Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Es gibt keine ehernen Gesetze des Kapitalismus

| 3 Lesermeinungen

Von Thomas Malthus über David Ricardo und Karl Marx bis Thomas Piketty: Schon viele Ökonomen haben Grundgesetze der wirtschaftlichen Entwicklung postuliert. Dabei ist viel Unsinn herausgekommen, erläutern Daron Acemoglu und James Robinson.

„The quest for general laws of capitalism or any economic system is misguided because it is a-institutional. It ignores that it is the institutions and the political equilibrium of a society that determine how technology evolves, how markets function, and how the gains from various different economic arrangements are distributed. Despite his erudition, ambition, and creativity, Marx was ultimately led astray because of his disregard of institutions and politics. The same is true of Piketty.“
Daron Acemoglu & James Robinson

Was als „große Theorien“ von Ökonomen daher kommt, sind nicht selten zeit- und ortsbedingte Milieustudien, die dann verallgemeinert werden. So lautet eine provozierende These der beiden Ökonomen Daron Acemoglu und James Robinson in einer neuen Arbeit, deren Ausgangspunkt Thomas Pikettys vieldiskutiertes Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ ist (hier unsere Rezension in FAZIT und hier ein Interview mit Piketty sowie ein Beitrag über die kontroverse Debatte des Buches).

Thomas Malthus (1766 bis 1834) ist ein solches Beispiel – der Propagandist der These, dass der Reallohn der Menschen auf dem Subsistenzniveau bleiben werde. Malthus hatte seine Zeit nicht falsch beobachtet, schreiben Acemoglu und Robinson: Im Großbritannien des 18. Jahrhunderts war die Bevölkerung (und damit das Arbeitsangebot) stark gestiegen, während gleichzeitig der mit der Indutrialisierung beginnende technische Fortschritt dazu beitrug, die Löhne erst einmal niedrig zu halten.  Mit Malthus‘ Anspruch, aus einer zutreffenden Milieubeobachtung auf ein allgemeines ökonomisches Gesetz zu schließen, wagte er allerdings zu viel. Denn bei weitem nicht alle Löhne sind auf dem Subsistenzniveau geblieben.

Ähnliche Betrachtungen lassen sich zu Marx‘ scheinbar ehernen Gesetzen machen – sei es das Gesetz der kapitalistischen Akkumulation (die zu einer immer größeren Ungleichverteilung führt), sei es das Gesetz vom Fall der Profitrate oder das Gesetz von der Abnahme der Konkurrenz.

Was für Marx gilt, trifft nach Ansicht von Acemoglu und Robinson auch auf Piketty zu: „Piketty is an economist of his milieu, his thinking heavily colored by increasing inequality in the Anglo-Saxon world and also more recently in continental Europe – and in particular compared to the more equal distribution of labor and total income seen in France in the 1980s and 90s.“ Acemoglu/Robinson ziehen keineswegst Pikettys zum Teil sehr detaillierte Forschungen auf dem Gebiet der Ungleichheit in den vergangenen Jahren in Zweifel (in FAZIT zum Beispiel hier vorgestellt.) Aber sie halten Pikettys Ableitung sogenannter „fundamentaler Gesetze“, die langfristige Tendenzen im Kapitalismus beschreiben sollen, nicht für überzeugend. Eines dieser „fundamentalen Gesetze“ Pikettys lautet, dass die Rendite auf Kapitalvermögen langfristig die Wachstumsrate der Wirtschaft übertrifft.

Als Beleg für ihre Warnung vor einer Überschätzung von Pikettys „fundamentalen Gesetzen“ führen Acemoglu und Robinson einen Vergleich der historischen Einkommensverteilung von Schweden und Südafrika an. Die beiden Länder haben eine sehr unterschiedliche Geschichte – Schweden gilt als eine Wiege des sozialdemoratischen Wohlfahrtsstaates, während Südafrika über Jahrzehnte durch die Apartheid gekennzeichnet war. Interessanterweise unterscheiden sich die beiden Länder gar nicht sehr, wenn man nur auf den Anteil des Prozents der am besten verdienenden Bürger des Landes am BIP schaut. Nimmt man andere Verteilungskriterien hinzu, unterscheiden sich Schweden und Südafrika plötzlich sehr stark.

Acemoglu und Robinson ziehen daraus zwei Schlüsse. Erstens warnen sie davor, die Bedeutung des reichsten Prozents der Bevölkerung für Verteilungsdebatten zu unterschätzen. Zweitens, und das ist ihr Hauptpunkt, lassen sich Verteilungsergebnisse mit Blick auf die Veränderungen von Institutionen eines Landes oft besser erklären als mit vermeintlichen „fundamentalen Gesetzen“.

Denn für Acemoglu und Robinson ist Geschichte nicht vorbestimmt; statt dessen spielen Institutionen eine erhebliche Rolle. Es sind in erster Linie die politischen Institutionen eines Landes, auf die es ankommt, denn nach Acemoglu/Robinson 1) beeinflussen die politischen Institutionen die wirtschaftlichen Institutionen eines Landes, die dann ihrerseits eine wesentliche Rolle für die Nutzung technischen Fortschritts in einer Wirtschaft spielen. Und technischer Fortschritt ist eine eminent wichtige Größe für die langfristige Entwicklung der Wirtschaft. 2)

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1) Wir haben Arbeiten von Acemoglu/Robinson in FAZIT oft behandelt, zum Beispiel in einer Rezension ihres Buches „Why Nations Fail“.

2) „Finally, economic institutions influence economic performance and inequality through their joint impact on technology, the supply of skills and prices (meaning that economic institutions, for a given set of supply and demand, also influence prices, for example through regulation, by taxation or by influencing the bargaining power of different factors of production and individuals.)“


3 Lesermeinungen

  1. Überzogene Begriffsauslegung
    Man sollte dem Begriff „ehernes Gesetz“ nicht allzuviel Bedeutung beimessen. Es gibt nirgends im Universum eherne Gesetze, sondern es gibt Ursachen und Wirkungen, es gibt nackte Korrelationen ohne Wirkungsketten; aber immer nur in bestimmten Situationen und zu bestimmten Zeiten und immer nur in den jeweiligen Systemen. Die sogenannten ehernen Gesetze der klassischen Physik gelten nicht im Mikrokosmos und nicht im Makrokosmos, die modernen Vorstellungen von Raum und Zeit gelten nicht in schwarzen Löchern.

    Ich kann z.B. Massenanziehung und Fallgesetze außer Kraft setzen, wenn ich mich im absteigenden Ast eines Parabelflugs befinde. Das Flugzeug ist hier die maßgebliche Institution. Ob das nur scheinbar so ist oder wirklich – was spielt es für eine Rolle für den Flugzeuginsassen?

    In den Sozialwissenschaften und speziell in der Ökonomie geht es ähnlich zu. Wissenschaftliche Forschung und Erkenntnis und wirtschaftliche Realität sollte man fein säuberlich voneinander trennen.

  2. "Es sind in erster Linie die politischen Institutionen"
    Eherne Gesetze gibt es nicht. Einverstanden. Piketty weist auf Trends in den entwickelten Ländern hin, die zu einer Ungleichheit wie zu Beginn der Industrialisierung führten. Es mehren sich die Indizien, Studien und Analysen, dass dies eine Ursache für schwächeres Wachstum insgesamt ist. Und da der Kapitalismus seine Legitimität aus dem Wohlstandsversprechen zieht, ist hier eine Kardinalfrage angesprochen und die Hype um Piketty nicht grundlos.

    Wie sieht es nun mit politischen Institutionen aus? Was ist Korrelation, was Kausalität? Warum ist die Zweiteilung der Welt seit dem Beginn der Industrialisierung faktisch unverändert (Die USA übernahmen die europäischen Institutionen und entwickelten sie aufgrund ihres größeren Binnenmarktes weiter.) Warum kopieren nicht 90 % der Welt seit 200 Jahren die „erfolgreichen“ politischen Institutionen des Westens ungeachtet der erfolgten phantastischen Wohlstandsmehrung. Gene? Klima? Geographie? Kultur? Mentalität? Einfach Dummheit? Schlechte Regierungsführung? Zumal Staaten nicht im Vakuum und isoiert leben, sondern die gegenseitige Abhängigkeit ein Wesensmerkmal des Industriezeitalters ist.
    Solche einfachen Lösungen und mentalen Modelle, wie von A & R angeboten, werden der Komplexität der von Piketty beschriebenen Phänomene nicht gerecht und sind in der Blogosphäre wiederholt widerlegt worden. Da hilft es auch wenig, wenn man sich wiederholt auf A & R bezieht. Schade, dass der Artikel auf halben Weg stecken bleibt.

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