Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Der amerikanische Traum – entzaubert?

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Der Pariser Ökonom Thomas Piketty feiert in den Vereinigten Staaten einen Triumph. Er zerpflückt den Kapitalismus – und die Amerikaner lieben sein Buch. Ganz Amerika?

„Viel Glück“ wünscht die Verkäuferin in dem Buchladen um die Ecke. Das Buch von Thomas Piketty? Fehlanzeige. Seit Wochen nicht vorrätig. Auch im Internet bei Amazon: Liefertermin unbekannt. „Kapital im 21. Jahrhundert“, das Buch, über das das intellektuelle Amerika spricht, ist gedruckt nirgendwo erhältlich. Dabei steht das Werk des französischen Ökonomen seit Wochen in der Spitzengruppe der Bestsellerlisten.

Die Lobgesänge auf das Werk und auf Piketty überschlagen sich. „Vielleicht das beste Buch des Jahrzehnts“, schrieb der Wirtschaftsnobelpreisträger und linksliberale Zeitungskolumnist Paul Krugman. Offenbar plant Krugman nicht mehr, in den kommenden sechs Jahren noch ein bahnbrechendes Werk zu schreiben. Die Zeitschrift „Esquire“ setzt noch einen drauf und macht Pikettys Buch schon zum Buch des Jahrhunderts. Selbst der seriöse „Economist“ illustriert eine Rezension mit den Titelbildern von Adam Smiths „Der Wohlstand der Nationen“ und von Karl Marx’ „Das Kapital“. Für solche Vergleiche ist es vielleicht doch noch ein wenig zu früh.

Piketty aber tourt durch die Vereinigten Staaten und darf seine Thesen dem Finanzminister, im Weißen Haus und beim Internationalen Währungsfonds vorstellen. In New York gaben ihm die Nobelpreisträger Krugman und Joseph Stiglitz die Ehre einer Debatte vor ausverkauftem Haus.

Arbeiter im Steinbruch der Wirtschaftsdaten

Seine Thesen passen in den linksliberalen Zeitgeist. Sechs Jahre nach der Finanzkrise suchten die Menschen nach einer Art Bibel, heißt es. Dabei wirkt der Ökonom nicht wie ein Erlöser, sondern wie ein harter Arbeiter im Steinbruch der Wirtschaftsdaten. In Fachkreisen ist er bekannt für angesehene Datenanalysen zur Einkommensungleichheit.

In dem Buch, das bewusst mit dem Titel des Bestsellers von Karl Marx spielt, stellt der Wirtschaftsprofessor aus Paris im Kern diese Thesen auf: Die reichen Familien werden immer reicher und die Gesellschaften immer ungleicher, weil der Kapitalzins höher liegt als die Wirtschaftswachstumsrate. Schon vorhandenes Vermögen wachse dadurch immer weiter, die Mittelschicht wird dadurch abgehängt. Dieser Trend wird durch dramatische Ereignisse wie etwa Weltkriege nur zeitweise unterbrochen. Mittlerweile ist die Ungleichheit wieder so hoch wie vor den beiden Weltkriegen.

Der Kapitalismus verkommt zu einer Zerrform, in der ererbtes Vermögen wichtiger ist als selbstverdientes Einkommen. Am besten könnten globale Steuern auf Kapital dieser Entwicklung entgegenwirken, findet Piketty, der am Mittwoch seinen 43. Geburtstag feiert. Dabei setzt er wie selbstverständlich voraus, dass mehr Ungleichheit schädlich ist.

„Ein verwirrter französischer Ökonom“

Diese Thesen beeindrucken im kapitalistischen Amerika überraschend viele. Im Think-Tank-Zirkus der Hauptstadt sprechen erste Analytiker schon von „pikettianischer Wirtschaftslehre“. Im Internet finden sich Kurzzusammenfassungen, damit man mitreden kann, ohne die ganzen 700 Seiten gelesen zu haben. Manche Wirtschaftsblogger lästern indes über die Piketty-Blase und fragen, wann diese platzen werde.

Gab es das schon einmal, dass das Buch eines Ökonomen in Amerika so zelebriert wurde? „Oh ja“, sagt Melvyn Krauss, Ökonom an der Hoover Institution in Stanford, Kalifornien, nach kurzem Nachdenken. „Es gab da diesen Lester Thurow, er hatte eine unerhört gute Presse.“ Thurows Idee sei gewesen, dass die Vereinigten Staaten wie die Japan AG werden sollten. „Das war, bevor Japan in eine fünfzehnjährige Krise stürzte“, spottet Krauss. Sein Vorwurf: Piketty unterschlage, dass Steuern auf Kapital nur das Wachstum verringerten. „Er ist ein verwirrter französischer Ökonom.“

Ein wenig erinnert der Erfolg von Pikettys Buch an die Schrift „Dieses Mal ist alles anders“ von Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart. Die beiden Harvard-Ökonomen argumentierten darin im Jahr 2009, dass zu hohe Staatsschulden das Wachstum belasten, dass Staatsschuldenkrisen gar nicht unüblich seien und normalerweise lange Wirtschaftskrisen nach sich ziehen. Wie Piketty überzeugten Reinhart und Rogoff durch ausgefeilte historische Datenarbeit. Wie Pikettys Schrift wurden Reinhart und Rogoff von vielen zitiert und offenbar von nur wenigen gelesen. Dabei ist Pikettys Werk als Lektüre abwechslungsreicher, lässt er in die nüchtern-ökonomische Analyse doch auch wirtschaftliche Erkenntnisse aus der Literatur einfließen, von Honoré de Balzac bis zu Jane Austen. Bei den amerikanischen Rezensenten kommt solche Belesenheit besonders gut an.

Reinhart und Rogoff prägten mit ihrer Mahnung vor zu hoher Staatsverschuldung die wirtschaftspolitische Debatte im Wahljahr 2010 zugunsten der Republikaner und der fiskalkonservativen Protestbewegung Tea Party. Analog hoffen nun die Demokraten darauf, dass Pikettys Thesen ihnen Schwung bei der Kongresswahl im November geben.

Nachwehen von „Occupy Wall Street“

„Das Buch passt gut in den politischen Zyklus“, sagt Tom Palmer von der freiheitlichen Atlas Economic Research Foundation in Washington. Die Demokraten unter Präsident Barack Obama hätten die Gesundheitsreform Obamacare durchgesetzt. Jetzt brauchten sie eine andere Agenda. „Es ist eine gute Zeit für die Idee, die Reichen bluten zu lassen“, sagt Palmer. Mindeststeuern für die Reichen und Mindestlöhne für die Armen gehören schon seit längerem zu Obamas Rhetorik, ebenso wie Klagen über steigende Ungleichheit in der Gesellschaft.

Palmer begründet den Erfolg Pikettys auch als Spätfolge der links-chaotischen „Occupy Wall Street“-Bewegung, die die besonders reichen „ein Prozent“ vor einigen Jahren als Feindbild in die politische Debatte eingeführt habe. „Das ist hängengeblieben“, sagt Palmer, nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa oder in Lateinamerika. Doch verweist er auf Studien, nach denen der wirtschaftliche Auf- und Abstieg in den Vereinigten Staaten weitaus lebhafter sei, als es das statische Bild der besonders reichen „ein Prozent“ nahelege.

Der ungeheure Erfolg Pikettys in Amerika zeigt sich vielleicht am besten daran, dass die Aufnahme des Buches selbst zum Thema von Analysen wird. Die Zeitung „Financial Times“ macht Piketty zum modernen Alexis de Tocqueville, der den Amerikanern den Spiegel vorhalte. Piketty führe den Amerikanern vor Augen, dass der amerikanische Traum zunehmend ein Mythos sei, weil Vermögen zunehmend vererbt und nicht mehr erarbeitet sei. Ganz so verläuft das Argument des Franzosen für die Vereinigten Staaten indes nicht, hier gilt seine Kritik eher astronomisch hohen Einkommen von Spitzenmanagern und Finanzjongleuren an der New Yorker Wall Street, die ökonomisch nicht zu rechtfertigen seien.

Liebling der französischen Sozialisten

Origineller als die Nabelschau nach dem üblichen politischen Strickmuster ist die Analyse des Ökonomen Tyler Cowen von der George-Mason-Universität und Véronique de Rugy vom Mercatus-Center in Arlington, Virginia. Sie fragen, warum Piketty in den Vereinigten Staaten auf so überragend mehr Interesse stoße als in seinem Heimatland Frankreich, wo das Buch schon im Jahr 2013 auf den Markt kam.

Drei Gründe finden Cowen und de Rugy: Erstens fehle Piketty in Frankreich der Neuigkeitswert, weil er schon seit längerem zu den Lieblingen der dortigen Sozialisten gehöre. Zweitens komme das Buch für Frankreich zu spät, nachdem dort selbst der sozialistische Staatspräsident François Hollande nun ein wenig Angebotspolitik wage und von Steuersenkungen spreche. Drittens sei die inhaltliche Kritik an Pikettys Analyse in Frankreich weiter als in den Vereinigten Staaten. Da rächt sich womöglich einmal wieder, dass die Amerikaner ausländische Debatten kaum aufnehmen, jedenfalls solange diese nicht auf Englisch geführt werden.

Auch in einem Laden der amerikanischen Buchhandelskette Barnes & Noble in der Innenstadt von Washington ist das Buch schon seit Wochen ausverkauft. Die Verkäuferin bittet um Geduld, man wisse nicht, wann die nächste Lieferung komme. Auf dem Büchertisch unter dem Schild „Gedanken anregend“ liegt die Streitschrift des Ökonomen Friedrich August von Hayek „Der Weg zur Knechtschaft“ – auch das ist eine Möglichkeit, über die von Piketty vorgeschlagene globale Kapitalsteuer nachzudenken.

 

Der Beitrag erschien am 4. Mai in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Gerald Braunberger hat das Buch „Kapitalismus im 21. Jahrhundert“ am Jahresbeginn im FAZIT-Blog besprochen.

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3 Lesermeinungen

  1. Wo mein Nobelpreis?
    Die globalen Schulden/Vermögen wuchsen zw. 2007-2014 von 70 Bio $ auf 100 Bio $. Bei einer EUUSA Inflationsrate von ca 2% entsteht eine Diskrepanz.
    Lösung: Vermögenswerte inflationieren während Güter- und Dienstleistungsgüter konstant bleiben. Man kann auch sagen Reiche werden durch die Notenbankpolitik immer reicher während arbeitende relativ immer ärmer werden.

  2. Pingback: Kleine Presseschau vom 8. Mai 2014 | Die Börsenblogger

  3. Stiglitz und Krugman sind Garanten für´s Gegenteil.
    Rogoff, Reinhart sind da schon ein wenig besser.

    In USA – nicht zu vergessen – gibt es immerhin genug Menschen, die Obama wählten, sogar beim zweiten Mal. Die lesen auch Stiglitz pp und diesen Komiker aus Frankreich, der nicht ernst zu nehmen ist, wie er seine sozialistischen Behauptungen unreflektiert aufschreibt.

    Seine Einstellung zur Freiheit ist ebenso exotisch wie gefährlich.
    Da alles andere daran hängt, ist es überflüssige Zeitverschwendung, sich damit weiter zu befassen. Mögen ein paar weitere einfältige Amerikaner ihm das Geld verschaffen, was ihm offenbar dringend fehlt.

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