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Vom freien Handel: Theorie und Praxis

25.07.2012, 10:34 Uhr  ·  Die Wissenschaft ist immer noch uneins, wer in Theorie und Realität von mehr Freihandel profitiert. Aber wer ihn wünscht - da lag die Theorie ganz richtig, zeigt die wissenschaftliche Forschung.

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Die Wissenschaft ist immer noch uneins, wer in Theorie und Realität von mehr Freihandel profitiert. Aber wer ihn wünscht – da lag die Theorie ganz richtig, zeigt die wissenschaftliche Forschung.

Wirtschaftswissenschaftler sind ja eigentlich keine Wissenschaftler. Richtige Wissenschaftler, also Mathematiker oder Physiker, haben Hypothesen und können diese testen, alles sist viel klarer und fundierter, und der verzweifelte Wettlauf der Sozialwissenschafter, durch Mathematisieirung Anschluß zu finden – wenig überzeugend. Dann haben die Ökonomen nicht einmal die Wirtschaftskrise kommen sehen, und mit den meisten Erkenntnissen kann man ohnehin nicht viel anfangen, denn wir sind ja alle gar nicht rational. Der Homo Oeconomicus – ein wirtschaftswissenschaftliches Hologramm, sozusagen. So ungefähr lautet die gängige Kritik, die hier oft genug auch in de Kommnetaren deutlich wird.

Vieles davon ist natürlich nicht völlig unbegründet, in den Sozialwissenschaften lassen sich experimentelle Zustände seltener herstellen, und während ein Ball in Afrika wie in Kontinentaleuropa immer zu Boden fällt, entwickeln sich die Volkswirtschaften völlig unterschiedlich – und gehorchen möglicherweise anderen Gesetzmäßigkeiten. Entsprechend gibt es für fast jedes Phänomen verschiedene, konkurrierende Erklärungsmodelle, und absolute Wahrheiten sind schwer zu finden.

Es gibt allerdings auch Gegenbeispiele. Volkswirte zum Beispiel haben neuerdings vier Modelle, mit deren Hilfe sie Handelsströme zwischen Ländern erklären. Alle implizieren, daß Handels zu kollektiver Wohlstandsmehrung führt. Dem gegenüber stehen die empirischen Analysen, die zwar häufig kollektive Wohlstandsgewinne aufzeigen – leider aber nur schwer unterscheiden können, ob reichere Länder mehr handeln, oder mehr Handel zu Reichtum führt. Die dritte Dimension ist die allgemeine Wahrnehmung: Individuen, Firmen und Politiker tendieren eher dazu, die Härten und Nachteile der Globalisierung zu sehen. Tatsächlich setzt sich auch in der Wissenschaft zunehmend die Erkenntnis durch, daß Handel jedenfalls nicht pauschal und für alle gut sein kann – es gibt einfach Gewinner und Verlierer. Bleibt nur die Frage: wer sind die Gewinner, und wer die Verlierer?

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Eine grundlegende, wenn auch etwas abstrakte Antwort auf diese Frage gibt das Stolper-Samuelson Theorem, und zwar schon seit 1941. Die Erklärung beruht auf Modellen, die den Handel zweier Länder mit jeweils zwei Inputfaktoren (Arbeit und Kapital) zu beschreiben versuchen. Im Vergleich miteinander verfügt das eine Land über viel Kapital, das andere über viele Arbeiter, und beide produzieren zwei Güter: eines, das mehr Arbeitseinsatz verlangt, und eines mit mehr Kapitaleinsatz. Nehmen die beiden Länder den Handel miteinander auf, wird jedes Land dasjenige Gut exportieren, dessen hauptsächlicher Arbeitsfaktor im Land reichlich vorhanden ist, und das andere Gut von außerhalb importieren.

Um das Beispiel näher an die Realität zu rücken, könnte man sagen: Industrieländer werden Güter exportieren, die viel technologisches Wissen und hochausgebildete Arbeitskräfte erfordern, während weniger entwickelte Länder diese Produkte importieren, und dafür Rohstoffe und simple Produkte unter Einsatz ungelernter Arbeitskräfte exportieren. Die Wissenschaftler Stolper und Samuelson leiteten daraus ab, wer von diesem Handel profitieren würde: im Industrieland die hochausgebildeten Arbeiter, im Entwicklungsland die gering ausgebildeten Arbeitskräfte. Gleichzeitig würde sich im Industrieland die Situation ungelernter Arbeitskräfte verschlechtern, weil das Entwicklungsland diese Produkte günstiger und vorteilhafter herstellen kann, und diese Produktionszweige im Industrieland dadurch unter Druck geraten – und vice versa.

Die Erkenntnis ist stammt bereits aus den 40er Jahren, gilt unter Wissenschaftlern als akzeptierter Standard, allerdings ist der empirische Beweis schwierig und mit vielerlei Problemen behaftet. Einkommen in Relation zu Preisen, Handelsströme, die Klassifikation von Produktzweigen, die Messung von Daten, das oben erwähnte Henne-Ei-Problem… all das macht eine empirische Schätzung schwierig, weil die meßbaren Einkommensänderungen von Personen zu komplex und vielschichtig und wenig vergleichbar sind. Da helfen auch die schönsten Rechenmodelle am Computer nicht weiter.

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Manchmal jedoch kann man auf Umwegen auch zum Ziel gelangen – oder zumindest zu spannenden Erkenntnissen. Seit den 1980er Jahren gibt es internationale „Value Surveys”, also Umfragen, die viele Individuen in vielen Ländern nach Einstellungen und Meinungen befragen. Unter anderem auch zu ihrer Haltung gegenüber Freihandel, Globalisierung und protektionistischen Maßnahmen (z.B. Zöllen, um die heimische Wirtschaft zu schützen). Findige Wissenschaftler haben solche Daten genutzt, um zu zeigen, daß das Stolper-Samuelson Theorem in den Köpfen des Durchschnittsbürgers durchaus angekommen ist.

Zunächst zeigen die Autoren einige simple Zusammenhänge, zum Beispiel, daß gut ausgebildete Arbeitskräfte und Menschen, die sich selbst in höheren sozialen Schichten einordnen, im Durchschnitt eher für Freihandel sind – Ausbildung scheint also generell einen Effekt zu haben. Auch Alter und Geschlecht weisen klare Korrelationen mit den verschiedenen Wertvorstellungen auf, was wenig überraschend ist. Daneben scheint es einen klaren Ländereinkommenseffekt zu geben: Menschen in ärmeren Ländern können Handel viel abgewinnen, Menschen in reicheren Ländern hingegen sehr viel weniger – und in den USA hat Freihandel gemäß einer Umfragewelle sogar den schlechtesten Stand überhaupt.

Die volkswirtschaftlich interessante Frage ist jedoch, ob die Unterschiede in das Stolper-Samuelson Muster passen – sich also nach Faktorausstattung des Landes und des Individuum unterscheiden. Die Fragestellung in den Umfragen ist meistens sehr simpel gehalten: ist der Befragte für mehr Handel oder für mehr Protektion? Zusätzlich wurden für alle Befragten Alter, Einkommen, Ausbildung und natürlich das Heimatland erfasst. Setzt man Ausbildung und Einkommen in Relation zu den durchschnittlichen Ausbildungs- und Einkommensniveaus in verschiedenen Ländern, sind damit alle relevanten Informationen verfügbar. Tendenziell sind in reichen Ländern wie Deutschland oder den USA vor allem die gutausbildeten Einwohner für mehr Handel, während die weniger gutausgebildeten Arbeiter protektionistische Positionen vertreten. In ärmeren Ländern, wie den Philippinen oder Äthiopien ist es umgekehrt: gut ausgebildete Einwohner treten für mehr Protektion ein, während die unteren Schichten Freihandel favorisieren.

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Es gab in den letzten Jahren eine kleine Anzahl empirischer Analysen in dieser Richtung, deren Unterschiede vor allem technischer Natur sind: der wissenschaftliche Diskurs debattiert die Vor- und Nachteile bestimmter Umfragetypen, die Abdeckung verschiedener Länder, oder die Frage, ob nicht vielleicht mehr Ausbildung zu mehr wirtschaftlichem Denken führt und damit die Haltung gegenüber Freihandel anderweitig beeinflußt (wirtschaftswissenschaftliche Indoktrination oder so). Neuere oder andere Datensätze haben es zum Beispiel ermöglicht, zumindest annähernd letzeren Faktor separat zu berücksichtigen – während die zentralen Ergebnisse erhaltenbleiben.

Während die Herren Stolper und Samuelson sich sicher vor allem darüber gefreut hätten, daß ihre Theorie – wenn auch auf Umwegen – sich so hübsch belegen läßt, ist es im weiteren Sinne auch eine Bestätigung für die volkswirtschaftliche Wissenschaft: zumindest manchmal sind Menschen durchaus rational und wissen durchaus differenziert, was gut für sie ist. Und: manche Theorien lassen sich tatsächlich belegen, sogar in den liederlichen Sozialwissenschaften.

Ein Nebenergebnis, das die Politikskeptiker hier erfreuen dürfte (oder auch nicht): die Korrelation zwischen dem Anteil der Bevölkerung, die Freihandel favorisiert und den tatsächlichen Zollsätzen dieses Landes war sehr deutlich. Mehr Zustimmung zu Freihandel war mit deutlich weniger Zöllen assoziiert. Das läßt vermuten, daß Politiker zumindest manchmal und in Grenzen doch das tun, was die Mehrheit der Wähler wünscht.

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (40)
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0 Thorsten Haupts 25.07.2012, 13:14 Uhr

Nein, ich will wirklich nicht...

Nein, ich will wirklich nicht meckern: Aber Stolper-Samuelson scheint mir wirklich nur ein Spezialfall von Ricardo zu sein, oder besser, man kann das Stolper-Samuelson-Theorem ohne viel Nachdenken direkt aus Ricardo ableiten. Überraschend wird für viele vielleicht sein, dass in sich entwickelnden Ländern die Armen häufig für Freihandel sind, die Wohlhabenden dagegen. Ähnliche Beobachtungen konnte man allerdings auch schon in Preussen/Deutschland bei seiner industriellen Aufholjagd nach 1850 machen, ebenso in anderen europäischen Ländern dieser Periode. Es sieht so aus, als würden Menschen sich zum Freihandel grosso modo entlang ihrer "natürlichen" ökonomischen Interessen positionieren. Was Romantiker zum Weinen bringen müsste und nur einmal mehr bestätigt, dass Fressen vor der Moral kommt :-). Gruss, Thorsten Haupts

Ja "de Kommnetaren" hier haben...

Ja "de Kommnetaren" hier haben es so in sich :p . "Das läßt vermuten, daß Politiker zumindest manchmal und in Grenzen doch das tun, was die Mehrheit der Wähler wünscht." . Was ebenso zufällig sein kann wie dass die Autorin hier mal irgend ein Thema akkurat zur darauffolgenden Plauderei aufbereitet.

0 HansMeier555 25.07.2012, 14:47 Uhr

Was halten denn die Berliner...

Was halten denn die Berliner vom Handel? Und die Brandenburger?

0 sophia.infinitesimalia 25.07.2012, 15:01 Uhr

Thorsten Haupts, ich finde es...

Thorsten Haupts, ich finde es prima, wenn Menschen ausnahmsweise mal rational sind - und die Sozialwissenschaften das einigermaßen glaubwürdig nachweisen können! . tricky1, machen Sie's besser. . HansMeier555, Berliner und Brandenburger sind der Beritt des geschätzten Kollegen DA. Sie können es aber auch einfach in den Daten nachschauen, die sind ja öffentlich und - soweit ich mich erinnere - auch mit groben Regionalangaben.

0 Seppl-Wirt 25.07.2012, 18:23 Uhr

Ich kann mit den dargelegten...

Ich kann mit den dargelegten Erkenntnissen auch nichts anfangen. Mein unwissenschaftliches Seppl-Wirt Theorem "About Woods, the End of the Days and Lost Bags in Tokyo" besagt, dass die Menschheit sich primär einfach nur so durchwurstelt.

Hallo Sophia, Ein guter...

Hallo Sophia, Ein guter Artikel. Schön, dass sie Menschen die Wirtschaftswissenschaften näher bringen und versuchen ein paar Vorurteile abzubauen. Nicht aufgeben ;) Um zu zeigen, dass Menschen "manchmal" rational sind kann man sich auch folgendes Überlegen: Wenn Menschen überhaupt nicht rational wären, würden wir nicht an Computern arbeiten oder auch nur auf Stühlen sitzen. Beide werden heute meist Arbeitsteilig aus Vorprodukten hergestellt. Niemand plant zentral wie viele Schrauben in welcher Größe weltweit gebaut werden müssen und trotzdem sind genug da um Stühle und PC zu bauen. Warum werden nicht plötzlich keine mehr hergestellt ? Oder so viele, dass sie Massenhaft als Schraubenberge in der Landschaft enden ? Offensichtlich gibt es also doch eine "unsichtbare Hand des Marktes" die durch Anreize und Preismechanismen wirkt. Nein das funktioniert nicht immer perfekt, aber dass es überhaupt funktioniert, wenn man bedenkt wie komplex unser Wirtschaftssystem ist kann eigentlich nur faszinieren. Wenn Menschen komplett irrational wären könnte ein Preismechanismus niemals zur Arbeitskoordination beitragen. Bemerkenswert ist auch wie erbärmlich Versuche der zentralen Planung immer wieder gescheitert sind, obwohl das sicher nicht alles dumme Leute waren. Die Frage ist also eigentlich nicht so sehr ob Menschen manchmal rational sind, (das sind sie als Gruppe offensichtlich bis zu einem bestimmten Grad) sondern vielmehr ob individuell rationales Handeln auch immer gesamtwirtschaftlich Vorteilhaft ist. Und da gibt es in den WIWI ja eine ganze Reihe von beispielen warum dass nicht immer der Fall ist (z.B. öffentliche Güter, externe Effekte usw...).

0 tylerdurdenvolland 26.07.2012, 03:36 Uhr

@Thorsten Haupts 25. Juli...

@Thorsten Haupts 25. Juli 2012, 14:14 Präziser und simpler kann man es kaum sagen… Es lässt sich auf einen Satz reduzieren: „Freier Handel“ wird von denen gewollt, die glauben dabei mehr zu verdienen , und er wird von denen abgelehnt die sich von nicht-freiem Handel mehr versprechen. Wobei die eigene Position dazu sich von Deal zu Deal ändern kann. Leider mussten wir im Rahmen der Finanzkrise lernen, dass dies in der Realität keineswegs eine Frage eines Prinzips ist, sondern einzig und allein der Macht. Wenn eine Bank Profit macht, so wird dieser selbstverständlich privatisiert, aber wenn sie spekuliert und Milliarden in den Sand setzt, dann sind freier Handel oder freier Markt inakzeptabel. Die Kosten für den Steuerzahler wären (verglichen mit den jetzt drohenden) minimal gewesen, wenn man HRE und die LBs damals einfach hätte Pleite gehen lassen, wie es der freie Markt forderte. Um das zu Ermöglichen was seit 2008 abgelaufen ist, muss es völlig inakzeptable korrupte Strukturen geben. Leider wohl weltweit.

0 Thorsten Haupts 26.07.2012, 07:22 Uhr

@tylerdurdenvolland - korrupte...

@tylerdurdenvolland - korrupte Strukturen: Da werden wir wohl nie auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Ich halte mich auch hier an meinen Lebensgrundsatz, nie etwas mit vorsätzlicher Bosheit zu erklären, was sich ebenso gut mit Dummheit, Borniertheit, Furcht, kurzfristiger Interessenmaximierung, Ideologie oder welcher Form menschlicher Irrationalität auch immer erklären lässt. Damit lag ich in der Vergangenheit in 90% der Fälle richtig, was dem us-amerikanischen "good enough" entspricht. Gruss, Thorsten Haupts

0 sophia.infinitesimalia 26.07.2012, 08:04 Uhr

Seppl-Wirt, sowas kann doch...

Seppl-Wirt, sowas kann doch kein Zufall sein? Ich denke schon, daß viele Menschen in vieler Hinsicht durchaus wissen, was sinnvoll ist - und entsprechend handeln. Intuitive Rationalität, sozusagen. . yyy, die Unterschiede zwischen individueller und kollektiver Rationalität ergäben genug Stoff für ein ganzes Buch von Beiträgen hier, aber ich werde es mir für die Zukunft vormerken. . tylerdurdenvolland, am Ende hat jede Gesellschaft die Demokratie und die Politiker, die sie gewählt hat. Wenn genug Menschen etwas ändern wollen, tut sich meistens auch was - siehe Nordafrika oder Occupy oder Piraten. Bis dahin ist das existierende System Mehrheitskonsens.

@Sophia: "Wenn genug Menschen...

@Sophia: "Wenn genug Menschen etwas ändern wollen, tut sich meistens auch was" . Oder sie tun nichts oder das Falsche...

0 Seppl-Wirt 26.07.2012, 10:50 Uhr

Sophia Amalie Antoinette...

Sophia Amalie Antoinette Infinitesimalia, der "Wunsch nach Plan" ist sicher nicht zufällig. Empirischen Erkenntnisse nach, schlägt sich das oft im Jargon nieder. Z.B.: "Hey Alter, du hast doch null Plan". Eine Korrelation zwischen dem Wunsch nach Plan und Schicht, Bildung, Intelligenz, Armut und Reichtum vermag ich aber nicht zu erkennen. Die vergebliche Müh' der Wissenschaft, Wirklichkeit zu beschreiben, zu analysieren, freut mich als Romantiker. Sie scheitert meist nicht nur sprachlich. (Kiwi-Frühstück und den Blog ausgenommen. Bitte! Hab' sie am Bach gepflückt.)

0 Veil of ignorance 26.07.2012, 11:49 Uhr

Freihandel heißt, dass durch...

Freihandel heißt, dass durch Exporte lokale Anbieter mit subventionierten Produkten in den Ruin getrieben werden, während der heimische Markt mit Zöllen vor Importen geschützt wird. Gerade arme Länder die in erster Linie Agrarprodukte und Rohstoffe exportieren, sind im doppelten Sinne die Verlierer, denn ihre Güter haben sinkende Skalenerträge, was die Ricardo-Ideologie ad absurdum führt. Aus Umfragen einen Vulgärvolkswillen zu destillieren ist...naja, da spare ich mir den Kommentar zu unseren lieben WiWi`s doch besser. Halten wir einfach fest: Freihandel ist toll, Wirtschaft ist toll, Wissenschaft sowieso, wir sind alle so schön rational und das Wetter ist schön :-)

0 Paradigma 26.07.2012, 13:58 Uhr

Hm, scheint auch davon...

Hm, scheint auch davon abzuhängen, unter welchen Vorzeichen und vor allem wo solche "empirischen Studien" betrieben werden. An staatlich finanzierten Unis in D wird natürlich die Meinung "empirisch" ermittelt, dass die "böse" Oberschicht und für Freihandel und die mit gepflegtem Halbwissen ausstaffierte Mittelschicht die "gute" Meinung vertritt. In der 3. Welt umgekehrt: Die westlich ausgebildete, patriotisch besorgte Oberschicht ist gegen den "bösen" Freihandel und für nationalen Protektionismus, die vulgäre, ungebildete, abergläubische und konsumgeile Unterschicht, die zu "allen Schandtaten" bereit ist, läuft USA-gesteuertem Freihandel hinterher. Und das ist dann emprisch? Eher "Clash of Propaganda-Ideologies".

0 sophia.infinitesimalia 26.07.2012, 14:16 Uhr

tricky1, dann ist halt Nichts...

tricky1, dann ist halt Nichts oder das Falsche der Konsens. . Seppl-Wirt, die Studien zeigen ja gerade, daß die Menschen unabhängig von der Bildung die richtige Intuition haben. Und ich finde nicht, daß die Mühen vergeblich sind - auch wenn die Fortschritte manchmal klein sind. . Veil of ignorance, Subventionen sind das eine. Freihandel das andere. Vielleicht bin ich hoffnungslos indoktriniert, aber ohne Subventionen sähen die Handelsströme auch anders aus.

0 Seppl-Wirt 26.07.2012, 15:44 Uhr

Sophia Amalie Antoinette...

Sophia Amalie Antoinette Infinitesimalia, wo zeigen das die Studien? Die Theoreme zeigen überhaupt nichts, außer viel heißer Luft. Bei einer, wie oben erwähnten, "simplen" Fragestellung, wie: "Sind sie für mehr Handel oder mehr Protektion?", wäre meine Antwort "Ja" gewesen. Dies als Europäer mit geisteswissenschaftlichen Studium. Kein Ahnung, wie der Gemüsebauer in Irgendwo oder die "Oberschicht" in Sonstwo das "intuitiv" bewertet hat. Ich will es auch nicht wissen. Ansonsten verweise ich an das von mir bereits kommentierte.

@Seppl-Wirt: Bald wird ihnen...

@Seppl-Wirt: Bald wird ihnen Sophia die Etikette des Querulanten mit Sperrung androhen ...

0 sophia.infinitesimalia 27.07.2012, 11:08 Uhr

Seppl-Wirt, irgendwie habe ich...

Seppl-Wirt, irgendwie habe ich Schwierigkeiten, Ihnen zu folgen... interessiert Sie der Beitrag nun, oder nicht? Wollen Sie diskutieren, oder nicht? Ich bin ja für alles zu haben, aber klare Fragen sind mir lieber.

0 Seppl-Wirt 27.07.2012, 19:36 Uhr

Madame, das ist nicht Ihr...

Madame, das ist nicht Ihr ernst. Ich soll also etwas fragen. Hmm - sind Sie für mehr Handel oder für mehr Protektion? (joke) Ein Vorschlag zur Güte, da es Ihnen die famosen Erkenntnisse der Wissenschaften scheinbar angetan haben. Warum nicht mal ein Beitrag über No Free Lunch Theoreme, Black Box Algorithmen in unbekannten Fitnessräumen etc. Also die Vorgehensweisen der Wissenschaften beleuchten, feuilletonistisch begleiten, whatever. Backstage Science sozusagen, Erkenntnisse über den Gewinn von Erkenntnis... Und ja es interessiert mich und ich habe nichts gegen Wissenschaft, wenn sie eine ist.

0 Tyler Durden Volland 27.07.2012, 23:50 Uhr

Thorsten Haupts 26. Juli...

Thorsten Haupts 26. Juli 2012, 09:22 Ich teile ihre Meinung, dass gerade die Dummheit sicher Verursacher der meisten Problem weltweit ist, auch hier in DE. Aber gestatten sie mir eine Frage. Sie wissen dass unsere Privat Banken Kredite an hoch verschuldete Länder vergeben haben, obwohl sie wissen mussten, dass diese nicht in der Lage sein würden, diese zurück zu zahlen. Man kann einem Ackermann vieles vorwerfen, wenn man will, aber sicher nicht das er dumm und unfähig ist. Nun lesen sie sich mal diese Gästeliste durch, oder die Begrüssungsrede von Merkel: https://netzpolitik.org/2012/exklusiv-die-offizielle-gasteliste-von-ackermanns-geburtstagsdiner-die-das-kanzleramt-geheim-halten-will/ und dann sagen sie mir, dass sie glauben, wenn die sich treffen, dann unterhalten sie sich über die Fussball Bundesliga….. Ein erfolgreicher Banker wie Ackermann vergibt keine faulen Kredite, es sei denn die Politik hat ihm für den Fall des Falles die Übernahme durch den Steuerzahler zugesagt. „…Dummheit, Borniertheit, Furcht, kurzfristiger Interessenmaximierung, Ideologie oder welcher Form menschlicher Irrationalität…“, bei wie sie sagen 90% der Absurditäten sicher, aber bei der LÖSUNG der Bankenkrise? Wirklich?

0 tylerdurdenvolland 27.07.2012, 23:59 Uhr

Sophia Amalie Antoinette...

Sophia Amalie Antoinette Infinitesimalia 26. Juli 2012, 09:04 „…am Ende hat jede Gesellschaft die Demokratie und die Politiker, die sie gewählt hat.“ So weit, so gut. „Wenn genug Menschen etwas ändern wollen, tut sich meistens auch was - siehe Nordafrika oder Occupy oder Piraten..“ Das können sie unmöglich ernst meinen… Obwohl…? Ich sehe, sie schreiben ja nur, dass „sich was tut“. Nicht dass sich dadurch auch nur das geringste zu etwas „Besserem“ ändert. Denn kein Mensch mit offenen Augen käme auf die absurde Idee zu behaupten, die Begriffe „Nordafrika oder Occupy oder Piraten“ mit positivem Fortschritt in Verbindung zu bringen Very tricky, very clever. Ich dachte immer ich sei sarkastisch und zynisch, da habe ich wohl in Ihnen meinen Meister gefunden… Respekt!

0 sophia.infinitesimalia 28.07.2012, 09:00 Uhr

Seppl-Wirt, das habe ich...

Seppl-Wirt, das habe ich durchaus gelegentlich versucht, aber es ist entsetzlich schwierig, technische Themen allgemeinverständlich aufzubereiten und wird dann schnell langweilig und uninteressant für 95 % der Leser. Zumal ich viele Methoden nicht kritische beleuchten könnte, weil ich dafür zuwenig Ahnung habe. Davon abgesehen gibt es viele ökonometrisch fragwürdige Studien, keine Frage - aber die oben genannten finde ich tatsächlich relativ glaubwürdig. . tylerdurdenvolland, das war keineswegs ironisch gemeint. Ich glaube durchaus, daß Demokratien besser sind als Autokratien, und Engagement der Bürger wünschenswert. Was dann dabei am Ende rauskommt, ist was anderes, und möglicherweise ist es nicht unmittelbar positiver Fortschritt, aber zumindest Bewegung in festgefahrenen Strukturen.

@tylerdurdenvolland -...

@tylerdurdenvolland - Kreditvergabe an hochverschuldete Länder: :-). Tja. Leider (!) kann selbst diese Frage extrem einfach ohne Rückgriff auf böse Absicht beantwortet werden. Denn bis zur Euroschuldenkrise hatten die Nationalökonomen in Anfällen geistiger Umnachtung oder dem Herdentrieb folgend grossflächig verdrängt, dass Staaten tatsächlich pleite gehen können. Und wegen des theoretischen Vollzugriffes eines Staates auf den gesamten volkswirtschaftlichen Ertrag galten Staatsschulden "erwachsener" Staaten (Banananrepubliken wie Argentinien zählten nicht) als Nullrisiko. Absolut idiotisch und entgegen historischer Evidenz, aber das Vorhandensein von Intelligenz ist mit der Anerkennung von Realität überhaupt nicht verbunden. Griechenland ist noch einmal ein Sonderfall, vorsätzlicher Betrug über die generalstabsmässige Fälschung staatlicher Statistiken war nicht vorgesehen (Banker trauten dem Staat ihre eigene kriminelle Energie einfach nicht zu. Oder um es zu generalisieren: Nach vielen Jahren im Projektmanagement erstaunt mich nichts mehr, wenn es um die verdrängung von Realität geht. Es gibt kaum einen Bereich, in dem selbst hoch befähigte Menschen kreativer sind. Dass seit 2008 natürlich von allen mit allen Mitteln darum gekämpft wird, wer die Kosten der Sanierung der westeuropäischen Schönwetterstaaten trägt, ist klar. Aber für die Zeit davor reichen Dummheit, Verdrängung und Herdentrieb zur Erklärung allemal aus. Nebenbei - Dummheit ist ebenfalls mit Intelligenz überhaupt nicht korreliert. Gruss, Thorsten Haupts

0 Seppl-Wirt 28.07.2012, 10:35 Uhr

Meine (zugegeben, etwas...

Meine (zugegeben, etwas verpackte) Kritik bezog sich nicht auf Sie, Sophia Amalie Antoinette Infinitesimalia. Sie bezog sich auf Studien und manch Wissenschaftliches generell. Um es ein wenig zu verdeutlichen: Die Frage, "Sind sie für mehr Handel oder mehr Protektion" halte ich aus mehreren Gründen für problematisch. Sie setzt voraus, dass der Befragte weiß, was (staatlicher) Protektionismus ist. Menschen sind meist so gestrickt, dass sie das wählen, was sie kennen und zudem verfügen sie über die Schamhaftigkeit Unwissen zu verbergen. "Mehr Handel", klingt gut, kennt jeder und man begibt man sich auf sicheres Terrain. Auch ist die Gegenüberstellung von Handel und Protektion fragwürdig. Die Begriffe sind nicht konträr. Um es kurz zu machen: Bei jeder Studie sollte man wissen, wer sie bezahlt. Wem nützt sie. Dann: WAS wurde WER, WANN (das Wann ist sehr wichtig) gefragt. WIE VIELE wurden gefragt, WO wurden sie gefragt. WIE wurden sie gefragt. (Bei mündlichen Fragen ist auch der Tonfall u.a. entscheidend.) Welche Schlüsse wurde WARUM gezogen. Eigentlich Binsenweisheiten, aber ohne die Kenntnis dieser Hintergründe ist der Nutzen der demoskopisch gewonnenen Erkenntnisse sehr fragwürdig. Das alles ist strunzlangweilig, ich weiß. Aber mit etwas dialektischem Geschick können Studien alles beweisen. Das macht sie auch sehr gefährlich. Wenn etwas plausibel scheinen möchte, nutzt es gern die Wissenschaft. Sie erreicht dann beim "berühmten kleinen Mann im Gelände" den Status der Unantastbarkeit, ähnlich der Religion. Nur hört man dann, "Ist ja wissenschaftlich bewiesen." Wirklich? No, not really.

0 sophia.infinitesimalia 28.07.2012, 10:50 Uhr

Seppl-Wirt, ohne Frage kann...

Seppl-Wirt, ohne Frage kann man jede Statistik passend drehen. Aber in dem oben genannten Fall sind die Befragungen so weit standardisiert wie es eben geht, und so großflächig angelegt, dass sie eine annähernd repräsentative Basis darstellen. Wenn sich dann abzeichnet, daß sich ausgerechnet gebildete Philippinos gegen Freihandel aussprechen, während moderat gebildete Spanier und Deutsche mit soliden Malocherjobs dagegen sind, halte ich das nicht mehr Zufall. Zumal ich bei den verlinkten Autoren recht sicher bin, daß sie keine politische Agenda haben. Methodisch kann man diesen Studien natürlich vorwerfen, daß bei so vielen Observationen statistische Signifikanz fast zwangsläufig ist, aber ich glaube trotzdem, daß das Muster eine Aussage hat. Allerdings nur soweit, daß eben offenar die meisten Menschen - auch ohne wirtschaftswissenschaftlich-akademische Ausbildung - genau die Antwort geben, die sie gemäß der Theorie geben sollten, sozusagen aus Intuition. Das sagt uns etwas, und über das Warum kann man dann diskutieren.

0 Seppl-Wirt 28.07.2012, 11:52 Uhr

Sophia Amalie Antoinette...

Sophia Amalie Antoinette Infinitesimalia, verstehe. Und ja, kann man. Moderat Gebildete mit soliden Malocherjobs frage ich nie. Nach dem Hardcore-Studium der Philosophie bin ich dazu übergegangen, Betrunkene und Kinder zu fragen - und einen kleinen Garten anzulegen. Diese protektionistischen Maßnahmen fruchten. Man wird ruhiger, die Welt kleiner und man schläft besser.

0 Homo Faber 28.07.2012, 11:54 Uhr

Das Stolper-Samuelson-Theorem...

Das Stolper-Samuelson-Theorem und das verwandte Heckscher-Ohlin-Theorem können m. E. wichtige Tatsachen bzw. Entwicklungen im weltweiten Handel nicht erklären. Dies zeigt besonders anschaulich die Autoindustrie, nach wie vor die wichtigste Fertigungsindustrie der Welt. Seit Jahren sind hier die USA der größte Netto-Importeur, während Japan und Deutschland Netto-Exporteure sind. Da die drei Industrieländer annähernd gleiche Lohn- und Kapitalkosten haben, lassen sich die riesigen Unterschiede nicht auf die relativen Faktorkosten zurückführen. Die japanischen Hersteller wurden so erfolgreich, weil sie Pioniere bei der Qualitätssicherung und bei hocheffizienten, flexiblen Fertigungsmethoden sind. Hier gelten Toyota & Co. bis heute weltweit Benchmark. Hingegen brillieren die deutschen Hersteller in der Luxusklasse mit dem besserem Design und den stärkeren Marken. Um Labels mit der Strahlkraft von Audi, BMW oder Mercedes aufzubauen, braucht es viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Die Amerikaner punkten hingegen weder bei Qualität, Design noch Markenstärke. Ferner berücksichtigt Stolper-Samuelson nicht, dass die gleichen Produkte mit einer völlig unterschiedlichen Faktorkombination produziert werden können. In den Entwicklungsländern werden Agrarprodukte überwiegend immer noch mit traditionellen, sehr arbeitsintensiven Anbaumethoden erzeugt. In den Industrieländer arbeiten die Farmer jedoch mit teuren Landmaschinen, die auf riesigen Flächen eingesetzt werden und mit modernster Elektronik ausgerüstet sind (z. B. GPS für das Precision Farming). Genau aus diesem Grund gehören Australien, Kanada und die USA zu den größten Agrarexporteuren der Welt - und nicht etwa China, Indien oder Nigeria. Indien wiederum gehört zu den bedeutendsten Exporteuren von Software und Ingenieurs-Dienstleistungen. Für diese Hochtechnologien wird kaum Kapital benötigt (lediglich ein paar billige Laptops). Die sehr leistungsfähigen indischen Universitäten bilden aber Jahr für Jahr hunderttausende hochqualifizierter Ingenieure, Programmierer und Naturwissenschaftler aus, die zu deutschen Hilfsarbeiter-Löhnen arbeiten. Schließlich spielt beim internationalen Handel zunehmend der Umweltschutz eine Rolle. In den vergangenen Jahrzehnten sind in der sehr kapitalintensiven Petrochemie in den Industrieländern zahlreiche Betriebe geschlossen worden, während in Schwellenländern mit laxeren Umweltschutzvorschriften neue Chemiefabriken aus dem Boden gestampft wurden. Neben den Faktorkosten spielen also weitere Faktoren eine erheblich, oft weit wichtigere Rolle. Das siebzig Jahre alte Stolper-Samuelson-Theorem sollte m. E. besser zu den Akten gelegt werden.

0 Homo Faber 28.07.2012, 15:04 Uhr

Vielleicht noch ein...

Vielleicht noch ein Nachtrag. Die These, dass Freihandel den Armen in den Schwellenländern nützt, während er für die Wohlhabenden Einkommensverluste bringt, ist nicht ganz richtig. Dies mag auf den Philippinen und in anderen Schwellenländern so sein. Es gibt aber auch Gegenbeispiele wie Indien. Die Ingenieure und Programmierer, die bei den IT-Unternehmen arbeiten, profitieren ganz sicher von der Globalisierung. Sie gehören aber definitiv zu Indiens wachsender Mittelschicht. Ähnliches gilt für die Betriebstechniker und Facharbeiter, die bei Foxconn in China die schicken iPads von Apple produzieren. Auch die gehören keineswegs zu den Ärmsten des Landes. Hingegen leben die hunderte von Millionen Kleinbauern im Hinterland und die Wanderarbeiter in den Metropolen weitgehend in großem Elend und haben oft nicht mal ein Dach über dem Kopf. Die Globalisierung hat in Schwellenländern wie China und Indien zunächst einmal zu einer kräftigen Spreizung der Einkommen und zu einer krassen sozioökonomischen Ungleichheit geführt. Dies wäre ja kaum zu erwarten, wenn die Einkommen der Unterschicht infolge des Freihandels steigen, die Einkommen der Mittelschicht hingegen fallen würden.

0 sophia.infinitesimalia 28.07.2012, 16:52 Uhr

Paradigma, das ist ein...

Paradigma, das ist ein möglicher Grund für das Muster - aber es gibt sicher noch andere. Ich halte es da mit Thorsten Haupts, und glaube an den besten möglichen Grund: nämlich daß Menschen doch rational sind. . Seppl-Wirt, finden Sie das nicht ein bißchen arrogant? . Homo Faber, keines der existierenden Modelle kann auch nur annähernd die Handelsströme korrekt vorhersagen - dafür entwickelt sich die Forschung ja kontinuierlich weiter, von HO zu Monopolistic Competition und zu Heterogenous Firms, gar nicht zu reden von der Nachfrageseite (home bias etc.). Ach ja, und Ausnahmen gibt es natürlich auch immer. Das ändert aber nichts daran, daß offenbar die Individuen genau jene Wünsche haben, die Stolper-Samuelson vorhersagt, was ich immerhin bemerkenswert finde.

0 Seppl-Wirt 28.07.2012, 17:58 Uhr

Ja, da gibt es viele Theorien....

Ja, da gibt es viele Theorien. Der Marx Karl befürwortete den Freihandel wegen seiner (angeblichen) brandbeschleunigenden Funktion hin zu einer sozialen Revolution. Und zwar allen Ernstes. Erschreckend zynisch. Andere setzten der Revolution der Straße eine Art Evolution der Hirne entgegen. Auch zynisch. Wieder andere legten ihr Augenmerk auf die Kunst der Subvention und verhedderten sich dort dann vollends. Tja, schwierig. Den optimalen Mix für DEN guten Cocktail hat wohl noch keiner gefunden. Aber wie der wunderbare Godart Jean-Luc sagte: "Ihr müsst suchen, suchen müsst ihr." Wahrscheinlich läuft es darauf hinaus. Und ein bisschen gesucht haben wir hiermit ja schon.

@Sophia - rationale...

@Sophia - rationale Menschen: Hüstel. Hmmm. Wie sag ich´s höflich? Sagen wir, cher Sophia, sie können auch rational sein. Manchmal. Gruss, Thorsten Haupts

@Homo Faber: Selbst, wenn Sie...

@Homo Faber: Selbst, wenn Sie Recht haben, spricht noch immer nichts gegen die These, dass Freihandel den Ärmeren nützt. Und sei es nur in Form einer Aufstiegschance, im 19. Jahrhundert in Form erschwinglicherer Lebensmittel (damals war in Preussen/Deutschland die adlige Grundbesitzerschicht entschieden protektionistisch) ... Gruss, Thorsten Haupts

0 Tyler Durden Volland 29.07.2012, 06:25 Uhr

@TorHa... Danke für ihre...

@TorHa... Danke für ihre Antwort. Im Gegensatz zu Menschen die dasselbe meinen wie man selber, sind andere Meinung lehrreich, egal ob man ihnen zustimmt. Ihre Ansicht hat sicher sehr viel richtiges und eine meiner Signaturen in Foren ist ja auch Upton Sinclairs berühmtes Wort das auch auf unsere Ökonomen zutrifft: "It is very difficult to get someone to understand something, when their salary depends upon his not understanding it." Etwas anderes ist aber, dass sie das Beispiel Ackermann und seine bewusst vergebenen, faulen Kredite ignorieren. Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass er sich über Griechenland nicht im Klaren war, als er trotzdem noch Kredite dorthin, bzw. für die Bezahlung deren deutscher Importe vergab? @Sophia Amalia "Ich glaube durchaus, daß Demokratien besser sind als Autokratien" Selbst Churchill hat es laut ausgesprochen, dass Demokratien keineswegs besser, sondern lediglich weniger schlecht als Autokratien sind. Sie aber sagen, es reiche ihnen bereits, wenn etwas "nicht unmittelbar positiver Fortschritt, aber zumindest Bewegung in festgefahrenen Strukturen" bringe. Sie meinen so wie die Veranstaltungen der NSDAP in den 20er und 30er Jahren? Es erinnert mich an einen Mann, der ihnen gefallen müsste. Er fand auf der Strasse zwei Hundehaufen, einen Grossen und einen Kleinen. Und voller Stolz und grossen Lobes für sein eigenes Urteilsvermögen, stieg er in den kleineren....

0 Seppl-Wirt 29.07.2012, 10:34 Uhr

Contenance, werter...

Contenance, werter tylerdurdenvolland. Was den Quell sprudelnder Weisheiten aka Churchill betrifft, scheint jener im Fach Logik gefehlt zu haben. Weniger schlecht als x ist gleich besser. Always. "Weniger schlecht aber nicht besser" ist kruder Unfug.

0 sophia.infinitesimalia 29.07.2012, 11:46 Uhr

Seppl-Wirt, das ist doch ein...

Seppl-Wirt, das ist doch ein sehr konziliantes und diplomatisches Schlußwort! . ThorHa, manchmal ist jeder Mensch rational, davon zumindest bin ich zutiefst überzeugt. Nur eben nicht immer. . tylerdurdenvolland, wenn die first-best option nicht realistisch ist, muß man die second oder third best option nehmen. Das sind dann eben im Moment die Demokratien, die wir haben. Ob sich in Tunesien und Ägypten mittelfristig die Umstände für die Bewohner dort verbessern, werden wir sehen.

@Seppl-Wirt- Churchill: Kommt...

@Seppl-Wirt- Churchill: Kommt davon, wenn falsch zitiert wird. Der Churchill zugeschriebene Spruch lautet: "No one pretends that democracy is perfect or all-wise. Indeed, it has been said that democracy is the worst form of government except all those other forms that have been tried from time to time." Womit gleichzeitig klar wird, dass er im Angeicht aller bereits ausprobierten Alternativen die Demokratie für die beste hielt. Gruss, Thorsten Haupts

0 Homo Faber 29.07.2012, 15:30 Uhr

@ ThorHau Ich bestreite...

@ ThorHau Ich bestreite keineswegs, dass der Freihandel insgesamt gesehen auch den Armen in den Schwellen- und Entwicklungsländern nützt. Doch dies ist nicht automatisch der Fall. Es gibt zahlreiche Gegenentwicklungen, die zumindest vorübergehend die Not und die Ungleichheit vergrößern können. Vom Freihandel profitieren - grob gesprochen - vor allem die Beschäftigten, die in den Exportindustrien arbeiten. Dort können die Löhne u. U in kurzer Zeit sehr rasch steigen. Um aber in einer modernen Fabrik arbeiten zu können, sind gewisse Qualifikationen erforderlich, die die Wanderarbeiter aus dem chinesischen Hinterland im allgemeinen nicht aufweisen. Diese haben allein schon deswegen kaum eine Chance auf sozialen Aufstieg, weil sie oft illegal in die Städte gezogen sind und dort nur niedrigste und schlechtest entlohnte Arbeiten wie Müllsammeln und Straßenkehren verrichten dürfen. Die importierten Güter aber, die dank Freihandel reichlich und billig zu haben sind, können sich nur die Mittelschichten leisten. Die Wanderarbeiter haben schlicht kein Geld, um Kameras aus Japan, Wein aus Frankreich oder Autos aus Deutschland zu kaufen. Und noch ein Effekt kann dazu betragen, dass sich die Lage der Ärmsten verschlechtert. Die chinesische Mittelschicht kopiert hemmungslos die Konsumgewohnheiten des Westens, was zum Beispiel bedeutet, dass die Nachfrage nach hochwertigen Lebensmitteln wie Eier, Fleisch, Käse drastisch zunimmt. Für die Erzeugung proteinreicher Nahrung wird aber erheblich mehr Ackerland benötigt als für Reis und Gemüse. Wegen dieser Verdrängungskonkurrenz steigen die Preise für die Grundnahrungsmittel, von denen die Armen leben. Die Regierung muss daher eingreifen, um die Ernährung der breiten Bevölkerungsschichten sicherzustellen. Ich bin ein glühender Anhänger der Globalisierung. Aber ist leider nicht nur ein Segen.

0 tylerdurdenvolland 29.07.2012, 21:17 Uhr

@ Seppl Wirt.. Verzeihung,...

@ Seppl Wirt.. Verzeihung, mein Fehler: "Weniger schlecht als x ist gleich besser. Always. "Weniger schlecht aber nicht besser" ist kruder Unfug." Es muss natürlich heissen: "Weniger schlecht aber noch lange nicht gut."

0 tylerdurdenvolland 29.07.2012, 21:20 Uhr

@ Homo Faber "Ich bestreite...

@ Homo Faber "Ich bestreite keineswegs, dass der Freihandel insgesamt gesehen auch den Armen in den Schwellen- und Entwicklungsländern nützt. Doch dies ist nicht automatisch der Fall. Es gibt zahlreiche Gegenentwicklungen, die zumindest vorübergehend die Not und die Ungleichheit vergrößern können." Schauen sie sich díe Selbstmordraten indischer Baueren an, mehrere Tausend jedes Jahr(!), seitdem die korrupten Bürokratie und Politik es Monsanto erlaubt haben dort den Bauern ihr steriles Saatgut anzudrehen....

0 sophia.infinitesimalia 30.07.2012, 07:25 Uhr

tylerdurdenvolland, ich finde...

tylerdurdenvolland, ich finde es ja besonders toll, wenn Leute nicht nur an allem etwas auzusetzen haben, sondern auch konstruktive Vorschläge machen. . Homo Faber, keine Frage, es gibt reichlich Nachteile für viele Menschen. Die Schwierigkeit besteht darin, alle Vor- und Nachteile zu aggregieren und zu verrechnen. Was bei einer solchen Rechnung rauskäme, weiß vermutlich niemand. Hier ging es aber weniger darum, die Sinnhaftigkeit von Freihandel zu predigen, sondern zu diskutieren, was die o.g Studien zu sagen haben.

0 tylerdurdenvolland 30.07.2012, 23:38 Uhr

@Sophia Amalie Antoinette...

@Sophia Amalie Antoinette Infinitesimalia Lassen sie es mich mal so sagen... Ich würde es schon als grossen Fortschritt betrachten wenn sich die Leute wenigstens mal ein wenig mehr bemühen würden zu sehen, was auf dieser Welt tatsächlich abläuft. Verglichen damit ist das was sie "besonders toll" finden, recht weit unten auf meiner Prioritöts Liste. Verbesserungsvorschläge, so hat die Vergangenheit (manche von uns zumindest) gelehrt, haben sich im nachhinein nahezu immer als ihr Gegenteil erwiesen....

wurde schon frühzeitig von einem Magister der Mathematik bescheinigt, sie möge ob ihrer Unfähigkeit im Umgang mit Zahlen und Formeln nicht allzu betrübt sein, es gebe reichlich schöne Berufe ohne dieselbe, insbesondere ein Broterwerb als Kammerjungfer oder Hausfrau wurde ihr nahegelegt.