Fazit – das Wirtschaftsblog

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Jenseits von Afrika

| 26 Lesermeinungen

Der Ökonom Oded Galor erklärt das Wirtschaftswachstum für die gesamte Geschichte der Menschheit. Genetische Diversität spielt eine entscheidende Rolle. Ängste vor dem demografischen Wandel oder einer Klimakatastrophe hält Galor für übertrieben.

In den Lehrbüchern der Volkswirtschaftslehre finden sich zahlreiche Theorien des Wirtschaftswachstums. Keine dieser Theorien greift so kühn aus wie das Gedankengebäude des seit vielen Jahren an der amerikanischen Brown University lehrenden Ökonomen Oded Galor. Alleine die Bezeichnung „Einheitliche Wachstumstheorie“ lässt einen hohen Anspruch erkennen. Sie vereint Elemente der Wirtschaftswissenschaften, der Evolutionsbiologie, der Wirtschaftsgeschichte, der Kulturwissenschaften sowie der Geografie. Präsentiert hat Galor die Grundgedanken seiner Theorie unter anderem in der 2019 gehaltenen “Copernican Lecture”.

Galor will die Ursachen des Wirtschaftswachstums in der Welt erkennen und damit auch die Gründe, die für erhebliche und hartnäckige Wachstumsunterschiede zwischen Ländern sorgen. Die Geschichte der reichen Länder teilt er in drei Epochen: Die erste, die nach dem britischen Ökonomen Thomas Malthus (1766 bis 1834) benannte „Malthusianische Epoche“ begann vor der Besiedlung des Kontinents bis etwa in die Mitte des 18. Jahrhunderts. Sie war mit Blick auf das Pro-Kopf-Einkommen und die Lebenserwartung der Menschen von einer großen Stagnation gekennzeichnet.

Doch hinter diesen Zahlen verbarg sich nach Galors Ansicht eine erhebliche Dynamik, denn: Mit einer, wenn auch nur langsam, wachsenden Bevölkerung kamen Innovationsprozesse in Gang, die sich nicht in größerem wirtschaftlichen Wohlstand des Einzelnen niederschlugen, sondern in einer wachsenden Bevölkerung.

Mit durchaus unterschiedlichem Erfolg versuchen sich Menschen, an ihre Umwelt anzupassen. Anpassung ist aber, wie schon Charles Darwin wusste, entscheidend: “Weder die stärkste noch die intelligenteste Art überlebt. Es überlebt diejenige, die sich am besten an Veränderungen anpasst.”

Galors These lautet, dass Menschen, die sich in dieser Epoche am besten an die sich durch die Innovationen allmählich ändernde Welt anpassten, überdurchschnittlich viele Nachkommen hatten. Dies wiederum begünstigte noch einmal die durch die wachsende Zahl von Menschen ohnehin steigende Neigung zur Innovation. Dies führte ab der Mitte des 18. Jahrhunderts in Westeuropa zu einer Situation, in der das Innovationstempo so groß war, dass trotz einer starken Zunahme der Bevölkerung das Pro-Kopf-Einkommen spürbar zu steigen begann. Diesen Prozess, der üblicherweise als Beginn der Ausbreitung des Kapitalismus wahrgenommen wird, nennt Galor die „Post-Malthusianische Epoche“.

Für ihn war dieser Sprung in die Industrialisierung, mit der sich die Welt nachhaltig veränderte, nicht zufällig, sondern unausweichlich: “Die Größe der Bevölkerung beeinflusste die Wachstumsrate technischen Fortschritts. Sie beeinflusste das Angebot von und die Nachfrage nach Ideen. Sie beeinflusste auch die Verbreitung von Ideen, den Grad der Spezialisierung des Produktionsprozesses, der ‘Learning by Doing’ anregte und das Niveau internationalen Handels, das weiteren technischen Fortschritt unterstützte.” Gleichzeitig wurden durch den technischen Fortschritt und das Wirtschaftswachstum das Wachstum der Bevölkerungen angeregt.

Dies geschah damals aber nicht überall. Viele Länder traten erst nach Westeuropa in diese Epoche ein. Und manche Länder haben sie bis heute nicht wirklich erreicht. Nach Galor dauerte diese Epoche in Westeuropa bis etwa in das Jahr 1870. Dann setzte der starke technologische Wandel Anreize für Menschen, in Bildung und Ausbildung zu investieren, die für sie attraktiver wurde als eine große Kinderzahl. In einem bekannten, mit Omar Moav verfassten Aufsatz mit dem deutschen Titel “Das Human-Kapital” hält Galor Karl Marx und dessen Nachfolgern die These entgegen, dass die Unternehmer ein Interesse an einer gut gebildeten und damit produktiven und kaufkräftigen Arbeiterschaft besaßen.

Damit setzte die „Epoche des modernen Wirtschaftswachstums“ ein, in der sich wirtschaftliche Dynamik mit einem rückläufigen Bevölkerungswachstum verband. Die Pro-Kopf-Einkommen sind seitdem im Trend gestiegen; an die Akkumulation von Sachkapital tritt zunehmend die Akkumulation von Humankapital. Wiederum gilt, dass manche Länder Westeuropa mit Verzögerung folgten, während wieder andere die „Epoche des modernen Wirtschaftswachstums“ noch nicht erreicht haben.

Warum ist das so? Galors Erklärung beruht stark auf einer Hypothese namens „Jenseits-von-Afrika“. Sie geht von der in der Evolutionsbiologie wohl nicht umstrittenen These aus, dass der Mensch seine Heimat in Ostafrika hatte, und sich dort vor 60.000 bis 90.000 Jahren Menschen in andere Regionen der Erde aufmachten – zum Beispiel nach Europa, aber auch nach Asien und nach Amerika. Der nächste Schritt ist die nach Galor belegbare Annahme, das sich die genetische Diversität dieser sich langsam ausbreitenden Menschheit mit der zunehmenden Distanz zu Ostafrika verringert hat.

Jetzt kommt die für das Wirtschaftswachstum zentrale Annahme Galors: Es existiert für den wirtschaftlichen Entwicklungsprozess eine Art optimales Maß an genetischer Diversität, das sich aus zwei gegenläufigen Tendenzen ergibt: So ist ein hohes Maß an genetischer Diversität einerseits aus ökonomischer Sicht vorteilhaft, weil sie Vielfalt fördert und eine Vielfalt von Ideen für die Entwicklung von Innovationen förderlich ist. Andererseits ist ein hohes Maß an genetischer Diversität nachteilig, wenn sie etwa auf dem Wege von Misstrauen und Konflikten oder durch unterschiedliche Vorstellungen von der Rolle des Staates die soziale Kohäsion erschwert. Neben der Größe einer Bevölkerung wird auch ihre Zusammensetzung, also die jeweilige genetische Diversität, damit zu einer entscheidenden Größe für den langfristigen Wachstumspfad eines Landes. Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts war sie in Westeuropa günstig, in anderen Regionen erst – zum Teil sehr viel – später.

Was soll man davon halten? Wer einen großen Wurf wagt, darf nicht sehr an sich zweifeln, und so erstaunt es nicht, wenn Galor als Vorbilder Berühmtheiten wie Isaac Newton, Charles Darwin und Albert Einstein nennt und keine verblichenen Ökonomen. “Meine einheitliche Wachstumstheorie stellt eine allgemeine Theorie der Entwicklung von Wirtschaften über den gesamten Verlauf der Menschheitsgeschichte dar”, sagte Galor in einem Interview. “Aber tatsächlich ist sie noch ehrgeiziger. Sie reicht über die Wirtschaftsgeschichte hinaus und untersucht die Beziehungen zwischen der Wirtschaftsgeschichte und der Menschheitsgeschichte.”

Galor erklärt die Wachstumstheorien anderer Ökonomen, etwa die Theorien Robert Solows oder Paul Romers, nicht für falsch oder unbrauchbar – und zur Erklärung bestimmter Sachverhalte auch für nützlich. Aber er findet sie auch zu beschränkt und nicht geeignet, das Große Ganze zu sehen. “Diese Modelle sind bahnbrechend gewesen, unser Verständnis der Bedeutung der Akkumulation von Produktionsfaktoren und des technischen Fortschritts für die Unterstützung langfristigen Wirtschaftswachstums in der modernen Zeit voranzubringen. Gleichwohl ist die Feststellung wichtig, dass diese Theorien mit qualitativen Aspekten des Wachstumsprozesses während des größten Teils der Menschheitsgeschichte unvereinbar sind. Im Gegensatz zu diesen Modellen hatten besonders in der Malthusianischen Epoche die Kapitalakkumulation und der technische Fortschritt einen vernachlässigbaren Effekt auf die langfristige Entwicklung des Einkommens und seiner Wachstumsrate, denn sie wurden nahezu vollständig unwirksam gemacht durch ein Wachstum der Bevölkerung.”

Er selbst will viel weiter ausgreifen. Der interdisziplinäre Ansatz, besonders der Rückgriff auf die Evolutionsbiologie, und die in Galors Arbeiten verwendete anspruchsvolle Mathematik erleichtern die Kommunikation mit anderen Ökonomen aber nicht. “Die Entwicklung einer Einheitlichen Wachstumstheorie ist eine große intellektuelle Herausforderung gewesen”, schildert Galor. “Sie erforderte bedeutende methodologische Innovationen in der Konstruktion dynamischer Systeme zur Erfassung der Komplexität, die die Evolution von Wirtschaften  von der Malthusianischen Epoche zu einem Zustand nachhaltigen wirtschaftlichen Wachstums geführt hat.” Gleichwohl ist Galor kein Exot, wie führende Tätigkeiten in angesehenen Fachzeitschriften und Ökonomen-Vereinigungen seit vielen Jahren belegen.

In zweierlei Hinsicht muss man Galor in Schutz nehmen. Erstens will er mit dem Rückgriff auf das Konzept genetischer Diversität natürlich keine Rassentheorien betreiben, und er befürwortet auch keine auf genetischer Auslese beruhende Politik. Er weist nur darauf hin, dass vor Jahrzehntausenden stattgefundene Wanderungen noch heute Folgen für das Wirtschaftsleben haben können. Aus Galors Analysen sich ableitende Politikempfehlungen zielen viel eher auf eine möglichst gute Bildung der Menschen.

Zum zweiten will seine Theorie nicht alles erklären. Er versteht sie eher als eine Art Metatheorie, an die weitere Theorien angehängt werden können. So hätte nach Galors „Einheitlicher Wachstumstheorie“ die Industrielle Revolution auch in China ausbrechen können. Um zu erklären, warum dies nicht der Fall war, lassen sich dann aus anderen Wachstumstheorien bekannte Elemente wie die Institutionen eines Landes, die dort betriebene Politik und die Präferenzen der Menschen gegenüber Wandel und technologischem Fortschritt heranziehen. Wenn man diese Einflüsse berücksichtige, “können Länder mit großen Bevölkerungen nichtsdestoweniger in ihrer Entwicklung zurückbleiben, wenn ihnen die ergänzenden Kräfte für technischen Fortschritt fehlen: die Nachfrage nach Humankapital, die Bildung von Humankapital und der Rückgang der Geburtenrate”.

Hier spiele dann auch die Geographie eine Rolle. Europa sei aus geographischer Sicht empfänglicher als das riesige chinesische Festland für kulturelle Diversität gewesen, die den Weg in die Industrialisierung erleichtert habe. So sei auch erklärbar, warum China zur Zeit der Agrargesellschaften zwar manche  Innovationen früher erzeugt habe als Europa, aber dennoch viel länger in der Agrargesellschaft hängengeblieben sei.

Das war die Vergangenheit. Und wie sieht es mit der Zukunft aus? Der demographische Wandel bereitet Galor keine große Sorge. Eine rückläufiges Wachstum der Bevölkerung sorge für größere Investitionen von Humankapital je Kopf: “Die produktiven Fähigkeiten der Individuen wird von Generation zu Generation zunehmen und die Unterstützung einer im Vergleich älteren Bevölkerung gestatten.”

Und auch vor einer Klimakatastrophe hat Galor keine Angst: “Wenn uns der technische Fortschritt nicht erlaubt, die globale Erwärmung aufzuhalten, werden die nachteiligen Folgen die Reduzierung des Wirtschaftswachstums auf ein Niveau zur Folge haben, das von der Umwelt ausgehalten werden kann.” In Arbeiten aus der jüngeren Zeit (zum Beispiel hier) hat Galor auf eine Wirkungskette hingewiesen, die von mehr Bildung der Menschen über niedrigere Fertilitätsraten zu einem niedrigeren Ausstoß von Kohlendioxid führt.


26 Lesermeinungen

  1. Antonia171 sagt:

    Jenseits von Afrika
    Richtig, zentraler Sinn des Lebens ist die Evolution!

  2. vcaspari sagt:

    Lieber Herr Braunberger - auch dafür gebührt Ihnen Dank!
    Galor hat als erster den Übergang von der Mathusianischen Epoche in die Epoche des “sustained growth” modelliert und ökonometrisch getestet. Galors genetische Diversitätsthese konkurriert mit dem Erklärungsansatz Jared Diamonds, der die Menscheitsgeschichte vor allem auf geographische, klimatische und biologische Faktoren (Pflanzenzucht und Domestizierbarkeit bestimmten Tiere) zurückführt. Wobei es bei beiden Autoren um die Zeit vor 1750 geht.
    Als Galor 2013 auf der Augburger Jahrestagung seine genetische Diversifizierungstheorie vorstellte, herrschte anschließend ein “lautes” Schweigen. Und beim Verlassen des Saales bekam man mit, dass die Kolleginnen und Kollegen über Genetik nicht so gerne reden möchten und schon gar nicht darüber schreiben wollen. Das überlasse man Sarrazin. Aber wie Sie schon schrieben, Galor interessiert sich für die Auswirkungen genetischer Diversität auf die Kooperationsbereitschaft einerseits und die Innovationshäufigkeit andererseits. Auf Vererbungsfragen oder sonstige höchst umstrittene Bereiche der Genetik läßt er sich gar nicht ein. Neben Diamond und Acemoglu/Robinson ist Galors Ansatz der dritte neuere Versuch, die regional unterschiedlichen ökonomischen und sozialen Entwicklungen auf unserem Erdball zu erklären. Ich behandele Teile seiner Ideen seit 2005 in meinen Lehrveranstaltungen zur Wachstums- und Entwicklungstheorie.
    Beste Grüße
    VC

    • Supul sagt:

      Was mich wundert ist, dass ausgerechnet auf dem Kontinent, ...
      wo die genetische Diversität am größten ist, nämlich in Afrika, bis heute keine nennenswerte wirtschaftliche Entwicklung stattgefunden hat. Außerdem ist es leicht, die genetische Diversität als Ursache mit der kulturelle. Diversität zu verwechseln. Es gibt auch Ansätze, die klimatische und geografische Faktoren als wesentlichen Faktor der wirtschaftlichen und technologischen Entwicklung nennen.

    • vcaspari sagt:

      @ Supul
      Wenn Sie genau gelesen hätten, …, hohe Diversität ist gut für Innovationen aber schlecht für Kooperation und Arbeitsteilung, weil das Vertrauen fehlt. Die optimale Zone liegt links und rechts vom Maximum auf dem umgekehrten U. Afrika entwickelte sich schlecht, weil zu hohe Diversität, Peru entwickelte sich schlecht, weil zu geringe Diversität. China und Europa hatten moderate Diversität und daher ausreichende Innovationen aber eben Vertrauen und damit Kooperation und Arbeitsteilung. Soweit Galor in Kurzform.

    • Supul sagt:

      @V. Caspari - Nochmal Afrika
      Ich frage mich natürlich, was genetische (?) Diversität mit Kooperation und Arbeitsteilung zu tun hat. In der Natur gibt es eine Menge Symbiosen vollkommen unterschiedlicher Organismen. Wenn Sie beispielsweise tauchen, ist Ihnen sicher schon aufgefallen, dass Sie sich den Mund von Putzerfischen und Putzergarnelen putzen lassen können, Arten, deren Genom Welten vom Genom des Menschen entfernt sind.

      Außerdem vermisse ich die Innovationen in Afrika, die aus der heterogenen Bevölkerung hätten erwachsen müssen. Die gab es geschichtlich interessanterweise lokal dort, wo die Bevölkerung extrem homogen und isoliert war, etwa im alten Ägypten. Und ich halte es für ein Vorurteil, dass es in Peru im Speziellen und auf dem amerikanischen Kontinent im Allgemeinen keine nennenswerte wirtschaftliche Entwicklung gab, ganz im Gegenteil. Von dieser Idee ist man neuerdings eher abgekommen. Andere Effekte dort lassen sich besser klimatisch, geografisch und geologisch erklären.

      Nein, meine Hypothese wäre eher, dass diejenigen Länder reich geworden sind, die expandieren konnten, ggf. auf Kosten anderer Menschen. Was ist eigentlich mit dem Zeitalter des Kolonialismus? Spielt das bei Galor eine Rolle.

      Was ist mit China oder Japan. Beides genetisch extrem homogene Länder, jedoch inzwischen – nach einer Phase des Kopierens – mindesten genauso innovativ wie der Westen. Huawei produziert jährlich doppelt so viele Patente wie seine zwei wichtigsten Konkurrenten zusammen. Für mich erklärbar aus einer Konkurrenzsituation, aber nicht generell aus der Genetik (Chinesen sind übrigens im Schnitt intelligenter als Europäer, laut vergleichenden IQ-Studien).

      Ich halte von naiven “drei-Parameter-Modellen” nichts. Mathematisch dürften wir es hier mit einem extrem hochparametrigen Problem zu tun haben. Allein die Auswahl der “richtigen” Parameter unterliegt einer außerordentlichen Willkür, vom Differentialgleichungssystem mal ganz abgesehen. Dass das Galor-Modell für einen Spezialfall ökonometrisch “bestätigt” wurde, sagt überhaupt nichts.

      Die wirtschaftlichen Effekte sind m.E. emergent, d.h. skalenabhängig.

      Superstringtheoretiker sind auch ganz stolz darauf, dass sie die Existenz der Schwerkraft als Grund-WW aus ihrer Theorie ableiten können. Trotzdem ist die Theorie weiterhin reine Spekulation (= “not even wrong”, eine Phrase, die auf Wolfgang Pauli zurückgeht).

    • Supul sagt:

      Mir ist beim nochmaligen Lesen ganz am Ende noch folgender Satz ins Auge gesprungen
      “In Arbeiten aus der jüngeren Zeit hat Galor auf eine Wirkungskette hingewiesen, die von mehr Bildung der Menschen über niedrigere Fertilitätsraten zu einem niedrigeren Ausstoß von Kohlendioxid führt.”

      Mehr Bildung wirkt ja nicht auf alle Menschen gleichermaßen. Ich gehe mal davon aus, dass Galor das mit den genetischen Einflüssen ernst meint. Erkennbar ist, dass längere Bildungsanstrengungen zur wirtschaftlichen Segregation der Gesellschaft nach IQ führen. Laut Wikipedia sind 30 bis 80 % der IQ-Verteilung genetisch bedingt. Außerdem führt, wie Galor richtig bemerkt, höhere Bildung zu geringerer Fertilität. Jeder, der ein bisschen Statistik beherrscht, kann sich ausrechnen, dass dieser Effekt zu einem sinkenden Median des IQ führt. Dass die IQ-Streuung um den IQ der Eltern, die wie Galton schon bemerkte, immer in Richtung des Medians tendiert, kompensiert diesen Effekt nicht. Das führt zu einer Entwicklung, wie sie in der SF-Filmkomödie “Idiocracy” persifliert ist.

      Es wird irgendwann ein Maximum der Bildung geben. Danach nimmt wegen des Absinkens des IQ-Medians die Verfügbarkeit bildbarer Menschen wieder ab, und damit auch die Bildung. Ob es im Endeffekt weniger CO2-Ausstoß geben wird ist fraglich. In Idiocracy jedenfalls werden die Felder mit Gatorade “bewässert” und die Administration fragt sich, warum die Ernte immer schlechter wird.

    • vcaspari sagt:

      @ Supul 15:34
      Ich bin kein Anhänger der Galorschen Theorien und neige für die Zeit bis 1750 eher zu den Erklärungen Diamonds (Gun, Germs and Steel, dt. Arm und Reich…). Was allerdings Galors Gen-thesen betrifft:
      Hier findet man den Originalbeitrag:Ashraf, Quamrul and Oded Galor. 2013. “The ‘Out of Africa’ Hypothesis, Human Genetic Diversity, and Comparative Economic Development.” American Economic Review, 103(1):1-46.
      “This research advances and empirically establishes the hypothesis that, in the course of the prehistoric exodus of Homo sapiens out of Africa, variation in migratory distance to various settlements across the globe affected genetic diversity and has had a persistent hump-shaped effect on comparative economic development, reflecting the trade-off between the beneficial and the detrimental effects of diversity on productivity. While the low diversity of Native American populations and the high diversity of African populations have been detrimental for the development of these regions, the intermediate levels of diversity associated with European and Asian populations have been conducive for development.” (abstract)
      Also wie gesagt, China hat einen intermediate degree of genetic diviersity, ist also nicht so homogen. Als Maß nimmt er, glaube ich, den Wright Index FST. Afrikaner, z.B. die Coisan haben eine hohe Diversität, d.h. Varianz im Genpool. Diese reduziert sich im Migrationsprozess. Bekannt unter dem Begriff “serial founder effect” (Gründereffekt, siehe Wikipedia).
      Arbeitsteilung und Kooperation setzen Vertrauen voraus, solange kein Rechtssystem Vertragsicherheit und -durchsetzbarkeit garantiert. Aus der Sicht Galors ist das Vertrauen bei genetischer Homogenität größer. (Ich würde hier auch eher an kulturelle Homeogenität denken und sehe keine kausale oder korrelative Beziehung zwischen Genpool und Kultur) Also entwickeln sich arbeitsteilige Produktionsprozesse in solchen Strukturen besser, es ergeben sich Spezialisierungsvorteile und die Austauschprozesse nehmen zu.

    • Supul sagt:

      Arbeitsteilung und Kooperation
      Ich lese derzeit Henri Pirenne „Europa im Mittelalter“. Ist zwar nicht mehr gerade taufrisch, liest sich aber sehr schlüssig. Pirenne argumentiert, dass das Bürgertum im Mittelalter und die städtische Kultur sich um 1000 n. Chr. zunächst aus fahrendem Volk und Händlern gebildet hat, da Adlige, Bauern und Kleriker zu immobil (räumlich und geistig) waren, um dafür in Frage zu kommen. Hier spielt nämlich der Fernhandel über See eine zentrale Rolle. Wegen der Mischung der Bevölkerung in den Städten kann man wohl kaum davon ausgehen, dass hier von Anfang an besonders viel Vertrauen herrschte. Die Gegenreaktion der Stadträte auf den andauernden Betrug war die Einführung von Standards und Normen und ihre Kontrolle, beispielsweise durch öffentliche Längen-, Volumen- und Gewichtsmaße. Gerade in den Städten fand der wirtschaftliche Aufschwung statt, trotz mangelndem Vertrauen und trotz genetischer Heterogenität. Gemeinsame Sprache und Kultur halte ich für wichtiger als gemeinsame Gene. So divers ist das Genom des Menschen nicht. Die Behauptungen von Galor sind teilweise einfach absurd. Sein System krankt nicht an der Mathematik sondern an den Grundannahmen.

      Ich würde ja gerne einen Blick in die eine oder andere Arbeit werfen, aber das schaffe ich zeitlich einfach nicht. Ich bin auf gute Zusammenfassungen angewiesen. Oben der Artikel scheint mir nicht von der Art zu sein.

    • vcaspari sagt:

      @ Supul 9:13
      Ja, Pirenne ist ein Klassiker fürs Mittelalter in Europa. Andere Klassiker sind Marc Bloch, Die Feudalgesellschaft, und J. LeGoff, Das Hochmittelalter sowie G. Duby, Europa im Mittelater.
      Zurück zu Galor. Die “Genthese” taucht in Galors Buch auf S. 218 auf und betrifft die Phase der Besiedelung der Kontinente – also Jahrtausende vor dem Mittelalter. Galor forscht daran herum, weil die neolithische Revolution zeitlich sehr verzögert auf den Kontinenten einsetzte, in Australien und Tasmanien quasi nie und auf den amerikanischen Kontinenten ebenfalls spät oder ebenfalls gar nicht. Das beschäftigte auch Diamond.
      Galors eigentlich wichtiger Beitrag betrifft die Phase von 1780 bis 1910, also der Übergang von der Malthusianischen Stagnation in die des dauerhaften Wachstums. Während in den Zeiten bis ca. 1750 das BIP pro Kopf nur sehr gering wuchs, weil die Bevölkerung, zwar zeitverzögert, ebenfalls wuchs, kam es im 19. Jhdt. zu einem Rückgang des Bevölkerungswachstums. Erstmals wuchs damit das BIP pro Kopf. Seine Erklärung ist (sehr verkürzt): Die zunehmende Komplexität der Arbeits- und Produktionsprozesse erforderte bessere Ausbildung und Schulung. Beides kostet. Eltern entscheiden sich dann für weniger Kinder statt viele Kinder. (Slogan: child quality instead of child quantity). Weniger, aber besser ausgebildeter Nachwuchs. Zweiter Effekt: Das steigende proKopf BIP führt auch zu einem insgesamt höheren Lebensstandard, wodurch die Sterblichkeit sinkt. Weniger Sterblichkeit der Alten steigert die Konkurrenz unter den Jungen, weil die Alten die Führungspositionen länger besetzt halten. Das heißt, die Jungen müssen tendenziell besser werden als die Alten und in ihre Ausbildung investieren, also Humankapital bilden. Ausbildung und Bildung verlängert sich tendenziell.
      Wenn man das nun mal “seherisch” wendet, könnte man die These aufstellen, dass bei einer schrumpfenden Bevölkerung, bei der die Alten auch noch frühzeitig aus dem Beruf aussteigen, der Druck besser zu sein als die Alten, nachlässt. Das gilt natürlich ceteris paribus. Wenn die Arbeitsplätze für schlecht Ausgebildete verschwinden, entsteht in diesen Feldern natürlich erheblicher Druck. Steigt die Anzahl der Arbeitsplätze für gut und sehr gut Ausgebildete, sinkt dort der Konkurrenzdruck auf die Jungen, sich gut oder sehr gut auszubilden. So kann es zu dem, was Sie befürchten, kommen, nämlich dass die Innovationskraft nachläßt. Wenn das nun noch von einer sinkenden Geburtenrate flankiert wird, dann verknappt sich die Zahl der Jungen über die Zeit. Dann wird es auch für “Deppen” immer leichter in Top-Jobs vorzudringen – gerade in schrumpfenden Gesellschaften. In wachsenden Gesellschaften sieht das anders aus. Ich wünsche mir immer Stationarität, weil man dann den Wandel leichter in den Griff bekommen kann (nicht muss).

  3. Zoernheim sagt:

    Titel eingeben
    Ach Gott, noch so eine Theorie. Ich habe in siebzig Jahren schon so viele Erklärungsversuche über die Wirklichkeit gelesen. Im Überfliegen des Artikels ist mir nun nicht ohne Weiteres der epochal neue Ansatz des Herrn klar geworden. Ich dachte immer, dass der Technische Fortschritt (und damit die bessere Gesundheit und Reproduktionsfähigkeit) das enorme Bevolkerungswachstum der letzten 200 Jahre in Europa ermöglicht hätte? Und nicht umgekehrt. Und was denkt er über die Zukunft? Alles regelt sich von selber? Und alles wird gut? Das scheint mir nun selten naiv zu sein.

    • vcaspari sagt:

      Wenn Sie etwas über die Zukunft erfahren wollen
      dann sollten Sie zur Wahrsagerin oder zum Astrologen gehen.

      Warum kommentieren Sie einen Beitrag zu einem Buch, dass Sie nicht interessiert??? Auch ‘ne Frage.

  4. Carlcaro sagt:

    Weirdest People
    Ich denke der Ansatz von Galor ist interessant aber eindeutig viel zu eindimensional. Genetik ist viel aber nicht alles.

    Der Ansatz von Joseph Heinrich ist mMn zielführend: Heinrich beschreibt anhand von vielen Dimensionen/Umständen wie die “Weirdest People in the world” (die erfolgreichen europäischen Gesellschaften) entstanden sind und warum sie so erfolgreich sind.

  5. pmohler sagt:

    Der Traum der Einheit
    es ist ein langer Traum der Wissenschaft zu allem und jedem eine Einheitstheorie zu finden. Wer mag, kann das bei den Physikern nachlesen. Mein Gott, gib den Menschen mehr Bescheidenheit. Und wer auch was Gutes lesen mag schaue mal bei Jared Diamond und seiner Beschreibung der geographischen/landschaftlichen Gegebenheiten als einem wichtigen Element für kulturelle Entwicklung (Wirtschaft ist auch eine kulturelle Errungenschaft, nebenbei bemerkt).

  6. Caoky60 sagt:

    Needham Question
    Der britische Chinafreund und -kenner Joseph Needham artikulierte es Mitte des 20. Jahrhunderts so: Warum brach in der Mitte der Ming Dynastie – mit Bevoelkerungswachstum und grossartigen Erfindungen wie des Schwarzpulvers, des Kompasses und der beweglichen Buchstaben fuer den Buchdruck weit vor Gutenberg z.B. und riesigen Explorerschiffen bis an die Kueste Ostafrikas – auf einmal die technische Entwicklung China’s ab??
    Auch wenn im Artikel China kurz erwaehnt wird – hier hat Galor keine Antwort auf diese historische Entwicklung. China haette alle Voraussetzungen gehabt, sich zu DER technologisch fortschrittlichsten Zivilisation auf Erden zu entwickeln. Geschah aber nicht.
    “One cause theories” wie Galor’s lassen sich im Nachhinein zurechtinterpretieren – aber wie schon angemerkt ist eine wissenschaftliche Theorie, die sich nicht falsifizieren laesst, keine wissenschaftliche Theorie.
    Lustig ist das Galor gerade Malthus erwaehnt, der ja davor warnte, dass Bevoelkerungswachstum zu Hungersnoeten fuehren werde. Nach Malthus war die Kapazitaet der Erde Menschen zu ernaehren sehr, sehr endlich. Galor’s Buch muss man nicht lesen.
    Dass reiner Bevoelkerungswachstum eben nicht zwingend zum wirtschaftlichen/technologischen Fortschritt fuehrt hat ein anderer Leser oben bereits fuer den Fall von Afrika belegt.

    • Supul sagt:

      Gute Frage - Butterfly Effect würde ich sagen
      In Richtung erratischer historischer Entscheidungen (in Ming-Fall des Kaisers) habe ich auch in meiner zweiten Zuschrift argumentiert.

  7. mrami2 sagt:

    Glaube ich nicht
    Ich denke, das der genetische Beitrag nahe Null liegt. Am genetisch veilfältigsten sind die San in Afrika, aber steil am untergehen. Washat genetische Vielfalt auch mit Misstrauen zu tun?

    Es geht wenn um kulturelle Vielfalt, die Befruchtet. Das war sicher ein Erfolgsrezept Europas. Aber Einigkeit und Größe, wie in China, sind ein anderes Prinzip, das offensichtlich auch stark ist. So mokokausal ist es also nicht.

    Europas Sonderweg hat seine Wurzeln auch mindestens in der Renaissance. Als es dann im 18.Jh manifest und sichtbar losging mit der Dominanz waren die Wurzeln und Basisentwicklungen dafür schon mehrere Jahrhunderte gelegt.

    • vcaspari sagt:

      Wenn Sie mal in seinem Buch lesen würden
      fänden Sie Ihre Anmerkungen völlig überflüssig, weil Sie offene Türen einrennen.

  8. magrohmann sagt:

    Aus der Welt gefallen
    Das klingt mir doch wieder sehr nach neoklassischer Ökonomenhybris. Ökonomik ist eine Sozialwissenschaft, aber man möchte doch viel lieber so was wie Physik machen und am liebsten gleich eine Weltformel finden, mit der man dann alles erklären kann. Das Ergebnis sind lächerliche Gleichgewichtsmodelle mit viel komplizierter Mathematik, die aber nur funktionieren, wenn man wesentliche Aspekte der gesellschaftlichen und historischen Realität ausblendet, z. B. nationale und globale Ausbeutung und Unterdrückung, Imperialismus und Kolonialismus, die Rolle von Religion und Philosophie… Ach ja, und wie praktisch, dass er mit seiner Formel auch gleich das Problem des Klimawandels gelöst hat. ;-)

  9. Supul sagt:

    A fool with a tool is still a fool
    “anspruchsvolle Mathematik”, “bedeutende methodologische Innovationen in der Konstruktion dynamischer Systeme zur Erfassung der Komplexität”

    Dass einer mit mathematischen Werkzeugen herumhantiert, ist noch kein Beleg für die Korrektheit seiner Ergebnisse. Es wäre nicht das erste Mal, dass Ökonomen auf diese Weise hochintellektuellen Unfug produzieren, weil sie vergessen haben, die Voraussetzungen für die verwendeten Sätze zu prüfen, und ob die verwendeten Sätze überhaupt der Realität angemessen sind. In den Naturwissenschaften kann man viele tolle Theorien aufstellen (wie beispielsweise die Superstringtheorie). Gute Wissenschaft zeichnet sich aber dadurch aus, dass die von ihr erstellten Theorien gleich das Werkzeug für ihre Falsifizierung bereitstellen. Ist die bei Galor der Fall? Ich lese davon in dem Artikel nichts. Vielleicht ist die Mathematik nur Blendwerk, um Eindruck zu schinden. Vielleicht ist seine Theorie auch “not even wrong”.

    Außerdem werde ich das Gefühl nicht los, dass Galor die Evolutionstheorie nicht ganz korrekt interpretiert. Man hört zwar heraus, dass diejenigen Individuen am fittesten sind, die die beste Reproduktionsrate haben. Aber gilt das wirklich für die Gesellschaft? Ich muss in solchen Fällen immer an die SF-Filmkomödie “Idiocracy” denken. Die beste Vermehrungsrate hat heutzutage in den Industriestaaten der Teil der Bevölkerung, dessen IQ in unteren Hälfte des IQ-Spektrum liegt (steht ja auch so im Artikel). Je höher man geht, desto weniger Kinder werden es. Soll das der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg sein?

    Bis vor hundert Jahren waren die Industriegesellschaften noch nicht segregiert, d.h. man konnte vom IQ keineswegs verlässlich auf die gesellschaftliche Stellung schließen und umgekehrt. Unter solchen Umständen wächst bei einer Erhöhung der Zahl der Menschen auch die Gruppe der sehr Intelligenten. Das ist heute nicht mehr der Fall. Für die Segregation ist das fortlaufende Bemühen verantwortlich, das Potenzial intelligenter Menschen durch bessere Bildung voll auszunutzen. Ein solches Bemühen kommt aber irgendwann an ein asymptotisches Ende, wo es neue Intellektuelle in keinem nennenswerten Umfang mehr erschließt.

    Die Umwelt ist auch keine Konstante. Sie ändert sich durch die Aktivitäten der Menschen. Jede Eigenschaft, die früher zur Fitness beitrug, kann heute genau das Gegenteil bedeuten. So was nennt man genetic Mismatch.

  10. refusenik sagt:

    Eine "Wirkungskette von mehr Bildung der Menschen über niedrigere Fertilitätsraten zu einem
    niedrigeren Ausstoß von Kohlendioxid”. Davon muss man dann nur noch die afrikanischen Regierungen überzeugen, die die Bildung ihrer armen Bevölkerungen durch Schulgeld behindern; und davon, dass Demokratie nicht darin besteht, das Stimmgewicht des eigenen Stamms durch Bevölkerungswachstum zu steigern; und moslemische Regime oder Bewegungen, die Mädchen auf deren Gebärfunktion festnageln wollen; und die indische Regierung, die gerade erst richtig mit der Verfeuerung von Kohle zur Energieerzeugung anfängt; und die chinesischen Mittelklassen, die gerade den täglich Fleischkonsum und die Reize des Flugtourismus entdecken; und die brasilianische Regierung, bevor der Amazona in eine Savanne verwandelt ist; und die polnische Regierung, dass Kohle kein “schwarzes Gold”, sondern Dreck ist; und, und, und.

    • Supul sagt:

      Wenig los in diesem Forum / Psychohistorik
      Da schreibe ich halt noch einen Beitrag, der mir in den Sinn kam.

      Isaac Asimovs “Foundation Trilogy” basiert zentral auf der fiktiven Wissenschaft der Psychohistorik. So kommt mir (oberflächlich betrachtet) die hier diskutierte Theorie ein bisschen vor.

      Sie bezieht sich auf die wirtschaftliche Basis und die Umwelt, aber das erratische Element fehlt. Ich will jetzt nicht mit der Plattitüde anfangen “Wie hätte die Geschichte ausgesehen, wenn es Hitler nicht gegeben hätte?” Oder (Philip K. Dick) “Was wäre passiert, wenn die Nazis den Krieg gewonnen hätten?

      Ich wähle mal ein neutraleres Thema. Nach dem Historiker Henri Pirenne war der Zerfall des weströmischen Teils des römischen Reiches nach dessen Ende wesentlich auf die Entstehung des Islam im frühen 7. Jahrhundert zurückzuführen, einem Ereignis, das auf den Visionen des Propheten Mohammed basiert. Durch die Ausbreitung des Islam im südlichen Mittelmeer bis nach Europa hinein kam der mittelmeerische Handel der frühmittelalterlichen weströmischen Städte komplett zum Erliegen. Dadurch brachen die Steuereinnahmen weg, die einen Staat hätten finanzieren können. Da Byzanz kein Interesse und keine Kräfte hatte hier einzugreifen, war die Folge eine wirtschaftliche Degeneration und ein Zerfallen des Staates in lokale Fürstentümer, die über Jahrhunderte ein selbstgenügsames Dasein als Bauern ohne jeglichen Handel führten. Die Könige führten ein eher symbolisches Dasein. Das änderte sich erst durch das Auftauchen der Normannen im Mittelmeer um die Jahrtausendwende und deren Zurückdrängen der muslimischen Eroberer. Erst dadurch wurde wieder Seehandel, z.B. mit Byzanz, möglich und es entstanden wieder erste italienischen Städte wie Venedig, Pisa und Genua, die Keimzellen des Bürgertums. Auf westeuropäischer Seite spielen Papsttum und Königtum in ihrer schwierigen Beziehung eine ähnlich erratische Komponente wie das Auftreten eines Propheten mit Visionen mitten in der arabischen Wüste.

      Das ist gerade eine Eigenschaft komplexer Systeme, dass sie so unvorhersehbar sind. Wirtschaft, Umwelt und Geschichte hängen eng zusammen. Geschichte aber enthält extrem viele erratische Elemente.

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