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Deus ex Machina

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Über Gott und die WWWelt

Wer ist der Maßstab – wir oder der Rest der Welt?

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Obwohl es nie einfacher als heute – in Zeiten von Computern und Globalisierung – war, fremde Kulturen zu erforschen, sind wir offenbar immer noch selbst unser liebstes Studienobjekt.

Vor einiger Zeit war ich für Recherchen in historische Archiven. Ich habe durch statistische Jahrbücher von 1920 und parlamentarische Berichte geblättert, ehrfürchtig die Akten des Auswärtigen Amtes um 1900 befingert und viele Meter Mikrofilm gesichtet. Das war in vieler Hinsicht aufschlußreich. Die antiquierten Formulierungen und Floskeln waren eine Freude; die darin hübsch verpackte Bigotterie hingegen ein Graus. Natürlich war mir auch schon vorher bewußt, wie anders der damalige Standpunkt gegenüber fremden, fernen Ländern und ihren Einwohnern war, aber die Akten haben einen sehr unmittelbaren und ungefilterten Eindruck davon vermittelt, wie egozentrisch das damalige Weltbild und Wertegefüge waren, sogar in intellektuellen, wissenschaftlichen Kreisen.

Man würde gerne glauben, daß diese Zeiten lange passé sind, aber ein kritischer Blick auf die heutige Forschung zeigt, daß das mitnichten der Fall ist: wissenschaftliche Forschung ist hochgradig industrieland-zentristisch – aber den Forschern war das lange Zeit nicht bewußt. Einer der Grundsteine sozialwissenschaftlicher Forschung ist das “dictator game” oder auch “ultimatum game”, ein Experiment, das Aufschluß über menschliche Maßstäbe von Fairness und deren Durchsetzung geben soll. Im ersten Schritt wird dabei einer Person ein bestimmter Geldbetrag zur Verfügung gestellt, von dem die Person einen beliebig großen oder kleinen Teil einer zweiten, ihr unbekannten Person abgeben soll – was zeigt, wie die Person über Fairness, Gerechtigkeit, Großzügigkeit, und Teilen denkt. In einer Erweiterung des Spiels bekommt die zweite Person die Möglichkeit, das Angebot abzulehnen, in welchem Fall beide Personen gar nichts erhalten – es wird also die Möglichkeit eingebaut, als unfair wahrgenommenes Verhalten zu bestrafen, wenn man dafür auf seinen eigenen Anteil (wie klein der auch sein mag) verzichtet.

© Eigenes Bild 

Der durchschnittliche Deutsche, Brite, Italiener oder Amerikaner, den man dieses Spiel spielen läßt, bietet ungefähr eine Teilung des Geldbetrags 50:50 an, vielleicht auch 60 für sich, 40 für den anderen – er weiß nämlich, der durchschnittliche deutsche, italienische oder amerkanische Mitspieler ist durchaus willens, als unfair wahrgenommene Angebote zu sanktionieren. Das, so dachte man lange Zeit, sei halt typisch menschlich, entwicklungsbiologisch geprägt, gewissermaßen eine der Grundkonstanten menschlichen Verhaltens. Bis ein Doktorand dasselbe Experiment mit Amazonasindianern in Peru durchführte und feststellte, daß dort der erste Spieler keinerlei Anlaß sah, ein Geschenk mit anderen zu teilen – und der zweite ebenso dachte und den Egoismus keineswegs abstrafte, sondern auch die kleinsten Beträge gutwillig akzeptierte.

In anderen Gesellschaften wiederum mit ausgepägter Geschenk- und Teilkultur wurden sehr hohe Angebote gemacht, und dann vom zweiten Spieler abgelehnt, möglicherweise, weil dabei automatisch die zukünftige Schuld bzw. Verpflichtung mitschwingt, der man lieber entgehen möchte – selbst wenn das Spiel anonym ist. Das zumindest ist ein gemeinsamer Nenner vieler Kulturen: solche Verhaltensweise sitzen offenbar so tief, daß sie auch be anonymen, einmaligen Spielen funktionieren. Um den offensichtlich eklatanten Unterschieden auf den Grund zu gehen, ging der Doktorand mit seinem Experiment (und verbesserter Finanzierung post-Dissertation) auf Weltreise, und versuchte, herauszufinden, woher die Unterschiede stammen.

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Im Zusammenhang mit religiösen Vorstellungen und je nach Integration einer ethnischen oder gesellschaftlichen Gruppe stellte sich heraus, daß die Anhänger der großen Weltreligionen (Christen, Muslime, Juden) offenbar sehr viel eher westliche Vorstellungen von Fairness und Bestrafung an den Tag legen. Vor allem aber scheint es auch einen deutlichen Zusammenhang mit der Globalisierung zu geben: je intensiver Völker miteinander handeln, desto ausgeprägter Fairness und Bestrafung. Möglicherweise also bildete sich diese ganz spezielle Vorstellung von Fairness über Jahrhunderte in Europa heraus, wo es mit zunehmender wirtschaftlicher Interaktion nach der eher vom Faust- und Gewohnheitsrecht geprägten Epoche des Mittelalters immer sinnvoller wurde, auch länder- und nationenübergreifend im Umgang mit Fremden ein gewisses Maß an Fairness an den Tag zu legen.

Möglicherweise haben also wir spezielle Vorstellungen – und nicht der Rest der Welt? Es gibt nur wenige Studien, bei denen Europäer und Amerikaner mit einer nennenswerten Anzahl anderer Kulturen verglichen werden, aber die Ergebnisse sind frappierend, sogar bei ganz grundlegenden Dingen. Zum Beispiel erliegen Europäer im Allgemeinen (und Amerikaner im Besonderen und am meisten) der Müller-Lynn Illusion, daß zwei gleichlange Striche mit unterschiedlichen Pfeilen an den Enden unterschiedlich lang seien. Den getestens afrikanischen Stämmen hingege passierte das nicht – vermutlich weil sie nicht in viereckigen, geschlossenen Räumen aufwachsen und sich die Wahrnehmung dabei anders entwickelt. Solche Unterschiede scheint es auch in Sprachen zu geben: in vielen westlichen Sprachen werden Objekte im Raum als links und rechts klassifiziert, was sehr häufig eine subektive (buchstäblich “ego-zentrische”) Einordnung ist, während in anderen Sprachen bei kleinen Kulturvölkern räumliche Zuordnungen häufiger mit vor, hinter, westlich, oder östlich beschrieben werden.

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Insgesamt zeigen viele Puzzleteile sozialwissenschaftlicher Forschung, daß westliche Kulturen sich in vielen Dimensionen von Kulturen in Afrika, Asien und Lateinamerika unterscheiden: wir sind sehr analytisch, Objekte werden eher individuell als im Kontext ihres Umfelds wahrgenommen. Wir haben allerdings eher abstrakte Vorstellungen unseres natürliche Lebensraumes, und das spiegelt sich auch in kognitiven Test wider – von denen viele eben gerade unsere Maßstäbe messen. Würden unsere Intelligentests Punkte für unsere Wahrnehmungsschwächen (z.B. der oben genannten Müller-Lynn Illusion) abziehen, sähe die Datenlagen zum Thema Intelligenzforschung möglicherweise auch anders aus. Möglicherweise sind also nicht die anderen alle etwas rückständig und dumm im Vergleich zu uns, sondern wir nicht nur im Akronym – western, educated, industrialized, rich and democratic (WEIRD) – sondern buchstäblich sonder-bar.

Statt dessen jedoch: 68 % der Teilnehmer von Studien in psychologischen Journals kommen aus den USA und ganze 96 % aus westlichen Industrieländern – deren Bevölkerung jedoch nur 12 % der Weltbevölkerung darstellt. Der offensichtlichste Grund liegt natürlich darin, daß die meisten wissenschaftlichen Autoren ihre Studienteilnehmer aus dem eigenen Kulturkreis rekrutieren, das ist nicht nur naheliegend, sondern auch einfacher und günstiger. Trotz Globalisierung, Computern, Datenverarbeitung, billigen Flügen und ganz ohne schwarze Flecken auf den Landkarten, scheint es dennoch immer noch schwierig, solche Hürden für die Forschung zu überwinden. Immerhin: zumindest die Volkwirtschaft ist sich der Tatsache bewußt, daß das naheliegendste Studiensubjekt (der Bachelorstudent der VWL an der eigenen Uni) wenig repräsentativ ist. Hinzu kommen moralische Probleme damit, Studienteilnehmer in armen Ländern als Versuchskaninchen für Studien zu nutzen, ebenso wie die Kosten, Teilnehmer gegebenenfalls zu entlohnen, und das Studiendesign unter Umständen auf die fremde Kultur maßzuschneidern. In ähnlichen Studien in Afrika ist offenbar eine beliebte Aufgabe, die Teilnehmer gegen Entlohnung Bohnen sortieren zu lassen – was sich für uns absurd und sinnfrei anhört, vor Ort aber in manchen Regionen eine ordentlichen, übliche, und entlohnte Tätigkeit in der Nahrungsmittelverarbeitung.

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Eine Rolle mag auch spielen, daß die Evaluierung von Unterschieden zwischen Ethnien und sozialen Guppen mittels quantitativer Methoden in mancher Hinsicht in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts desavouiert wurde, und daher bis heute bei Anthropologen und Ethnographen eher unbeliebt ist – während Ökonomen (siehe das obige Beispiel) sich darauf eher einlassen.

Bedenkenswert ist jedenfalls die Erkenntnis, wie sehr menschliches Verhalten kulturell geprägt ist – und daß die meisten sozialwissenschaftlichen Studien nur Aufschluß über die studierte kulturelle Gruppe geben, nicht aber über die Menschen an sich. Übrigens ist auf diesen Trugschluß sogar auch die medizinische Forschung hereingefallen: erste Studien mit bildgebenden Verfahren zu neuronalen Prozessen im Gehirn, zu frühkindlicher Entwicklung, oder auch aus der Psycholinguistik zeigen ebenfalls, daß andere Kulturen anders ticken. Aber das ist ein anderes, weites Feld.

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34 Lesermeinungen

  1. Hallo, ich grüße Sie. Können Sie aus dem...
    religös, kulturell bedingtem 50:50 oder max. 60:40 Ergebnis, die reale
    Vermögensverteilung von ca. 80:20, in der Welt erklären. Also 20% der
    Menschen aus o.g. Gruppe besitzen 80% des Weltvermögens und
    80 % nur 20% des Weltvermögens. Die reale Verteilung erklärt wohl Kriege
    und das reale Zeitgeschehen. Warum wird nicht 50:50 oder 60:40 “geteilt”,
    dann wäre laut dem Experiment das Ergebnis Frieden…und meiner Meinung nach auch.
    Wo ist “Falle”?

    Im voraus vielen Dank für die Antwort.

    • Titel eingeben
      Werter Gast, ich muß Sie leider enttäuschen – wenn ich darauf eine Antwort wüßte, hätte ich möglicherweise einen Nobelpreis. Davon abgesehen, woher nehmen Sie 50:50 oder 60:40? Und welches der vielen obigen Ergebnisse meinen Sie?

    • @ Sophia....
      Aus diesen Abschnitten habe ich die “Zahlen” und die “religiös, kulturelle…globale, Gruppe”,
      auf die sie zutreffen….sollen. Letztendlich sind das die Besitzer des 100% Weltkapitals.

      Der durchschnittliche Deutsche, Brite, Italiener oder Amerikaner, den man dieses Spiel spielen läßt, bietet ungefähr eine Teilung des Geldbetrags 50:50 an, vielleicht auch 60 für sich, 40 für den anderen – er weiß nämlich, der durchschnittliche deutsche, italienische oder amerkanische Mitspieler ist durchaus willens, als unfair wahrgenommene Angebote zu sanktionieren.

      Im Zusammenhang mit religiösen Vorstellungen und je nach Integration einer ethnischen oder gesellschaftlichen Gruppe stellte sich heraus, daß die Anhänger der großen Weltreligionen (Christen, Muslime, Juden) offenbar sehr viel eher westliche Vorstellungen von Fairness und Bestrafung an den Tag legen. Vor allem aber scheint es auch einen deutlichen Zusammenhang mit der Globalisierung zu geben: je intensiver Völker miteinander handeln, desto ausgeprägter Fairness und Bestrafung. Möglicherweise also bildete sich diese ganz spezielle Vorstellung von Fairness über Jahrhunderte in Europa heraus, wo es mit zunehmender wirtschaftlicher Interaktion nach der eher vom Faust- und Gewohnheitsrecht geprägten Epoche des Mittelalters immer sinnvoller wurde, auch länder- und nationenübergreifend im Umgang mit Fremden ein gewisses Maß an Fairness an den Tag zu legen.

      Danke für die ehrliche Antwort.

      Also ich denke wir sind gespalten: in Privatperson…Familie-Freundes-Person…”ICH…WIR”
      Da sind wir bereit für die Teilung 50:50, eventuell sogar ohne Sanktion.
      und : in “öffentliche Person”….”DU..SIE”
      Als “öffentl. Person” im “DU…Sie”- Modus verhalten wir uns wie die Naturvölker…
      niederer Instinkt, kaum Bildung…100 % behalten, wenn möglich….weil Sanktionen
      oder Konsequenzen nicht wirklich existenzbedrohend…falls überhaupt vorhanden.

      Aus dieser “Mischung” von “Privatperson” und “Naturvolk-person”, mit nicht wirklich real
      zu befürchtenden Sanktionen, ergibt sich die reale Weltkapitalverteilung wie von mir
      beschrieben.
      Diese 20% der Menschen, die 80% besitzen, brauchen wohl auch nicht Kriege fürchten.

      Wir sind natürlich “Ich, Wir-Person und Du, Sie-Person” gleichzeitig….aber das “Umfeld”
      bestimmt die “Aktive Person-Mischung”.

      Letztendlich eine komplexe “Wechselwirkung” in “komplexen Systemen”….sehr schwer im Experiment real zu beschreiben….denke ich…wegen “Wechselwirkungs-Ego”.
      “DAS EGO” als “feste Unveränderliche” gibt es wohl nicht…angenähert beim Naturvolk
      vielleicht. Je mehr Bildung und Kultur und Wechselwirkungen, desto variabler das “Ego”.
      Nicht mehr wirklich “kalkulierbar” und im Experiment als “Fest” zu erkennen.

      Sorry, ist länger geworden als ich dachte.
      Danke für den “Denkanstoß”.

  2. Bitte um Erläuterung....
    „Wer ist der Maßstab – wir oder der Rest der Welt?„

    Irgend wie fehlt mir da was, und zwar während des ganzen Artikels:

    Wenn sie was genau messen wollen?

    Denn wie wesentlich diese Frage ist, bemerkt man erst beim Nachdenken und vor allem ist die Antwort dann sehr unterschiedlich. Denn das Einzige, das es wohl wert ist überhaupt verglichen zu werden, das wäre die Lebensqualität des Individuums in verschiedenen Ländern.

    • Titel eingeben
      Tyler Durden Volland, die Lebensqualität zu messen ist auch schwierig, weil subjektiv. Ich fand es hingegen faszinierend, wie sehr wir davon überzeugt sind, daß unsere Maßstäbe die richtigen sind und dabei völlig ausblenden (sogar in der Forschung), daß andere Wege denkbar wären. Ich bin nicht sicher, ob man den Wohlstand der Industrieländer und die Verbreitung unserer Maßstäbe als Anzeichen werten sollte, daß westliche Standards tatsächlich am besten funktionieren – oder ob wir einfach kurzsichtig sind?

    • Wir haben nur ein Leben...
      Ich will niemanden daran hindern sein Leben als Arbeiter in einem Kohlebergwerk zu verbringen, wenn er meint in dieser Welt „ehrliche Arbeit“ immer noch für den Sinn des Leben halten zu müssen. Andere fragen sich halt was fange ich mich mit meinem Leben an…
      Lassen wir mal die üblichen Ausreden Benutzer und ihre Sach-, Job- und Familien-Zwänge beiseite und betrachten nur die wenigen die eine solche Frage ernsthaft angehen.
      Ich gehe mal davon aus Sie, Sophia, kennen die Welt ein bisschen genauer, sonst würde sie diesen Artikel ja nicht schreiben. Und ich bin wohl allzu grosser Deutschland Begeisterung unverdächtig?
      Trotzdem wissen wir wohl beide, dass Mitteleuropa, wenn es um Lebensqualität geht, wohl (noch!!!) ein wenig über dem Rest des Planeten steht? Wenn man genauer hinschaut, stellt sich meist heraus, dass mitteleuropäische Masstäbe dann doch die am wenigsten Schlechten und Unbrauchbaren sind.
      Das Problem das Sie im Artikel angesprochen haben ist also weniger die zugegebenermassen weit verbreitete eurozentristische Überheblichkeit, als vielmehr ein Mangel an brauchbaren, alternativen Wertmasstäben?
      Man kann natürlich den „Wohlstand der Industrieländer und die Verbreitung unserer Maßstäbe“ hinterfragen und jeder intelligente Mensch tut dies selbstverständlich auch. Aber meine Erfahrung eines Lebens in vielen Ländern hat mich gelehrt, dass ALLE Länder (ausser Bhutan vielleicht) mit allen Mitteln unseren Lebensstil erreichen will. Ihre (und meine) Kritik an diesem eurozentrischen Lebensstil ist ein Klagen auf hohem Niveau, etwas das anderswo schlechthin undenkbar ist.

    • Titel eingeben
      Bemerkenswert ist doch, daß das Hinterfragen ziemlich spät kommt? Bhutan ist übrigens ein wirklich spannendes Beispiel, ich habe erst kürzlich von jemandem gehört, der länger dort war und sich mit der Umsetzung des Konzepts Bruttonationalglück auseinandergesetzt hat und bin gespannt, was daraus wird.

  3. Herr
    Die tatsächliche Verteilung lässt sich etwa so erklären:
    Da der durchschnittliche Deutsche, Brite, Italiener oder Amerikaner weiß, dass wenn er gegenüber einer Person aus der ersten Welt eine unfaire Teilung vorschlägt gar nichts bekommt, spielt er fair.
    Er gleicht sich den Gegebenheiten an, sieht dies jedoch weiter als Spiel an.

    Da er aber auch weiß das in der dritten Welt 20% akzeptiert werden, während er sich 80% nehmen kann, außerdem mit anderen (Maklern?) aus der ersten Welt in Konkurrenz steht und nach dem Goldmannprinzip schöne Statistiken zeigen möchte, verhält er sich ausbeutend.

    In der dritten Welt geht es schließlich ums Überleben und nicht um unmoralische Vergleiche/Wettbewerbe, die werden schon einlenken…

    • Titel eingeben
      Ist das so? Das mag durchaus plausibel klingen, aber ich bin ein großer Freund von Belegen jenseits der eigenen Intuition… .

    • Belege?
      In der dritten Welt gibt es generelle Bestechung und Korruption statt des Rechtsstaates, der selbst in seiner deutschen, also Mollathschen Facon durchaus einen Fortschritt darstellt.

      Mit wie wenig sich die Menschen dort zufrieden geben, weit weniger als den erwähnten 20%, können zB in Indien an den Bauern sehen.
      Als Ergebnis der Erpressung durch Monsanto und dem Mangel an Rechtsstaat sehen dort einem schlechten Erntejahr TAUSENDE von Kleinbauern keien andere Möglichkeit mehr als den Selbstmord.

      Recherchieren sie es einfach mal… und wenden sie das auf die verteilungsgerechtigkeit an, oder auf meinen Beitrag der UNterschiede in Lebensqualität. da ist nichts relativ, sondern das ist knallhart für Betroffene!

  4. Gratuliere aufrichtig zum Erkenntnisgewinn!
    Werte Sophia,

    wieso denn “sogar”? Ich würde sagen “gerade” und “bevorzugt”:

    “… aber die Akten haben einen sehr unmittelbaren und ungefilterten Eindruck davon vermittelt, wie egozentrisch das damalige Weltbild und Wertegefüge waren, sogar in intellektuellen, wissenschaftlichen Kreisen.”
    “Ich fand es hingegen faszinierend, wie sehr wir davon überzeugt sind, daß unsere Maßstäbe die richtigen sind und dabei völlig ausblenden (sogar in der Forschung), daß andere Wege denkbar wären.”
    Sie wandeln erfreulich Ihre Auffassungen, denn neulich konnten Sie den ulkigen Untersuchungen von Jason Richwine noch das eine oder andere Quentchen Glaubwürdigkeit abgewinnen. Heute jedoch:

    “Würden unsere Intelligenztests Punkte für unsere Wahrnehmungsschwächen (z.B. der oben genannten Müller-Lynn Illusion) abziehen, sähe die Datenlagen zum Thema Intelligenzforschung möglicherweise auch anders aus.”

    Es ist kein Spott: Bemerken Sie gerade, wie erfolgreich Sie in die Tugenden und Laster einer quantifizierenden Sozial- und Wirtschaftsforschung sozialisiert worden sind und wie unzureichend für eine schlüssige Klärung Ihrer Fragen an die Welt diese gläubig bestaunten Werkzeuge Ihnen nun erscheinen?

    • Titel eingeben
      Matthias Mersch, meine Auffassungen sind zwar prinzipiell wandelbar, haben es aber in diesem Fall nicht getan. Richwines Dissertation zeigt allenfalls Korrelationen auf – vor dem Hintergrund der obigen Erkenntnisse sogar mit Instrumenten, die inhärent “biased” sind. Das habe ich nie bezweifelt oder bestritten, ebenso wie ich hier auch grundsätzlich immer wieder die Unzulänglichkeiten quantitativer Methoden thematisiere. Die gibt es aber auch bei qualitativen Methoden. Und um mal konstruktiv zu werden: Nennen Sie doch bitte eine Methode, die keine Defizite hat, und revolutionieren Sie die Sozialwissenschaft!

    • Ei der Daus!
      Sie machen sich einen Jux mit der Einladung, die an mich ergeht: auf den Holzweg der Suche nach dem akademischen Stein der Weisen werde ich mich aber selbst von Ihnen, werte Sophia, nicht (ver)führen lassen. Mein Rezept wäre stattdessen Methodenpluralismus (in dem selbstverständlich auch quantitative Methoden Platz haben!), also das möglichst vorurteilsfreie Aufgreifen von Forschungsansätzen, die dem Gegenstand angemessen erscheinen. Dies setzte allerdings voraus, sehr viel Zeit aufzuwenden, und Schriften nicht nur so weit zu studieren, dass sich damit auf Cocktail-Parties glänzen ließe, sondern mit dem Ziel der Durchdringung dieser Schriften, ihrer Aneignung und (wo immer möglich) ihrer argumentativen Überwindung.

      Nur wird in der Regel so nicht verfahren, nehmen Sie sich doch selbst als Beispiel: Gegen den marxistischen Ansatz eines Herold Binsack haben Sie eine Abneigung, ohne ihn letztlich aus- oder auch nur anstudiert zu haben. Dies ist Ihrer akademischen Sozialisation geschuldet, die Ihnen dann aber auch nur Erkenntnis im Rahmen dessen eintragen wird, was Ihnen als angemessene Vorgehensweise von Ihren akademischen Lehrern anerzogen wurde.

      Ihr aktueller Blogeintrag erweckt den Eindruck, Sie begegneten gerade einer Wissenschaft, die Ihnen neu ist: die böse, gute alte “Völkerkunde”, dann “Ethnologie”, heute auch gerne “Kultur- und Sozialanthropologie” genannt. Ich will Sie heute nicht mit alten Schwarten quälen, sondern mit einer vergleichsweise neuen aus der Feder bzw. dem Textprogramm einer Literaturwissenschaftlerin, Doris Bachmann-Medick (Cultural Turns, Hamburg 2007, p. 28-29):
      Die Ethnologie “drängt auf die Entwicklung eines ethnologischen Blicks, der auch auf die eigene Kultur gerichtet werden kann und soll: auf die eigenen sozialen Institutionen, Normen, Werte, Gewohnheiten. Diese Entwicklung des ethnologischen Blicks wird besonders durch die Konfrontation mit Fremdheit provoziert. Dadurch kann sich die distanzierte Sicht eines von außen kommenden Beobachters auch auf die eigene Kultur richten und diese so verfremden, dass man bisher nicht Gesehenes an ihr wahrzunehmen vermag. … Andere Disziplinen können von der Ethnologie diese fruchtbare Praxis des Fremdmachens lernen. Sie bleibt keineswegs eine nur intellektuelle Übung, sondern hat eine enge Realitätsbindung. So wird sie (…) angetrieben von den sozialen Prozessen selbst, von ethnischen Konflikten, von Minoritätenpolitik, von Bürgerrechtsbewegungen in sogenannten multikulturellen Gesellschaften von Migration und Diaspora in ihren hybriden Überlagerungen verschiedener kultureller Erfahrungsschichten und kultureller Mehrfachzugehörigkeit. Angesichts solcher Anschübe kann man gerade nicht behaupten, dass sich die kulturwissenschaftlichen turns (…) in einem Theorielabor abspielen. Sie sind vielmehr rückgebunden an soziale und interkulturelle Prozesse, die sie wiederum durch ihre konzeptionelle Perspektivierung mitgestalten.”

      Noch etwas kürzer hat dies Frank Heidemann, Lehrstuhlinhaber der Ethnologie in München, in einer Vorlesung formuliert: “Die Ethnologie war seit ihrem Beginn, ob im Licht des Kolonialismus oder der Aufklärung, zugleich mit dem Fremden und – implizit – immer auch mit dem Eigenen befasst. Das Fremde war stets ein Teil des Eigenen, auch wenn es nicht als solches begriffen wurde.”

  5. Titel eingeben
    Werte Frau Infinitesimalia,
    für die Erkenntnis, dass Westler eher analytisch (ein besseres Wort wäre vielleicht reduktionistisch) an die Welt herangehen und Objekte für sich und nicht in ihrem Kontext betrachten, hätte es jetzt keiner aufwändiger Studien bedurft. Interessanter wäre die Frage, woher das kommt. Hat sich das zufällig entwickelt und sich in unerer Denkweise durch die unbestreitbaren Vorteile dieser reduktionistischen Arbeitsweise festgesetzt (Technik und Naturwissenschaften gehen mit einem ganzheitlichen Ansatz nicht wirklich zusammen) oder war das schon immer in uns angelegt und daher die Grundlage für die westlich dominierte Naturwissenschaft?
    Ich neige ein bisschen zur ersten Variante und kann mir auch nicht vorstellen, wie man dieses Henne-und-Ei-Problem lösen könnte, aber einiger Anstrengung wäre diese Fragestellung schon wert.

    • Titel eingeben
      Ich nehme an, daß es auch zu dieser Frage wissenschaftliche Arbeiten gibt, und nehme das mal auf die Liste zukünftiger Beiträge. Denke allerdings auch, daß sich das nicht sauber kausal trennen läßt.

  6. Sophias Artikel führen direkt oder indirekt immer zu besseren Erkenntnissen,
    und sei es nur, dass sie (wie hier) der Ausgangspunkt einer ausgedehnten Internetrecherche sind.

    Ohne dass der Befund Sophias Anmerkungen zum Einfluss von Kultur direkt widerspricht, so ist es eine auch wissenschaftlich gemachte Beboachtung, dass alle sich entwickelnden Gesellschaften auf der Erde sich bisher in Richtung des westlichen auf den Weg gemacht haben, der in den Schlagworten Demokratie, Rechtstaat und Marktwirtschaft zusammengefasst werden kann.

    Wenn aber die drei genannten Beschreibungsmerkmale weitgehend oder ausschliesslich spezifisch kulturgebunden sind, wirft das die Frage auf, wieso sich dann in Asien oder Afrika europäische Entwicklungen wiederholen?

    Und etwas ratlos lässt mich der Abschnitt über Fairness zurück – bis tief ins 20. Jahrhundert hinein gab es in keiner Region der Erde mehr interregionale, bewaffnete Konflikte als in Europa (z.B. Jared Diamond hält das ausdrücklich für einen der wichtigsten Gründe für die europäische Dominanz des 19. Jahrhunderts). Das heisst, einer Fairness begünstigenden Entwicklung (Handel) lief eine andere entgegengesetzt (Krieg). Und wäre Handel für Konzepte von Fairness entscheidend, müssten nicht die arabischen Staaten Nordafrikas eher ein Konzept für Fairness entwickelt haben als die Europäer? Ihre interkontinentale Handelstradition ist weit stärker und früher entwickelt als die Europas?

    Wie auch immer – danke für den gelungenen Gedankenanstoss.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Titel eingeben
      Thorsten Haupts, soviele Fragen, und ich habe auch keine Antworten. Wenn ich mich recht erinnere, verlief historischer Handel häufig in eng gestrickten Netzwerken (Nordafrika, Italien etc.), wo Vertrauen anders generiert wurde. Über Kriege in Afrika vor 1700 wiederum wissen wir nicht sehr viel, und was nun die westliche Dominanz betrifft: auch keine Ahnung. Natürlich ist die gleichzeitige Entwicklung von Institutionen und deren Bedeutung für die Weltlage frappierend. Andererseits haben viele Gesellschaften offenbar auch über Jahrtausende überlebt ohne die Segnungen der Marktwirtschaft, wer weiß, in einigen hundert Jahren sind wir vielleicht alle wieder Jäger und Sammler, so wie in Endzeitfilmen aus Hollywood?

  7. Als kurze Antwort auf die Frage...
    wer “Maßstab” ist, würde ich sagen: Die Geistreife(ren).

    MfG W.H.

    :-)

  8. Schön geschrieben.
    Weiterhin lässt sich beobachten, dass allein das Fragen und damit verbunden mindestens heimlich auf definitive Antworten hoffen – ein Merkmal unserer Kultur ist.

    • Titel eingeben
      Das war vor 2000 Jahren allerdings noch anders: da saßen wir auf Bäumen und die Hochkulturen waren die anderen.

  9. Westliche Vorstellungen von Fairness und Bestrafung
    “Im Zusammenhang mit religiösen Vorstellungen und je nach Integration einer ethnischen oder gesellschaftlichen Gruppe stellte sich heraus, daß die Anhänger der großen Weltreligionen (Christen, Muslime, Juden) offenbar sehr viel eher westliche Vorstellungen von Fairness und Bestrafung an den Tag legen. Vor allem aber scheint es auch einen deutlichen Zusammenhang mit der Globalisierung zu geben: je intensiver Völker miteinander handeln, desto ausgeprägter Fairness und Bestrafung.”
    ___________________________________________________________________________

    … teilen die mohammedanischen Staaten weder gegenüber dem Westen noch gegenüber den Glaubens-“Brüdern”!

    Wieviel Geld haben die reichen ölfördernden Länder für die letzte europäische Hochwasserkatastrophe gespendet? Null! Was sie “spenden”, sind Moscheen in unseren Städten, die keiner will!

    Ich erinnere mich noch recht lebhaft an die letzte Katastrophe im mohammedanischen Pakistan. Da kamen die reichen Saudis an letzter Stelle. Da Pakistan selbst unter den mohammedanischen Staaten den geringsten Sympathie-Faktor hat, sprudelten die privaten Spenden nicht so üppig wie zuvor und erwartet. Also wurde der westliche (speziell deutsche) Steuerzahler schlicht zu Zwangsspenden verdonnert.

    Hätten sich unsere Altvorderen fair verhalten, wären viel weniger Steuern in die Entwicklungsländer geflossen und mehr Eigenverantwortung gefordert worden. Dann wäre uns der Youth bulge dieser Länder erspart geblieben und sie wären den einen oder anderen Schritt weiter. Ein Vergleich der Entwicklungen in Südost-Asien und Afrika genügt um zu verstehen, worauf ich hinaus will.

  10. Nur leider fehlen die Quellenangaben
    Ein lehrreiches Märchen, das man den Kindern häufiger vorlesen sollte. Es ließe sich sicherlich auch noch moralinfreier formulieren. So, wie man häufiger das Kinderspiel ‘Stille Post’ revitalisieren sollte.

    Nein, nein, daß hier sachlich gearbeitet wurde, will ich nicht abweisen. Die hohe Plausibilität ist es, die immer Argwohn weckt.

  11. Biologismus
    “Das, so dachte man lange Zeit, sei halt typisch menschlich, entwicklungsbiologisch geprägt, gewissermaßen eine der Grundkonstanten menschlichen Verhaltens.”

    Geht’s noch? Abgesehen davon, dass mir fremd ist, dass die Entwicklungsbiologie überhaupt menschliches Verhalten zu ihrem Gegenstand hat, wer soll denn hier bitteschön “man” sein? Aufgeklärte Menschen jedenfalls seit je eher nicht. sie wissen, dass Menschen in erster Linie gesellschaftliche und nicht biologisch determinierte Wesen sind und wissen von den manifesten Verhaltensunterschieden unterschiedlicher Kulturen. Davon zeugen ganze Bibliotheken, die in den letzten Jahrhunderten dazu entstanden sind, und zwar vor den glorreichen “Zeiten von Computern und Globalisierung”. Die bringen offenbar, wenn man diesen Artikel zum Maß nimmt, vorwiegend ideologisch geprägte Trivialitäten hervor, wie den hier zugrunde liegenden primitiven Biologismus.

    • Tatsächlich?
      “sie wissen, dass Menschen in erster Linie gesellschaftliche und nicht biologisch determinierte Wesen sind …”

      Ich weiss das nicht. Und derzeitiger Stand der Wissenschaft ist das auch nicht.

      http://universal_lexikon.deacademic.com/206273/Anlage-Umwelt-Problematik

      Aufgeklärte Menschen wissen also, dass Ihr “geht´s noch” neben reichlich arrogant auch ein bisschen unwissend war.

    • Hallo Herr Ebbers.
      Biologie, Chemie, Physik,…sind doch “Ausdruck” des “Evolution-Geistes”…
      vom Urknall an. Alles ist aus dem Urknall heraus entstanden, vor allem Zeit;
      zum Zweck der Evolution. Ihre “elektrischen” Gedankenimpulse basieren
      auf “Biochemische Prozesse”, ohne diesen komplexen “Ausdruck” der Evolution
      gar kein menschliches Verhalten möglich wäre.
      Als frage ich mich, wo nehmen Sie die “Wichtigkeitshierachie” her,
      b.z.w. den “Stellenwert” der Biologie in einer noch zu beweisenden Hierachie.
      Wir sind noch dabei den Menschen als ganzes überhaupt zu begreifen.
      Emotion, Intelligenz, Verstand, Vernunft, Geist. Die Komplexität des Ganzen
      läßt doch keine “Hierachierückschlüsse” zu, was oder wer auch immer Ihre Quelle
      ist. Wissen aus Büchern ist immer begrenztes Wissen oder auch
      “fehlschlüssiges” Wissen. Kritisches “selber” nachdenken ist auf jeden Fall
      empfehlenswert. Denn sonst zitieren Sie nur, mehr nicht, ohne eigene Erkenntnisse.
      “Selbsterkenntnis” bedeutet nicht,nur sich selber zu kennen, sondern auch “selber Erkentnisse” zu gewinnen.

      MfG W.H.

      :-)

  12. Interkulturelle Steinzeitforschung
    Dass interkulturelle Forschung zu ganz neuen Ergebnissen und Bewertungen geschichtlicher Epochen führen kann, zeigen diese Berichte der Kölner Uni:
    http://www.portal.uni-koeln.de/trackingincaves.html

    • Titel eingeben
      Werter Reinhart Gruhn, danke für den Link, das ist wirklich spannend!- zumal ich in letzter Zeit ein kleines Faible für die San entwickele, sooft wie sie mir in meinen Recherchen begegnen.

  13. Seien wir intolerant, aber nicht lächerlich!
    Die Ethik steht in einem gewissermaßen dialektischen Verhältnis zu der ihr zugrundeliegenden gesellschaftlichen Formation. Mich überrascht es nicht, dass bei indigenen Völkern u. U. ein (durch uns) nicht vermuteter Egoismus vorzufinden ist. Erklärt man sich die Ethik als das was sie nicht ist – nämlich anerkannte Norm –, dann begreifen wir es vielleicht. Möglicherweise ist sie nur Ausdruck des schlechten Gewissens ob der gesellschaftlich-üblichen Norm, ob der gesellschaftlichen Realität. Je schlimmer diese Realität, könnte man also schlussfolgern, desto „besser“ die ethischen Bedenken (dagegen). Und wo kranker Egoismus sich durchgesetzt hat, da kommt auch der sog. gesunde Egoismus nicht zum Zuge, den dieser ist gleich mit desavouiert. Deswegen plädiert ja z.B. Slavoj Zizek für die „Intoleranz“ (Ein Plädoyer für die Intoleranz, Passagenverlag Wien, siehe auch: http://blog.herold-binsack.eu/die-illusion-ins-grenzenlose-getrieben/). Und wo eine Gesellschaft nur noch „Gutmenschentum“ heuchelt, da herrscht in Wirklichkeit das Grauen der Gleichgültigkeit. Also der wahrhaft böse Egoismus.
    .
    Wenn wir also solche gesellschaftlich bedingte Deformationen bei gewissen indigenen Völkern nicht vorfinden, dann finden wir vermutlich auch gar keine Vorstellung von Egoismus vor. Egoismus ist dort identisch vielleicht mit Lebenswille, vielleicht aber auch nur mit gesundem Humor. Egoismus ist ja auch bei uns kein klar definierter Begriff, er subsistiert quasi nur – als philosophische Kategorie (meist in idealistischen Kontexten), oder als psychologische, welche irgendwie mit dem „Ich“ verbunden scheint (hier den „Lebenswillen“ antizipierend). Im Alltag regiert der Egoismus gewissermaßen begriffslos, als etwas Ausgeschlossenes, Imaginäres, denn Böses.
    .
    Daher würde ich, und dabei mich an Zizek anlehnen wollend, schlussfolgern: Gestehen wir uns ein, dass w i r der Maßstab sind, doch tun wir das nicht im chauvinistischen Sinne, sondern selbstkritisch bescheiden. Denn auch wo wir Maßstab sind, sind wir nur ein kleiner. Seien wir „intolerant“, aber nicht lächerlich.

  14. Auch die "westliche Ausbildung" der WissenschaftlerInnen spielt eine Rolle
    M.H. Bond (fuehrend in der Cross-cultural Psychology (http://en.wikipedia.org/wiki/Cross-cultural_psychology) und in Hongkong lehrend bemerkte einmal in einer Diskussion, dass die westlich orientierte oder gar im Westen erfolgte akademische Ausbildung “lokaler oder einheimischer” ForscherInnen verstelle deren Blick auf ihre eigene Kultur einschliesslich von lokalen Forschungsergebnissen oder philosophischen Ueberlegungen zu grundlegenden Konzepten.
    Das ist nun schon eine Weile her. Inzwischen werden sogar bislang als fast bombenfest geltende Konstrukte in Frage gestellt. Neueres Beispiel sind die “big five personality traits”, die kuerzlich von van de Vijver and Leung kritisiert und erweitert wurden (^ Cheung, F. M.; Vijver, F. J. R. van de; Leong, F. T. L. (2011). “Toward a new approach to the study of personality in culture”. American Psychologist 66: 593–603).

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      Das ist natürlich ein Dilemma: das Handwerkszeug, um international anerkannte Forschung zu betreiben, lernt man im Westen – aber dabei verändert sich automatisch auch die Perspektive. Scheint, man kann einfach nicht auf zwei Pferden gleichzeitig reiten.

  15. etwas off topic
    haben Sie das schon gelesen? (New York Times, lets schake up the social sciences
    http://www.nytimes.com/2013/07/21/opinion/sunday/lets-shake-up-the-social-sciences.html?smid=li-share&_r=0

  16. Ich wundere mich immer ...
    … mit welcher Munterkeit aus solchen Laborexperimenten unbesehen Schlüsse gezogen werden, als ob das menschliche Verhalten ebenso determiniert wäre wie das Verhalten von Partikeln in der klassischen Physik.

    Solange der Einfluss der experimentellen Situation nicht hinreichend geklärt ist pfeife ich auf alle daraus gezogenen Schlüsse und bilde mir lieber mein persönliches Vorurteil :p

  17. Müller-Luer
    Müller-Lynn gab’s ‘nicht. Müller-Luer war Wahrnehmungspsychologe: Es gibt optische Täuschungen, auf die fällt jeder erst mal rein. Unsere westliche Industriegesellschaft hat ihren historischen Anfang und wird ihr Ende haben. Dann lassen wir uns von chinesischen Ethnographen nach deren Wertmaßstäben untersuchen. Lesen Sie doch mal das Buch
    über die DOGON “Die Weißen denken zuviel”.
    Ich kenne niemand der widerlegt hätte, daß Intelligenz normalverteilt ist. Auch in Kulturen,
    die ihren Grips zum Sammeln und Jagen brauchen. Dort muß der Test halt adäquat konstruiert
    sein. Aber warum noch Völkerkunde ? Wer ist denn noch nicht westlich infiziert ?

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