heilige Franziskus – aber die glotzen mich nur an…
    .
    @Vroni: *würg* Mit diesem Argument hat man mir schon OpenBC/Xing im Vorfeld verleidet, gerade Du als Freiberufler müsstest da doch was reißen können, und alle anderen machen das auch und haben da schon was weiß ich was für Lebensaufgaben akquiriert. Jaja…
    .
    Bei fb bin ich rein (wenn auch nicht mit Klarnamen), weil das wirklich nur just for fun zu sein schien – und wie gesagt eine Möglichkeit versprach, mit ein paar Leutchen Kontakt zu halten, die sich auf anderen Kanälen etwas rarer machen. Dazu bisschen Businesskontakte in homöopathischer Dosis und ein paar nette Bloggerkontakte. Klar, ließe sich auch anders bewerkstelligen, wenn man wollte, aber hey, im Moment passts noch. Und sollte ich rausfliegen wegen des Verstoßes gegen die Klarnamenspflicht, sehen wir weiter, ob ich das dann noch haben muss.

  12. Marco, fb ist halt nix für...
    Marco, fb ist halt nix für Klardenker.

  13. @ Marco Settembrini di Novetre...
    @ Marco Settembrini di Novetre XING/OpenBC
    Pruuust. Kennen Sie die Übersetzung von BC von XING-Veteranen? OpenBaggerClub :-)))))). Und das ist nach meiner (zugegebenermassen begrenzten, mein Profil schläft seit 2 Jahren) Erfahrung ziemlich exakt. Business ist die Plattform bestenfalls für Klein-Freiberufler (nebenberufliche Hausfrauen, freiberufelnde Studenten etc.), die wenigen mit wenigstens etwas Gewicht im „Business“ sind so schnell verschwunden wie angekommen.
    Gruss,
    Thorsten Haupts

  14. „Man is least himself when...
    „Man is least himself when he talks in his own person. Give him a mask and he will tell you the truth“
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    -Oscar Wilde.
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    Einer der schönsten Effekte, die das Internet brachte, war für mich, dass man meist sein Gegenüber nicht sah und nichts darüber wusste. So wurden interessante Diskussionen mit interessanten Menschen möglich, mit denen man sonst nie gesprochen hätte, schon gar nicht über solche Dinge. Da wirbelten die Perspektiven. Oder man konnte sich eine Instant-wegwerf-Identität zulegen, und mal anders sein, und gucken, wie sich das anfühlt. Wenn nicht mehr zählt, WER etwas sagt, dann zählt, WAS gesagt wird, das Argument. Das führte zu einer neuen Art von Rationalität. Peer-group-leader, Ideologen und Poser hatten da wenig Chancen. Außer, sie verlagerten ihre Aktivität nun ins verbale, soweit das ging. Geschckte Rhetoriker hatten auch hier Oberwasser. Aber auch Ehrlichkeit wurde zum Trumpf, der sticht. Marginalisiertes kam zum Vorschein und äußerte sich, manchmal zum ersten Mal. Manche beschimpften sich aber auch nur.
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    Zur Gesichtserkennung: Der ganze Schwindel von wegen „das ist doch freiwillig, und die Leute wollen das“ wird ja an der Stelle deutlich, wo mit mißverständlich-verschleiernder Big-Brother-Sprache darüber „informiert“ wird, und man sich manuell nachträglich aus der Funktion austragen muss (opt-out). Opt-in, mit der klaren Ansage „willst du die Faceook-Gesichtserkennung aktivieren und dann technisch oder von anderen Usern auf Fotos identfiziert werden“ – und die Innovation würde wohl eher zum Flop.
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    Im Kopf eines Facebookusers möchte ich aber sowieso nicht zuhause sein, die kognitive Dissonanz muss doch teils unerträglich sein:
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    „Toll, alle meine Freunde, ich bin vernetzt und beliebt. Doof irgendwie, mit dem Datenschutz, aber naja, die anderen machen das doch auch. Hey super, die Susi hat mir was geschrieben. Gesichtserkennung, hm, vielleicht ja ganz witzig, aber irgendwie fühl ich mich auch unwohl damit. Oh guck mal, der Tobi macht ne Party! Mensch, wolltet ihr mir nicht beim Umzug helfen, wo wart ihr denn? Och nö, schon wieder so ein Stalker, was kann man denn da machen? Hehe, witzig, was da jemand wieder gepostet hat, like ich doch glatt mal. Mann, die Werbung geht mir langsam echt auf den Sack, ich dachte, die wär personalisiert?! Ich bin ganz freiwillig hier, es ist meine eigene Entscheidung. Aber wenn ich den Account zumachen würde, würde ich schon Bekannte verlieren, und würde auch gar nicht mehr mitbekommen, was los ist. Ekliger Typ eigentlich, dieser Zuckerberg. Hey, die Susi hat Fotos gepostet, richtig schöne! Oh, schon halb fünf?!“ – etcpp
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    Der sanfte Facebook-Totalitarismus, aber ganz freiwillig, nur ein ganz bischen Gruppendruck.
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    Aber actio-reactio. In den übersättigten Märkten springen die first-mover bereits wieder ab – Facebook ist nicht mehr neu und exklusiv. Dafür will sich bald auch dein Bäcker, Fußpfleger oder Friseur mit dir connecten, und dein Chef oder deine Tante oder der aufdringliche Typ von letztem Sommer werden dich taggen. „Gefällt“ dir das? Nein? Es ist egal, niemand fragt dich mehr. Weißt du noch,als es noch wütende Facebookgruppen gab, die sich gegen die AGB-Änderungen wandten? Zuckerberg versprach, mehr zuzuhören. Ihr wart damit zufrieden. Heute ist es euch egal.
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    Post-privacy wird nur dazu führen, dass privacy/Privatsphäre zu einer Ware werden wird. Der neue Luxus – unbekannt sein, Einsamkeit. Schweigen, Stille. Unsichtbarkeit. Geht nur physisch und alleine, oder maximal zu zweit. Datenschutz wird nicht verschwinden, aber man wird ihn sich leisten können müssen wie heute das Haus in der Gated Community.

  15. @ThorHa: Ach, dass es...
    @ThorHa: Ach, dass es vereinzelt Fälle gegeben haben mag, in denen Leute über Xing was gerissen haben, stelle ich ja gar nicht Abrede. Oder den Informationswert von ach, der So-und-so ist zu Sowienoch & Söhne gewechselt oder schau an, der X kennt den Y ja auch. Kann ein nettes Spielzeug sein, wie Facebook auch.
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    @rarara: Genau, das waren noch Zeiten. Ich sage nur: „On the internet nobody knows you’re a dog.“
    http://en.wikipedia.org/wiki/On_the_Internet,_nobody_knows_you%27re_a_dog
    Facebookuser gibts ja auch solche und solche. Ich will mich da jetzt auch nicht dicketun und behaupten, in meiner FB-Timeline (kann man das so sagen oder ist das twitterspezifisch?) tummelten sich ausschließlich Premiumcontentproduzenten. Aber manchmal denke ich, dass der eine oder andere Kollege, der sich da produziert, eigentlich auf eine größere Bühne gehörte. Von daher muss ich in gar keine fremden Köpfe schauen wollen, ich sehe ja, was meine Leutchen dort umtreibt, und das geht für mich größtenteils in Ordnung. Aber da werden halt auch keine Sauf- und Versackbilder hochgeladen und getaggt.
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    Ihren Punkt mit Privatheit als künftiges Luxusgut sehe ich übrigen auch kommen. Zuml ich es für naiv halte, zu glauben, wir müssten uns alle nur nackig genug machen, und schon würde die Welt ein besserer und gerechterer Ort.

  16. Twitter ist ja nochmal was...
    Twitter ist ja nochmal was anderes. There you can still be a dog.
    .
    Twitter will ja auch kein zweites, eigenes Internet sein wie Facebook. Ich warte ja nur darauf, dass irgend jemand mal so anfängt: „HTML, Blogs, youtube – Server, clients – email – wozu brauchen wir den Klimmbimm denn noch, geht doch alles viel einfacher bei facebook! Ich finde, wir können das abschalten, wegen dem Klimawandel und so.“ Ich glaube, viele verstehen den elementaren Unterschied gar nicht mehr.
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    Ich mochte die vielen unbeholfen-blinkenden Hobby-, Privat- und Familienhomepages zu Anfang des Webs. Die Clip-Art von den Data-Becker-CDs. Das alles haben Facebook, Flash und „Webdesigner“ aber längst aufgefressen. Die vielen alten Fach-Foren, die gibt es noch, aber werden sie widerstehen und parallel existieren können, wenn ihre Mitglieder längst alle schon bei Facebook sind?
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    AOL hat das damals auch probiert, als es losging mit dem Web. Ein eigenes, sichereres, übersichtlicheres Internet sein, wozu braucht man da denn noch den Rest? Dann sind die AOL-User aus ihrem Ghetto aber doch ins Netz aufgebrochen. Noch heute sind sie Synonym für eine uncoole Herde von Lemmingen, die das schöne, kleine, raffinierte am Web mit ihrer Stumpfheit und Uninformiertheit und Gewöhnlichkeit kaputtmachten und niedermähten, wie Ballermann-Touristen in einem geheimen Hippieparadies.
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    Ich fürchte, Facebook und seinen Propheten und Fans wird es dereinst nicht viel anders ergehen. Geheimnisvoll wird sein, wer dort nie war. Und wirtschaftlich? E-Commerce werden sich Amazon und Ebay nicht streitig machen lassen. Ob der Datenhandel so schwunghaft läuft wie gewünscht, weiß man auch nicht. Die personalisierte Werbung kommt bisher kaum besser an als die unpersonalisierte. Die Leute wollen scheinbar auch nicht mit Turnschuhen, Parfüms oder Tütensuppen reden. Mit der Bahn wollen sie reden haben aber nichts nettes zu sagen. Die Transparenz der Börse wird gescheut. Manche reden von einer Blase… Könnte sie irgendwann platzen? Wie würde es sich ankündigen? Investoren ziehen sich zurück? Die Werbung wird immer billiger? Die beworbenen Produkte immer trashiger?
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    Bis dahin wird die große Datensause aber sicher noch eine Weile weiterlaufen, und die eine oder andere Milliarde auf Zuckerbergs Konten schaufeln, und das ist ja schließlich auch der einzige Zweck der ganzen Geschichte.

  17. @wozu den Klimbim noch? Die...
    @wozu den Klimbim noch? Die Diskussion über „walled gardens“ vs. offenes Web läuft doch längst, hatte das auch hier mal aufgegriffen:
    http://faz-community.faz.net/blogs/deus/archive/2011/01/18/fuetterung-ausserhalb-der-umzaeunten-gaerten.aspx
    Ich muss gestehen, dass ich mit diesen relativ statischen Amateur-Homepages aus der digitalen Kreidezeit damals nichts anfangen konnte. So ab 2002-3 habe ich allmählich angefangen mich durch die Bloglandschaft zu klicken, und bis zu meinen ersten zaghaften Gehversuchen dauerte es dann auch noch 2-3 Jahre, aber damit hatte ich dann relativ schnell Spaß, gerade auch wegen des sozialen Elements, das Kommentieren und Kommentiert werden, einige Kontakte entwickelten sich daraufhin auch in der Kohlenstoffwelt recht erfreulich. Auf einer kleinen Lesebühne in einem Frankfurter Café habe ich mit anderen auch mal Texte live zum besten gegeben, habe mich zum Teil auch in blöde Streitereien verwickeln lassen, aber alles in allem wollte ich das nicht missen. Und ich finde es ein bisschen schade, dass sich viele, deren Beiträge ich gern gelesen habe, inwischen nur noch auf Twitter und Facebook produzieren. Aber so ist halt der Gang der Dinge.
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    Die Analogie AOL/Facebook sehe ich übrigens auch. Auf den Kernmärkten zeigen sich bereits Sättigungstendenzen, von daher kann man es nicht auschließen, dass Facebook trotz aller Netzwerkeffekte und Skalenvorteile über kurz oder lang den Weg von Friendster und Myspace geht. Was wissen wir denn heute schon vom heißen Scheiß des Jahres 2016? Nicht viel, außer, dass der wahrscheinlich nicht Groupon heißen wird. ;-)

  18. @Vroni: Als Klardenker müsste...
    @Vroni: Als Klardenker müsste man konsequenterweise (und zugegebenermaßen etwas überspitzt gesagt) sich selbst erschießen oder in den bewaffneten Widerstand gegen das spätkapitalistische Schweinesystem gehen. Das machen wir beide nicht, wenn ich das richtig sehe, und somit sind wir bei Facebook einstweilen doch recht gut aufgehoben, oder? ;-)

  19. "Auf den Kernmärkten zeigen...
    „Auf den Kernmärkten zeigen sich bereits Sättigungstendenzen,“
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    Lieber Marco, so sind Produktzyklen nun mal (nach Boston Consulting Group und ähnllichen Verdächtigen, und auch so halt.) Das ist nicht unbedingt ein Merkmal , dass das Geschäft nix taugt, es ist das Werden und Vergehen.
    Von allem.
    Nur Brot und Nivea-Creme gehen immer.
    Immer nur Wachstum, daran glauben nur Kinder, das müsste doch bekannt sein…
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    Mancher könnte froh sein, überhaupt von Marktsättigung zu reden. Das ist King’s Size. Muss man erst mal hinkriegen

  20. "... und somit sind wir bei...
    „… und somit sind wir bei Facebook einstweilen doch recht gut aufgehoben, oder?“
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    Nice try :-)
    Fühle mich mit meinem Account als Katze* bei Facebook leider überhaupt nicht aufgehoben. Dauernd schicken irgendwelche Kater eine Freundschaftsanfrage. Ich bin sterilisiert, mann!
    Immer auch diese Typen mit ihrem Skiurlaub-Geprotze und Australien-Urlaub-Getue. Typische Angeber-Statusmeldung: „Genieße grad das Flughafenfeeling.“
    Großgeistiger für Miezen wirds da nimmer. Oder noch besser: die Glückskekse! vegetarisch, grrr.
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    * Musste einen fb-Account eröffnen. Da ich sonst nicht die Bilder von der frisch magenta-gestrichenen Küchenwand (hyper hyper) meiner Tochter hätte sehen können. Außer beim nächsten Besuch in x Wochen.
    Totale Idiotie, das facebook. Man wird lebendig gezwungen. Früher im 30jährigen Krieg haben sie einen wenigstens vorher erschlagen.

  21. Sagt ja auch keiner, dass die...
    Sagt ja auch keiner, dass die demnächst das Kapitel 11 aufschlagen müssen. Ich denke nur, dass die astronomischen Bewertungen des Unternehmens nicht mehr wie bisher ständig in neue Galaxien vorstoßen werden, und womöglich geht das günstigte Zeitfenster fürs Going Public demnächst ein Stück zu. Auf dem Niveau muss man erst mal jammern können, das stimmt. Trotzdem sei an dieser Stelle erinnert an AOL, Friendster, Myspace und wie sie alle hießen, die nicht mehr ganz so heißen Adressen, und sei es nur als dezente Warnung vor allzugroßer Hybris.

  22. "Spätkapitalistisches...
    „Spätkapitalistisches Schweinesystem“??
    .
    Meinen Sie etwa den opportunistischen Sozialdemokratismus Merkelscher Prägung??

  23. @don ferrando: Ach, an...
    @don ferrando: Ach, an konkreten Personen und Parteien würde ich das nicht festmachen wollen und auch nicht auf das Hoheitsgebiet der Bunzrepublik beschränken. Vielleicht wäre es eher angezeigt, in Brüssel mit dem Ausmisten des nicht vom Volk gewählten Metaregierungsmolochs anzufangen. Man muss kein Merkel-Fan sein, um sich zu sagen, dass es wenigstens eine reale Chance gibt, sie abzuwählen (auch wenns wahrscheinlich nicht viel ändern wird). Aber die Kommissare und ihr Eurokraten-Regime haben wir nicht zum Überherrscher über uns bestellt.

  24. @Marco Settembrini di Novetre...
    @Marco Settembrini di Novetre 15. Juni 2011, 21:17
    Erlauiben Sie mir als ehemalig politisch Aktivem einen Einspruch :-). Nein, es gibt kein Eurokraten-Regime. Aber es gibt zu dutzenden nationale (!) Politiker, die auf europäischer Ebene einer Regelunfg zustimmen, in ihrer Nation danach unter akutem Gedächtnisverlust leiden und die europäische Regelung, von ihnen selbst beschlossen oder gar initiiiert, als Eurokratenregelung verkaufen. Natürlich ist die EU – wie jede nationale Behörde auch – in der akuetn Gefahr, sich selbst zu verewigen. Aber fast alle national kritisierte EU-Regelungen beruhen auf nationalen Initiativen, denen nationale Vertreter zugestimmt haben :-). Dass Sie als Journalist es auch nicht besser zu wissen scheinen, macht mich richtig traurig. Den besten Beweis für das oben gesagte hat die EU vor kurzem selbst abgeliefert. Sie wollte Agrarregelungen (Bananenkrümmung anyone?) rückgängig machen. Gescheitert ist die Initiative … genau – am Widerspruch nationaler (!) Regierungen! Wir werden leider (oder gottseidank) von Durchschnittsmenschen regiert. Und der Durchschnittsmensch ist ein Feigling, so einfach ist das.

  25. Werter ThorHa, diese...
    Werter ThorHa, diese Mechanismen sind mir nicht völlig unbekannt, wenngleich ich weiter oben etwas undifferenziert (um nicht zu sagen: platt und populistisch) rübergekommen sein mag. Aber dass man sich diesen Hyperapparat leistet, um Dinge durchzudrücken, für die man national dem Wähler gegenüber nicht geradestehen will, trägt zum schmerzlich empfundenen Legitimationsdefizit ja wohl nicht zu knapp bei.
    .
    Und hey, was beweist das schon, dass es auch in Brüssel mal Initiativen gegeben haben mag, bestimmte Regelungen zu Karamellbonbons oder Gurkenkrümmungswinkeln wieder zu vereinfachen oder aus der Welt zu schaffen – aber so leicht geht der Ungeist der Überreglementierung nun mal nicht wieder in seine Flasche zurück.

  26. @Marco
    Bdauerlichweise wird ja...

    @Marco
    Bdauerlichweise wird ja fast nur noch abgewählt, was bei der Perspektivlosigkeit ja kein Wunder ist.
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    Was die „Überreglementierung“ betrifft, so beschweren sich darüber häufig die, die z.B. mehr Reglemetierung fordern, wenn es in ihre Ideologie passt, z.B. bei Managergehältern.
    „It was a lie. And the more I saw them, the more I hated lies. “ ( Cpt Willard in Apocalypse Now)

  27. Monsieur di Novetre,
    mir...

    Monsieur di Novetre,
    mir sträuben sich leider schon die …haare, wenn ich „Überregulierung“ lese. Nach meiner Lebenserfahrung hat auch jeder Überregulierte Lebensbereiche im Kopf, die noch dringend reguliert werden müssten, also unterreguliert sind. Und mit einem Blick auf das deutsche Steuerrecht brauchen wir Brüssel exakt gar nicht, um (Stichwort: Einzelfallgerechtigkeit!) etwas mehr als überzuregulieren :-). Ich bin weiss Gott kein freund der Brüsseler Bürokratie. Nur sind 80% der Dinge, über die sich Deutsche bei „Europa“ aufregen, politische Regelungen, die NICHT in der Kommission sondern in Klüngeln nationaler Vertreter ausgekungelt wurden. Und 60% der Brüsseler Bürokratie liesse sich einsparen, wenn man endlich den von Deutschland (!) und Frankreich forcierten Agrar-Subventions-Wahnsinn überwinden könnte.
    Gruss,
    Thorsten Haupts

  28. 'Und der Durchschnittsmensch...
    ‚Und der Durchschnittsmensch ist ein Feigling, so einfach ist das.‘ – lieber ThorHa, das haben sie aber hübsch auf den punkt gebracht.

  29. Die Banken und Ratingagenturen...
    Die Banken und Ratingagenturen hätten wir aber vielleicht doch mal bischen regulieren sollen. Anstelle der Bananen und Glühbirnen. Jetzt regieren sie halt. Die Banken und Ratingagenturen, nicht die Bananen, obwohl…

  30. @rarara: Ich mag...
    @rarara: Ich mag Stammtischsprüche, in denen „die da oben“ vorkommen, eigentlich nicht, aber sagen wir mal so: Bei Sachen, die den blöden Endverbraucher betreffen, reguliert sichs anscheinend leichter.
    Und Managergehälter, pfff, ich kenne ehrlich gesagt keinen, der da ernsthaft EU-Richtlinien zur Deckelung forderte. Und selbst wenn, die Sorge, dass das ernsthaft kommen könnte, brauchen wir uns wirklich nicht zu machen.

  31. Marco Settembrini di Novetre...
    Marco Settembrini di Novetre 15. Juni 2011, 15:09
    „@ThorHa: Ach, dass es vereinzelt Fälle gegeben haben mag, in denen Leute über Xing was gerissen haben, stelle ich ja gar nicht Abrede. “

    DAS Missverständnis hab ich leider überlesen. Werter Marco, mit Open Bagger Club war NICHT der Aufriss von Geschäften gemeint. Die XING Veteranen wollen damit dezent andeuten, es handele sich um die vermutlich seriöseste Kontaktbörse Deutschlands :-)))))).

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