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Deus ex Machina

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Über Gott und die WWWelt

Vom Versuch, Kriege zu quantifizieren

| 34 Lesermeinungen

Die Konfliktforschung hat eine lange Tradition - sowohl mit statistischen als auch mit modelltheoretischen Methoden. Viele Fragen allerdings sind immer noch ungelöst.

Zu den bekanntesten Mythen der Politikwissenschaften gehört die Geschichte vom demokratischen Frieden: demokratische Staaten führen demzufolge keinen Krieg gegeneinander. Die Idee ist sehr schön, und man muß etwas überlegen, um Gegenbeispiele zu finden, aber es gibt sie. Die kontinuierlichen Konflikte zwischen Indien und Pakistan zum Beispiel, oder die türkische Invasion Zyperns 1974. Die Mehrzahl der bewaffneten Konflikte hingegen finden tatsächlich zwischen nicht-demokratischen Staaten statt. Die Unsicherheit beginnt bereits bei den Definitionen: was ist eine Demokratie? Was ist keine? Und was ist ein Krieg? Die meisten  modernen Datensätze definieren Konflikte über die Anzahl der Toten – wobei die Bandbreite von minimal 25 bis 1.000 reicht.

Grundsätzlich ist es nicht leicht, Zahlen aus den vergangenen Jahren zu finden. Für Afghanistan und den Irak gibt es Zahlen, für Syrien schwanken die Schätzungen enorm, und überhaupt ist die Unsicherheit groß. Neben den direkt im Gefecht umgekommenen Menschen gibt es noch die getöteten Zivilisten. Hinzukommen all jene, die durch Hunger, Krankheiten oder auf der Flucht ums Leben kommen. Mit all unserer modernen Technik lassen sich diese Unsicherheiten doch nicht überwinden – umso beeidnruckender ist die Leistung von Lewis P. Richardson, der 1948 Zahlen zu den Kriegstoten seit 1820 aufzustellen versuchte. Mit den von ihm gesammelten Daten zeigte er, daß Konflikte – ebenso wie viele andere Phänomene – Potenzgesetzen gehorchen. Genauer gesagt, verhält sich die Größe eines Ereignisses (hier Konflikttote) invers proportional zur Häufigkeit eines solchen Ereignisses. Das heißt es gibt viele kleine Konflikte mit wenigen Toten, und einige sehr seltene, katastrophale Konflikte mit außerordentlich vielen Toten.

Die Schwierigkeiten beginnen für Konfliktforscher bereits damit festzulegen, wann ein Konflikt kein Krieg mehr ist. Da Richardson sich auch für die sehr kleinen Ereignisse interessiert, entfiel diese zusätzliche Komplikation für ihn. Er sammelte Daten zu allen Konflikten, vom kleinen Mord über Meutereien und Aufstände bis hin zum Weltkrieg für den Zeitraum von 1820 bis 1945. Im ersten Schritt kategorisierte er die möglichen Größenordnungen nach Konflikttoten von 0 Toten bis zu den etwa 40 Millionen Opfern des zweiten Weltkriegs. Um Erhebungsfehler und Ungenauigkeiten auszugleichen logarithmierte er sämtliche Werte und erhielt acht Kategorien (0-0,5; 0,5-1,5;…6,5-7,5).

Vergleicht man seine Werte mit dem Wissen von Wikipedia, so waren die historischen Zahlen offenbar etwas zu niedrig, aber wie eingangs bereits vermerkt: Ungenauigkeiten sind kaum zu vermeiden. Im nächsten Schritt war sein Ziel, sämtliche Konflikte gewissermaßen als Strichliste in diese Kategorien einzuordnen und zu zählen, wie häufig größere und kleinere Konflikte waren.

Die Datensuche gestaltete sich offenbar mühsam, vor allem für die mittelgroßen Konflikte. Große Kriege (>2.5, d.h. mit mehr als 300 Toten) waren auch für ihn bereits aus Geschichtsbüchern gut nachvollziehbar , sehr kleine Zahlen (d.h. einzelne Mord- und Totschlagsdelikte) konnte er aus den Kriminalstatistiken verschiedener Länder hochrechnen. Dabei errechnete er einen Durchschnitt von 32 Konflikten mit Todesfolgen pro Million Einwohner für Länder mit brauchbaren Statistiken, und rechnete diese Zahl auf die ungefähre Weltbevölkerung von 1,5 Milliarden (um 1900) hoch. Der Einfachheit halber wurde das als konstanter Wert  für den gesamten Zeitraum von 126 Jahren angenommen. Und so kommt er auf 6 Millionen Mordfälle. Diese grobe Näherung korrigierte er im nächsten Schritt mit Daten aus der britischen Kriminalstatistik, um zu berücksichtigen, daß in manchen dieser Konflikte mehr als ein Mensch zu Tode kam, mit einem Gesamtergebnis von 9 Millionen Toten aus Kleinstkonflikten über den gesamten Zeitraum. Zwar handelt es sich bei dieser Zahl um eine sehr grobe Schätzung, aber für die Zwecke völlig ausreichend – auch bei Abweichungen nach oben oder unten würden sich die Gesamtergebnisse am Ende kaum ändern.

Die größte Herausforderung waren offenbar die mittelgroßen Konflikte mit 5-300 Toten, die in keiner Kriminalstatistik systematisch erfasst sind – aber auch in keinem Geschichtsbuch umfassend verzeichnet. Diesen Teil der Daten leitet er mit einigermaßen komplizierten Berechnungen aus den existierenden Daten ab, und kommt insgesamt zu dem Ergebnis, daß seit 1820, gemessen an der gesamten Sterberate nur 1.6% der Toten auf Konflikte entfielen. Lapidar konstatiert er “Those who enjoy wars can excuse their taste by saying that wars after all are much less deadly than disease” – er war übrigens überzeugter Pazifist. In absoluten Zahlen entsprechen diesen 1,6 % immerhin 59 Millionen Tote über 126 Jahre – wobei das noch unter den heutigen Maximalschätzungen für den zweiten Weltkrieg allein liegt, also vermutlich wirklich deutlich zu niedrig ist. Seine Analysen zeigen jedoch, daß die Mehrzahl dieser Opfer entweder durch ordinäre Morde oder aber durch die beiden Weltkriege zu Tode kam.

Mit weiteren mathematischen Analysen zeigt Richardson abschließend, daß Ausmaß und Häufigkeit der Ereignisse tatsächlich in einem regelmäßigen statistischen Zusammenhang stehen, und zwar sowohl für die von ihm gesammelten weltweiten Daten wie auch für einzelne, kleinere Phänomene, zum Beispiel bei Gangs und Konflikten in Chicago. Seither wurde diese Besonderheit auch in anderen Kontexten untersucht, insbesondere für terroristische Anschläge scheint Ähnliches zu gelten, ebenso wie für aktuellere Datensätze, die die quantitativ orientierten Sozialwissenschaften natürlich längst zusammengetragen haben.

Bleibt jedoch die Frage, wie ein solches Muster entstehen kann, bzw. welche Mechanismen dahinterstehen. In bester interdisziplinärer Manier suchte ein Forscher daher in der Physik nach Erklärungen und wurde fündig bei der selbstorganisierten Kritikalität, die sich bereits für alle möglichen ähnlichen Phänomene (zum Beispiel Lawinenabgänge, Erdbeben etc.) als nützlich erwiesen hat. Der fragliche Forscher schafft es, die Grundidee von selbstorganisierter Kritikalität auch ohne Fachbegriffe wie “Skaleninvarianz” und “Attraktoren” zu erklären, indem er auf ein illustrierendes Beispiel zurückgreift: läßt man Sand auf einen Haufen rieseln, so rutschen die Seiten des entstehenden Sandberges immer mal wieder, plötzlich, in größere Mengen ab. Die permanente (=lineare) Berieselung baut Spannungen auf, die sich ruckartig (und nicht-linear) entladen.

Der Zusammenhang mit Konflikten springt einem dabei nicht sofort ins Auge, aber bei näherer Überlegung: die Ausbreitung von Kriegen in Raum und Zeit und Größe sind gar nicht so unähnlich, wobei zum Beispiel technologische Neuerungen (Transportmittel zur räumlichen Ausbreitung) eine ähnliche Wirkung wie permanente Sandberieselung im o.g. Beispiel haben können. Auf dieser Grundidee konstruiert er ein mathematisches Modell mit Agenten (Staaten) auf einer (geographischen) Rasterfläche, die miteinander und über viele Zeitperioden hinweg in Beziehungen, ausgedrückt durch Gleichungen, die die Beziehungen mathematisch beschreiben, verbunden sind. Die Beschreibung dieses dynamischen Gleichungssystems erinnert entfernt an Computerspiele, und ganz ähnlich kann das System danach verschiedene Situationen simulieren.

Der Autor zeigt, daß sein Modell tatsächlich potenzgesetzmäßige Konflikte generiert – und vor allem, welche Faktoren dazu beitragen, namentlich technologischer Fortschritt und Entscheidungsregeln, die vielfältige Interdependenzen und Dimensionen zwischen den Akteuren berücksichtigen, wie etwa Konflikte an mehreren Fronten und deren Wechselwirkungen. Spannend, aber vermutlich für die Realpolitik wenig interessant – dafür jedoch ein weiteres Anzeichen dafür, daß die traditionell eher statischen modelltheoretischen Fundamente der Sozialwissenschaften pragmatisch betrachtet möglicherweise nicht der Weisheit letzter Schluß sind.

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34 Lesermeinungen

  1. Und?
    Kann man denn aufgrund dieses schönen Modells nun sagen, ob und wann Crazy Kim seine A-Bömbchen abfeuern wird? Das dürfte die “Realpolitik” durchaus interessieren, oder?

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      Ich fürchte, werte Muscat, das kann man nicht. Das Modell erklärt ja nicht die Ursachen eines einzelnen Konflikts, sondern wie es zu eine bestimmten Anzahl kleinerer und sehr weniger größerer Konflikte kommen kann.

    • Man muss dem Souveran zuhoeren
      Und nicht den Schlagzeilen glauben. Einige Zeitungen zitieren ja, was Nord-Korea sagt. Es geht nicht um Mickey Mouse, die Infantilisierung des Politischen, sondern um politische Gleichheit

    • Infantilisierung des Politischen
      Berechenbares Verhalten? Das infantilisierende “Du” im web 2.0.

      Im Rechenzentrum hiess es 1994, dies ist das Internet, da duzen wir uns, da waren wir aber auch noch unter uns.

      Southpark.

  2. Demokratischer Frieden
    Aus der WP: ” democracies are hesitant to engage in armed conflict with other identified democracies”
    Nach dieser Definition paßt die türkische Invasion nicht ganz hier rein, da das griechische Regime alles andere als demokratisch war (von den Demokratiedefiziten der damaligen Türkei mal abgesehen).

    & “hesitant” bedeutet ja auch nicht, daß es keine derartigen Kriege gibt, sondern nur, daß solche Kriege eher unwahrscheinlich & ungeliebt sind.
    Eine Kleinigkeit, aber nicht ganz unbedeutend.

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      Eben – was ist denn eine Demokratie? Und was heißt hesitant? Die Grundidee war hübsch, ist aber konkret mit allerlei Problemen behaftet, und gilt heute nur noch eingeschränkt, wenn ich das richtig sehe.

    • Unter einem Baum an der Riviera
      Nadelstreifen mit Pfeife und Economist sagt es so:

      1. Die Staaten haben immer weniger Macht.

      2. Die Menschen denken nicht mehr selbst.

      3. Wie kann man das Modell eines Stadtstaates in die heutige Zeit retten?

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      flitz, schön, wenn Sie an der Riviera sind – aber Ihren Kommentar verstehe ich nicht. Zu subtil, andeutungsreich und gewitzt für mich, fürchte ich.

  3. O diese Väter aller Dinge!
    Die Kriege, in denen sich Indien und Pakistan feindlich gegenüberstanden, wurden tatsächlich mindestens einmal unter einem demokratisch gewählten pakistanischen Präsidenten als Kriegsherren geführt. Indiens Selbstbezeichnung als Demokratie wollen wir einmal unkritisch übernehmen.

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    Das Beispiel Zypern 1974 scheidet allerdings als Konflikt zwischen Demokratien aus: Die griechische Junta ließ auf Zypern putschen und Makarios aus dem Amt jagen, eine Annektion zugunsten Griechenlands war geplant, was den türkischstämmigen Bewohnern des nördlichen Teils der Insel nicht gefallen konnte und einen demokratisch legitimierten, sozialdemokratischen türkischen Ministerpräsidenten zum Eingreifen veranlasste.

    *
    Die gemütvolle Bemerkung “Those who enjoy wars can excuse their taste by saying that wars after all are much less deadly than disease” erinnert doch stark an den Kommentar von John Wayne zur Zahl der im Vietnamkrieg getöteten US-Soldaten: So viele Leute kämen allein in einem Jahr auf Amerikas Straßen als Verkehrsopfer ums Leben.

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    Die neun Millionen Mordopfer seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts erscheinen mir sehr niedrig angesetzt. In der FAZ war erst unlängst zu lesen, dass seit der Ermordung von John Lennon 1980 in den USA eine Million Menschen durch Schusswaffen ums Leben gekommen seien. Ziehen wir ungeschickte Waffenreiniger, Sonntagsjäger und Ballermänner ab, die ihre Querschläger nicht unter Kontrolle haben, bleibt also allein für diese Weltgegend eine hohe Zahl für einen Zeitraum von gerade einmal dreißig Jahren.

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    Mit Ihrer Bemerkung von wegen der Weisheit letzter Sch(l)uss treffen Sie, werte Sophia Amelie, natürlich ins Schwarze!

    • Griechische Junta
      Man muss sich umgekehrt auch mal den Fall Smyrna mit allen Requisiten auf der Zunge zergehen lassen, auch vor dem Hintergrund der Art und Weise des Kampfes gegen das Kurdentum.

      “Alle Masse sind vor Ort zu ueberpruefen” (Felix Droese).

      Das Meer wurde rot und die Schiffe im Hafen spielten Blasmusik. Der einzige, der etwas tat, war Japan.

    • Titel eingeben
      Matthias Mersch, Richardson meinte das ziemlich sicher ironisch, um nicht zu sagen sarkastisch, daher der Hinweis auf seinen Pazifismus, damit das möglichst deutlich wird. Die Zahlen sind sicher zu niedrig – allerdings hatte Richardson nur die Toten bis ca 1945 erfasst, nicht die letzten 50 Jahre. Und Ihr letzter Kommentar: wie passend, passend formuliert, angesichts des Themas (und danke für die Blumen).

  4. Ein Nachsatz
    Dass mehr kleine als große Katastrophen passieren und mehr Kleinkrieg als Weltkrieg stattfindet, halte ich für nachvollziehbar, aber keineswegs für beruhigend.

    Erkenne ich im Verweis auf die „selbstorganisierte Kritikalität“ ein Abrutschen ins Argument von der Naturwüchsigkeit des Krieges und seiner behaupteten Vaterschaft aller Dinge? Da machte sich dann doch größtes Unbehagen breit, denn Krieg – wie auch immer definiert – halte ich immer noch für reines Menschenwerk und keinesfalls in einer gottgegebenen oder sonstigen Ordnung angelegt.

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      Das Modell von Cedermann ist eine interessante Lektüre, und ich verstehe ihn so, daß Konflikte vor allem von technischem Fortschritt und strategisch-politischen Erwägungen etc. bestimmt werden, wobei natürlich eine gewisse Konfliktneigung vorhanden sein muß, sonst würde das wohl kaum funktionieren.

    • Menschenwerk ?
      Natürwüchsigkeit verstehen Sie wohl als quasi unvermeidbar und ergo als wissenschaftlich belegbare Folge der Wirkung von Naturgesetzen, während sie dies von “Menschenwerk” nicht glauben. Das würde zwingend bedeuten, daß alle Sozial”wissenschaften” keine Wissenschaften in dem Sinne sind, dass sie reproduzierbare Ergebnisse unter gleichen Bedingungen erbringen. Da werden sie aber bei den politisch Korrekten richtig Probleme haben.

    • Krieg nicht
      aber Konflikt und Kampf gehören zu einer natur(gott)gegebenen Ordnung.
      Der Konflikt ist also der Vater aller Dinge . . .
      Ggf. ist das auch die richtigere Übersetzung aus dem Original.

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      Die Wissenschaftlichkeit von Sozialwissenschaften haben wir hier schon oft diskutiert, das ist ja immer ein dankbares Thema. Beim Vergleich mit den Naturwissenschaften stehen SoWis natürlich schlecht da – aber man kann ja auch die Geisteswissenschaften als Maßstab nehmen, denen die Wissenschaftlichkeit offenbar nicht so häufig abgesprochen wird?

    • Der Aggressionstrieb ist nicht zu leugnen,
      unterliegt aber wie Fress- und Wollust durchaus der Kontrolle regulierenden Bewusstseins.

      Interessant ist die Frage, ob oder in welchem Maße Krieg als Gemeinschaftsunternehmung etwas mit individueller Aggression zu tun hat. Während die Regulierung individueller Aggressionen, Völlerei und Unzucht gemeinhin als Kulturleistung angesehen wird, definiert man Krieg gerne als unausweichliches Schicksal der Menschheit, was bereits der Sprachgebrauch suggeriert, wenn davon die Rede ist, dass ein Krieg „ausbricht“ und sich damit nicht anders verhält als die Naturgewalt eines Vulkans oder einer Epidemie. Aus der Nähe betrachtet eignet dem Krieg hingegen alles andere denn natürliche Eigenschaften: er setzt einen Grad an rationaler Organisation voraus, die ihn geradezu zur Kulturleistung par excellence macht, weshalb folgerichtig auch von der Kunst des Krieges gesprochen wird.

      Im Kampf gilt dann das Paradoxon, dass einerseits die natürliche Aggression gefördert und auf ein Ziel gerichtet wird, andererseits nicht minder menschliche Eigenschaften wie Vernunft, Todesfurcht, Selbsterhaltungstrieb und Vorsicht nur sehr eingeschränkter Nutzung unterliegen oder sogar ausgeschaltet werden. Kriegserfolg ist in nicht geringem Maße von der mehr oder minder geschickten Unterdrückung natürlicher Regungen abhängig. Kriegshandlungen erfordern regelmäßig ein so komplexes Zusammenspiel unterschiedlichster Faktoren, die in geringerem Maße naturgesetzliche Phänomene, aber in so hohem Maße menschliche Entschlüsse und Aktivitäten beinhalten, dass man getrost davon ausgehen kann, dass die Menschen in Sachen Krieg eben nicht unter dem finsteren Diktat der Natur oder eines Dämons stehen, den Georg Heym mit den Worten einführte „aufgestanden ist er, welcher lange schlief“.

  5. Gutes Thema
    Aber das Kriegsrecht ist noch spannender, targetting algorithms, “kluge” Waffen und dumme Politiker, die immer mehr Krieg machen, Krieg, der frueher nicht moeglich war. Kosten/Nutzen.

    Wann ist eine “Cyber-Attacke” ein bewaffneter Angriff? Was ist Gewalt? Das Reichsgericht, die Gabe von Drogen und der Bundesgerichtshof. Und die neue Weltinformationsordnung, wegen der die USA einst aus der UNESCO ausgezogen sind.

    Strategic communications. Oeffentlichkeit und “Geheimdiplomatie”….

  6. "... man muß etwas überlegen, um Gegenbeispiele zu finden, aber es gibt sie."
    Der amerikanische Bürgerkrieg – zum Beispiel. Oben im Beitrag leider “vergessen”. Das war auch so ein undemokratischer Krieg zwischen Demokratien. Der hat die Amerikaner übrigens mehr Tote gekostet als der Erste und der Zweite Weltkrieg. Ohnehin ist die These vom “demokratischen Krieg” ziemlich scheinheilig. Sie impliziert nämlich eine Schuldzuweisung. Wenn Demokratien untereinander (angeblich) keine oder nur wenige Kriege führen, müssen ja wohl die anderen Gesellschaftsformen dafür verantwortlich sein, dass die “Demokratien” permanent zu den Waffen greifen … Auch in der Wahl ihrer Mittel – Urwald-Entlaubung, Terrorbombardements gegen die Zivilbevölkerung , Atomwaffeneinsatz – sind die sog. “Demokratien” nicht gerade zimperlich. … Die anderen Gesellschaftsformen stören halt deren Wirtschafts- und Expansionsinteressen. Alle übrigen Gründe sind vorgeschobene Propaganda.

    • Titel eingeben
      K. Peter Luecke, das war ja keine erschöpfende Aufstellung. Und wie oben in den Kommentaren angemerkt, gilt die These wohl nur noch mit Einschränkungen… .

    • Was gibt es zu dem Thema eigentlich diskutieren?
      Was an dieser Untersuchung auffällt, dass sie völlig uninteressant ist.
      Die Idee, dass ein Zusammenhang zwischen Staatsform und Kriegshäufigkeit zu finden sei, die ist schon etwas albern, oder? Man muss schon extrem verdummtw orden sien, um sowas nachzuplappern
      Das beste Beispiel dafür ist die hier aufgeführte Realität

      http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Auslandsinterventionen_der_Vereinigten_Staaten

      der sogenannten grössten Demokratie der Welt.

      Ob ein Krieg geführt wird oder nicht, das hat NICHTS mit der Staatsform zu tun und solche Diskussionen dienen letztlich nur einem, der Rationalisierung von Kriegen. In unsreer Zeit wurdem vom Kosovo bis zum Iraq die Menschen belogen und betrogen. Mit eineitiger Stimmungsmache manipuliert man die Blöden oder die klammheimlichen ohnedies schon Faschisten, von denen es selbst in diesem Foren genug gibt.
      Wunderbar kann man die Methode derzeit an gliehc dei Ländern beobachten, Syrien, dem Iran und auch Nordkorea. Keines der drei Länder hat in seiner jüngeren Geschichte je einen Krieg vom Zaun gebrochen, die „Guten“ also wir, zB die USA oder die Nato, tun das hingegen jederzeit, weil man den Leuten heutzutage ja jeden Dreck unterjubeln kann, so lächerlich kann die Argumentation gar nichts ein, dass sie nicht von der Masse geglaubt wird. Man muss nur die bereits bestehenden Vorurteile und den Mangel an Wissen und gutem Willen füttern.

      Wie das funktioniert hat der Standard aus Österreich gerade erst wieder am Fall Kosovo beschrieben:

      http://derstandard.at/1331207267450/Kurt-Gritsch-Gut-inszeniert-die-Mainstream-Meinung

      Wie man es allerdings auch machen kann

      http://www.spiegel.de/politik/deutschland/protest-gegen-bundeswehr-studenten-bruellen-de-maiziere-nieder-a-893692.html

      Mehr gibts zum Thema eigentlich nicht zu sagen…. Schön, dass es wieder solche Studenten gibt.

    • Das heißt also,
      Sie würden es vorziehen in Nord Korea, dem Iran oder Syrien zu leben, anstatt in den USA, da die dort vorherrschenden – internen – kleinen Konflikte mit einer akzeptablen Anzahl von Toten auskommen als die großen Kriege der Amis?
      Und nur mal so: wer Griff 1950 Südkorea an? Und wer droht Israel mit der Auslöschung?Ach ja, es geht ja nur um die “jüngere Geschichte”

      Danke für solche Studenten . . .

    • Titel eingeben
      TVD, ich glaube durchaus, daß Demokratien eine geringere Neigung zu Kriegen haben, vor allem gegen andere Demokratien – daß das allerdings kein deterministischer Zusammenhang ist, habe ich ja bereits angemerkt. Die USA sind ohnehin ein Sonderfall.

      Jan Hoffmann und TVD, in diesem Salon sehe ich als Gastgeberin am liebsten Diskussionen, die konstruktiv sind – und nicht von ideologischem Tunnelblick bestimmt.

  7. Ergänzung
    Mir ist nicht ganz klar, warum die Theorie des Demokratischen Friedens als Mythos bezeichnet wird. Es ist eine Theorie, nicht mehr und nicht weniger. Allerdings hat sich diese Theorie bewährt, sprich sie hat sehr vielen empirischen Tests standgehalten und kommt einer Gesetzmäßigkeit sehr nahe. Das ist für die sonst mit mäßig überzeugenden Korrelationen arbeitende Sozialwissenschaft ein ziemlich starkes Ergebnis.

    Zur Frage “Was ist eigentlich eine Demokratie?”: Es gibt zwei zentrale Datensätze, die in den letzten 10 Jahren am häufigsten genutzt werden. PolityIV ist der ältere, und er versucht Demokratie zu quantifizieren. Es gibt eine Skala von -10 (Autokratie) bis 10 (Demokratie). Das macht die Daten zwar recht nützlich für Regressionsanalysen, aber die Kritik an der Datenerhebung häuft sich. Die Daten basieren auf Expertenbefragungen. Es gibt mehrere tausend Varianten, bspw. zu einer 7 zu kommen. Also sagt eine 7 in PolityIV nicht unbedingt viel aus. Zudem gibt es sehr viele Demokratie-Komponenten in PolityIV. Rechtsstaatlichkeit bspw., was aber vermutlich nicht ein Subset von Demokratie sein sollte sondern ein gesondertes Konzept.
    Vor ein paar Jahren gab es Artikel, die behauptet haben dass semi-demokratische Staaten öfter zu Bürgerkrieg neigen. Bis Kollegin Vreeland darauf hinwies, dass Bürgerkriege teil der Kodierung der Daten sind.. Peinlich.

    Nützlicher ist da schon das Democracy/Dictatorship-Dataset von Przeworski, Cheibub und Konsorten. Zwar hat man dann eine dichotome abhängige Variable, aber immerhin eine klare Kodierung. Basierend auf einer Minimaldefinition von Demokratie (Regierungsablösung durch Wahlen) werden Staaten einfach in eine der beiden Kategorien eingeordnet. Wenn es immer Wahlen aber keinen Regierungswechsel gab, bleibt die Kodierung “offen”. Das ist zwar keine perfekte Lösung. Aber der Befund des Demokratischen Friedens ist über die verschiedenen Datensatzverbesserung bestehen geblieben.

    Freedom House nimmt mittlerweile kaum jemand mehr wirklich ernst, dafür sind die Mängel des Datensatzes zu gravierend.

    Zum DD-Datensatz: http://link.springer.com/article/10.1007%2Fs11127-009-9491-2

    Worin dieser Blogeintrag recht hat, ist dass die kausalen Mechanismen weiterhin diskutiert werden. Da gibt es keinen abschließenden Konsens.

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      Politologe, Sie haben Recht und ich habe meinen ersten Satz unpräzise formuliert. Allerdings ist gerade diese Theorie bekannt über die Grenzen der Politikwissenschaft hinaus und wird häufig mit einem gewissen Absolutsheitsanspruch weitergetragen, den sie dann doch nicht einlösen kann (so mein Eindruck – daher die Wortwahl).

      Ihr Verweis auf Datensätze macht meine Frage, was eine Demokratie sei, eigentlich nur augenfälliger: die Realität läßt sich nicht in 0/1 pressen, auch nicht in -10 bis +10, und die Kodierung bleibt am Ende immer subjektiv und einzelfallbezogen. Die von Ihnen erwähnten Datensätze sind empirisch nützlich, eine passable Annäherung, aber ganz sicher keine Definition, schaut man sich die Gegenbeispiele von demokratischen Konflikten an.

  8. Prognose mittels Potenzgesetz für Syrien
    Sehr interessanter Beitrag! Wie bereits von Vorkommentatoren angemerkt, stellt sich hier die Frage, welche praktischen Handlungsanweisungen sich aus diesen Erkenntnissen ableiten lassen. Ich möchte in diesem Zusammenhang auf einen Artikel verweisen, der in Kürze erscheinen wird, in der Forscher mit Hilfe des erwähnten Potenzgesetzes Massaker an der Zivilbevölkerung bis Ende Mai 2013 in Syrien vorhersagen:

    http://www.aktuelles.uni-konstanz.de/presseinformationen/2013/35/

    Das Papier findet sich hier:
    http://www.sowi.uni-mannheim.de/lspol4/?page_id=1790

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      Pia, vielen Dank, sehr interessant, ich wußte nicht, daß das auch für Prognosen genutzt wird.

    • Pia sei Dank
      habe ich inzwischen den Artikel von Schneider et alii gelesen. Richardson ist ihnen durchaus ein Leitgestirn. Die Autoren sehen in Betracht der Zahlen an Opfern der Zivilbevölkerung das Potenzgesetz am Werk und sprechen über die Wahrscheinlichkeit von Massakern einer bestimmten Größenordnung.

      Auffällig ist der Ehrgeiz, Daten zur Verfügung zu stellen, die politischen Entscheidungsträgern als Begründung zur Intervention dienen können. Unberücksichtigt bleibt dabei, dass Wahrscheinlichkeitsrechnungen meines Wissens immer nur Auskunft über eine Tendenz, nie aber den Eintritt eines Ereignisses ausschließen oder garantieren können. Eine Intervention schafft aber ihrerseits Fakten, die noch schwerer abzuschätzen sind als der Verlauf eines Bürgerkriegs ohne direkten Eingriff fremder Staaten. Die aktuelle Situation im Irak war von den Bushkriegern so nicht vorausgesehen worden.

      Ohne mich dem Verdacht des Aufrechnens aussetzen zu wollen,

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      muss beim Thema Krieg und Opferzahlen auch die Frage gestellt werden, ab wie vielen Toten die 3500 Opfer des Anschlags auf das World Trade Center als gerächt gelten können, oder wie viele Toten das Sicherheitsbedürfnis von Staaten und Bürgern wieder herzustellen in der Lage sind.

      Oder geht es uns Modernen nicht um traditionelle Konzepte wie Rache. Worum aber geht es uns dann? Quantifizierungen sind durchaus geboten, um das Gefühl der Verhältnismäßigkeit, das in Kriegen gerne und schnell verloren geht, vielleicht wieder irgendwann aufleben zu lassen.

  9. Statische Fundamente der Sozialwissenschaften
    Den letzten Satz sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen. Ich formuliere das mal auf meine Weise: sehe ich eine Regression (linear) sehe, fällt bei mir die Klappe. Natürlich ist es eine herrliche Vereinfachung einfach ein Lot auf eine imaginäre Gerade zu fällen, um somit die Wirklichkeit “erklären” zu können. Möglicherweise haben uns die Erfolge der Wahlforschung geblendet, ist doch die Entscheidung zwischen ein paar Parteien ein sozialwissenschaftlich relativ trivialer Fall.
    Spannend wäre es auch, einmal bestehende Datensätze, wie im Artikel dargestellt, mit neueren Analyseverfahren zu überprüfen. Da ist z.B. auch der Fall von Pitrim A. Sorokin (1937), der versuchte, Karl Marx’ lineare Geschichtstheorie empirisch zu widerlegen. Dazu lies er alle Philosophen zwischen 950 v.Chr. (!) bis 1920 klassifizieren. Zu seiner Freude fand er keinen Trend. Eine Re-analyse aus dem Jahr 1982 mit neuen Techniken ergabe jedoch, dass es sehr wohl lineare UND zyklische Trends gab (Klingemann, D. et al. 1982: Cultural indicators based on content analysis: a secondary analysis of Sorokin’s data on fluctuations of systems of truth. In: Quality and Quantity, 16, 1-18. Wäre spannend zu sehen, was heute herauskäme.

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      Peter Mohler, eine moderat kritische Herangehensweise an Regressionen halte ich nicht für falsch – aber Regressionen können schon sehr nützlich sein. Wenn die Daten gut, das Research Design schlau, und die Argumentation überzeugend ist, glaube ich die Ergebnisse durchaus.

      Und mein letzter Satz bezieht sich auf Modelle – das ist noch mal ein ganz anderes Feld.

    • moderat und Modelle
      stimme zu, meine Welt ist leider nicht selten unmoderat und unkritisch (23 unabhängige Variablen mit 23% Varianaufdeckung ist nicht unbedingt angemessen oder?).

      Modelle, vielleicht reden wir da etwas aneinander vorbei: bei mir stecken hinter Regressionen schon erhebliche Modellannahmen, vielleicht denken Sie da an größere Räder wie Klimamodelle?

    • Sie denkt infinitesimal ...
      … und beinahe wäre mir eine politisch unkorrekte Formulierung dazu entwischt….

      Aber eben, wenn sich z.B. ein Zusammenhang zwischen Luftfeuchtigkeit und menschlicher Geburtenrate zeigen lässt, ist eine neue Theorie bewiesen und ihr Finder auf dem Weg zu journalistischem Ruhm…

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