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Vom Versuch, Kriege zu quantifizieren

10.04.2013, 15:34 Uhr  ·  Die Konfliktforschung hat eine lange Tradition - sowohl mit statistischen als auch mit modelltheoretischen Methoden. Viele Fragen allerdings sind immer noch ungelöst.

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Zu den bekanntesten Mythen der Politikwissenschaften gehört die Geschichte vom demokratischen Frieden: demokratische Staaten führen demzufolge keinen Krieg gegeneinander. Die Idee ist sehr schön, und man muß etwas überlegen, um Gegenbeispiele zu finden, aber es gibt sie. Die kontinuierlichen Konflikte zwischen Indien und Pakistan zum Beispiel, oder die türkische Invasion Zyperns 1974. Die Mehrzahl der bewaffneten Konflikte hingegen finden tatsächlich zwischen nicht-demokratischen Staaten statt. Die Unsicherheit beginnt bereits bei den Definitionen: was ist eine Demokratie? Was ist keine? Und was ist ein Krieg? Die meisten  modernen Datensätze definieren Konflikte über die Anzahl der Toten – wobei die Bandbreite von minimal 25 bis 1.000 reicht.

Grundsätzlich ist es nicht leicht, Zahlen aus den vergangenen Jahren zu finden. Für Afghanistan und den Irak gibt es Zahlen, für Syrien schwanken die Schätzungen enorm, und überhaupt ist die Unsicherheit groß. Neben den direkt im Gefecht umgekommenen Menschen gibt es noch die getöteten Zivilisten. Hinzukommen all jene, die durch Hunger, Krankheiten oder auf der Flucht ums Leben kommen. Mit all unserer modernen Technik lassen sich diese Unsicherheiten doch nicht überwinden – umso beeidnruckender ist die Leistung von Lewis P. Richardson, der 1948 Zahlen zu den Kriegstoten seit 1820 aufzustellen versuchte. Mit den von ihm gesammelten Daten zeigte er, daß Konflikte – ebenso wie viele andere Phänomene – Potenzgesetzen gehorchen. Genauer gesagt, verhält sich die Größe eines Ereignisses (hier Konflikttote) invers proportional zur Häufigkeit eines solchen Ereignisses. Das heißt es gibt viele kleine Konflikte mit wenigen Toten, und einige sehr seltene, katastrophale Konflikte mit außerordentlich vielen Toten.

Die Schwierigkeiten beginnen für Konfliktforscher bereits damit festzulegen, wann ein Konflikt kein Krieg mehr ist. Da Richardson sich auch für die sehr kleinen Ereignisse interessiert, entfiel diese zusätzliche Komplikation für ihn. Er sammelte Daten zu allen Konflikten, vom kleinen Mord über Meutereien und Aufstände bis hin zum Weltkrieg für den Zeitraum von 1820 bis 1945. Im ersten Schritt kategorisierte er die möglichen Größenordnungen nach Konflikttoten von 0 Toten bis zu den etwa 40 Millionen Opfern des zweiten Weltkriegs. Um Erhebungsfehler und Ungenauigkeiten auszugleichen logarithmierte er sämtliche Werte und erhielt acht Kategorien (0-0,5; 0,5-1,5;…6,5-7,5).

Vergleicht man seine Werte mit dem Wissen von Wikipedia, so waren die historischen Zahlen offenbar etwas zu niedrig, aber wie eingangs bereits vermerkt: Ungenauigkeiten sind kaum zu vermeiden. Im nächsten Schritt war sein Ziel, sämtliche Konflikte gewissermaßen als Strichliste in diese Kategorien einzuordnen und zu zählen, wie häufig größere und kleinere Konflikte waren.

Die Datensuche gestaltete sich offenbar mühsam, vor allem für die mittelgroßen Konflikte. Große Kriege (>2.5, d.h. mit mehr als 300 Toten) waren auch für ihn bereits aus Geschichtsbüchern gut nachvollziehbar , sehr kleine Zahlen (d.h. einzelne Mord- und Totschlagsdelikte) konnte er aus den Kriminalstatistiken verschiedener Länder hochrechnen. Dabei errechnete er einen Durchschnitt von 32 Konflikten mit Todesfolgen pro Million Einwohner für Länder mit brauchbaren Statistiken, und rechnete diese Zahl auf die ungefähre Weltbevölkerung von 1,5 Milliarden (um 1900) hoch. Der Einfachheit halber wurde das als konstanter Wert  für den gesamten Zeitraum von 126 Jahren angenommen. Und so kommt er auf 6 Millionen Mordfälle. Diese grobe Näherung korrigierte er im nächsten Schritt mit Daten aus der britischen Kriminalstatistik, um zu berücksichtigen, daß in manchen dieser Konflikte mehr als ein Mensch zu Tode kam, mit einem Gesamtergebnis von 9 Millionen Toten aus Kleinstkonflikten über den gesamten Zeitraum. Zwar handelt es sich bei dieser Zahl um eine sehr grobe Schätzung, aber für die Zwecke völlig ausreichend – auch bei Abweichungen nach oben oder unten würden sich die Gesamtergebnisse am Ende kaum ändern.

Die größte Herausforderung waren offenbar die mittelgroßen Konflikte mit 5-300 Toten, die in keiner Kriminalstatistik systematisch erfasst sind – aber auch in keinem Geschichtsbuch umfassend verzeichnet. Diesen Teil der Daten leitet er mit einigermaßen komplizierten Berechnungen aus den existierenden Daten ab, und kommt insgesamt zu dem Ergebnis, daß seit 1820, gemessen an der gesamten Sterberate nur 1.6% der Toten auf Konflikte entfielen. Lapidar konstatiert er “Those who enjoy wars can excuse their taste by saying that wars after all are much less deadly than disease” – er war übrigens überzeugter Pazifist. In absoluten Zahlen entsprechen diesen 1,6 % immerhin 59 Millionen Tote über 126 Jahre – wobei das noch unter den heutigen Maximalschätzungen für den zweiten Weltkrieg allein liegt, also vermutlich wirklich deutlich zu niedrig ist. Seine Analysen zeigen jedoch, daß die Mehrzahl dieser Opfer entweder durch ordinäre Morde oder aber durch die beiden Weltkriege zu Tode kam.

Mit weiteren mathematischen Analysen zeigt Richardson abschließend, daß Ausmaß und Häufigkeit der Ereignisse tatsächlich in einem regelmäßigen statistischen Zusammenhang stehen, und zwar sowohl für die von ihm gesammelten weltweiten Daten wie auch für einzelne, kleinere Phänomene, zum Beispiel bei Gangs und Konflikten in Chicago. Seither wurde diese Besonderheit auch in anderen Kontexten untersucht, insbesondere für terroristische Anschläge scheint Ähnliches zu gelten, ebenso wie für aktuellere Datensätze, die die quantitativ orientierten Sozialwissenschaften natürlich längst zusammengetragen haben.

Bleibt jedoch die Frage, wie ein solches Muster entstehen kann, bzw. welche Mechanismen dahinterstehen. In bester interdisziplinärer Manier suchte ein Forscher daher in der Physik nach Erklärungen und wurde fündig bei der selbstorganisierten Kritikalität, die sich bereits für alle möglichen ähnlichen Phänomene (zum Beispiel Lawinenabgänge, Erdbeben etc.) als nützlich erwiesen hat. Der fragliche Forscher schafft es, die Grundidee von selbstorganisierter Kritikalität auch ohne Fachbegriffe wie “Skaleninvarianz” und “Attraktoren” zu erklären, indem er auf ein illustrierendes Beispiel zurückgreift: läßt man Sand auf einen Haufen rieseln, so rutschen die Seiten des entstehenden Sandberges immer mal wieder, plötzlich, in größere Mengen ab. Die permanente (=lineare) Berieselung baut Spannungen auf, die sich ruckartig (und nicht-linear) entladen.

Der Zusammenhang mit Konflikten springt einem dabei nicht sofort ins Auge, aber bei näherer Überlegung: die Ausbreitung von Kriegen in Raum und Zeit und Größe sind gar nicht so unähnlich, wobei zum Beispiel technologische Neuerungen (Transportmittel zur räumlichen Ausbreitung) eine ähnliche Wirkung wie permanente Sandberieselung im o.g. Beispiel haben können. Auf dieser Grundidee konstruiert er ein mathematisches Modell mit Agenten (Staaten) auf einer (geographischen) Rasterfläche, die miteinander und über viele Zeitperioden hinweg in Beziehungen, ausgedrückt durch Gleichungen, die die Beziehungen mathematisch beschreiben, verbunden sind. Die Beschreibung dieses dynamischen Gleichungssystems erinnert entfernt an Computerspiele, und ganz ähnlich kann das System danach verschiedene Situationen simulieren.

Der Autor zeigt, daß sein Modell tatsächlich potenzgesetzmäßige Konflikte generiert – und vor allem, welche Faktoren dazu beitragen, namentlich technologischer Fortschritt und Entscheidungsregeln, die vielfältige Interdependenzen und Dimensionen zwischen den Akteuren berücksichtigen, wie etwa Konflikte an mehreren Fronten und deren Wechselwirkungen. Spannend, aber vermutlich für die Realpolitik wenig interessant – dafür jedoch ein weiteres Anzeichen dafür, daß die traditionell eher statischen modelltheoretischen Fundamente der Sozialwissenschaften pragmatisch betrachtet möglicherweise nicht der Weisheit letzter Schluß sind.

 

Veröffentlicht unter: Politik, Statistik, Forschung, Modelle, Krieg

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (34)
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Und?

Kann man denn aufgrund dieses schönen Modells nun sagen, ob und wann Crazy Kim seine A-Bömbchen abfeuern wird? Das dürfte die "Realpolitik" durchaus interessieren, oder?

Antworten (3) auf diese Lesermeinung

0 bossy bob 10.04.2013, 21:11 Uhr

Demokratischer Frieden

Aus der WP: " democracies are hesitant to engage in armed conflict with other identified democracies"
Nach dieser Definition paßt die türkische Invasion nicht ganz hier rein, da das griechische Regime alles andere als demokratisch war (von den Demokratiedefiziten der damaligen Türkei mal abgesehen).

& "hesitant" bedeutet ja auch nicht, daß es keine derartigen Kriege gibt, sondern nur, daß solche Kriege eher unwahrscheinlich & ungeliebt sind.
Eine Kleinigkeit, aber nicht ganz unbedeutend.

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0 Matthias Mersch 10.04.2013, 22:24 Uhr

O diese Väter aller Dinge!

Die Kriege, in denen sich Indien und Pakistan feindlich gegenüberstanden, wurden tatsächlich mindestens einmal unter einem demokratisch gewählten pakistanischen Präsidenten als Kriegsherren geführt. Indiens Selbstbezeichnung als Demokratie wollen wir einmal unkritisch übernehmen.

*
Das Beispiel Zypern 1974 scheidet allerdings als Konflikt zwischen Demokratien aus: Die griechische Junta ließ auf Zypern putschen und Makarios aus dem Amt jagen, eine Annektion zugunsten Griechenlands war geplant, was den türkischstämmigen Bewohnern des nördlichen Teils der Insel nicht gefallen konnte und einen demokratisch legitimierten, sozialdemokratischen türkischen Ministerpräsidenten zum Eingreifen veranlasste.

*
Die gemütvolle Bemerkung “Those who enjoy wars can excuse their taste by saying that wars after all are much less deadly than disease” erinnert doch stark an den Kommentar von John Wayne zur Zahl der im Vietnamkrieg getöteten US-Soldaten: So viele Leute kämen allein in einem Jahr auf Amerikas Straßen als Verkehrsopfer ums Leben.

*
Die neun Millionen Mordopfer seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts erscheinen mir sehr niedrig angesetzt. In der FAZ war erst unlängst zu lesen, dass seit der Ermordung von John Lennon 1980 in den USA eine Million Menschen durch Schusswaffen ums Leben gekommen seien. Ziehen wir ungeschickte Waffenreiniger, Sonntagsjäger und Ballermänner ab, die ihre Querschläger nicht unter Kontrolle haben, bleibt also allein für diese Weltgegend eine hohe Zahl für einen Zeitraum von gerade einmal dreißig Jahren.

*
Mit Ihrer Bemerkung von wegen der Weisheit letzter Sch(l)uss treffen Sie, werte Sophia Amelie, natürlich ins Schwarze!

Antworten (2) auf diese Lesermeinung

0 Matthias Mersch 10.04.2013, 22:28 Uhr

Ein Nachsatz

Dass mehr kleine als große Katastrophen passieren und mehr Kleinkrieg als Weltkrieg stattfindet, halte ich für nachvollziehbar, aber keineswegs für beruhigend.

Erkenne ich im Verweis auf die „selbstorganisierte Kritikalität“ ein Abrutschen ins Argument von der Naturwüchsigkeit des Krieges und seiner behaupteten Vaterschaft aller Dinge? Da machte sich dann doch größtes Unbehagen breit, denn Krieg – wie auch immer definiert – halte ich immer noch für reines Menschenwerk und keinesfalls in einer gottgegebenen oder sonstigen Ordnung angelegt.

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0 Fritz der Teich 10.04.2013, 23:20 Uhr

Gutes Thema

Aber das Kriegsrecht ist noch spannender, targetting algorithms, "kluge" Waffen und dumme Politiker, die immer mehr Krieg machen, Krieg, der frueher nicht moeglich war. Kosten/Nutzen.

Wann ist eine "Cyber-Attacke" ein bewaffneter Angriff? Was ist Gewalt? Das Reichsgericht, die Gabe von Drogen und der Bundesgerichtshof. Und die neue Weltinformationsordnung, wegen der die USA einst aus der UNESCO ausgezogen sind.

Strategic communications. Oeffentlichkeit und "Geheimdiplomatie"....

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2 K. Peter Luecke 10.04.2013, 23:23 Uhr

"... man muß etwas überlegen, um Gegenbeispiele zu finden, aber es gibt sie."

Der amerikanische Bürgerkrieg - zum Beispiel. Oben im Beitrag leider "vergessen". Das war auch so ein undemokratischer Krieg zwischen Demokratien. Der hat die Amerikaner übrigens mehr Tote gekostet als der Erste und der Zweite Weltkrieg. Ohnehin ist die These vom "demokratischen Krieg" ziemlich scheinheilig. Sie impliziert nämlich eine Schuldzuweisung. Wenn Demokratien untereinander (angeblich) keine oder nur wenige Kriege führen, müssen ja wohl die anderen Gesellschaftsformen dafür verantwortlich sein, dass die "Demokratien" permanent zu den Waffen greifen ... Auch in der Wahl ihrer Mittel - Urwald-Entlaubung, Terrorbombardements gegen die Zivilbevölkerung , Atomwaffeneinsatz - sind die sog. "Demokratien" nicht gerade zimperlich. ... Die anderen Gesellschaftsformen stören halt deren Wirtschafts- und Expansionsinteressen. Alle übrigen Gründe sind vorgeschobene Propaganda.

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0 Politologe 11.04.2013, 07:51 Uhr

Ergänzung

Mir ist nicht ganz klar, warum die Theorie des Demokratischen Friedens als Mythos bezeichnet wird. Es ist eine Theorie, nicht mehr und nicht weniger. Allerdings hat sich diese Theorie bewährt, sprich sie hat sehr vielen empirischen Tests standgehalten und kommt einer Gesetzmäßigkeit sehr nahe. Das ist für die sonst mit mäßig überzeugenden Korrelationen arbeitende Sozialwissenschaft ein ziemlich starkes Ergebnis.

Zur Frage "Was ist eigentlich eine Demokratie?": Es gibt zwei zentrale Datensätze, die in den letzten 10 Jahren am häufigsten genutzt werden. PolityIV ist der ältere, und er versucht Demokratie zu quantifizieren. Es gibt eine Skala von -10 (Autokratie) bis 10 (Demokratie). Das macht die Daten zwar recht nützlich für Regressionsanalysen, aber die Kritik an der Datenerhebung häuft sich. Die Daten basieren auf Expertenbefragungen. Es gibt mehrere tausend Varianten, bspw. zu einer 7 zu kommen. Also sagt eine 7 in PolityIV nicht unbedingt viel aus. Zudem gibt es sehr viele Demokratie-Komponenten in PolityIV. Rechtsstaatlichkeit bspw., was aber vermutlich nicht ein Subset von Demokratie sein sollte sondern ein gesondertes Konzept.
Vor ein paar Jahren gab es Artikel, die behauptet haben dass semi-demokratische Staaten öfter zu Bürgerkrieg neigen. Bis Kollegin Vreeland darauf hinwies, dass Bürgerkriege teil der Kodierung der Daten sind.. Peinlich.

Nützlicher ist da schon das Democracy/Dictatorship-Dataset von Przeworski, Cheibub und Konsorten. Zwar hat man dann eine dichotome abhängige Variable, aber immerhin eine klare Kodierung. Basierend auf einer Minimaldefinition von Demokratie (Regierungsablösung durch Wahlen) werden Staaten einfach in eine der beiden Kategorien eingeordnet. Wenn es immer Wahlen aber keinen Regierungswechsel gab, bleibt die Kodierung "offen". Das ist zwar keine perfekte Lösung. Aber der Befund des Demokratischen Friedens ist über die verschiedenen Datensatzverbesserung bestehen geblieben.

Freedom House nimmt mittlerweile kaum jemand mehr wirklich ernst, dafür sind die Mängel des Datensatzes zu gravierend.

Zum DD-Datensatz: http://link.springer.com/article/10.1007%2Fs11127-009-9491-2

Worin dieser Blogeintrag recht hat, ist dass die kausalen Mechanismen weiterhin diskutiert werden. Da gibt es keinen abschließenden Konsens.

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Prognose mittels Potenzgesetz für Syrien

Sehr interessanter Beitrag! Wie bereits von Vorkommentatoren angemerkt, stellt sich hier die Frage, welche praktischen Handlungsanweisungen sich aus diesen Erkenntnissen ableiten lassen. Ich möchte in diesem Zusammenhang auf einen Artikel verweisen, der in Kürze erscheinen wird, in der Forscher mit Hilfe des erwähnten Potenzgesetzes Massaker an der Zivilbevölkerung bis Ende Mai 2013 in Syrien vorhersagen:

http://www.aktuelles.uni-konstanz.de/presseinformationen/2013/35/

Das Papier findet sich hier:
http://www.sowi.uni-mannheim.de/lspol4/?page_id=1790

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0 Peter Mohler 12.04.2013, 16:21 Uhr

Statische Fundamente der Sozialwissenschaften

Den letzten Satz sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen. Ich formuliere das mal auf meine Weise: sehe ich eine Regression (linear) sehe, fällt bei mir die Klappe. Natürlich ist es eine herrliche Vereinfachung einfach ein Lot auf eine imaginäre Gerade zu fällen, um somit die Wirklichkeit "erklären" zu können. Möglicherweise haben uns die Erfolge der Wahlforschung geblendet, ist doch die Entscheidung zwischen ein paar Parteien ein sozialwissenschaftlich relativ trivialer Fall.
Spannend wäre es auch, einmal bestehende Datensätze, wie im Artikel dargestellt, mit neueren Analyseverfahren zu überprüfen. Da ist z.B. auch der Fall von Pitrim A. Sorokin (1937), der versuchte, Karl Marx' lineare Geschichtstheorie empirisch zu widerlegen. Dazu lies er alle Philosophen zwischen 950 v.Chr. (!) bis 1920 klassifizieren. Zu seiner Freude fand er keinen Trend. Eine Re-analyse aus dem Jahr 1982 mit neuen Techniken ergabe jedoch, dass es sehr wohl lineare UND zyklische Trends gab (Klingemann, D. et al. 1982: Cultural indicators based on content analysis: a secondary analysis of Sorokin's data on fluctuations of systems of truth. In: Quality and Quantity, 16, 1-18. Wäre spannend zu sehen, was heute herauskäme.

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wurde schon frühzeitig von einem Magister der Mathematik bescheinigt, sie möge ob ihrer Unfähigkeit im Umgang mit Zahlen und Formeln nicht allzu betrübt sein, es gebe reichlich schöne Berufe ohne dieselbe, insbesondere ein Broterwerb als Kammerjungfer oder Hausfrau wurde ihr nahegelegt.