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Deus ex Machina

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Über Gott und die WWWelt

Zwischen Beschäftigungstherapie und Politik

| 15 Lesermeinungen

Ist die politische Nutzung von Twitter nur die Fortsetzung von herkömmlicher Politik mit anderen Mitteln? Wer die digitale Generation verstehen will, muss mehr begreifen, als wo und wie sie kommuniziert. Virtuelle Orte als Schauplatz für Politainment zu betrachten, wird diesen Aufgaben nicht gerecht.

Man kann nicht immer nur Politik machen, man muss auch mal etwas Ernsthaftes tun.

(Franz Alt)

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Wandelt sich Politik über den Einstieg von Abgeordneten in die Sphäre der 140-Zeichen-Sätze? Im Blätterwald des Feuilletons, in den Timelines von twitternden Abgeordneten, im Grundrauschen sozialer Netzwerke summieren sich Selbstoffenbarungen, Erleuchtungen und Begeisterungsausrufe auf Samtpfoten zu einem Bekenntnisbrei, der das Netz schwammig umarmt. Denn zu einer grundlegend anderen Nutzung des Internets für ein demokratisches Miteinander und zur digitalen Verankerung politischer Kommunikation zwischen Politikern und surfenden Bürgerinnen und Bürgern trägt der Austausch über die Wunderwaffe Twitter nur wenig bei.

Es ist ein schmaler Trupp von Politikerinnen und Politiker in Deutschland, die über Twitter die tatsächliche Vernetzung suchen und versuchen, den Herzschlag von virtuellen Crowds und Communitys zu fühlen. Die das Netz als größere Chance für gesellschaftlichen Wandel sehen, und nicht als einen weiteren Schauplatz um ihre Botschaften sanft unters Volk zu jubeln. Die meisten Twitter-Accounts von Abgeordneten – inbesondere von Mitgliedern des Deutschen Bundestages – sind in der Form, in der die Personen selbst oder Mitarbeiter ihrer Büros sie mit Text versorgen überflüssig, ohne Nutzen, vielleicht sogar rufschädigend.

Menschen, die in sozialen Netzwerken mit Bekannten, Freunden und Feinden kommunizieren, stöbern hier nicht nach Pressemitteilungen, RSS-Feeds und glatt geschliffenen politischen Formeln mit Plastikwörtern. Serendipität ist das Schmuckstück des Spaziergangs im Datendschungel, das die Spannung dort hält und erklärt, warum das Türchen von Twitter seine Nutzerschaft immer wieder zum Log-in einlädt. Kommunikation, die sich an den Tagesordnungen des Bundestages, der Agenda der Leitmedien, den Schwerpunkten eines Parteiprogrammes orientiert, untergräbt die wunderbaren Zufälle, über die man im Verlauf eines Tages im Netz immer wieder stolpert. Zeichnet man im Netz lediglich Abziehbilder des politischen Alltags, programmiert man den eigenen Gesprächsfetzen einen Filter hinein, der sie mit Schwung auf den Müllberg all der Onlinetexte wirft, die nach einstelligen Klickzahlen vergessen sind.

Lautet die Herangehensweise an Twitter und all die anderen Tools des Netzes: die Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln – und zwar die Fortsetzung der Politik, so wie sie Zuschauer in Parlamentsdebatten verfolgen können und wie sie lange Zeit inszeniert wurde – so schaffen die Werkzeuge des Internets keinen Kulturwandel in der Politik. Ein erwartungsvolles Publikum aus Wählern, Politikwissenschaftlern und Journalisten, die auf die politische Nutzung des Internets die Hoffnung gesetzt haben, dort Wege auszumachen, die Politisches wieder an die Menschen heranzuführen, die sich vielleicht abgewandt haben, für die Politik in andere Zeichen und andere Sprachen übersetzt werden muss, die andere Möglichkeiten der Mitarbeit und Debattenführung suchen als in Ortsvereinen und im Ausfüllen eines Stimmzettels, müsste die Twitternutzung von Parteirepräsentanten derzeit anders beurteilen, als mit der Glückseligkeit, mit der jeder neue Politiker auf Twitter begrüßt wird.

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Die Motivation, als politische Person die eigene Onlinepräsenz auch über einen Twitteraccount zu erweitern, verfolgt mehrere Ziele. Der Microbloggingdienst kann als Verteiler begriffen werden, der Botschaften, Argumente, Programme und Termine weiter verbreiten soll. Teil eines illustren Netzwerkes zu sein, in dem sich hippe, junge, kluge und kritische Netzversteher treffen, dient aber auch der Konstruktion oder Schärfung eines Images. Über das Schwirren durch Timelines und Gesprächsangebote in wenigen Worten soll die Wahrnehmung einer Person umgebaut oder erweitert werden: ein legitimes Vorhaben für jemanden, dessen Amt davon abhängen kann, ob Menschen ihn wählen, Journalisten ihn beschreiben oder die Parteikollegen seine Arbeit bewerten. Ernsthaft genutzt können einzelne Politiker auch Meinungen von Parteimitgliedern und anderen Menschen einholen, die Lust haben über Twitter zu diskutieren, und diese Dialoge als Impulse für ihre Arbeit betrachten.

Ein politischer Entscheider wirkt über Twitter besser erreichbar, tatsächlich ansprechbar, in vielen Fällen ist er es sogar. Doch um einen Unterschied zu machen, muss die Nutzung von Twitter und anderen sozialen Netzwerken, in denen Politikerinnen und Politiker virtuelle Bürgersprechstunden abhalten, ihr Verhalten ändern. Soziale Medien müssen die Art und Weise verändern, wie Politik gemacht wird, sie müssen wirken auf Beteiligung, Sprache und Inhalte.

Der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck traf mit seiner Kritik an der Scheinpolitik von konservativen Twitterern wortwörtlich ins Schwarze, in der er kritisierte, dass diese innerhalb der Twitternutzerschaft vorgäben „Digitale Avantgarde“ zu sein, dem jedoch gegenüber stünde, dass ihre Parteien nichts für die Freiheit des Netzes täten. „Es grenzt an schizophrene Züge, “offline”, also im Bundestag, die Grundrechte im Internet abzuschaffen und “online” dann so zu tun, als sei man everybodys Darling der Netz-Community“, so Volker Beck. Daraufhin folgte ein Streit unter den betroffenen Personen, so polemisch, so abstoßend, so diffus, so inhalts- und ergebnislos, dass diese öffentliche Debatte an diesem neuen Ort an der Art von Politik anknüpfte, die schon seit Jahren und Jahrzehnten politischen Frust produziert. Ist diese Art von Politik stärker, als die Hoffnung, die eine digitale Gesellschaft in das Netz legt?

Die Euphorie um den twitternden Peter Altmaier wird sich legen. Jede Partei, die Angst vor die Freiheit des Internets stellt, und deren netzpolitische Ausrichtung unter den Meinungsführern in den politisierten (und wachsenden) Nischen des Netzes auf Ablehnung und Unverständnis stößt, hat Probleme ihre Themen darüber hinaus im Netz zu platzieren und weiterzuentwickeln. Nur eine Netzpolitik, die die Freiheit des Netzes stärken will und Kommunikation im Netz als Chance begreift, kann wiederum die Chancen ergreifen, über mehr Onlinepartizipation für Bürgerinnen und Bürger eine neue Art von Politik zu machen, die politikinteressierte Menschen zu politisch aktiven Menschen macht und die demokratische Prozesse stärkt. Genau das ist möglich für sehr viele Themen, die Politik verhandelt. Netzpolitik ist dabei nur ein kleiner Anfang.

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Politikerinnen und Politiker, ihre Berater, Parteimitglieder, die Menschen, die über soziale Medien den Kontakt zu ihnen suchen – sie alle sollten sich Gedanken machen und voneinander abfordern, wie digitale Netzwerke zusätzlich zu anderen politischen Werkzeugen genutzt werden könnten. Wie sie die Art miteinander zu reden und zu arbeiten grundlegend verändern könnten. Die eingespielte Form der Politik hier lediglich zu spiegeln, führt zu nicht mehr als Beschäftigungstherapie, die sich im Nu entlarvt, und zu Frustration.

Die digitale Generation verstehen zu wollen, heißt nicht nur zu verstehen, wo und wie sie kommuniziert. Wer sagt, dass digitale Kommunikation ihn selbst verändere, muss daraus weitere Schlussfolgerungen ziehen als weiter zu twittern, zu bloggen oder Videoclips ins Netz zu stellen. Die digitale Gesellschaft verstehen zu wollen, heißt auch, für sie Politik und Gesellschaft verändern zu wollen. Es heißt auch, Offline und Online zu einer Welt zusammenführen zu wollen und nicht Gräben zwischen Generationen, Gruppen und Communitys zu vertiefen. Die digitale Kluft ist eine gesellschaftliche Spaltung, die auch Themen wie Integration, Generationengerechtigkeit und Bildungschancen betrifft. Twitter und andere virtuelle Orte als Schauplatz für Politainment zu betrachten, wird diesen Aufgaben nicht gerecht.

Ein paar Blogs, ein paar Likes, ein paar Kommentare machen noch keinen Wahlkampf. Sie machen noch keine Politik. Und was verändern sie wirklich? Das Netz und die Nutzer werden bleiben. Wer formuliert nun, wie Politik in zehn, in zwanzig oder in dreißig Jahren aussehen könnte? Und wie Gesellschaft? Wer schreibt dazu den ersten Tweet?

 

 

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Die Autorin arbeitet für die Redaktion von spd.de im Willy-Brandt-Haus. Ihre Twitter- und Google+ Accounts nutzt sie privat und beruflich.

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15 Lesermeinungen

  1. Eine wunderbare Sammlung von...
    Eine wunderbare Sammlung von Allgemeinplätzen, um sich selbst der Stellung als Avantgarde zu versichern. Gefühlte einhundert Zeilen zuviel für die einzige erkennbare Botschaft dieses Textes: Twittern ungleich Politentertainment. Aha.
    Statt dessen ein paar Versatzstücke aus dem Kommunikationsneusprech des modernen „irgendwas mit Medien“. „Wie sie die Art miteinander zu reden und zu arbeiten grundlegend verändern könnten.“ Starke Forderung, wie der ganze Text nur leider als Headline in den Raum geworfen. Irgendwo Substanz, konkrete Empfehlungen, lebendige Beispiele für´s Bessermachen, auch nur ein konkreter Satz, über den man unter Rückgriff auf Fakten und Zusammenhänge diskutieren könnte? Fehlanzeige.
    Digitales Rauschen: „Nur eine Netzpolitik, die die Freiheit des Netzes stärken will und Kommunikation im Netz als Chance begreift, kann wiederum die Chancen ergreifen, über mehr Onlinepartizipation für Bürgerinnen und Bürger eine neue Art von Politik zu machen, die politikinteressierte Menschen zu politisch aktiven Menschen macht und die demokratische Prozesse stärkt.“
    Da ist dann alles drin. Die Nur – Dann Figur. Die Schlagworte Netz, Freiheit, Kommunikation und Partizipation. Die Heilserwartung der neuen Art von Politik. Und ungefähr eintausend Gründe, warum die Netzkommunikation das alles nicht leisten wird und kann. Weil die Ideen- und Gedankenlosigkeit des vorliegenden Textes für viele Netzapologeten endemisch ist. Nicht schlimm. Schlimm ist nur das aus solchen Texten erwachsende Selbstverständnis, eine Avantgarde zu sein, der sich Politikdiskussionen anpassen müssen. Kleiner Hinweis – schon geschehen. Obwohl ich schon aussagekräftigere Pressemitteilungen gesehen habe …
    Gruss,
    Thorsten Haupts

  2. Wenn wir Gesellschaften aller...
    Wenn wir Gesellschaften aller Art (nicht nur menschliche Gesellschaften, sondern auch andere biologische Gruppierungen) in drei ALTERSKLASSEN teilen: Kindheit und Jugend – Mittelalter (z. B. „Werktätige“) – Greise (Rentner, Invaliden), so erhalten wir ein anderes „Gesellschaftsbild“ oder „Gesellschaftsmodell“ als bei einer POLITISCHEN Differenzierung (etwa Links-Mitte-Rechts).
    Wir sind uns dieser oder anderer Klassifizierungsmethoden gewöhnlich nicht bewusst. Unsere Menschen-, Gesellschafts- und Welt-„Bilder“ sind folglich alles andere als „wissenschaftlich“ – und unsere Versuche zu ihrer „Transformation“ sind folglich eher SPIELEREI als ARBEIT!
    Unsere INFORMATION über „Gesellschaft“ reicht nicht aus, um begründet über Bewahren oder Verändern der Verhältnisse zu ENTSCHEIDEN und zweckmäßig zu HANDELN.
    Diese drei Wörter Informieren – Entscheiden – Handeln beschreiben einen gesellschaftlichen Grundprozess, der uns im Stadium der gegenwärtigen „revolutionären“ Veränderungen unserer zivilisatorischen Evolution bewusst sein müsste, wenn wir dabei erfolgreich vorankommen wollen.
    Das ist natürlich ein Prozess von außerordentlicher Bedeutung, der allerdings mit dem gegenwärtigen „parteipolitischen Bewusstsein“ nicht zu bewältigen ist – auch nicht mit unserem (kapitalorientierten) ÖKONOMISCHEN Bewusstsein.
    Er erfordert andere Formen der kollektiven wissenschaftlichen Informationstransformation, die vorerst weder auf parteipolitischer noch auf „staatlicher Verwaltungsebene“ praktiziert werden. Vorerst befinden wir uns hierbei in einer „Warmspielphase“. Der „Ernst des Lebens“ beginnt erst.

  3. "Man kann nicht immer nur...
    „Man kann nicht immer nur Politik machen, man muss auch mal etwas Ernsthaftes tun.“ Ein garstiger Satz! Ist es das, was Sie machen: Spass? Das soll doch der Satz von Franz Alt suggerieren, das Politik Spass ist, unerheblich ist, oder gar dummes Zeug, statt ein ernsthaftes, wichtiges und wirkungsvolles Handeln? Wenn der Satz auch nur halbwegs zuträfe, dann könnten Wir die Ursachen der momentanen und auch etlicher zurückliegender Krisen als geklärt auffassen.
    Oder ist Spass, unerhebliches Handeln, sogar die Lösung der krisenhaften Politik? Was wollte Uns der Herr Alt damit sagen? Mir macht der Satz Angst, denn, wenn es bedeutet, dass die Politik ein Komödie ist, in der nur Lachsalven, Budenzauber und feine oder meist grobe Albernheiten produziert werden, um ein Publikum für ein paar Stunden mehr oder weniger angenehm, aber alles andere als Nachhaltig zu „unter“halten, dann brauchen Wir aber so was von dringend einen kompletten Umbau und Austausch der Staatenleitungen und des dortigen Personals!
    Oder haben Wir nur das, was Wir verdienen? Das hiesse, Wir sind Alle belanglose Wesen, mit dem entsprechenden Personal und den davon aufgebauten Institutionen.
    Belanglosigkeit braucht keine Ernsthaftigkeit, die würde dabei nur stören.
    Wenn der Satz also zutrifft, dann ist das zum Fürchten. Dann wird mir klar, warum Wir weiter ungebremmst die Ressourcen ausbeuten, die Umwelt mit Giften vollpumpen, Einander in Unaufmerksamkeit und Übervorteilung misshandeln, das der jeweilige persönliche Vorteil, die einzige Massgabe des Menschen ist und Alles Drummherumm dem Selbst-Zweck zu dienen hat, mehr nicht.
    Ist der Satz von Franz Alt eine zutreffende Beschreibung der Politik und des darin arbeitenden Personals, oder ist es eine Satire, eine Verdrehung der Tatsachen; Sie könnten es doch wissen? Ich nehme die Politik „nur“ von Aussen wahr.

  4. Ich habe selten einen...
    Ich habe selten einen langweiligeren und schlechteren Artikel hier in den Blogs gelesen – schade.

  5. Nico@ Ich bin der Autorin...
    Nico@ Ich bin der Autorin dankbar. Sie arbeitet sehr schön heraus, was man sich
    unter ‚marktkonform‘ vorzustellen hat.

  6. @E.R.B:

    Marktkonform =...
    @E.R.B:
    Marktkonform = Gesammelte Gedankenlosigkeit, luftig verpackt?

  7. Mal sehen ob es jetzt wieder...
    Mal sehen ob es jetzt wieder verloren geht.
    http://www.dynip.name/20111107-kdinapping-eb-sta.jpg

  8. Ein Raum der sinnlosen Geste,...
    Ein Raum der sinnlosen Geste, dennoch nicht unbeschrieben
    .
    Der gute Franz A. unterscheidet hier zu wenig zwischen dem, was Politik als solche darstellt/darstellen kann (als der sprichwörtliche Politikzirkus eben) und dem was sie bewirkt, diese Politik (in Bezug auf die Massen also, gleich wie unernst diese Politik betrieben wird). Und eben dieser Mangel an Unterscheidung offenbart seinen Klassenstandpunkt. Für das Bürgertum ist Politik nichts anderes als ein opportuner Broterwerb. Eine Bühne auf der man sich präsentiert. Als ein Marktplatz bürgerlichen Geschehens. Für die Massen stellt sich die Politik u. U. als Bedrohung dar, als erlittene Macht. Des Einen Spaß/Unernst ist somit des Anderen tödlicher Ernst.
    .
    Und natürlich wissen diese Politiker Bescheid ob dieser Janusköpfigkeit in ihrem Handeln, ob eben dieses Widerspruchs. Auch wenn sie sich über den Klassenwiderspruch dahinter vielleicht nicht vollständig im Klaren sind. So suchen sie den Zirkus zu erweitern. Präsentieren sich auf Twitter oder Facebook. Da mag es nicht nur das taktische Kalkül geben: Wie schaffe ich mir den nötigen Vorsprung – den vor der Konkurrenz? Da geht es auch um das lädierte Ich. Nirgendwo ist es deutlicher, wer das Sagen hat, bzw. wer eben nicht das Sagen hat. Kein bürgerlicher Politiker von Rang hat je die Hand gebissen, die ihn füttert. Der Staat, der Staat des Kapitals. Das Über-Ich ist ihnen geradezu auf der Nasenspitze zu sehen.
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    Tucholsky war es, der seinerzeit den Sozialdemokraten bescheinigen musste, damals als die Nazis den Sozialdemokraten nicht nur die Macht, sondern auch die letzten Illusionen nahmen, wie wenig sie doch an der Macht waren, von der sie glaubten, dass sie sie inne hätten. Waren sie doch nur „deren Regierung“.
    .
    Mag es noch so scheinen, als dass dem Parlament eine weitere Bühne genehmigt ist, oder gleich zweie davon, dort bei Twitter oder Facebook. Zeigt sich doch nur die Tiefe des dahinterliegenden Antagonismus’. Die Repräsentative Demokratie, also das, wovon die bürgerliche Klasse so überzeugt ist (wenigstens dann, wenn es ihr gut geht), dass es diese ist, die ihr die Herrschaft sichert, verträgt sich weder mit gleich welchen Formaten plebiszitärer Bühnen noch mit der eigentlichen Sphäre der Macht, der ökonomischen nämlich. Weder lässt sie sich – und dabei auf die sog. Mutter aller Demokratien, dem antiken griechischen Patriarchat, referierend – als Bühne eines tragischen Geschehens übersetzen (gleich mit oder ohne Twitter), noch mit der (bürgerlichen) Komödie (wegen mir auf Facebook) einfach identifizieren. Schmierentheater dann wohl schon eher. Eines Molières théâtre de la foire jedenfalls bleibt für die politische Kaste, dem wahren kleinen Bürgertum dieser Tage, unerreichbar. Nicht mehr einholbar, nicht mehr rückführbar.
    .
    Keinerlei tragische (machtpolitische ernstzunehmende) Potenz, keinerlei revolutionäre (volkskomödienhafte) Option. Einfach ein leerer Raum innerhalb des Geschehens des Kapitals. Ein Raum der sinnlosen Geste. Wie sinnlos, das sehen wir gerade am Fall der sog. Rettung des Euro. Dennoch als solcher nicht gänzlich unbeschrieben. Ein Widerspruch, der den leeren Raum zum eigentlich virtuellen macht. Etwas, was die Zeit ja ins Verständnis zu rücken scheint. Vielleicht daher auch das Twittern nun. Für das Bürgertum ist das Parlament der Raum, mit Hilfe dessen der Klassenkampf (vor – oder hinter – der Bühne, je nach Perspektive) zu kaschieren wäre. Nur wo selbst das „revolutionäre Subjekt“ (nennen wir es mal „das Proletariat“) diesen Klassenkampf selber nur in kaschierter Form auszutragen scheint (so lässt es den Mindestlohn für den Proletarier wie auch die Steuersenkungen für das Kleinbürgertum die Parteien des Klassenfeindes selber durchsetzen), gibt es für diese Bühne nicht mehr viel zu tun. Wo der bürgerlichen Klasse nun dank eben auch dieser Abwesenheit eines revolutionären Proletariats ja selbst der Sozialismus keine Angst mehr zu machen scheint (ich bin sicher, dass die EZB bald die übrigen Banken verstaatlichen, resp. deren Schulden zu den ihrigen addieren wird), geht doch einer eben solchen Bühne völlig der Sinn aus. Also nicht wie gewöhnlich nur „unsinnig“ des Bürgers Treiben ist, lehrt uns nun ein solch Treiben, sondern viel mehr wie wenig Sinn behaftet selbst das gemeingefährlichste Tun (wider den Euro-Absturz zum Beispiel) eben ist. Und da greift auch ein so brillanter Denker wie Franz Alt halt ins Leere. Passiv-affirmativ, diese seine Anekdote, wie eben auch die von ihm solchermaßen karikierte Bühne.

  9. @ThorHa:
    Ja!...

    @ThorHa:
    Ja!

  10. @Herold Binsack: Danke für...
    @Herold Binsack: Danke für die Aufmerksamkeit. Titel: Natur-Politik:
    Mir ist klar, dass die Politik die Aufgaben hat, alle gesellschaftlichen Räume zu besetzen, das ist schon vom Grundaufbau der Lebendigkeit her, das Verlangen einer Einheit: alle Räume innerhalb zu erkunden und in das Ganze organisatorisch einzubeziehen.

    Ich habe hier schon öfter den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik (Entropie) erwähnt, der gilt, wie überall innerhalb der Lebendigkeit (Universum), selbstverständlich auch innerhalb von Lebewesen, von Gruppen oder ganzen Sozialverbänden, also den politischen „Wesen“, somit also auch den Staaten.

    Politik, als die Verwaltung und Lenkung eines Gemein-Wesens, ist also schon ursächlich verpflichtet, alle RaumZeit dieser Gemeinschaft zu besetzen, diesen Vorgang möchte die Autorin wahrscheinlich mit Uns teilen.
    Die Politik nimmt jetzt auch im WWW den Platz ein, den die Gesellschaft zur Kontrolle und Teilhabe braucht. Sie kennen das dritte Newtonsche Gesetz, jede Kraft erzeugt eine Gegenkraft (Wechselwirkungsprinzip), dieses Grundgesetz des DaSeins wirkt ebenso selbstverständlich auch bei der Einflussnahme einer Gesellschafts-Organisation auf einen neuen, eher wohl: weiterentwickelten inneren Bereich, wie das WWW. Der Widerstand ist dabei so gross, wie die Kraft/Einflussnahme, die auf diesen Bereich ausgeübt wird.

    Es besteht also schon vom Grundaufbau alles Materiellen (z.B. des Homo Sapiens) der Auftrag an die Kontrollorgane einer Gross-Einheit (Politik), alle neuen Entwicklungen und die Erweiterungen des jeweiligen DaSeins zu besetzen. Die Politik ist der Organisations-Bereich einer VielHeit.
    Ich denke, die entsprechende Organisation in einer Ein[zell]Heit nennen Wir Bewusst-Sein. Ein Einzelwesen organisiert das DaSein des Selbst mit Hilfe des Bewusst-Seins, eine Gross-Gruppe, eine VielHeit, tut es mit Hilfe des Politik benannten Bereichs der Gesellschaft.

    Ich vermute, den meisten Menschen fehlt noch das Wissen und die Bewusst-Heit, das Wir als natürliche Lebewesen auch von dieser Natur mitbestimmt werden. Und zwar von Grund auf, bis in alle Höhen und Weiten des DaSeins hinein. Vielleicht ist das Miss-Verständnis, das Wir etwas Besonderes, etwas Unabhängiges von der Natur sind, auch verantwortlich für den beängstigenden Satz von Franz Alt? Und vielleicht bessert sich die Politik, also Unsere DaSeins-Organisation ja auch, wenn Wir begriffen haben, das Wir – v o n – der Natur, – i n – die Natur hineingeschöpfte Lebewesen sind, die freilich auch den Gesetzen und Regeln dieser Natur folgen, also davon auch „fremd“bestimmt sind. Fremd ist freilich falsch, eben weil Wir Natur, sie Uns also nicht „fremd“ ist; nicht fremd sein kann. Es ist eine Selbst-Bestimmung.

    Vielleicht ist dadurch auch der Widerstand, den die Politik in der Gesellschaft, – a u s – der Gesellschaft erfährt, verständlich: jeder weitere Zugriff erfährt Verweigerung (und die Politik greift in immer feinere Bereiche der Gesellschaft ein: sie muss, siehe oben). Ausser es ist ein einvernehmlicher Zugriff, aber soweit sind Wir insgesamt noch nicht, auch eine Folge der Miss-Verständnisse.

    Abschliessend: Das menschliche Bewusst-Sein gestattet Uns inzwischen einen Einblick und Ausblick in Bereiche und Ebenen, die jeder anderen Lebensform bisher unzugänglich geblieben sind, weil sowohl die AnalyseGrundlagen (Logik), als auch die -Mittel (Technik) gefehlt haben; Uns sind sie inzwischen reichlich an die Hand gegeben. Das heisst, so meine ich, das Wir es vielleicht irgendwann einmal schaffen werden, die Selbst-Bestimmung der Natur, in der Wir voll enthalten sind, etwas auszuweiten, also die Natur-Gesetze und Regeln zu verändern und weiterzuentwickeln. Diese Möglichkeit, die noch in der Ferne winkt, Uns aber gegeben erscheint, macht mir Hoffnung, das Wir irgendwann verantwortungs- und sinnvoll Politik machen. Aber fragen Sie mich noch nicht, wie sie ist, diese Politik, zuerst Sie.

  11. Die Quasinatürlichkeit ist...
    Die Quasinatürlichkeit ist das Fremde
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    Ich persönlich bin nicht vom Reduktionismus überzeugt, also einer Weltanschauung, die alles auf das Eine zurückzuführen wünscht. Richtig: Die Natur ist uns nicht fremd, fremd ist uns eine „Quasinatur“ (vgl. Marx zur Quasinatürlichkeit der bürgerlichen politischen Ökonomie). Quasinatürlich, da sich den Naturgesetzen mehr oder weniger blind zu unterwerfen suchend. Daher alles Bewusstsein des bürgerlichen Subjekts als Phantasma – notwendiges http://blog.herold-binsack.eu/?p=1761 Phantasma http://blog.herold-binsack.eu/?p=1729.
    Diesen Horizont überschreiten wir nicht, nicht als bürgerliches Subjekt. Diesbezüglich teile ich nicht Ihren Optimismus. Mein Optimismus ist von anderer Natur.
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    Meine Hoffnung besteht darin, dass die herrschende Klasse an ihrem Entropieprojekt letztlich scheitert. Dass es ihr nicht gelingt, das „perpetuum mobilem“ http://blog.herold-binsack.eu/?p=1818 zu schaffen (diesbezüglich hoffe ich auf die Wirksamkeit Ihres Reduktionismus’, welche ich aber nicht der Natur, sondern eben dem Klassengeschehen zuordne) also eben das, was ich hier so kritisch darstelle, ein „Subjekt“, das keinen Mehrwert schafft, sondern Mehrwert ist.
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    Aller Klassenkampf wird sich letztlich um diese Frage kaprizieren. Und damit das Schicksal der Klassengesellschaft hoffentlich besiegeln.
    Aus demselben Grunde glaube ich auch, und das obwohl ich ein wahrlich politischer Mensch bin, an so etwas wie an eine Ontologie der Politik. Mag sein, dass ab einer bestimmten Stufe der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft die Politik sich als unvermeidbar erwies, so scheinbar „unvermeidbar“ wie die Klassen im Kontext der Herausbildung des Bronzezeitalters. Welche diesbezügliche Kapriole auch immer dafür verantwortlich zu machen wäre, die Gene ist es nicht.
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    Von „Natur“ aus trägt der Homo Sapiens in sich kein anderes „Prinzip“ als das des Stoffwechsels mit dieser Natur. Sollte er diesem Stoffwechsel schaden, dürfte er dieser Natur nicht gewachsen sein. Nur in einem diesbezüglichen Nützlichkeitsbestreben liegt wohl seine ganze Daseinsberechtigung. Das anthropische Prinzip – http://de.wikipedia.org/wiki/Anthropisches_Prinzip -, sollte es denn überhaupt gelten, darf wirklich nicht so verstanden werden, dass die Natur nur aus einem einzigen Grund existiert, nämlich um dem Menschen zu nützen. Man sollte sich wirklich jenes aporetischen Widerspruchs vergewissern, innerhalb dessen sich das Denken im Kapital bewegt: Einerseits feiert sich das Kapital als „natürliche“ (daher „alternativlose“) Ökonomie, andererseits will sie glauben machen, dass sie mittels derselbigen die Natur zu überlisten verstünde.
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    Richtig: Die Marxisten glauben auch nicht daran, dass die Naturgesetze alles sind. Dennoch sind sie nicht hintergehbar. Nur in diesem Sinne sind die Marxisten „Reduktionisten“. „Alternativlos“ wäre vor diesem Hintergrund nur eine Ökonomie, die die Naturgesetze voll beachtet, und eben nicht sich diesen blind unterwirft. Die Naturgesetze verstehen heißt auch die Nicht-Naturgesetze scharf von diesen zu trennen.
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    Und eine zukünftige menschliche Gesellschaft, wenn es eine solche denn gibt, kann und muss sich von der Quasinaturgesetzlichkeit der Ökonomie der Klassengesellschaft befreien. Dies geschieht aber nicht, indem sie die Naturgesetze dort wo sie eben wirken, ignoriert, bzw. diesen welche hinzu dichten (wie die „Politik“), sondern indem sie die Gesellschaft selber soweit organisiert, dass diese als Ganze (mehr als alle ihrer Teile, dennoch unbedingt alle ihre Teile) diesen Gesetzen gegenüber bewusst handelt. Und das setzt unbedingt voraus, dass die Klassenspaltung überwunden wird (dem Kapital schwant dies im Angesicht der Erkenntnis, dass das menschliche Gehirn der zukünftig wichtigste Rohstoff – Schirrmacher – sein wird, denn nämlich was tun mit diesem in Klassen geteilten Rohstoff?). Die Emanzipation der Gesellschaft von der Natur ist daher zunächst die der Emanzipation von ihrer Quasinatur, von der Klassengesellschaft, von jener sog. „selbstverschuldeten (und eben nicht ontologisch bedingten) Unmündigkeit“ (Marx) also.

  12. @Herold Binsack: Sie wissen...
    @Herold Binsack: Sie wissen inzwischen, das Worte für mich auch so etwas wie Bonbons sind, ich lutsche an ihnen so lange herum, bis ich des Geschmacks, der Zusammensetzung und des Inhalts einigermassen sicher bin, also, was Mensch wohl einen Wortklauber nennt. Wortklauber sind unsichere Menschen, die im mäandernden Wortfluss schwankend nach Halt suchen, nach Orientierung; in der Wirklichkeit, in der dieser Wortfluss mäandert. Wortklauber suchen nach Bedeutung und genauer/passender Bewertung des Inhalts der Wirklichkeit und Sie tun das in und mit dem Beschreibungs-/Bewertungssystem, das diese Wirklichkeit zur Verfügung stellt, der Sprache (den Sprachen). Das sei vorausgeschickt, damit Wir einander richtig verstehen.

    Sie schreiben „Reduktionismus“ und meinen damit, so kommt das bei mir an, die Tatsache, das Wir Lebewesen, einschliesslich des Menschen, von der uns schöpfenden Natur selbst-bestimmt sind, das Wir also handeln, wie Wir handeln, weil wir voll in die Natur eingebunden sind, auf deren Gesetzen und Regeln gründen, auf Sie „zurückzuführen“ sind. Das als „Reduktionismus“, also auch als Einengung/Verminderung zu bezeichnen, ist eine mir inzwischen fremde Sicht, denn die Natur hat inzwischen mehr als genug bewiesen, dass sie weiter, reicher, vielfältiger und in allen Dimensionen überraschender ist, als Wir es wahrscheinlich je sein werden. Sie merken, ich achte die Natur höher, wesentlich weiter, als Uns, deshalb ist für mich Reduktionismus eine Verkehrung der Tatsachen. Lebewesen-Sein ist eine Reduktion des DaSeins, nicht umgekehrt.

    Aber ich schätze das DaSein als Mensch trotzdem über alles, ich möchte keine anderen DaSeins-Form sein, das ist ja auch kein Widerspruch.
    Was das „Anthropische Prinzip“ angeht, folge ich Ihnen gerne, gehe sogar, wie Sie vielleicht, aus den vorSätzen ahnen, noch einen Schritt weiter: die Natur ist NICHT so, wie SIE ist, damit Wir entstehen konnten und SIE uns dann dient, sondern Wir sind ein Zufallsprodukt und dienen als solches bestenfalls der Natur, ansonsten macht ES schnicks! und Wir waren (Waren? –> Haben oder SEIN?). Sie merken, ich bin absolut kein Befürworter einer menschlichen Überheblichkeit. „Alles Andere ist Uns Gleich“, das meine ich im mathematischen Sinne, nicht im flappsigen: Mensch = Lebewesen. Zu viele setzen es so: Mensch >= Lebewesen, manche sogar: Mensch >= DaSein. Aber da Wir den Gesetzen und Regeln der Natur folgen, ist das wohl ein Prinzip, das in die Geschöpfe des DaSein eingewebt wurde: „Jedes ist sich selbst das Nächste“, das Evolutions-Prinzip also.

    Vielleicht finden Wir darin auch den Grund für Egoismen, Hierarchien, Willkür und, in mässig abgemilderter Form, auch die Begründung für Gruppenbildung, Gesellschaften, Religionen und Ideologien, also sowohl den Kapitalismus, als auch den Marxismus und …
    Noch scheuen Wir die Verbindung von Unserem Handeln, mit den Grundlagen auf denen das DaSein und somit auch Wir Menschen beruhen. Denn die EntSchuldung, die daraus für Unser Handeln folgen würde, wäre auch ein Eingeständnis Unserer Abhängigkeit und des Ausgeliefert-Seins, innerhalb des Uns bildenden und Uns umgebenden DaSeins. Wer weiss schon, was aus dem vollen Begreifen Unserer Natürlichkeit erwächst?
    Ich gebe zu, alleine schon die Ahnung, das es so ist, macht mir Angst, grosse Angst, denn neben der Unsicherheit, was daraus für Unser Handeln folgt, merke ich auch, wie stark dieser Selbst-Behauptungs-Wille und der Individualismus, also die Abgrenzung gegen Andere[s], innerhalb des DaSeins ist. Daraus entsteht grosser Widerwille, ja sogar mächtige Aggression gegen ein solches Eingeständnis der GLEICHheit und Ausgeliefertheit im DaSein.

    Allerdings, da auch diese Selbst-Behauptung und Abgrenzung natürlich ist, ist die Frage: Welches Verhältnis zwischen Gleichheit und Besonderheit, zwischen VielHeit und EinHeit ist gesund? Und: ist es das was Wir suchen, worauf Wir (Lebewesen) zusteuern? Aber genug davon, das ist jetzt schon zu grundsätzlich, kehren Wir zur Politik zurück: Sie ist stark verbesserungbedürftig, aber sie IST schon Jetzt ein ernsthaftes Gewerbe, so sehe ich das; anders als Franz Alt.

  13. Aus der Perspektive eines...
    Aus der Perspektive eines nicht-göttlichen Wesens
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    Ich gebe zu, dass die Umkehrung des Reduktionismus einen gewissen Reiz hat. Doch sehe ich auch darin nur Reduktionismus. Vom Standpunkt der Entropiezunahme ist das organische Leben dem nicht-organischen gegenüber an Komplexität reicher, zugleich aber auch dem „Wärmetod“ einen weiteren Schritt näher. Aus dem Innenraum eines sich solchermaßen auf sein schließliches Ende zubewegenden Kosmos’ stellt sich das solchermaßen eben dialektisch (widersprüchlich) dar. Aus einer noch von Kant vielleicht angenommenen „göttlichen Perspektive“, zu der der Mensch nach Kant (http://blog.herold-binsack.eu/?p=1761) ja keinen Zugriff hat, könnte sich das als komplexer erweisen, was dem Ende so weit wie möglich entfernt läge. Also das dem organischen Leben zum Beispiel Vorausgehende. Aber wie gesagt, diese Perspektive kann ein nicht-göttliches Wesen nicht einnehmen. Aus des Menschen Blickwinkel ist das was hinter ihm liegt, bzw. was ihm zugrunde liegt, das weniger Komplexe. Die Natur ist dem Menschen perspektivisch unter-geordnet. Das Missverständnis der Moderne kommt daher, dass diese Perspektive gesellschaftlich, analog der Klassenstruktur nämlich, missgedeutet wird. Nämlich hierarchisch. Denn aus dieser Perspektive, und ich glaube, Sie so zu verstehen, wäre die Natur dem Menschen nämlich über-geordnet, denn in diese eingebettet, von ihr umfasst. Und das was um-fasst, kann auch als umfassender verstanden werden. Was allerdings nicht zwingend notwendig ist. Denn wer will schon behaupten, dass ein steinernes Haus, das dem Menschen Raum gibt, „umfassender“ (im Sinne von komplexer) strukturiert ist als der Mensch selber?
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    Auch aus diesem Grund polemisiere ich gegen unsere Klassenborniertheit. Gegen den Versuch Natur und Gesellschaft auf e i n e n , nämlich basalen Begriff zu bekommen, polemisiere ich gegen jeglichen „Reduktionismus“ (gegen jeglichen Naturalismus im Übrigen auch). So versuche ich die Perspektiven ständig zu verschieben. Denn jede neu entdeckte Komplexität ist diesem Mehr an Perspektiven in etwa gleich zu setzen. Im Übrigen ist es diese Komplexität in des Menschen Perspektive, welche wir nicht einfach in die Natur hineindeuten dürfen. (Ganz im Gegenteil: Die Natur würde sich bedanken dafür. Wäre sie auch nur halbwegs so komplex wie des Menschen Denken, wäre sie wohl nicht überlebensfähig.
    So ist es vermutlich ihre Einfachheit, die einem solchermaßen komplexen Denken (die Tätigkeit des Gehirns selber scheint ja ebenfalls auf einfachen Mechanismen zu beruhen), immer wieder das Gefühl gibt, dass es ständig mit komplexen Systemen zu tun hat. Die Differenz zwischen Geistesarbeit und Produkt dieser Arbeit ist das komplexe Gebilde.
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    Die Dialektik ist nur insofern eine der Natur selber (und das wäre jetzt vielleicht auch m e i n e Kritik an Engels „Dialektik der Natur“), als eben der Mensch (der a u c h Teil der Natur ist) diese zugleich ihm über- wie untergeordnet erblickt, er sich somit als Teil des Ganzen, wie auch als eine bestimmte Perspektive eben auf dieses Ganze erkennt. (Wie gesagt: der göttliche Blick ist ihm nicht möglich.) Der objektive Aspekt der Dialektik ergibt sich somit vor allem auch aus der solchermaßen nicht hintergehbaren (also notwendig zu objektivierenden) perspektivischen Beschränktheit eines Subjekts. (Eine der Gründe vielleicht warum eine stramm positivistisch denkende bürgerliche Naturwissenschaft die Dialektik nicht zu erkennen vermag.)
    Und in diesem Sinne möchte ich mit Feuerbach schließen, der da schon meinte: „Das Bewusstsein des Gegenstands ist das Selbstbewusstsein des Menschen“ (Das Wesen des Christentums).

  14. @Herold Binsack: Danke für...
    @Herold Binsack: Danke für die Diskussion, hat mich gefreut. Bis demnächst vielleicht in einem Nachfolgeblog.

  15. Dann kann ich ja schon mal...
    Dann kann ich ja schon mal einen kleinen Programmhinweis geben. Morgen fröne ich erneut meiner thematischen Dauer-Obsession: „Postprivacy“ – eine Rezension des gleichnamigen Sachbuchs von Christian Heller.

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