Das Zusammentreffen von digitaler Revolution, Bedrohung der Globalisierung durch Handelspolitik sowie das sehr niedrige Niveau von Zinssätzen und Inflationsraten bildet einen faszinierenden Stoff für an Forschung interessierte Ökonomen. Wir stellen im Folgenden vier neue Arbeitspapiere vor.Die Beziehung zwischen der Globalisierung und dem Rückgang der realen Zinsen war kürzlich ein Thema auf dem geldpolitischen Symposium von Jackson Hole. Aufgenommen wird es auch von einer von Jean-Marc Natal und Nicolas Stoffels veröffentlichten Arbeit („Globalization, Market Power, and the Natural Interest Rate). Ihre wichtigste These lautet: Die Globalisierung liefert in den vergangenen 50 Jahren eine wichtige, obgleich weitgehend unterschätzte Erklärung für die Entwicklung des Realzinses in den Industrienationen.
Demnach hat der mit der Globalisierung verbundene Wettbewerb die Wirtschaft zunächst belebt, aber gleichzeitig die Marktmacht von Unternehmen beschränkt. Das Ergebnis war ein steigender Realzins bis in die frühen achtziger Jahre. „In den nachfolgenden Jahrzehnten fiel der Zins angesichts einer reifenden Globalisierung und nachlassender Gewinne aus dem Wettbewerb wieder auf das Niveau der frühen siebziger Jahre“, schreiben Natal und Stoffels. „Im Falle nachhaltiger Zunahmen der Marktmacht von Unternehmen im vergangenen Jahrzehnt, die in der jüngeren Literatur behauptet werden, würde die Geschwindigkeit des Falls des natürlichen Zinses noch akzentuiert.“ Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass eine Rückkehr der langfristigen Zinsen zu Niveaus, wie es sie früher gab, wenig realistisch erscheint.
Zu den wichtigen Gründen, die in der neueren Literatur für den Fall des Realzinses in den vergangenen Jahren genannt wird, zählt der Verfall der Preise für viele Kapitalgüter wie Maschinen und Ausrüstungen in den vergangenen Jahrzehnten. Dieser Verfall gilt absolut, aber auch im Verhältnis zu Konsumgüterpreisen. Am augenfälligsten ist dies für Ausrüstungsgüter in der Informationstechnologie.
In einem von fünf Autoren verfassten und vom Internationalen Währungsfonds veröffentlichten Arbeitspapier („The Price of Capital Goods: A Driver of Investment under Threat“) wird mit Blick auf empirische Analysen darauf verwiesen, dass dieser Prozess von der Globalisierung profitiert hat: „Der weitreichende Rückgang des relativen Preises für Maschinen und Ausrüstungen wurde getrieben vom schnelleren Wachstum der Produktivität in den Kapitalgüter produzierenden Branchen der Wirtschaft im Vergleich zum Rest der Wirtschaft, sowie einer zunehmenden Verflechtung des Handels, die heimischen Produzenten Anlass gab, ihre Preise zu reduzieren und Effizienzgewinne zu suchen.“ Beschränkungen des internationalen Handels hätten dann nachteilige Folgen für die Investitionsneigung.
Die Frage nach wachsender wirtschaftlicher Macht von Unternehmen vor allem in den Vereinigten Staaten ist seit ein paar Jahren ein Forschungsgebiet, auf dem zahlreiche Arbeiten erschienen sind. Damit haben wir uns in FAZIT schon häufiger befasst (zum Beispiel hier und hier und hier). Ebenfalls vom Internationalen Währungsfonds wurde eine von Federico J. Díez, Jiayue Fan und Carolina Villegas-Sánchez geschriebene Arbeit („Global Declining Competition“) herausgegeben, die dieses Thema unter einem globalen Gesichtspunkt betrachtet. „Marktmacht ist zurück im Zentrum von politischen und akademischen Diskussionen“, heißt es.
Grundsätzlich kommen sie zu dem Schluss, dass in den Jahren 2000 bis 2015 der Wettbewerb in der Welt abgenommen hat, erkennbar an der zunehmenden Macht von Unternehmen, Preise zu setzen. Diese Beobachtung gilt in erster Linie für Unternehmen in Industrienationen; in Schwellenländern ist sie weniger ausgeprägt. Zum zweiten lässt sich international wie in den Vereinigten Staaten beobachten, dass es die ohnehin schon erfolgreichen Unternehmen sind, die einen besonders großen Einfluss auf ihre Preise haben. Die Giganten aus dem Silicon Valley sind ein gutes Beispiel für diesen Trend.
Diese globalen Entwicklungen werden für Großbritannien durch eine von der Bank of England herausgegebenen Arbeit bestätigt („Market Power and Monetary Policy“). Am erfolgreichsten arbeiten demnach die Unternehmen, die ohnehin schon erfolgreich und meist international tätig waren. Beide Arbeiten stellen die interessante Frage, was daraus für die Geldpolitik folgt. Die Ergebnisse sind nicht eindeutig: Eine wachsende Macht zur Preissetzung von Unternehmen kann die Inflationsrate stärker ausschlagen lassen. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht lautet, dass nach Ansicht der Autoren in einer stärker konzentrierten Wirtschaft die Wirksamkeit geldpolitischer Maßnahmen steigt.
ARROGANZ DES FACHS
oh jeh,
das also präsentiert die momentane quintessenz volkswirtschaftlicher kompetenz. eine mélange wurzeliger erkenntnisse aus dem 19. jahrhundert („natürlicher zinssatz“ in pfiffiger assoziation an die diskussion um die „natürliche hausfrau mit ihren „natürlichen charaktermerkmalen“) und der fertigkeit, die zuweilen in den fokus der forschung sich drängelnde und sofort wieder abgestossene erkenntnis auch aus den end-1940ern: „the rise and fall of cartels since the late 19th century when the modern cartel movement properly arrived with the rise of big business based on scale and scope. The general narrative about cartels may not be a story of rise and fall, but rise, boom, collapse, revitalization, gradual decline, and then criminalization. Yet, until the 1980s, the global story of big business must be told in conjunction with cartels rather than without them.
They affected technological development, corporate strategy, and organizational change. Viewing cartels only as a “conspiracy against the
public” short-circuits many important questions and obscures the great variations in objectives, type, and services provided by cartels.” http://www.hbs.edu/faculty/publication%20files/07-011.pdf
wie lange ist das also ein “faszinierende(r) Stoff für an Forschung interessierte Ökonomen“???
und mit verlaub: „Eine wachsende Macht zur Preissetzung von Unternehmen kann die Inflationsrate stärker ausschlagen lassen. Das ist die schlechte Nachricht.“ was ist denn das? liebenswürdig wahrgenommen ein lang angereifter ladenhüter einer in den 1970ern lehrbuchreif gedroschenen angebotsinflation.
und im kontext der wahrnehmung von herrn weidmann: „Was ist denn so schlimm, wenn die Inflationsrate zwischenzeitlich mal zwischen 1 und 1,5 Prozent liegt statt bei 2 Prozent? Schlimm ist daran auf den ersten Blick nichts. Die meisten Bürgerinnen und Bürger dürften dies wohl nicht als Problem sehen.“ (Interview in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 25.08.2019), also schlicht eine offenbarung volkswirtschaftlicher inkompetenz. hat bundesbankpräsident weidmann denn eine vorstellung von der einkommensverteilung und –höhe im lande?
überhaupt nicht mehr amüsiert,
b. behrendt