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An mir leakts doch nicht

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Hat die Enthüllungplattform Wikileaks mit der nicht ganz freiwilligen Veröffentlichung sämtlicher US-Cables ihr Pulver verschossen? Für einen Abgesang ist es noch zu früh.

Nach dem Motto „alles muss raus“ hat die Enthüllungsplattform Wikileaks ihr gesamtes Archiv an US-Botschaftsdepeschen unredigiert veröffentlicht. Im Netz kursieren jetzt rund 250.000 Dokumente, in denen die Namen von Informanten der US-Botschaften nicht geschwärzt sind. Für die Medien liegt der Fall klar: Dies ist eine gigantische Panne, ein Datendebakel („Der Freitag“) oder laut „Spiegel“ gar ein Desaster. Für „Telepolis“-Autor Jörg Wittkewitz hat sich Wikileaks in einem „finalen Nebel aus Testosteron selbst erledigt“.

Bild zu: An mir leakts doch nicht

Das kann man so sehen – muss man aber nicht. Aber selbst wenn, dann haben einige Medien durchaus ihr Teil dazu beigetragen, die unabhängige Whistleblower-Plattform in die Bredouille zu bringen. Allen voran der „Guardian“-Reporter David Leigh, der in seinem Wikileaks-Buch das Passwort für die Datei mit sämtlichen Depeschen verriet (wenn auch in der Annahme, es hätte sich nur um ein temporäres Passwort gehandelt, das gleich nach Verwendung wieder geändert wird). Da ist die Wochenzeitung „Der Freitag“, die zwar nicht das Passwort oder dessen genaue Fundstelle verriet, aber darauf hinwies, dass der Schlüssel zu dieser Datei offen zutage liege und „für Kenner der Materie“ zu identifizieren sei. Da durfte sich dann auch der im Streit von Wikileaks ausgeschiedene Daniel Domscheit-Berg, der eine eigene Konkurrenzplattform namens Openleaks angekündigt hat, lang und breit über die Sicherheitslücken von Wikileaks auslassen.

Kurzum: Es ist eine komplizierte Gemengelage, und man kann dem Blogger fefe (bürgerlich: Felix von Leitner) nur beipflichten in der Einschätzung, dass sich alle Seiten hier nicht mit Ruhm bekleckert haben. Im Grundsatz ist es Wikileaks nicht anzulasten, Medienpartnerschaften für die Veröffentlichung des brisanten Materials zu knüpfen. Dahinter stand zum einen die Überlegung, auf diese Weise mehr Reichweite zu erzielen und zum zweiten mit der redaktionellen Bearbeitung auch zu gewährleisten, dass nicht die Identität von Informanten der US-Botschaften auffliegt und diese Personen somit in Gefahr gebracht werden. Aber mit der Herausgabe eines Masterpassworts hat Wikileaks-Frontmann Julian Assange gegen eigene Richtlinien verstoßen. Und dass das Passwort auch danach nicht geändert wurde, ist ein schwerwiegendes Versäumnis, das einem ernstzunehmenden Enthüllungs-Aktivisten wie Assange eigentlich nicht unterlaufen sollte. Dem Guardian-Reporter hingegen wäre auch kein Zacken aus der Krone gebrochen, sich vor der Veröffentlichung des Passworts in seinem Sachbuch nochmal rückzuversichern, dass es wirklich deaktiviert ist. Viele sagen auch, dass man grundsätzlich unter gar keinen Umständen irgendwelche Passwörter veröffentlichen sollte, aber einem Zeitungsreporter sind diese ungeschriebenen Regeln wahrscheinlich nicht so geläufig. Und die Versuchung für den Pressevertreter, sich mit dem Original-Passwort in der Kapitelüberschrift als Topchecker zu profilieren, sollte man auch nicht unterschätzen.

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Der Schutz jener großen Datei mit den ganzen Depeschen ruhte auf zwei Säulen: Jenem Passwort und der Tatsache, dass der Pfad zu dieser Datei auf den entsprechenden Servern nicht bekannt war und es auch nirgendwo einen Link zu diesem Speicherort gab. Nun existierte aber auch ein Torrent mit ebenjenen verschlüsselten Daten vom Webserver, und nachdem „Freitag“ in einer Geschichte über Datenlecks bei Wikileaks darlegte, dass sowohl die Datei als auch da passende Passwort im Internet kursierten, musste der interessierte Zeitgenosse laut fefe nur noch die Stichwort-Kombinationen „wikileaks torrent“ und „assange password“ googeln. Dann nur noch das Passwort auf alle Dateien im Torrent ausprobieren – und schon hat man all die interessanten Depeschen.

Unter diesen Umständen sah Wikileaks keine andere Möglichkeit mehr, als das ganze Material auch selbst zu veröffentlichen – und zwar ohne Rücksicht darauf, dass Personen, die in den Depeschen namentlich genannt werden, nun gefährdet sein könnten. Über dieses Vorgehen zeigte sich „Spiegel“-Chefredakteur Matthias Müller von Blumencron in einer Diskussionsrunde „verwirrt und erschüttert“. Informanten beispielsweise in Diktaturen seien nun gezwungen, zu flüchten. „Wir haben das nicht begriffen“, sagte Blumencron laut dem Branchendienst meedia.de. Dabei wäre diese Begriffsstutzigkeit leicht behoben, wenn man sich klarmacht, dass Wikileaks nicht die Gesprächspartner von US-Botschaftern in aller Welt als seine schützenwerten Quellen betrachtet – sondern nur diejenigen, die der Plattform dieses Material zuspielen. In einem TV-Interview mit der Deutschen Welle betonte Assange denn auch: „Wir haben niemals etwas Falsches veröffentlicht. Keine unserer Quellen ist bisher aufgrund unserer Handlungen enttarnt worden. Es ist niemand aufgrund unserer Veröffentlichungen physisch verletzt worden.“

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Darauf kann man sich, selbst wenn es stimmte, natürlich nicht dauerhaft ausruhen. Es dürfte auch künftige Whistleblower vermutlich nicht ganz kalt lassen, wenn ihr weitergegebenes Material namentlich genannte Mitmenschen in Schwierigkeiten bringt. Insofern würden entsprechende Präzedenzfälle der Plattform mittelbar doch das Enthüllungsgeschäft erschweren. Für Jörg Wittkewitz beim Onlinemagazin „Telepolis“ ist jetzt jedenfalls die Ära nach Wikileaks angebrochen: Der Nimbus der Enthüllungsplattform sei „für alle Zeiten pulverisiert“. Die Gefechte von Assange und seinem früheren Weggefährten Daniel Domscheit-Berg geißelt Wittkewitz als „Zickenkrieg von profilneurotischen Jünglingen, die ein unbarmherziges Schicksal in alte Körper steckte“. Dabei unterschlägt er geflissentlich, dass auch die alten Medien wie Guardian, Spiegel und wie sie alle heißen, auch ein Interesse daran haben dürften, dass die netzgestützte Enthüllungskonkurrenz nicht so groß wird, dass sie ihnen Butter vom Brot nimmt. Das Resümee von Fefe klingt da insgesamt plausibler: Man sehe an dem Fall Wikileaks ganz gut, „wie sich da aus lauter kleineren Fehlern eine Scheiße-Lawine ergab, in denen die Leute die Lage mit Folgefehlern nur schlimmer gemacht haben, aus dem Bedürfnis heraus, ihren Hintern bezüglich der früheren Fehler abzudecken.“

Sollte Wikileaks aufgrund dieser unschönen Geschichten als Plattform an Bedeutung verlieren oder sich gar ins Aus manöveriert haben, bedeutet dies aber nicht zwangsläufig das Ende der netzgestützten Whistleblower-Plattformen an sich. Als seinerzeit die Tauschböre Napster abgeklemmt und dann von Bertelsmann aufgekauft wurde, fanden sich andere Wege, Musikstücke und andere urheberrechtlich geschützte Inhalte zu tauschen. Information findet immer einen Weg.

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21 Lesermeinungen

  1. "Information findet immer...
    „Information findet immer einen Weg.“
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    In der DDR war es das Gespräch in der Sauna.

  2. @Vroni: Echt? Dann wäre ich...
    @Vroni: Echt? Dann wäre ich als DDR-Bürger womöglich ziemlich ahnungslos geblieben, diese Form der Safterei liegt mir nämlich nur wenig bis gar nicht. ;-)

  3. Fehlt evtl. noch der Hinweis...
    Fehlt evtl. noch der Hinweis darauf, dass inzwischen alle professionell interessierten Kreise längst vollkommen „durch“ sein mussten mit der Sache, „die Hingabe an die Öffentlichkeit nun wie der letzte Aufguß eines bereits längst abgenagten Knochens wirkt“: Die Stasi hätte es vermutlich nicht anders gemacht.
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    Und bleibt: a. wie notwendig Wikileaks zumindest für eine Zeit lang gewesen ist, Netzkultur und Nachdenken über Zivilisation voranzubringen, aber eben auch b. welch ein Experiment die US-Army versucht hat damit einen – wenn man so will wg. seiner Größe fast demokratischen – Kreis von über 2 Millionen Zugangsberechtigten weltweit ermöglicht zu haben. (Fast ist man auch hier geneigt noch etwas anzumerken, nämlich „naiverweise“…)
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    Mindestens nach dem Ausgang, den Veränderungen an diesem Experiment (Einengungen?) wäre auch weiterhin journalistisch zu fragen, so meint man.
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    Und er ist also geboren gewesen „in dem Land, welches Republik hieß“? Interessant.

  4. Bis neue...
    Bis neue Whistleblower-Plattformen vome Formate Wikileaks‘ entstehen, wird noch eine Weile vergehen. Denn diese müssen erst noch aus den Fehlern Wikileaks‘ ihre Lehren gezogen haben, bevor potentielle Informanten sich trauen, ihre brisanten Informationen auszupacken.

  5. @perfekt57: Das mit dem...
    @perfekt57: Das mit dem letzten Aufguss hatte ich sinngemäß auf dem Zettel, den Punkt hat es mir dann im Schreibfluss etwas ins Abseits gespült. In einem Infokasten hätte man auch nochmal an die wichtigsten und spektakulärsten Enthüllungen erinnern können wie z.B. das Militärhandbuch für Guantánamo und das Video vom Hubschrauber-Angriff im Irak. Wenn wir uns in ein paar Jahren im Rückblick fragen, was waren die großen Veränderungen und tektonischen Verwerfungen, welche die Entwicklung der Netzgesellschaft verändert haben, dann wird man Wikileaks womöglich wesentlich weiter oben auf der Liste haben als sagenwirmal Twitter. Und journalistisch gefragt, je nun, trotz des unschönen Zwischenergebnisses halte ich die ursprüngliche Idee von Medienpartnerschaften nicht für falsch, ich finde es auch etwas wohlfeil (wenngleich verständlich), dass sich Spiegel-CR von Blumencron jetzt verbal von der Zusammenarbeit mit Wikileaks distanziert.

  6. @18.49 wir stimmen in allem...
    @18.49 wir stimmen in allem zu.
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    und wäre evtl. noch anzumerken: die angelsachsen, von denen assange eben auch einer ist, neigen wie bekannt eher zu der überzeugung „einzelpersönlichkeiten machen geschichte, nicht organisationen“, in bekannt höherem masse neigen sie dazu, als der gemeine mitteleuropäer: so ists wohl common sense.
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    und bewahrheitet sich am beispiel wikileaks einmal mehr: domscheid-berg selbst hat über assange diesbezügliche kritik an ihm berichtet: „du bists nicht“. und assange hat hier ganz sicher von anfang an richtig gesehen.
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    gerade auch unter diesem gesichtspunkt lohnenswert den fortgang der ereignisse zu beobachten, meinen wir: schließlich ist so gesehen alles längst zu einem inner-angelsächsischen konflikt um genau diesen punkt geworden: beschädigte man assange nicht maximal – auf jede erdenkliche weise, an jeder möglichen, eben auch innerpersönlich-psychologischen front, dann würde der womöglich genau da weitermachen, wo er einmal gestanden ist. (… angelsächsische Denke von innen heraus soviel besser kennend, als jeder von außen hinzustoßende…)
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    aber von nicht-angelsächsischen gut-menschen-nachahmern dagegen hieße es auch weiterhin wenig zu befürchten. es sei denn, da käme einer, der von klein auf aktiv auf englisch träumen würde, for training purposes only, but more then pretending.
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    aber nur am rande. (und wir sinds nicht. und wir können auch kaum englisch, leider. aber es werden auf sicht und global immer mehr, die von klein auf – nicht-muttersprachlich aber trotzdem – auf englisch träumen/träumten, to improve their speed and knowledge, thus … .)

  7. Ja, das mit dem...
    Ja, das mit dem „Einzelpersonen machen Geschichte“ markiert in der Tat eine kulturelle Trennlinie. In der Berichterstattung hierzulande schwingt ja oft ein gerüttelt Maß Empörung über den Personenkult um Assange und dessen sphinxhafte Art mit. Ich kann nicht beurteilen, ob Domscheit-Berg hierzu einen echten Gegenpol (im Sinne von „es muss um die Sache gehen“) verkörpert, denke aber schon, dass bei ihm so etwas mitschwang à la diese Plattform ist zu wichtig, um sie auf Gedeih und Verderb einem unberechenbaren Selbstdarsteller zu überlassen.
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    Eine massive Beschädigung der Plattform und ihres Frontmanns sollte den interessierten staatsnahen Kreisen jetzt eigentlich nicht allzu schwer fallen. Ich möchte es hier nicht explizit hinschreiben, wie ich mir das denken würde, wäre ich hochrangiger Angehöriger der dienstlichen Buchstabensuppe. Ich sage nur soviel: Auf der Aussage, dass bisher niemand zu Schaden kam, sollte sich Assange nicht allzu bequem ausruhen…
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    @rodda: Richtig. Wenns so einfach wäre, was Vergleichbares auf die Beine zu stellen, dann müsste Openleaks schon längst im operativen Geschäft sein.

  8. Kann mir jemand sagen, wieso...
    Kann mir jemand sagen, wieso jemand ein Passwsort veröffentlkicht, von dem er angeblich weiß, dass es gar nicht mehr gilt??

  9. @Trebor Nimrod: Vielleicht...
    @Trebor Nimrod: Vielleicht pseudo-dokumentarische Detailgenauigkeit, die beweisen soll, dass der Autor ganz nah am Geschehen war? Naivität oder Gedankenloigkeit? Vielleicht versteht mans besser, wenn man das Buch mit der fatalen Überschrift des 11. Kapitels gelesen hat (was ich offen gestanden nicht habe).

  10. Die Illusion ins Grenzenlose...
    Die Illusion ins Grenzenlose getrieben
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    „Informanten beispielsweise in Diktaturen seien nun gezwungen, zu flüchten.“ Ja sind denn die USA gar eine Diktatur? Wer sitzt denn gerade ein – dort? Ein mit seinem Narzißmus etwas zu kurz Gekommener wird da behandelt wie ein Guantánamohäftling, quasi in Stellvertretung für Assange.
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    Diese Heuchelei ist doch zum Würgen. Ich denke es wird Zeit sich mit dem Thema Investigativer Journalismus (http://blog.herold-binsack.eu/?p=1693) auseinanderzusetzen. Mit dessen systemerhaltender Funktion. Ich formuliere es mal mit Zizek:
    „ Die wahre Funktion ausdrücklicher Grenzen besteht folglich darin, die Illusion aufrechtzuerhalten, wir könnten durch ihre Übertretung das Grenzenlose erreichen.“ (Parallaxe, 8. Jenseits der Politik der jouissance, S. 401)
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    Nun könnte man das insofern missverstehen, als dass man die Staatsapparate als die betrachtet, welche da Grenzen aufrechterhalten und die Enthüllungsplattformen (Enthüllungsjournalisten) als die, die die Übertretung repräsentierten. Wahrscheinlich verstehen sich beide so (http://blog.herold-binsack.eu/?p=1488). Doch wird es vermutlich genau umgekehrt wahrer. Indem eine Plattform wie Wikileaks vorgibt die Grenze – nämlich die des Anstands, die zur Doppelmoral, die eben zur Lüge – aufrechtzuerhalten, gibt sie den Staatsorganen den Vorwand zur Übertretung eben dieser Grenze, bis hin „ins Grenzenlose“. Und damit wird gemeinsam an der Illusion gearbeitet, wir könnten das Grenzenlose je erreichen (Das perpetuum mobilem, die Umkehrung des Pfeils der Zeit, die Überwindung der Entropie, http://blog.herold-binsack.eu/?p=1745, sprich: die Ausbeutung ohne Ausbeutung, die ethisch saubere Ausbeutung) Das alles ganz im Stile eines Domscheid-Bergs, der da mit Proudhon glaubt, dass Eigentum Diebstahl sei, http://blog.herold-binsack.eu/?p=1451. Also verbiete man den Diebstahl.
    Und es ist witzig wie die Regierungsapparate darauf reagieren. Sie erklären nämlich solche Diebstahlsbekämpfer selber für Diebesgesindel.
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    Beide arbeiten daran die Illusion selbst ins Grenzenlose zu treiben. Mal in Bezug auf das Eigentum, mal in Bezug auf den Diebstahl.

  11. Das "mergen" von Wikipedia und...
    Das „mergen“ von Wikipedia und IMDB hat zur Qualität ersterer nicht beigetragen. Aber anscheinend konstruieren genügend Leute ihre „Realität“ so. Bleibt die Frage: Was war zuerst da, der „Film“ oder das Thema in den „Nachrichten“. Den Palästinensern – echte Judenverfolger – sie wollten wie die Titanic den Kanzler – die Juden – hier zur Zwangstaufe – ins Meer treiben – kann das nur recht sein, immerhin ist jeder Zweifel an der „historischen Realität“ ein Argument mehr den Gottestsatt auf palästinenischem/italienischem Boden zu tilgen
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  12. Lockerbie hat eindeutig...
    Lockerbie hat eindeutig gezeigt, daß es unmöglich ist
    ein Passagierflugzeug als Waffe gegen ein Gebäude/
    AKW einzusetzen. Oder war das 9/11.

  13. @devin08: Die...
    @devin08: Die systemstabilsierende Funktion des Journalismus, ach Gottchen, das ist doch mittlerweile Proseminar (ich sage nur: „Manufacturing Consent“). Die spannendere Frage ist in der Tat, wie passt das Internet mit seinen mannigfaltigen Versprechen, traditionelle Grenzen zu sprengen, da hinein? Erweisen sich am Ende die ganzen Meckerecken und Enthüllungsplattformen nicht ebenso (oder etwas anders) systemstabilisierend wie der sogenannte investigative Journalismus, der die Illusion nährt, es gäbe in dieser Gesellchaft doch Kontrolle der Mächtigen und ein wirksames Korrektiv?

  14. Mark, das war kein...
    Mark, das war kein „Masterpassword“, sondern schlicht und einfach das Passwort für diese spezielle Datei, die für den Guardian bereitgestellt wurde. Wikileaks muss sich nichts, aber auch gar nichts vorwerfen in diesem Zusammenhang. Sie haben alles richtig gemacht.
    Leight vom Guardian versteht nicht, was Sicherheit bedeutet und hat sein Passwort ausgeplaudert. Und DDB hatte nichts besseres zu tun, als in einem Hintergrundgespräch gegenüber dem Freitag damit anzugeben, was er doch alles tolles weiß. Der Freitag schließlich hat gegen die journalistischen Regeln verstoßen und den Inhalt dieses Hintergrundgespräches schlecht getarnt veröffentlicht.
    Es war richtig, DBB aus dem CCC zu werfen, hochkant. Dem Mann darf niemand in der Szene mehr vertrauen. Der Guardian hatte vorher schon das WL-Material entgegen vorheriger Absprachen an die NYT weitergegeben, auch er verdient also keinerlei Vertrauen mehr in Sachen Quellen- und Inhaltsschutz. Und der Freitag … das ist einfach armselig, aber den hat ja auch bisher niemand für wichtig, verlässlich oder vertrauenswürdig gehalten.

  15. @Isidorus: Kann sein, dass ich...
    @Isidorus: Kann sein, dass ich da was durcheinanderbringe, aber ich habe es nicht so verstanden, als hätte dieses Passwort nur die dem Guardian zugedachte Datei geöffnet, sondern darüber hinaus das gesamte Depeschen-Archiv, das kurz darauf auch in Bit-Torrent auftauchte. Vielleicht ist der Begriff Masterpasswort hier technisch nicht korrekt, aber das muss sich Assange schon vorwerfen lassen, ein Passwort rausgegeben zu haben, das für mehr taugte als nur den zugedachten, einmaligen Nutzungzweck. Bei allem, was auch der Guardian falsch gemacht hat in der Geschichte, bleibt es dennoch an Assange hängen, diese Medienpartnerschaft schlecht eingetütet zu haben (oder sich den falschen Partner gesucht zu haben, wie auch immer man das sehen will). Ein Szenario mit „alles richtig gemacht“ sähe für mich ganz anders aus als das, was wir jetzt erleben – und das ist nicht ausschließlich und grundsätzlich immer nur die Schuld der anderen.
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    Zu DDB weiß ich gar nicht, was ich sagen soll. Zur Lichtgestalt, der es jenseits von allen persönlichen Eitelkeiten nur um die Sache geht, taugt er jedenfalls nicht. Seine Konkurrenzplattform ist bisher wenig mehr als eine Ankündigung. Und der Freitag, schwer zu sagen, vielleicht hat der sich auch nur vor den Karren von DDB spannen lassen mit der Geschichte – oder es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, äh, Medienpartnerschaft…

  16. Ein System, das man nicht mehr...
    Ein System, das man nicht mehr mit seinen Methoden bekämpfen kann
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    @Marco Settembrini di Novetre: Gut, ich hätte das vielleicht klarer formulieren müssen. Aber für mich sind solche Enthüllungsplattformen die Fortsetzung des Enthüllungsjournalismus (mit anderen, eben moderneren Mitteln). Selbst Zizek scheint dem Charme dieser Form des „Widerstandes“ (noch) aufzusitzen. Wie wir an seinem Engagement für Assange entnehmen (http://www.taz.de/!73801/). Ganz im Widerspruch zu seinem ansonsten viel eleganteren „Ich möchte lieber nicht“ (http://blog.herold-binsack.eu/?p=1807).
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    Und daher stelle ich Ihre Frage auf den Kopf (die ich in Ihrer Version nämlich als schon überholt betrachte):
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    Wie systemstabilisierend ist die genährte Hoffnung auf Grenzüberschreitung (auch und gerade als subversiver Akt gedacht)? Diesbezüglich verweise ich wiederum auf Zizek, wo er nämlich darauf verweist, dass jede Überschreitung vom Kapital längst vermarktet ist. Quasi schon bevor es gedacht wäre (vgl. „Hysterie und Cyberspace“, Im Gespräch mit Slavoj Zizek, http://www.heise.de/tp/artikel/2/2491/1.html).
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    Bei dieser Gelegenheit möchte ich darauf hinweisen, wie wir „Das Kapital“ von Marx lesen sollten. Eben nicht rein historisch-dialektisch, historisch schon gar nicht, sondern logisch-systematisch (vgl.: Dieter Wolf: Zur Methode in Marx’ „Kapital“ unter besonderer Berücksichtigung ihres logisch-systematischen Charakters. Zum Methodenstreit zwischen Wolfgang Fritz Haug und Michael Heinrich. (PDF))
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    Das Kapital schafft eben nicht nur in seinem Bestreben das System zu erhalten zugleich sein Gegensatz, also die Kräfte, die es bekämpft. Sondern umgekehrt: Indem es diese subversiven Kräfte entsprechend in Szene setzt, erhält sich das Kapital. Mit ein Grund für, warum Terroristen so wohlfeil sind. (Und in der Tat: Diese Art von Journalismus ist eine intellektuelle Spielart des Terrorismus – des Cyberterrorismus).
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    Was ja der Grund für Zizeks Empfehlung auf Enthaltung ist. Enthaltung nämlich von jeder Geste. Revolutionär ist nur noch das, was in diesem Sinne eben nicht mehr nur eine Geste ist. Dem System nicht mehr dienlich ist. Ihm eben nicht zu seiner Selbsterhaltung/Rekonstruktion/Reproduktion/Rechtfertigung verhülfe.
    Oder um es noch klarer auszudrücken: Ein solches System kann man nicht mehr mit dessen Methoden bekämpfen.

  17. @Devin08: Ich glaube, bevor...
    @Devin08: Ich glaube, bevor ich mein nicht sonderlich theorieaffines Gemüt mit marxistischem Methodenstreit belaste, sollte ich doch lieber endlich mal Zizek lesen. Was Sie da referieren, weist über meine Fragestellung von weiter oben tatächlich hinaus, wenngleich ich es schon auch so gemeint hatte, dass auch neue Formen von Online-Opposition eigentlich nicht von außerhalb des Systems agieren oder dieses ernsthaft in Frage stellen oder gar gefährden. Ich darf in dem Zusammenhang auch nochmal an meine Einlassungen zu den sogenannten Twitter- und Facebook-Revoutionen verweisen, in denen ich netzbasierter Revolutionsromantik eine klare Absage erteile:
    http://faz-community.faz.net/blogs/deus/archive/2011/02/06/jeder-twitt-ein-tritt.aspx

  18. FaSerland (Roman) schreibt...
    FaSerland (Roman) schreibt sich uebrigens mit TH hilfsweise V!

  19. Er ist das Ding, das sich aus...
    Er ist das Ding, das sich aus der Lücke zwischen dem dialektischen und historischen Materialismus heraus gequält hat
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    Also Zizek sollte man lesen. Er ist nicht nur, wie ich denke, ein großer Denker, sondern mit ihm kann man den Marx auf modernste Weise lesen – auf unbedingt revolutionäre Weise. Das ist die Kunst. Das ist keine Wiederbelebung des guten Marx, sondern eine wirklich ernsthafte Weiterentwicklung. Ich finde, man sollte mit der „Parallaxe“ beginnen. Dann kommt man gleich zum Wesen seines theoretischen Gebäudes. Ich stelle ihn mir so vor – und das wäre dann wohl mit seinen Worten gesprochen -, dass er das Ding/die Erscheinung ist, das sich da aus der Lücke zwischen dem dialektischen und dem historischen Materialismus heraus gequält hat. Und er schafft es Kant zu rehabilitieren, im Angesicht von Hegel und Marx. Dennoch ist er kein Kantianer, sondern wie alle Marxisten – Hegelianer. Und er bringt den Freud und den Marx zusammen auf eine „Couch“. Er ist ein Schüler Lacans. Also Poststrukturalist wie eigentlich auch Psychologe. Mit seiner parallaktischen Lücke hat er das einzig Substantielle am Strukturalismus zu erhalten verstanden und in den dialektischen Materialismus integriert. Die Leute unterschätzen ihn, weil er so was Clownhaftes hat. So ein wenig wie Michael Moore (http://blog.herold-binsack.eu/?p=717). Dennoch viel ernsthafter, um nicht zu sagen: klassischer. Auch ist er nicht so fett. Er sieht ein wenig unordentlich aus. Also ein schöner Anblick ist er nicht. Also ich weiß nicht, ob ich ihn in meine Stammkneipe mitnehmen würde. Aber ihn zu lesen, ist ein Erlebnis.

  20. Innerangelsächsischer Streit,...
    Innerangelsächsischer Streit, hm. Durchaus auch. London ließ einen Australier gewähren, die US-Diplomatie nackt darzustellen. In so mancherlei Hinsicht hat sich die US-Regierung (auf Betreiben der Bürger) sowieso immer nackter gemacht als alle anderen, siehe die Disclosure Acts. Aber das Verhältnis von Veröffentlichter Meinung und informiertem Staatsbürger ist in jedem Land, jeder Sprache und je nach Individuum ein sehr anderes…

  21. <<
    Und der Freitag ... das ist...

    < < Und der Freitag ... das ist einfach armselig, aber den hat ja auch bisher niemand für wichtig, verlässlich oder vertrauenswürdig gehalten. >>
    Und er ist nicht mal mehr gut langweilig.

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