Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren (40)
 

Aus der konspirologischen Komfortzone

18.07.2013, 14:51 Uhr  ·  Unser Treiben im Netz wird nahezu lückenlos erfasst und überwacht. Kryptographie-Experten raten daher zum konsequenten Verschlüsseln unserer Online-Kommunikation. Doch das ist eine Scheinlösung, die das Problem nur verlagert.

Von

(…)Daher werden die Leute immer feindseliger und „paranoider“ gegenüber ihrem Staat, und die Regierung, die das merkt, wird immer nervöser wegen irgendwelcher „Militanten“ oder „Kulten“ oder „Hippies“ oder „Extremisten“ oder sonstigen staatsfeindlichen Minderheiten, die sich überall aufhalten und alles mögliche aushecken könnten. Daher stellt die Regierung mehr Lauscher und Abhörer ein, legt mehr Wanzen und spioniert das Volk mit immer größerem Eifer aus. Diese seltsame Schleife wird schnell zum Teufelskreis, da sich die staatliche Paranoia in Sachen Volk und die des Volkes in Sachen Staat gegenseitig aufschaukeln.  (Robert Anton Wilson im Vorwort zum „Lexikon der Verschwörungstheorien“)

Es ist fast auf den Tag genau ein Jahr her, da hatte ich als Themenanregung für dieses Blog einen Beitrag in meine Bookmarks gespeichert, der sich mit dem Bau des gigantischen Datencenters der NSA in Utah befasste und einen angeblichen Insider zu Wort kommen ließ, der eine ziemlich düstere Ansage machte, was da wohl so alles gespeichert werden würde – auch und gerade über US-Bürger. Ich konnte die Seriosität der Quelle nicht so recht einschätzen, es kam da zunächst auch nicht viel nach zum Thema. Haften blieb das Gefühl von „man müsste doch mal was dazu machen“, aber irgendwie kam jedes Mal etwas anderes dazwischen, das Thema verstaubte monatelang in der virtuellen Mappe – und dann blies plötzlich der NSA-Insider Edward Snowden in die Alarmtröte. Die staunende Weltöffentlichkeit registrierte mit heruntergeklappter Kinnlade, welch gigantischen Schnüffelaufwand die US-Behörde rund um den Globus und längs und quer durch alle Kanäle treibt. Und ich? Gestehe ich‘s offen, in dem ganzen kakophonen Crescendo von immer neuen Berichten und Enthüllungen hatte ich plötzlich Schwierigkeiten, mit eigener Stimme in das große Konzert der Jammerarien und Entrüstungs-Koloraturen einzusteigen. Denn so eine große Überraschung waren die Enthüllungen eigentlich nicht. Und doch hatte die Bestätigung, dass es wohl tatsächlich so schlimm ist wie schon länger vermutet, auch etwas Niederschmetterndes. Vorher blieb einem als einigermaßen sensibilisiertem Zeitgenossen zumindest noch das mentale Schlupfloch, man könnte mit der Vorstellung einer weitgehenden Überwachung aller digitalen Lebenszeichen ja auch einer Verschwörungstheorie aufgesessen sein.

© FAZ 

Doch in diese Komfortzone gibt es kein Zurück. Wir erleben derzeit, „wie nach und nach alle schönen Verschwörungstheorien, für die Leute über Jahrzehnte als paranoide Spinner verunglimpft wurden, sich als wahr herausstellen“, schreibt Felix von Leitner alias fefe, ein anerkannter Experte auf diesem Gebiet und Posterboy aller Berufsparanoiker. Die Existenz der NSA war jahrelang eine Verschwörungstheorie, dann Echelon, dann dass auch US-Bürger abgehört werden. Das Nato-Stay-Behind-Netzwerk und vieles andere, was heute als gesichertes Wissen gilt, war lange Verschwörungstheorie. „So langsam werden die Theorien knapp, die sich noch nicht als wahr herausgestellt haben. Was kommt als nächstes? Queen Elizabeth ist wirklich ein außerirdisches Reptil?“, fragt sich fefe.

Nun, daran, dass alle untereinander versippten Blaublütler dieses Planeten einer reptiloiden Rasse von Formwandlern angehören und uns Normalmenschen seit Menschengedenken versklavt halten, bleiben auch weiterhin Zweifel erlaubt. Zudem erklärt diese originelle Hypothese, mit welcher der einstige BBC-Sportreporter David Icke Bücher, Websites und Vortragssäle füllt, so gut wie nichts, was man nicht auch mit bodenständigeren Annahmen erklären könnte. Für viele, denen dieses konspirationstheoretische Parkett zu fremd und schlüpfrig ist, stellen sich ohnehin eher ganz praktische Fragen: Muss ich mein Kommunikationsverhalten wegen der permanenten Überwachung aller Kanäle anpassen, verschlüssle ich künftig meine Mails, hoste ich meinen Mailserver selbst – oder wenn nein, warum nicht?

© FAZ 

Ich whistleblowe an dieser Stelle mal ganz weltexklusiv, dass ich diesen Aufwand nach wie vor scheue: Ich sende und empfange unverschlüsselt, auch wenn dieses Bekenntnis technikaffinen Topcheckern unter den Internetcommunitybenutzern womöglich die Fußnägel hochrollt. Da ist natürlich Bequemlichkeit im Spiel, ganz klar, und zum anderen spielt auch die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel hinein. Vor über zehn Jahren glaubte ich beispielsweise noch, dem großen Lauschangriff mit einem nicht auf mich registrierten Handy ein Schnippchen schlagen zu müssen, heute belächle ich diese Marotte, und ich lege das Handy zuhause oder zu Besuch auch nicht in den Kühlschrank, um es gegen unerwünschte Aktivierungen abzuschirmen. Sicher, man könnte enormen konspirativen Aufwand treiben, aber wozu? „Wer lackiert sein Auto regelmäßig um, obwohl er keine Banken damit überfällt?“ fragt Friedemann Karig in seinem lesenswerten Beitrag unter der Überschrift „Verschlüsselkinder“ auf carta.info.

Nun argumentieren die Befürworter der Kryptographie, dass man ja auch in Briefumschläge stecke, was man offen lesbaren Postkarten nicht anvertrauen möchte. Oder wenn schon mitgelesen wird, dann bauen wir wenigstens den Zaun, über den die Schnüffler steigen müssen, so dicht und hoch wie möglich. Ja, kann man natürlich so sehen. Aber was mich an dieser Auffassung (abgesehen von der Verhältnismäßigkeitsfrage und dem beträchtlichen Aufwand, den das für den technischen Laien mit sich brächte) stört ist folgendes: Ein gewaltiges gesellschaftspolitisches Problem (nämlich das der nahezu lückenlosen und verdachtsunabhängigen Überwachung aller Kommunikationskanäle und Verbindungen) wird abgewälzt auf das Individuum – aber nicht wirksam politisch bekämpft.

Zudem braucht es keine Prophetengabe, um vorherzusehen, dass signifikant steigende Verschlüsselungsraten im Datenverkehr die Dienste auf den Plan rufen würden, Mittel für noch leistungsfähigere Codebrechern mit noch viel mehr Rechenpower zu fordern, um dieser potenziellen Bedrohung der allgemeinen Sicherheit Herr zu werden. Oder wie es Friedemann Karig auf carta.info ausdrückt: „Individuelle Verschlüsselung setzt eine Negativ-Spirale in Gang. Individuell wie politisch. Denn jeder bauernschlaue Geheimdienst wird, seiner Logik gemäß, folgern: Wer verschlüsselt, hat etwas zu verbergen.“

© FAZ 

Und zu guter Letzt: Wenn sich schon der amtierende Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich nicht entblödet, Sicherheit als „Supergrundrecht“ zu deklarieren, das vor allen anderen Grundrechten Vorrang genieße, sollte es den fortgeschrittenen Konspirologen doch stutzig machen, wenn der CSU-Mann den Bürgern im gleichen Atemzug ans Herz legt, selber für den Datenschutz zu sorgen und der Verschlüsselungstechnik mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Wenn das in der Form, wie es für normalsterbliche Nichtnerds praktizierbar ist, einen wirksamer Schutz gegen die Neugier der in- und ausländischen Überwacher böte, würde der Innenminister das bestimmt nicht empfehlen, oder? Das Schlusswort überlasse ich dem verstorbenen Altmeister R.A. Wilson: „All diese Zyklen verwickeln sich zu einem Knäuel von seltsamen Schleifen und Teufelskreisen, aus denen es gegenwärtig keinen Ausweg zu geben scheint. Und jede Stimme, die versucht oder vorgibt, in dieser schizoiden Situation die Wahrheit zu sagen, gerät sofort unter Verdacht, ein weiterer Verführer oder Manipulator zu sein.“

 

  Weitersagen Kommentieren Empfehlen (6) Drucken
 

Richtlinien für Lesermeinungen

Die FAZ.NET-Redaktion bietet allen registrierten und eingeloggten Nutzern die Möglichkeit, sich mit den aktuellen Beiträgen auf FAZ.NET konstruktiv und kritisch auseinanderzusetzen und eigene Lesermeinungen zu veröffentlichen. Für jede Meinungsäußerung stehen 6000 Zeichen zur Verfügung. Voraussetzung für eine Veröffentlichung ist, dass die Verfasser und Verfasserinnen ihren wirklichen Namen nennen, d.h. in ihrer FAZ.NET-Registrierung den korrekten Vor- und Nachnamen eingetragen haben. Im Falle der Veröffentlichung der Lesermeinung weisen wir am Beitrag den Klarnamen des Lesers aus. Unter Pseudonym oder anonym verfasste Texte können nicht berücksichtigt werden.

Veröffentlicht werden nur Beiträge, die auf den jeweiligen Artikel und sein Thema seriös und sachbezogen eingehen. Links- und rechtsradikale, pornographische, rassistische, beleidigende, verleumderische sowie ruf- und geschäftsschädigende Inhalte können nicht berücksichtigt werden, ebenso wenig sachlich falsche oder in angemessener Zeit nicht nachprüfbare Behauptungen. Links sind in den Lesermeinungen von FAZ.NET nicht gestattet. Die Redaktion behält sich vor Lesermeinungen zu kürzen oder zu modifizieren. Jeder verfasste Beitrag wird von der Redaktion geprüft und schnellstmöglich veröffentlicht, sofern er diesen Richtlinien für Lesermeinungen nicht zuwiderläuft. Nutzern, die wiederholt versuchen, den Richtlinien nicht entsprechende Beiträge zu veröffentlichen, kann die Registrierung entzogen werden.

Für veröffentlichte Meinungsbeiträge gewähren Sie uns das unentgeltliche, zeitlich und örtlich unbegrenzte und nicht ausschließliche Recht, diese Aussagen ganz oder teilweise zu nutzen, zu vervielfältigen, zu modifizieren, anzupassen, zu veröffentlichen, zu übersetzen, zu bearbeiten, zu verbreiten, aufzuführen und darzustellen, Dritten einfache Nutzungsrechte an diesen Aussagen einzuräumen sowie die Aussagen in andere Werke und/oder Medien zu übernehmen.

Weitere Artikel

Datenschutzerklärung

Allgemeine Nutzungsbedingungen von FAZ.NET und seinen Teilbereichen

Wir möchten Sie ausdrücklich darauf hinweisen, dass der gesamte Auftritt von FAZ.NET von verschiedenen Suchmaschinen intensiv ausgewertet wird und die Inhalte dort auch gelistet werden. Das schließt die Lesermeinungen automatisch ein, so dass diese auch über FAZ.NET hinaus im Internet jederzeit recherchierbar sind.

Schließen

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden
Lesermeinungen zu diesem Artikel (40)
Sortieren nach

Verschlüsseln…

"Ein gewaltiges gesellschaftspolitisches Problem (nämlich das der nahezu lückenlosen und verdachtsunabhängigen Überwachung aller Kommunikationskanäle und Verbindungen) wird abgewälzt auf das Individuum – aber nicht wirksam politisch bekämpft"

Politische Änderungen haben in meiner Generation keine Chance mehr. CDU/CSU, FDP, SPD und Grüne wollten und wollen abhören. Die PDS sicher auch, sobald sie an den Fleischtöpfen sitzt (und ach, Piraten…).

Verschlüsseln mit gnuPGP macht das Mitlesen schwer bis unmöglich, und bis zur Entwicklung von Quatencomputern wird sich daran auch nichts ändern. Eine Negativ-Spirale mit dem Ergebnis immer aufgeblähterer Dienste sehe ich auch nicht. Dienste sind immer noch Behörden. Und solche Bürokratien beschäftigen sich mit zunehmender Größe immer mehr mit sich selbst. Wie dysfunktional es dann zugeht sieht man ja schön bei Bradley Manning: ein Gefreiter (!) kann die ganze internationale Politik aufwirbeln.

Allen meinen geschäftlichen Mails hatte ich vor ca. 10 Jahren immer eine pgp-Signatur beigefügt. Ich habe keine einzige verschlüsselte oder auch nur signierte Mail erhalten. Dies in einem Umfeld wo man öfters 10-seitige Verschwiegenheitsverpflichtungen für Angebotsunterlagen unterschreiben muß (die selbstredend per mail kamen). Ich hoffe und glaube, daß dies sich jetzt ein wenig ändert.

Natürlich hilft das Inhalte verschlüsseln nur begrenzt. Die Verbindungsdaten bleiben immer noch. Und wieviele der TOR-Endnodes sind nicht von der NSA?

Antworten (5) auf diese Lesermeinung

0 Wolfgang Hennig 18.07.2013, 17:17 Uhr

Sehr guter Beitrag.

Eigentlich ein Problem, dessen Lösung uns das Universum zeigt.
Deflation und Inflation müssen in einem gesunden, "vernüftigen" Verhältnis zu einander stehen, dann "Gleichgewicht"..."Gerechtigkeit"..."Gesundheit",
sonst..."Krankheit". Nur, wohin "übertragen" wir diese "Erkenntnis"? Welche
"Kräfte" sind überhaupt verantwortlich...Freiheit und Sicherheit in "Würde"
von jeder "Einzelperson" als "Empfänger" und Freiheit und Sicherheit in "Würde"
vom "Staatskomplex" als "Sender"...wir haben "Nehmer-Qualitäten"
und "Geberqualitäten"....Die "Deflation" der Geber sorgt für "Inflation" der Nehmer.
Ein gesundes, vernünftiges "Verhältnis" der Beiden geht nur mittels
Dialog, Selbsterkenntnis und Einsicht. Ansonsten..."Schieflage" bis "????".
Es liegt unser, "Aller", Hand. Zwangsmaßnahmen der einen oder der anderen Seite
bedeuten, "Zerstörung"....der Lebensqualität auf der einen Seite
und des "Regierungsystem-(Qualität?)"- auf der anderen Seite.
Die "Qualität" unsere "Vernunft" entscheidet.
Ein "Prüfstein" für unseren "Bildung-Status-Quo".
....spannende Zeiten...nicht nur hier....im Finanzsektor gilt genau das gleiche.
....schau'n mer mal...sagt der "Kaiser".

:-)

3 astroklaus 18.07.2013, 17:22 Uhr

Schlösser und Schlüssel

Ist nicht schon seit vielen Jahren die maximale Länge der üblicherweise verfügbaren Schlüssel begrenzt? DAMIT Dienste wie die NSA das mit vertretbarem Aufwand knacken können.
In kleinerem Maßstab sieht man das doch auch bei den Schlössern für Koffer und Reisetaschen: Dort bekommt man zunehmend "TSA-taugliche" Schlösser, das heißt, sie lassen sich mit einem Generalschlüssel öffnen, egal wie sie sonst verschlossen wurden. Dabei habe ich mich immer gefragt: wer stellt denn dort sicher, daß kein "Unbefugter" so einen Generalschlüssel hat?
Neu ist das alles in der Tat nicht.

Antworten (7) auf diese Lesermeinung

1 Wolfgang Hennig 18.07.2013, 20:19 Uhr

Solange wir "konstruktive" Sicherheit brauchen...

um unsere Freiheit zu bewachen, kann das "Bewachen" ausufern.
Mit dem Effekt, die Qualität der Freiheit erfährt "Inflation";
wegen der "Deflation" der "konstruktiven Sicherheit"...aus bewachen wird überwachen....
aus überwachen wird...hochgerechnetes überwachen...bis zum Erwachen....Zerstörung
keine Freiheit mehr...Bewegungslosigkeit...der Menschen...von Maschinen als 100%
Sicherheit eingestuft.
Wir müssen uns "Freiheitsqualität" als "Basismaß" nehmen und die Sicherheit entsprechend
"qualifizieren"....umgekehrt passiert o.g.
Der "Bewachungsstaus" darf nicht zur Überwachung des Menschen führen.
Bei Hilferuf einer Ehefrau, aus Angst vor Gewalt, sagt die Polizei auch:
Wir dürfen frühestens während der Tat...und viele sagen auch:
"Erst muß erst was passieren".

Reziproker Zusammenhang...nur die "Vernunft" kann helfen...und um die ist es
aus "Bildungsmangel" nicht gut bestellt. Verflixte Geschichte.
Die Notwendigkeit einer "konstruktiven Sicherheit" ist Folge von "Bildungsmangel".
Bildungsmangel bewirkt "Vernunftmangel". Eigentlich ist die Erde sicher genug.
Der Vernunftstatus des Menschen verlangt aber nach Sicherheit, Marke Eigenkonstruktion.
Bildungssysteme weltweit sind der Schlüssel. Alles andere ist weder echte Freiheit,
noch natürliche Sicherheit auf der Erde...die wir mit entsprechendem "Vernunftstatus"
haben können.

:-)

2 goetzeclan 18.07.2013, 21:04 Uhr

Gemeinsamkeiten schweißen zusammen.

Zwei Dinge haben die lauschende NSA und die aufgescheuchten Abhörgegner gemeinsam. 1. Sie sehen überall Feinde, und 2. sie sind immun gegen die Wahrheit, ausser ihrer eigenen …

Antworten (1) auf diese Lesermeinung

Webwissen auf deutsch

Habe ich sie jetzt richtig verstanden, Marco: also einfach weiter seine Datenspuren auslegen und hoffen, vom großen Sturm verschont zu werden und als treudeutscher Michel unseren Politikern zu vertrauen?

CSU-Politiker Uhl kürzlich in der FAZ: "Wenn Sie innerhalb Deutschlands eine E-Mail verschicken, ist es durchaus denkbar, dass diese über die Vereinigten Staaten und wieder zurück läuft... Für mich war das neu..."

Schallendes Gelächter bei Facebook, Google und Co über dieses Webwissen des innenpolitischen Sprechers der Union.

Antworten (7) auf diese Lesermeinung

0 Daten und Leser 18.07.2013, 23:46 Uhr

Eine Serie von logfiles

Schon ein logfile kann interessant sein, wie interessant sind dann erst mehrere. Facebook wuerden wir ohne weiteres zugestehen, sich seine Daten anzusehen, und das Internet gehoert den USA.

0 Herold Binsack 19.07.2013, 10:27 Uhr

Wir alle sind Prism

Ein wirklich gutes Blog. Dem kann ich nur hinzufügen, was ich an anderer Stelle (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/auf-dem-weg-zur-totalen-ueberwachung-wir-muessen-jetzt-handeln-12285395.html) schon gepostet hatte:
.
Wir alle sind Prism
Handeln jetzt wie in alle Zukunft. Wir werden diese Entwicklung nicht verhindern, wenn wir die politisch-ökonomischen u n d ideologischen Kräfte, die an diesem Projekt beteiligt sind, nicht maximal isolieren. Dazu gehört zunächst, dass wir diese Kräfte als (herrschende) Klasse definieren. Es ist das Finanzkapital „höchstselbst“, welches da am Werk ist. Doch ist das Finanzkapital nicht einfach ein zu isolierendes (subjektives) Agentennetz und „Prism“ etwas, was man dann vom Markt nehmen könnte. Auf dem „Markt“ tritt es uns nicht nur entgegen als produktives Konstrukt aus einer bestimmten Wertschöpfungskette heraus, als eines vom Menschen geschaffenes Ding. Es ist die geistige Gestalt, welche den materialen Produzenten ersetzt. Das „abstrakte“ an der Arbeit, die weggeblendete gesellschaftliche Übereinkunft, zeigt sich in der Ware als Ideologie (bzgl. derselbigen). Als des Subjekts „notwendiges Phantasma“ (http://blog.herold-binsack.eu/negative-dialektik-2/), wie Marx sich ausdrückte. Was gewissermaßen in jeder Ware als Geist mitzirkuliert. Wir alle sind Prism.

Antworten (3) auf diese Lesermeinung

1 Thorsten Haupts 19.07.2013, 10:35 Uhr

Nur zur Klarstellung: Wegen der Grenzüberschreitungen beim Schnüfeln gegen US-Bürger

stehen die Geheimdienste in den USA zur Zeit unter erheblichem Druck. Nur interessieren praktisch niemanden in den USA die Grundrechte deutscher Bürger, auch nicht in den einschlägigen Bürgerrechtsbewegungen.

Wäre Deutschlands Regierung ehrlich, müsste sie ihrer Bevölkerung klar eines von zwei Dingen sagen: Entweder "Wir sind mit den NSA ganz zufrieden, weil wir´s selbst machen würden, könnten wir´s." Oder "Wir sind zwar stinksauer, haben aber keine Idee, wie wir die USA zur Einhaltung deutscher Datenschutzgrundsätze zwingen können."

Das eigentliche Problem ist die Internet-Infrastruktur, deren Schwerpunkt sich weltweit eindeutig in den USA befindet. Bei den Daten, die dort durch- oder zusammenlaufen, ist technisch nicht zu verhindern, dass sie abgegriffen werden. Und schon gar nicht, wenn dieses Abgreifen durch die USA dort völlig legal ist!

Womit klar auf der Hand liegt, wie Europa den Datenschutz seiner Bürger verbessern könnte: Durch IT-Infrastrukturen, die auf Wunsch von deren Benutzern "geschlossen" bleiben, d.h., den Datenverkehr nur innerhalb Europas (minus Grossbritannien) routen. Das würde erheblichen Aufwand kosten, wäre aber machbar und würde einen Teilschutz ermöglichen.

Ich bezweifle, dass es jemals dazu kommt. Nach (statistisch unerheblichen) Zufallsumfragen in meinem akademischen Umfeld ist mindestens die Hälfte nicht wirklich überrascht und mindestens 90% sind nicht wirklich beunruhigt.

Offensichtlich gibt es einen Graben von der Breite des atlantischen Ozeans beim Grundvertrauen in Behörden und Regierungen in Deutschland, der sich zwischen den Proficheckern und Journalisten und der Bevölkerung auftut. Nur heisst das auch, dass sich der (berechtigte!) Aufregungssturm um Schnüffelprogramme spätestens dann legen wird, wenn Snowden nichts wirklich Neues mehr nachlegen kann.

Die grösste Gefahr des Schnüffelns - alle Apokalyptiker bitte weghören - ist für mich ohnehin nicht der Datenmissbrauch zu Einschüchterungs- oder Kriminalisierungszwecken. Sondern Wilsons schon genannte These von einer sich selbst verstärkenden Spirale aus gegenseitiger Paranoia zwischen Regierungen und Bevölkerung. Ich würde schon heute Behörden routinemässig und ohne schlechtes Gewissen belügen, wenn diese Informationen abfragen, sofern ich damit durchzukommen glaube. Und das ist eindeutig eine Vorstufe zu Paranoia.

Gruss,
Thorsten Haupts

Antworten (4) auf diese Lesermeinung

0 Tyler Durden Volland 20.07.2013, 02:11 Uhr

Etwas mehr Durchblick gefällig?

Man sollte sich keinen Illusionen hingeben. Am besten sagt einem das der Lacher des Tages, heute aus dem Spiegel:

http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-geheimgericht-erneuert-lizenz-zur-telefonueberwachung-a-912158.html

Dort steht ganz ernsthaft und fett gedruckt:

"Die Regierung in Washington sammelt weiter Metadaten zu Telefonaten in den USA. Eine entsprechende Genehmigung habe ein Geheimgericht erneuert. Die Bekanntgabe der Entscheidung bezeichneten die Behörden als Zeichen für mehr Transparenz."

Die Entscheidung eines Geheimgerichtes wird in unseren Zeiten als Zeichen für Transparenz bezeichnet...

Noch Fragen?

Immer wieder lesenswert in Wikipedia: Postdemokratie

Wie tief das Loch ist das sich da auftut...

Ken Thompson "Reflections on Trusting Trust" 1984

Paranoia überall (Kopie aus einem anderen Blog)

Lange her, da sah’ ich eine Kommödie, in der sich jemand über Drahtkleiderbügel in seinen Hotelzimmern beklagte. Neben dem Radioempfänger für Ausserirdische in seiner Zahnfüllung, die ihm seltsame Aufträge gerade dann erteilten, wenn es nicht passte, kam nun die Verfolgung durch Drahtkleiderbügel hinzu. Es war zum Wahnsinnigwerden. Der Mann wurde auch Wahnsinnig.
Aber das ist ja noch garnichts!
Wir haben seit kurzem die Zahnbürstenmetapher. Das ist viel schlimmer.
Montagabend, wenn ich meine ‘Stunde des schlechten Geschmacks’ zelebriere, schaue ich manchmal Beckmann. Gast war diesmal u.A. ein gewisser Herr Schirrmacher, der sehr besorgt von dem Verrat seiner Zahnbürste ans Internet berichtete. Ich musss Herrn S. ernst nehmen, immerhin ist er-aber das wissen wir ja.
Später, verlinkt bei den Stützen, las ich wieder über die heimtükische Zahnbürste, erschienen in der FAZ. Wahrscheinlich übernahm S. dieses Bild, weil es ihm plastisch genug schien, um mit besorgter Miene in einem populäridiotischen Gesprächskreis auf die Gefahren des Postprivatismis zu weisen. S. schätzte das Publikum sogar richtig ein. Fehlt nur noch der Microchip in der Kukident-Tube.
Das kann man alles durchgehen lassen; es ist Sommer, es ist heiss-gegen die Nacht hin ist man nicht mehr ganz Herr seiner Sinne.
Gerade eben las ich nun bei SPON von Herrn Fleischhauer , den ich ebenfalls zu den Zurechnungsfähigen zähle (im Gegensatz zu Jakob Walser), dieselbe Toothbrush-Vermutung. Jetzt wir’ds eng.
Hiermit erkläre ich die Zahnbürste zur WELTMETAPHER.
Meinem lieben Staugsaub-Roboter, sollte er mich jemals verpetzen, werde ich den Akku aus dem Plastikkörper reissen und den Haien [1] zum Frass vorwerfen.
[1] Haie, hier in Holland? Die Eisberge schmelzen, der Meeresspiegel steigt, irgendwann haben die Haie den letzten süssen Eisbären aufgefressen, dann werden sie vor meiner Haustür schwimmen. Ich sag’s euch, so wird’s kommen.

Was tun?

Das einzig Gute an der jetzigen Situation ist, dass wir nun schwarz auf weiß haben, woran wir sind. Probleme haben wir dagegen gleich ein paar mehr.

Auf politischer Ebene ist ein Versagen ja durchaus abzusehen. Die Reaktionen von Friedrich und Pofalla sind bestenfalls grotesk im Hinblick auf das Ausmaß dieser lückenlosen und verdachtsunabhängigen Generalüberwachung. Aber mit dem Internet hat's die Politik eh nicht so.

Den Einsatz von Verschlüsselung halte ich auch für keine Lösung. Wobei ich allerdings der Signifikanz der angesprochenen Negativspirale widersprechen muss. Diese Entwicklung ist unvermeidbar, selbst wenn nur wenige Verschlüsselung einsetzen. Ich halte den Einsatz für Verschlüsselung deshalb für keine Lösung, weil es sehr kompliziert ist sie richtig anzuwenden und extrem einfach ist, es falsch zu machen. Die NSA knackt Verschlüsselung nicht, sie umgeht sie geschickt. Und dann sind da ja noch die Daten, die eh nicht verschlüsselt werden würden, Kommunikationspartner bei einer Email etwa.

Echte Anonymität im Internet zu erreichen ist quasi ein Ding der Unmöglichkeit. Und auch Tor kann dies nicht garantieren, wie gerade Wissenschaftler gezeigt haben - vom US Naval Research Laboratory übrigens, ein Schelm wer Böses dabei denkt. Letztlich sind hier technische Grenzen gesetzt durch die im Internet eingesetzten Technologien und deren Verwendung.

Was tun also? Die Frage liest sich letztlich als: Was kann ich dagegen tun, dass jemand der über quasi unbegrenzte Ressourcen (Geld+Leute) verfügt, nicht alles über mich ausspioniert?

Auf die Straße gehen! Aber ändert das wirklich was? Was kümmert die NSA denn deutsche Gesetzgebung? Und selbst wenn die Amerikaner auf die Straße gingen, wer garantiert uns denn, dass Land y uns nicht genauso abhört und da keiner auf die Strasse geht?

Alles verschlüsseln! Gesetzten Falles, man schafft es tatsächlich dass die Kryptographie nicht umgangen werden kann, so hat man natürlich die Genugtuung, dass man der NSA Extra-Arbeit gemacht hat.

Einfach weiter so! Da spielt natürlich die Hoffnung rein, dass man in der Masse untergeht. Quasi wie eine Herde Zebras bei der jedes hofft, dass der Löwe es nicht sieht, wenn er Hunger hat.

Die letzte Hoffnung die mir bleibt ist, dass es möglich sein muss eine technische Lösung zu konstruieren, die uns Anonymität im Netz (zu einem gewissen Grad) garantieren kann und dass die Politik die Entwicklung und Inbetriebnahme einer solchen Lösung fördert und fordert. Wo ich bei ersterem noch guter Dinge bin, bin ich bei letzterem eher zurückhaltend. Bis dahin muss ein jeder sich selbst entscheiden, wie er damit umgeht.

dichtete und vertonte in seinen sittlich desorientierten Jugendjahren Spottverse, deren Vortrag er mit der Mandoline begleitete.